"Wie lieben, wenn Hitler über der Bettdecke schwebt"

von Steffen Becker

Karlsruhe, 1. Oktober 2015. Ein Wettbewerb für Wagnerstimmen und 50 Jahre Beziehungen mit Israel unter einem Dach – Faux pas, oha! Da könnte man sich unangenehm berührt fühlen. "Wir haben Gott sei Dank dicke Wände", flicht ein Mitarbeiter entschuldigende Worte in die Wegbeschreibung zur Premierenparty von "Love hurts" ein. Da trompetet er erneut – der Elefant, der das Studio des Staatstheaters schon die knapp anderthalb Stunden der Aufführung ausgefüllt hat.

Schweinerippchen im Angebot

Eigentlich ist die Bühne weiß und leer bis auf einen Haufen gepackter Koffer und Rucksäcke. Eigentlich geht es um Liebe zwischen Deutschen und Israelis, die Autor und Regisseur Avishai Milstein mit seinem Stück dokumentiert und in Kooperation mit dem Teatron Beit Lessin Tel Aviv auf die Bühne bringt. 30 Paare haben er und seine Helfer interviewt. Die Sequenzen, die drei israelische und drei deutsche Schauspeler zum Leben erwecken, zeigen, dass fast alle Paare vor der Dilemma-Frage stehen: "Wie lieben, wenn Adolf Hitler über der Bettdecke schwebt?" Im Programmheft drückt es Milstein etwas gewählter aus: "Eine Liebesgeschichte kann nicht funktionieren, ohne dass die Liebenden verstehen, dass sie in dem historischen Moment, in dem sie lieben, Teil eines Beziehungsgeflechts sind, das auf die eine oder andere Art und Weise seit Jahrhunderten existiert." In der Inszenierung verlässt er sich dafür auf eingängige Situationskomik, die das Abtasten des Elefanten von der Erdenschwere des Diskurses löst und dem schwungvollen Spiel gut aufgelegter Darsteller überlässt.

love hurts 2 560 felix gruenschloss uIm Schneesturm: Florentine Krafft, Sebastian Reiß © Felix Grünschloß

Die entspannte Beziehung von Alexandra und Assaf in der Partyhauptstadt Tel Aviv bekommt mit ihrer Schwangerschaft Risse, als die jüdische Oma nach der Beschneidung fragt. Zurück im für die Vorhaut sicheren Hamburg fragt die deutsche Oma, ob sie - jetzt, wo die Tochter Frau eines Juden ist - fürs Abendessen Schweinerippchen kaufen darf, die sind gerade im Angebot. Peter und Sivan lernen sich auf einer Trekking-Tour in Indien kennen (im Schneesturm, den Florentine Krafft und Sebastian Reiß als unterhaltsame Slapsticknummer spielen). Fernab der Zwänge ihres sozialen Netzes vergisst sie die Geschichte für einen One-Night-Stand. Weitergehende Kontakte haben On-/Off-Charakter. Er versteht nicht, warum das Gaskammern-Ding für sie als Tochter einer Marokkanerin und eines Kurden so groß ist ("Hyperidentifikation mit meinen aschkenasischen Brüdern und Schwestern").

Auf der Suche nach dem magischen Sommer

So reiht sich eine absurde Szene an die nächste, im wilden Wechsel von hebräisch, englisch und deutsch (alles übertitelt) – was die Konfusion der Identitäten noch zusätzlich illustriert. Die besondere Spannung überträgt sich auch ins Publikum. Es wird lauter gelacht, mehr geklatscht, man ist aufgekratzter. Der Elefant im Raum hat auch in den Sitzreihen Platz genommen. Umso bemerkenswerter, dass die Schauspieler aus Tel Aviv und Karlsruhe sich als hervorragend harmonierende Einheit präsentieren. Alle meistern die raschen Wechsel der Rollen unterschiedlichen Alters und Hintergründe souverän und überzeugend. Will man überhaupt jemanden herausheben, dann muss es Rafi Tavor sein. Er ist der einzige, der sowohl deutsche als auch israelische Vorbilder in allen drei Sprachen auf die Bühne bringt. Man nimmt ihm den jovialen "wird man ja noch sagen dürfen"-Bayern, der als Kind für Daliah Lavi schwärmte und heute den Israel-Boykott von Pink Floyd dufte findet genauso ab wie den wütenden Ehemann, der seiner Frau vorwirft, ihn nur als Alibijuden zur Versöhnung mit der Vergangenheit ihres Nazi-Vaters missbraucht zu haben.

Love hurts 4 560 felix gruenschloss uVitali Friedland, Hadas Kalderon, Sebastian Reiß, Veronika Bachfischer © Felix Grünschloß

Letztere Tirade ist eingebettet in ein Finale, bei dem sich die Szenen vermischen, die Schauspieler sich den Ausbruch der Befindlichkeiten gegenseitig übersetzen und man sich auch den Verschwörungstheorien widmet, dass die Juden den Deutschen ein dauerhaft schlechtes Gewissen machen, um sie abzukassieren. Da stockt kurz der Atem im Publikum. Aber Regisseur Milstein weiß um dessen Bedürfnisse und lässt "Love Hurts" versöhnlich enden. Sein Reigen endet mit Evyatar, der in Deutschland das Inbegriff des Bösen sah, doch stattdessen gaben ihm die vielen positiven Begegnungen eines Austausches Hoffnung – seitdem ist er immer wieder auf der Suche nach diesem magischen Sommer. Was so viel sagen will wie: Der Elefant im Raum ist da, aber vielleicht lässt er sich ja zähmen und auch durch Wagner-Arien nicht provozieren.

 

Love Hurts (UA)
von Avishai Milstein
Regie: Avishai Milstein, Ausstattung: Adam Keller, Licht: Keren Granek, Dramaturgie: Dr. Jens Peters, Jan Linders.
Mit: Veronika Bachfischer, Vitali Friedland, Hadas Kalderon, Florentine Krafft, Sebastian Reiß, Rafi Tavor.
Dauer: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Mehr zu Avishai Milstein? 2011 inszenierte er in Freiburg Der Kaufmann von Venedig, 2010 schrieb er für nachtkritik.de einen Theaterbrief aus Israel.

Kritikenrundschau

Auf Hagalil.com (2.10.2015), dem nach eigenen Angaben "größten jüdischen Online-Magazin in deutscher Sprache" schreibt Ramona Ambs: Die Schauspieler, drei aus Israel und drei aus Deutschland, setzten in drei Sprachen 12 Sequenzen mit "viel Leidenschaft" um. Stets werde deutlich, dass es um mehr gehe als nur die persönliche Liebesgeschichte. Alle Paare stießen immer wieder auf Probleme, "die die Vergangenheit ihnen in den Weg" stelle. Letztlich drehe es sich dabei stets um die Frage: "Wohin stecken wir die Shoa, wenn wir ineinander stecken? Wie können wir miteinander schlafen, wo doch eigentlich der Holocaust zwischen uns steht." Was nach einem "schweren Stück" klinge, werde in der Umsetzung "fast heiter-beschwingt". Das Lachen bleibe als "trauriger Kitt", wenn sonst nichts mehr helfe.

Andreas Jüttner schreibt in den Badischen Neuesten Nachrichten (6.10.2015): Avishai Milstein bringe sein nach Interviews mit rund 35 deutsch-israelischen Paaren entwickeltes Stück mit "bemerkenswert leichtfüßigem Ton" auf die Bühne - auch, weil er alle Mitglieder des deutsch-israelischen Ensembles "starke Präsenz entwickeln" lasse. Das Ensemble vermittele, dass es dem Stück eher um das erste Wort im Titel geht: "Die Kraft der Liebe dominiert über die Schmerzen." So sei diese Produktion auch ein Versöhnungsangebot – "nicht zuletzt an jene, die bei einem solchen Thema vorm Theaterbesuch zurückschrecken, weil sie bleierne Schwere fürchten. Langer, herzlicher Applaus."

 

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