Wo Fremde (keine) Zuflucht finden

von Tobias Prüwer

Leipzig, 2. Oktober 2015. Angst vor der Zwangsheirat treibt 50 Frauen aus ihrer Heimat Ägypten fort. Wo Schutz erflehen? Es bleibt ihnen nur der Weg übers Mittelmeer nach Griechenland. Vor knapp 2.500 Jahren machte Aischylos mit "Die Schutzflehenden" ein Geschehen zum Thema, das sich so auch in der Gegenwart noch ereignen könnte. Im Schauspiel Leipzig überblendet Enrico Lübbe diese Flüchtlingstragödie mit Elfriede Jelineks Aischylos-Bearbeitung "Die Schutzbefohlenen".

Göttlicher Schutz

Wie Donner hallt ein Klopfen, das von der Rückseite des geschlossenen eisernen Vorhangs herkommt. Davor ragt links eine halbierte rostige Röhre rampenartig in den Zuschauerraum, die an die Halfpipe der Skateboardfahrer erinnert. Immer wieder dröhnt der Bühnendonner. Dann hebt sich der eiserne Vorhang, in weißen Brautkleidern und mit an antike Vorbilder erinnernden Masken tritt der Chor der Schutzflehenden auf. Die Töchter des ägyptischen Königs Danos bitten in Argos buchstäblich um Asyl vor zudringlichen Freiern.

Schutzflehenden Schutzbefohlenen2 560 Bettina stoess uMenschen wie Müll auf der Abschussrampe © Bettina Stöß

Ásylon hießen die Orte, wo Fremde Zuflucht fanden und direkt unter Zeus' Schutz standen. Pelasgos, der König von Argos, sieht sich vor einem Dilemma. Einerseits muss er aus heiligem Recht Asyl gewähren, andererseits fürchtet er einen möglichen Krieg mit Ägypten sowie den fremdenfeindlichen Unmut seiner Bürger. Die aber wollen trotz ihres Argwohns die Fremden aufnehmen, welche sich wiederum bemühen, möglichst wenig fremd zu erscheinen. So ist es bei Aischylos.

Für einen kurzen Actionmoment

In Leipzig erhält man nur eine Ahnung davon. Hinter ihren Masken sind die Männer, die hier die Frauen spielen, als Chor nicht immer gut zu verstehen, auch wenn das Sprachtiming perfekt sitzt. Es klappern die Töchter am laufenden Band: Weil sie sich in Holzpantinen über die Bühne bewegen, geht manchmal Pelasgos' Sprechpart unter, der von einer maskierten Frau dargestellt wird. Mehrfach bewegt sich der Chor geräuschvoll nach vorn und nach hinten im Bühnenraum, um – dann wieder stehend – die nächsten Verse zu intonieren.

Wie ein SEK seilen sich einmal die Verfolger ganz in Schwarz zu lautem Dröhnen für einen kurzen Actionmoment vom Schnürboden ab. Dann ebbt die Spannung im Aischylos-Teil schon wieder ab. Emotionen jenseits der zwei Mal den Zuschauerkörper kitzelnden Verstärkerbässe kommen nicht auf. Die Chor-Gestik beschränkt sich auf die Arme über den Kopf heben. Der durchgängig gleichbleibende Sprechrhythmus nimmt den Worten ihre Ausdruckskraft. Selbst wenn der Chor von der Rampe ins Publikum ruft, hat das nichts Unmittelbares. Doch die Steifheit dieser Karikatur antiken Theaters entspricht offenbar dem Inszenierungswillen.

Der Bruch dieses Dreiviertelstunden-Prologs erfolgt übergewaltig durch Musik aus dem Off. Teile fliegen aus der Rampe, wo ein Loch in Form eines gekippten Kreuzes entsteht. Jelinek macht, Aischylos kommentierend, Asylbewerber zum Thema, die ab Winter 2012 mit einer Besetzung der Wiener Votivkirche gegen ihre Abschiebung protestierten. Erfolglos.

Schutzflehenden Schutzbefohlenen1 560 Bettina stoess uFliegende Anträge: der Chor der Asylbewerberinnen.  © Bettina Stöß

Der Westeuropäer als Bratwurst

Diese Asylbewerber erscheinen in Leipzig als dynamischer Frauenchor. Mit Hang zur Eindeutigkeit wird gestikuliert, hin- und hergelaufen. Was als Text die Münder der Frauen verläßt, wird sogleich illustriert. Beim Sprechen über Anträge wedeln sie mit Papierstapeln. "Ja, ihr seid gemeint" wird unterstrichen mit dem kollektiven Fingerzeig ins Publikum. Bald zerfällt die Inszenierung vollends in einen revueartigen Nummernreigen aus Illustrationen zu Jelineks Text.

Das Elend der Flüchtlinge zeigt Lübbe, indem er den Chor auf blaue Müllsäcke bettet. Ein Mann schwebt als Anna Netrebko in rotem Abendkleid in einer Badewanne über die Bühne. Bald erscheint die nuttig gekleidete Tochter von Ex-Präsident Boris Jelzin vorm als Partymaus-Hintergrund herumwippenden Chor. Beide Frauen wurden als Flüchtlinge sofort in Österreich eingebürgert, was den Asylbewerbern aus der Votivkirche verwehrt bleibt. Als Skandalisierung will das nicht gelingen, so sehr schwelgt man in Freude über diese Regieidee. Auch wenn sich Bratwurst, Bretzel und Hot Dog in Sonnenstühlen fläzen und als Westeuropäer über die Grenzen der Freiheit auslassen, wirkt eher schal als eindringlich.

Starke Texte im Guckkasten

Dass die Inszenierung nicht heranreicht an den Zynismus gegenwärtiger Kommentare zum Flüchtlingsthema und das Elend, von dem täglich TV-Bilder zeugen, kann man ihr kaum anlasten. Die Beibehaltung des Chors als durchgängigen Handlungsträger, gegen den die selten agierenden Schauspieler Statisten bleiben, ist eine gute Idee Enrico Lübbes – zumal die Chöre als Sprechorgane handwerklich sehr exakte Arbeit leisten. Der Übergang zum Bewegungs- oder gar bewegenden Chor gelingt der Aneinanderreihung illustrierender Bilder der zwei an sich starken Texte im Guckkasten aber nicht. Emotionalität – hier hätte das Theater mit seiner ureigenen Kraft punkten können – bleibt ebenso auf der Strecke, wie der Versuch, beide Stücke mit einander zu verschränken und in Beziehung zu setzen. Diese Schutzflehenden auf der Bühne gehen den Zuschauer leider nicht viel an.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen
von Aischylos (Die Schutzflehenden) und Elfriede Jelinek (Die Schutzbefohlenen)
Übertragung Aischylos: Dietrich Ebener
Regie: Enrico Lübbe, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Sabine Blickenstorfer, Licht: Ralf Riechert, Video: Kai Schadeberg, Dramaturgie: Torsten Buß, Leitung der Chöre: Marcus Crome.
Mit: Erik Born, Andreas Dyszewski, Ellen Hellwig, Loris Kubeng, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Julia Preuß, Bettina Schmidt, Stefanie Schwab, Brian Völkner, Lara Waldow.
Chor: Birgit Blaßkiewitz, Heidemarie Brosig-Brill, Sabine Brückner, Antonia Maria Cojaniz, Katrin Cunitz, Jennifer Demmel, Lenore Dietsch, Anke Dück, Ulrike Feibig, Gabriele Freitag, Luise Kind, Jenny Kühl, Rosemarie Langberg, Birgit Morkramer, Carmen Orschinski, Brigitte Puhlmann, Katrin Rivera, Uta Sander, Mirjam Schneider, Jana Schroeter, Birgit Steiner, Susanne Zaspel; Martin Biederstedt, Frank Blumentritt, Jens Brosig, Ulrich Brückner, Len-Henrik Busch, Heiko Fischer, Johannes Fleischer, Florian Fochmann, Günther Heinicke, Marcus Herrmann, Christian Humer, Robert Keller, Tim Kranhold, Frank D. Krüger, Kai Müller, Michael Peter, Miloslav Prusak, Ingbert Puhlmann, Reinhard Schäfer, Klaus Schaffranek, Kay Schwarz, Ron Uhlig, Jörg Wesser, Sören Zweiniger.
Dauer: zwei Stunden, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Ein ungenannter Autor schreibt in der Leipziger Volkszeitung online (3.10.2015): Regisseur Lübbe stelle beide Stücke mehr nebeneinander, als dass er sie verbinde. "Licht und Schatten" kämpften "mehr im Bühnenbild als im Text". - "Eine humanistische Utopie" nenne Lübbe den antiken Stoff," ein Gegengewicht, ein Hoffnungsschimmer zur Wut der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin" solle Aischylos sein, habe Intendant Lübbe erklärt. "Dieses Gewicht erlangt es kaum". Zu "lose" sei die Verbindung zu" Jelineks Sprachspielereien und Wuttiraden über die Ignoranz" gegenüber dem anonymisierten Leid der Flüchtlinge. "500 Zuschauer sind zur Premiere am Freitag gekommen, ihr Applaus für die mit Klischees und Bildern überfrachtete Inszenierung fällt gemischt aus. Jubel trifft auf viele Höflichkeitsklatscher."

Dazu im Gegensatz schreibt Dimo Riess In der gedruckten Leipziger Volkszeitung (5.10.2015): Um Fragen und Selbstbefragungen gehe es der Inszenierung, im Jelinek-Teil um die Frage, "warum ein humaner Umgang mit Flüchtlingen so schwer ist". Zunächst erscheine die Inszenierung "nüchtern und dem Text verpflichtet", "erwartbar", wie von Lübbe gewohnt bislang, die Figuren "schlüssig aber eindimensional umgesetzt". Im Jelinek-Teil werde die Bühne dann aber vergleichsweise zum "Ort des Übermuts", wie "angesteckt von den fortwährenden, mal treffenden, in ihrer Penetranz bisweilen nervenden Sprachspielereien Jelineks". Insgesamt ein Abend, "mitunter harmlos zwar, aber letztlich gut austariert zwischen Nachdenklichkeit, Schauwert, und der Ästhetik des Chores". Ein Abend, der gerade deshalb dem "komplexen Thema" angemessen sei, weil er auf "ein Gut-Böse-Schema" verzichte, sich mit Anklage zurückhalte, "weil er Antworten sucht und nicht gibt". Und "berührt".

In der Leipziger Internet-Zeitung (3.10.2015) schreibt Martin Schöler: Es handele sich um die "bislang politischste Inszenierung" von Enrico Lübbe in Leipzig. Lübbe nutze die Aischylos-Tragödie "gleichermaßen zum Spannungsaufbau und als Triebfeder, um dem Zuschauer den gewaltigen Gehalt des Jelinek-Textes zu vermitteln". Der Abend treffe den "sächsischen Zeitgeist". Lübbe begehe nicht den Fehler, "Jelineks Anklageschrift gegen die rassistische Asylpolitik in Österreich", Flüchtlingen in den Mund zu legen. Ganz bewusst lasse er die Wutrede bei der Autorin. "Von Humanismus und Nächstenliebe fehlt in Jelineks Text jede Spur." - "Julia Preuß, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber und Michael Pempelforth nehmen als Bratwürste, Hotdog und Brezel verkleidet im Vordergrund auf Liegestühlen Platz, um über die Krise zu lamentieren. 'Was werden sie morgen verlangen?' 'Wenn sie erstmal da sind, liegen sie uns auf der Tasche.' Alltagsrassismus trifft Menschenverachtung. Die Schlüsselszene des Abends."

Claudia Euen schreibt in der Sächsischen Zeitung aus Dresden (6.10.2015): Enrico Lübbe treffe mit dieser Doppelpremiere "eindrucksvoll den Nerv der Zeit". Leider verzahne er die beiden Stücke weniger, als dass er sie nebeneinander stelle. Der Chor brilliere durch "handwerklich hochkarätigen Sprechgesang", der den "theoretisierenden Text quasi in die Köpfe der Zuschauer hämmert". Das "Emotionale" aber bleibe so auf der Strecke. "Mit erhobenem Zeigefinger deuten die Asylsuchenden auf das Publikum. Die Auseinandersetzung mir uns selbst aber funktioniert nur selten durch Schuldzuweisung." Die eigentliche Botschaft verliere dadurch zwar an Wucht, bleibe aber "bedeutsam". Denn "die Utopie der Vergangenheit und die Realität der Gegenwart" spiegelten schmerzhaft unser "menschliches Versagen".

In der Süddeutschen Zeitung (7.10.2015) berichtet Helmut Schödel, Elfriede Jelinek habe für ihre "Schutzbefohlenen" eine "Verquickung der Szenen" mit Aischylos "Schutzflehenden" nicht erlaubt. Wie man sehe, habe das Stadttheater "durchaus die Fähigkeit, drastisch zu argumentieren, wenn die Theaterleute ihr Handwerk beherrschen". So habe die Leipziger Aufführung "den Bogen vom antiken Ritus zum heutigen Chaos, von der göttlichen Regel zur politischen Improvisation, von einer wertebewussten Gesellschaft zur Modernisierung eines Dilemmas" geschlagen. Im Jelinek-Teil bemühe sich Lübbe, "auf den immer auch ironischen Gestus von Jelineks Schreiben einzugehen, das sich über Wortspiele als Motor in die Stoffe bohrt". Der Abend zeige neben dem Chor auch durch die Schauspieler "große Wirkung und sei "zu Recht bejubelt" worden.

"Plötzlich ist das Theater doch die moralische Anstalt, für das die Leute an der Kasse sogar Schlange stehen", schreibt Joachim Lange in der Mitteldeutschen Zeitung (20.10.2015). Lübbe mache aus den Stücken des alten Griechen und der gegenwärtigen Österreicherin ein atemberaubendes Ganzes.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Schutzflehende, Leipzig: ärgerliche TextauswahlEJB 2015-10-03 22:27
Ein Bekannter sagte neulich zu mir, er wisse schon, wie's wird. Man tritt an den Bühnenrand und sagt seinen Text ins Publikum auf, wie immer. Und genau so war es auch, sämtliche Kostüme machen den Eindruck des Ausstaffierungstheaters dabei nur noch deutlicher. Das kann man nun als Ästhetik begreifen, wenn man möchte, muss man aber nicht. Problematisch an einem Chor ist dasselbe wie bei Mahlers Tausendersinfonie - die Streicher heben ihre Phasen gegenseitig auf, und dadurch entsteht ein schlechter Synthesizerklang. Ebenso geschieht es mit dem Chor: sämtliche Formen individuellen Ausdrucks verschwinden in einer Stimme, deren Tonus man aus verschiedenen Busansagen der Oberpfalz kennen dürfte. Geradezu ärgerlich ist jedoch das, was der Regisseur aus diesen Texten auswählte; innerhalb der ersten Minute des Stücks wird klar, wohin der Hase läuft, weshalb auch einem sonst nicht mit schwachem Sitzfleisch verfluchten Zuschauer die restlichen 119 reichlich lang vorkommen. Unfreiwillige Schamesröte über die Flüchtlingsperformance von Ellen Hellwig und Michael Pempelforth, die unfreiwillig komisch wirkte. Alles in Allem verlangt es einiges an Fingerspitzengefühl, ein Thema auf intensive Weise zu beleuchten, welches die Menschen bei jedem Facebookaufruf ohnehin vor der Nase haben, und da genügen Plattitüden dieser Textauswahl einfach nicht, bei welcher man von einer echten Bebilderung gar nicht wirklich sprechen kann.
#2 Schutzflehende, Leipzig:alle Klippen klug umschifft@EJB 2015-10-04 08:04
War der "Bekannte, der es vorher schon wusste" Tobias Prüwer oder waren es gleich Sie selbst?!
Es ist doch so durchschaubar, Herr ELB, dass Sie das sehen, was Sie sehen wollten. Und das Sie es noch gar nicht gesehen haben.
Ich erlebte in der Premiere ein Publikum (inklusive mich), dass stehend applaudierte, weil der Abend eben nicht "Einfühltheater" war oder politisch korrekt sein wollte. Die Inszenierung vermochte alle, ich unterstreiche, ALLE Klippen, die dieses Thema momentan für die Theater aufwirft, klug zu umschiffen. Keine realen Refugees auf der Bühne. Keine mitfühlenden Schauspieler. Bildgewaltig, sprachgewaltig, rhythmisch, musikalisch perfekt. Mit einem gigantischen Herren- und Damensprechchor!
Er zeigte viele Theaterstile - vom antiken Masken-Sprachtheater - bis zum Würstchenchor und Anna Netrebko in der Badewanne genial miteinander vermixt.
Am Ende, wenn die Bühne einem Trümmerfeld gleicht, enthüllt sich Frau Netrebko zum Mann, hüllt sich in eine Decke und wird von einem sakralen Requiem zugeschneit! Was für ein BILD!!! Und dann gehen die Saaltüren auf und 100 Männer stimmen mit ein. Solche Momente erlebe ich selten im Theater.
Ich bin völlig ausser Atmen vor Begeisterung bei Schreiben dieser Zeilen! Ein Hoch auf diese Inszenierung, eine unglaubliche Schauspieler- und Chorleistung. Und, ja auch, danke für die politische Haltung des Schauspiel Leipzig. Die eben nicht behauptet, es besser zu wissen oder es vorher geuzt zu haben, wie "ihr Bekannter"...
#3 Schutzflehende, Leipzig: kein Grund für ParanoiaEJB 2015-10-04 15:01
@2 Besten Dank für die Einschätzung, aber nein, es kann tatsächlich vorkommen, dass zwei Menschen aufgrund zahlreicher Besuche von Lübbe-Inszenierungen während der letzten zwei Spielzeiten eine gewisse Erwartungshaltung entwickeln, ohne dass Herr Prüwer dabei konspirativ Händchen halten müsste. Aber ist ja schön, wenn's Ihnen so gut gefallen hat - nur ist die Feststellung entgegengesetzter Ansichten doch kein Grund, sich in Paranoia hineinzusteigern..
#4 Schutzflehende, Leipzig: LinkFaust 2015-10-05 14:22
#5 Schutzflehende/Schutzbefohlene, Leipzig: GlückwunschMartina 2015-10-09 09:35
Ich hatte bereits die Schutzbefohlenen-Steemann- und die Thalheimer-Inszenierung in Berlin gesehen. Die Lübbe-Inszenierung gestern Abend gefiel mir bisher am besten, weil: zum einen weil sie nicht so pseudobetroffen tut wie bei Steemann, was sicher an den realen? Flüchtlingen auf der Bühne liegt. Aber auch nicht so langweilig ernst gebrüllt im schwarzen Kreuzraum daherknattert - auch auf pseudobetroffen macht - wie bei Thalheimer.
Die große Entdeckung bei Lübbe ist der Aischylos-Vorspann. Was der König dort für ein Problem bekommt (und das wird auch toll gespielt), ist eine Dimension, die im Jelinek-Text so nicht zu finden ist. Wofür entscheide ich mich?! Gegen die Götter? Gegen Menschenrecht? Gegen den Staat?
Und was mich faszinierte, mit welcher Leichtigkeit Lübbe dieses komplexe Thema (dann im Jelinek-Teil) erzählt. Da wurde (!) und durfte (!) ja auch mal gelacht werden. Gott-sei-Dank! Weil: wir müssen im Theater nicht auch noch jeden Tag so tun, als ob gerade die Welt untergeht. Mein Gott, wir stehen gerade vor einem großen Problem, das aber lösbar ist. Und die Theater (siehe Steemann oder Thalheimer) hängen sich gerne an die Schlimmschlimm-Stimmung dran. Und alle nicken betroffen - aber das Theater bleibt doch das Theater. Mit seinen begrenzten Mitteln, die Weltpolitik zu verändern. Das ist nun mal so. Und auch nicht schlimm. Und das habe ich im Lübbe-Abend auch gesehen. Er tut erst gar nicht so, als wollte oder könnte er die Welt verändern. er beleuchtet sehr differenziert viele Facetten - im Gegensatz zu Stegmann (einzige Inszenierungsidee: reale Flüchtlinge) und Thalheimer (einzige Inszenierungsidee: Texte brüllen) - und ließ mich über viele Dinge nachdenken und sie neu anhören. Aber kaute mir nicht noch einmal seine eigene Betroffenheit oder politische Haltung vor. Das macht Lübbe als Intendant dann schon damit, dass er groß ans Theater das Goethe-Zitat über den Schutz der Fremden malt. Und an der Stelle ist es auch richtiger als auf einer Theaterbühne. Glückwunsch an die Leipziger.
#6 Schutzflehende, Leipzig: wow, einfach mal richtig gutIsabel Gomez 2015-10-17 22:59
Ich komme gerade eben aus der Vorstellung aus dem Schauspielhaus Leipzig, habe keine Energie auf eine korrekte Analyse oben wie unten einzugehen, kann aber sagen: Wow. Nicht schlecht, Herr Lübbe. Das klingt herablassender, als es gemeint ist. Es ist ernst gemeint: Nicht schlecht, sondern wirklich, wirklich gut. Kann Theater nicht auch einfach mal: richtig gut - sein? Ja, kann es. Hier. Ich bin kein überzeugter Lübbe-Fan, weder mochte ich die Stücke, die ich bisher von ihm inszeniert sehen konnte. Im Gegenteil, ich war gelangweilt. Habe ich das kommen sehen, was mir heute begegnet ist? Nein, und selbst wenn, ich hätte es mir noch einmal angesehen. Und ich werde es mir auch noch einmal ansehen. Theater bleibt Theater, nur Theater und doch Theater. Eine gute, subtil heftige Inszenierung, man darf Lachen, man darf Weinen, beides ist mir passiert und der Text: großartig. Eine kleine Fahrt durch die Geschichte und die Mittel des Theaters, Meckern kann ich gerne, möchte ich aber nicht. Einfach mal stehenlassen, hineingehen, sich selbst in vielen Bildern und Texten wiederfinden und endlich mal, nach langer Zeit, wieder mit dem Gefühl aus dem Schauspielhaus Leipzig gehen und sich denken: Na, ich sollte mal denken.
Eine Inszenierung und eine heutige Aufführung, die wirklich gesehen werden sollte. Bravo!
#7 Schutzflehende, Leipzig: das EindringlicheIsabel Gomez 2015-10-17 23:10
Noch eine Anmerkung an die Kritik von Herrn Prüwer, die Bratwürst-Westeuropäer-Szene als Beispiel wirke schal statt eindringlich: Es muss nicht immer Vorschlaghammer sein. Es kann auch still die Lächerlichkeit der Einfältigkeit abgebildet werden. Wirkt stärker nach, als man denken mag. Bei mir zumindest. Außerdem könnte man auch sagen: Die Plakatierung der Stimmen im Stück gleichen der Plakatierung des Themas in den Medien - nur wird hier gekonnt verdreht und gespiegelt. Mir gefällt das gerade bei dieser von Natur aus tragischen Thematik umso mehr. Den Rest muss ich sowieso selber denken. Eindringlichkeit muss keine Inszenierung mir auferlegen.
#8 Schutzflehende, Leipzig: Publikum von Nachtkritik unbeeinflusstCaro Zschuk 2015-10-18 09:47
Ich stimme meiner Vorrednerin voll zu! Ein unglaubliches Theatererlebnnis gestern Abend! Der Übergang von der Antike in die Gegenwart war genial! Und ich bin wirklich irritiert, wieso Herr Prüwer hier so eine unehrliche, ich will nicht sagen falsche Kritik geschrieben hat?
Egal: ich kann nur allen empfehlen, selber sich ein Bikd zu machen! Und der Applaus, die stehenden Ovationen im ausverkauften Haus gestern Abend haben Gott sei Dsnk gezeigt, dass sich das Publikum von der NACHTKRITIK nicht beeinflussen lässt. Großer Abend!
#9 Schutzflehende, Leipzig: bebildert, wovon eh die Rede istNN 2015-10-18 13:38
Ich kann meine Vorredner_innen nicht recht verstehen. Aus inszenatorischer Sicht war der Abend m.E. miserabel. Wo war denn da der Übergang, liebe Caro Zschuk? Den habe ich nicht gesehen. Es gab überhaupt keine Verzahnung der beiden Stoffe. Das war ein Nebeneinander, kein Aufeinander oder gar Ineinander, was ich mir gewünscht hätte. Und die Solisten haben stimmlich und bezüglich körperlicher Präsenz ziemlich abgekackt, neben einem technisch sehr einwandfreien, sehr wachen Chor. Aber auch in Bezug darauf verliert die Inszenierung: warum wird denn die ganze Zeit stupide nach vorn deklamiert? Warum wird das bebildert, was eh schon gesagt wird? Ziemlich ermüdend und inhaltlich wenig aufschlussreich.
#10 Schutzflehende, Leipzig: was zu sehen war@NN 2015-10-18 19:24
Liebe/r NN,
das ist bösartiger Quatsch, den sie da schreiben. Was wurde denn bebildert, was eh schon da war? Haben Sie Flüchtling/e auf der Bühne gesehen oder einen Schauspieler, der einen Flüchtling spielen wollte?! Wo wurde gesagt, dass eine Operndiva mit Badewanne über die Bühne schwebt? Wo wurde von einem Chor von tanzenden Ski-Nutten gesprochen? Und traten nicht genau dann die Aischylos-Masken wieder auf?! Also in meiner Vorstellung war das so?! Der Übergang, den #9 beschreibt, war für mich: die Jungfrauen hängen ihre Brautkleider auf, die sich zu einer Wolke, dann Projektionswand verformen, auf der später Frau Jelinek erscheint und der letzten übrig gebliebenen Chorfrau sagt, freu dich nicht so früh, schauen wir mal was 2015 passiert (oder so ähnlich) und dann tröpfelte es Textblätter und Textstimmen von Jelinek, die von einem Chor von Jelinek-Hyänen überrannt wurden. Vielleicht waren sie ja in einer anderen Aufführung?!
#11 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: alles sehr einseitigAHa 2015-11-03 17:35
Wenn Herr Lübbe den Aischylos-Text vertieft und zeitgemäß aufgearbeitet hätte... Hätte es möglicherweise ein interessanter, erkenntnisreicher, ambitioniert-mitreißender Theaterabend werden können. Alle anstehenden Fragen und Probleme zum allgegenwärtigen Thema Flüchtlinge in Europa und Deutschland waren in diesem ersten Teil des Abends bereits angedeutet, formuliert - humanitäres Gewissen gegenüber den Schutzflehenden, Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Volk, Abwägen außenpolitischer Risiken und Konsequenzen etc.pp, bis hin zu gewaltätiger Bedrohung, Gefahr von außen und innen - da reichten die drei schwarzen Gestalten, trotzdem auch die schaupielerisch nicht überzeugten.
Frau Jelineks Text mag 2013/2014 seine Berechtigung haben, aber dass er jetzt an Aischylos angehängt wird, macht ihn in seiner Umsetzung am Schauspiel Leipzig noch plakativer und oberflächlicher. Es werden samt Klischees bedient, Tatsachen illustriert, Anklagen und Beschuldigungen erhoben, alles sehr einseitig, als wenn die Deutschen in großer Mehrheit nicht doch in jüngster Vergangenheit bewiesen haben, dass hier nicht alle böse, ignorant, wohlstandsgeil, rassistisch sind. Ein Theater sollte auch Respekt vor seinen Zuschauern haben. Aber darüber hinaus sind auch die Flüchtlinge, die Schutzsuchenden keine "Masse", sondern Menschen mit sehr unterschiedlichen Schicksalen und Zukunftswünschen, Bedürfnissen und Absichten. Vielleicht bin ich so ärgerlich, weil ich fast täglich sowohl mit Betroffenen als auch engagierten Menschen, nicht nur Deutschen, zu tun habe.
#12 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: ehrlich und weiseHelfer 2015-11-04 00:25
@11
Ich verstehe ihre Verärgerung gar nicht. Mir ging es genau anders herum. Auch ich habe täglich in der Messehalle und Grube-Halle mit Flüchtlingen zu tun. Und die Leistung des Abends war gerade für mich, meine Bilder und Erfahrungen nicht noch mal zu zeigen. Genau andersherum. Die Aufführung stellte für mich viele Fragen und Gedanken noch einmal ganz neu dar und ließ mich Dinge, die mir alltäglich schienen, neu denken!
Ich bin Lübbe unendlich dankbar, nicht in den ganzen Flüchtlingskitsch eingestiegen zu sein, den hier viele gerade veranstalten (wollen). Der Theaterabend ist für mich sehr ehrlich - und weise. Weil er Fragen stellt. Und keine Antworten behauptet, die ich, die jeden Tag vor Ort bin, auch nicht mehr beantworten kann.
#13 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: ganz konkret?AHa 2015-11-04 12:36
Lieber Helfer,
könnten Sie ganz konkret die Fragen formulieren, die sich nach dem Theaterbesuch bei Ihnen plötzlich stellten, welche Offenbarungen haben Sie erhalten? Da wäre ich sehr dankbar, denn vielleicht stellt sich auch bei mir dann eine Erleuchtung ein...
#14 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: JuwelJulia 2015-12-19 15:15
Ein Juwel! Großartig!
#15 Die Schutzbefohlenen, Leipzig: genialer WechselMax 2015-12-20 11:22
Der Wechsel aus der Antike in die Neuzeit war genial! Elfriede Jelnek sagt, "du weißt ja nicht, was in der Zukunft sein wird" und 50 Jelinek-Frauen kommen auf die Szene geschrieen und vertreiben die Danaos-Tochter. Genial!
Da wird einem echt kalt!
#16 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: einfallslosThomas 2015-12-22 11:58
Großartige und geniale Juwelen? Na ja, wahrscheinlich kommt es immer auf die Vergleichsmöglichkeiten an, die man so hat. Ich habe wieder einmal das weitgehend einfallslose Sprechtheater gesehen, das hier in Leipzig auf der großen Bühne dominiert (mit Ausnahmen) - es ist ein Textaufsagetheater. Ab und an (nicht nur in dieser Inszenierung) erscheinen verheißungsvolle Bühnenbilder - doch die Regie kann damit zumeist nichts anfangen.
#17 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: allet dufte?@Thomas 2015-12-22 13:40
Ooooh, ahhh! Sogar die Sebi-Sektierer gestehen inzwischen "verheißungsvolle Bühnenbilder" und "Ausnahmen" auf der großen Bühne ein?
Diskothek und Residenz aber inzwischen allet dufte?
#18 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: Sebi-Sektierer?Thomas 2015-12-22 14:55
@17: Weiß zwar nicht, was die Sebi-Sekte sein soll, aber seit Herbst 2013 habe ich außerhalb von Leipzig etliche Inszenierungen gesehen, die mit Sebastian Hartmann nichts zu tun hatten, und habe dabei noch nie so dröge und altbackene Theaterkunst erlebt, wie ich sie hier in Leipzig leider zu oft sehen muß. Was nutzt denn ein verheißungsvolles Bühnenbild, wenn der Regisseur es nicht schafft, die Verheißung auch einzulösen? Bis auf paar Ausnahmen (Hamlet, Sommernachtstraum, Baal) bleibt auf der großen Bühne nichts wirklich Sehenswertes, tut mir leid, das so sagen zu müssen. In der Residenz gab es einiges Gute, aber der Herr Intendant sorgt ja dafür, daß es dort nicht zu experimentell wird. Die Diskothek als vielgerühmter Ort der Uraufführungen: Wenn ich ehrlich bin, gab es dort nur ein einziges Stück, von dem ich wirklich begeistert war - "Und dann". Ansonsten so mancher Text, auf dessen Uraufführung die Welt auch hätte verzichten können. Wer diese Meinung als die eines Sebi-Sektierers abtun will, der lese die Nachtkritik zum "Mann aus Oklahoma" von Hartmut Krug.
#19 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: feiern Sie!@18 2015-12-22 21:36
Ach, ach, ach, Herr Pannicke?! Lassen Sie Ihren Frust, dass Sie neben EJB und miss laine jetzt nicht mehr so allein im großen Schauspielhaussaal sitzen, doch nicht an der tollen Inszenierung Schutzflehende/ Schutzbefohlene aus. Holen Sie sich eine Kerze und feiern Sie (hoffentlich nicht allein) besinnliche Weihnachten. Happy new year 2016!
#20 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: Dienst am KundenTorsten 2015-12-23 08:19
#17 / #19
Es ist schon erstaunlich, welche große Nachwirkung Sebastian Hartmann 2,5 Jahre nach seinem Abschied noch bei einigen Leipzigern hat. Das soll sein Nachfolger erst mal schaffen.
Das aktuelle Theater in Leipzig wirkt dagegen wie Dienst am Kunden. Im großen Saal werden die Texte leicht verständlich auf die Bühne gebracht, ohne dass sich jemand aufregt und die Zuschauer zufrieden nach Hause gehen. Und die Uraufführungen in der Diskothek wirken häufig so, als zeigt man sie, damit man viele Uraufführungen abrechnen kann.
Und um mögliche Spekulationen aus dem Weg zu gehen, ich bin nicht Herr Pannicke und kenne ihn auch nicht. Finde aber auch, dass der „Sommernachtstraum“ und „Und dann“ die besten Inszenierungen
in der Intendanz von Herrn Lübbe sind. Über den Rest möchte ich schweigen.
#21 Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen, Leipzig: neugierigmiss laine 2015-12-29 18:34
@19
Ich habe die Schutzflehenden zwar noch nicht gesehen, muss dann aber doch mal eben der Unterstellung widersprechen, dass ich (oder Thomas oder EJB) gern "allein im großen Schauspielhaussaal" säßen bzw. gesessen hätten. Leere Häuser sollte man weder den Akteuren noch den Zuschauern wünschen (und wenn überhaupt, dann hätten sich diese ein paar unserer schönen neuen Leipziger Abiturstoff-to-go-Textaufsage-Abende redlich verdient).

Ich bleibe neugierig auf den Flüchtlingsabend - denn hier streiten die Geister spannenderweise mal über die erstaunlich eingefahrenen pro-und-contra-Hartmann-Fronten hinweg!

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