Exzellent eingesprungene Rollenwechsel

von Anne Peter

Berlin, 17. März 2008. Inbrünstig ehrfurchtet Niels Bormann den auf ihn gerichteten Scheinwerfer an: "Eure Deutschheit, Eure Exzellenz, Eure exzellenteste Deutschheit." Er spricht vom toten Feind, der einen am Leben hielt, vom Licht, das das Dunkel braucht, von Angst und vom Antichristen. Dabei trägt Bormann Kardinalskluft, klappt gelegentlich die aneinandergelegten Bethandflächen auseinander, lässt die Innenseiten in priesterhafter Gestik vom Theaterlicht bescheinen. 

Diese Predigt in mäandernden Kaum-Punkt-Sätzen spannt den assoziativen Bogen von der Kalten-Kriegs-Auflösung bis zum Wir-sind-Papst-Taumel – und ist zudem huldvoll-hinreißende Umspielung eines Unsinnswortes: "Deutschheit". Womit die Probleme hierzuländischer Identitätsumkreisungen, nicht zuletzt durch die Berliner Schaubühne, sowohl auf einen denkwürdigen Punkt gebracht wie auf die beißend-komische Schippe genommen werden.

Lustiges Lümmeln, formstark Gefetztes

"Das Ende kommt schon noch", vertröstet uns der Stücktitel Ewald Palmetshofers. Nein, die Deutschlandsaga ist noch nicht an ihrem Ende. Dabei würde dieser dritte Text des 90er-Jahre-Abends unter der Regie von Robert Borgmann ein prächtiges Schlussspiel darstellen. Ein leichthin verspieltes, witziges, selbstironisches. Zugleich bissig, klug, poppig, politisch. Und auch ein Rückblick auf das Ganze, dessen Requisiten sich hier wie zu einem Resümee zusammengefunden haben: die in Plastik gepackte Couch aus den 60ern, der Stuhl aus den 70ern, die Matratze aus den 80ern. Letztere lehnt an der Holzwand, Niels Bormann lümmelt sich im Stehen darauf und sitzt später komisch verkehrt als Talkshow-Aggressor auf dem ebenfalls horizontal gekippten Sofa.

Es ist definitiv eine der exzellentesten Annäherungen an eine "unbehagliche Identität", wie sie die Schaubühne vor nunmehr dreieinhalb Monaten beim Start des "60 Jahre Deutschland"-Projektes versprach. Und die kommt von einem Österreicher. Die Sprache Palmetshofer, dessen Stück "hamlet ist tot. keine schwerkraft" gerade zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde, vereint getrimmte Mündlichkeit, formstark Fetzenhaftes, tautologische Verschlingungen mit Stilsollbruchstellen, Theorie-Geschwurbel und ausgiebiger Zitaterei.

Wie ein Pollesch-Abend mit Handlung

Wenn die urkomische Ursula Doll als Tina in kurzem Kleidchen auf rosa Rollschuhen und mit blonder Kurzhaar-Perücke ihrem Fernseh-glotzenden Bruder Kai wie aufgedreht spannungsheischende Geschichten entgegenrattert und dazwischen "Scheiße" schreit, wirkt Borgmanns Inszenierung außerdem wie ein Pollesch-Abend mit Handlung. Borgmann treibt Palmetshofers wilde Assoziationssprünge weiter und bringt im virtuosen Rollenwechselspiel von Doll und Bormann Kai und Tina auf die Bühne, Mulder und Scully aus "Akte X", den stammelnden Verklemmtling Ulf, den Massenmörder aus "Das Schweigen der Lämmer", einen "Full Metal Jacket"-Selbstmord, KFOR-Soldaten, Talkshow-Moderatoren, Telefonseelsorger und einen Pop-Papst.

Dabei kann z.B. das aufs Publikum gerichtete Maschinengewehr die Aggressivität von Werbestrategien verbildlichen oder der Arbeits- mit dem Waffendienstverweigerer parallel geschaltet werden. Alexander Britting mixt dazu vom Mischpult aus den passenden Sound der Allbekanntheit. Take That zum Beispiel empfiehlt: "Never forget where you’ve come here from." Die Nähe zur Jetztzeit, den Erfahrungsvorteil gegenüber vorhergehenden Deutschlandsaga-Teilen, merkt man Stück und Inszenierung in ihrer souveränen und an Reichhaltigkeit geradezu überschäumenden Verschachtelung von Mainstreamkulturbausteinen deutlich an.

Vor der Pause gabs natürlich auch schon was zu sehen

Bemühter und ungleich eindimensionaler kommen hingegen die beiden von Jan-Christoph Gockel eingerichteten Minidramen vor der Pause daher: Nina Enders wortspielerisches "Beta", das auf einer vor allem dank Lore Stefanek und Robert Beyer verhältnismäßig kurzweiligen, wendezeitlichen Redaktionskonferenz die karikaturesken Herrschaften Augstein, Springer, ZEIT-Herausgeberin Gräfin Dönhoff und Ost-Journalist Morgen die Bedingungen einer gesamt-deutschen Zeitung sowie der Wiedervereinigung diskutieren lässt. Und Anne Rabes Radsport-Familiendrama "Das erste Stück über Martin" um den an Doping sterbenden, verbissen Leistungs-sportlerischen Martin, als der Niels Bormann aufs Rennrad muss. Das Dramatikerrennen kann diesmal jedoch eindeutig Palmetshofer für sich entscheiden.

 

Deutschlandsaga – drei Kurzstücke zu den 90ern
Uraufführungswerkstatt

Beta
von Nina Ender
Regie: Jan-Christoph Gockel

Das erste Stück über Martin
von Anne Rabe
Regie: Jan-Christoph Gockel

Das Ende kommt schon noch
von Ewald Palmetshofer
Regie: Robert Borgmann
Raum: Magda Willli, Kostüme: Esther Krapiwnikow, Musik: Alexander Britting.
Mit: Niels Bormann, Robert Beyer, Ursula Doll, Felix Römer, Lore Stefanek, Ina Tempel.

www. schaubuehne.de  

 

Mehr zur Uraufführungs-Werkstatt an der Berliner Schaubühne: Hier sind die Kritiken zu den Kurzstücken über die 50er, 60er, 70er und 80er.

 

Kritikenrundschau 

Laut Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 19.3.2008) könne man die Inszenierung von Ewald Palmetshofers Stück "Das Ende kommt schon noch" eine "Trash-Farce" nennen, "allerdings nur, wenn man Trash und Farce nicht bloß die komischen, sondern auch die tragischen Elemente zugesteht". So oder so gehöre "diese eine Stunde mit zu den besten, die es in der "Deutschlandsaga" genannten Uraufführungswerkstatt der Schaubühne bislang zu erleben gab". Regisseur Robert Borgmann sei dem Stück "mit freiem, mutigem Zugriff begegnet", Niels Bormann und Ursula Doll spielten sich "in Rausch" und Palmetshofer schaue als "rückwärts gekehrter Prophet auf die Geschichte". Damit ist sein Stück "um einige Reflexionsschleifen weiter" als die beiden anderen Kurzdramen von Nina Eder und Anne Rabe.

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