Im Namen des Volkes

von Dirk Pilz

Berlin, 3. Oktober 2015. Folgendes ist von der Berliner Verhandlung zu berichten: Der Angeklagte ward freigesprochen, die Sitzung nach zwei Stunden geschlossen, das Publikum "mit Dank" aus seiner "Pflicht entlassen". Und wie ging's drüben in Frankfurt aus, wo derselbe Fall zeitgleich zur Entscheidung vorgelegt wurde?

So oder so, der Witz bleibt sich gleich: Das Publikum darf Richter spielen und das Theater sich darauf freuen, dass die Sach' jedes Mal anders endet, ohne dass hierdurch Stress entstünde – der zum Abspielen vorgelegte Text sieht brav zwei Schlüsse vor. Gleich, ob der Richtspruch also schuldig oder unschuldig lautet: Das Theater hat keine Spiel-, Denk- oder sonstigen Nöte zu befürchten. Es ist mit diesem Text immer auf der sicheren, gefahrlosen Seite.

Auch deshalb ward ihm die Ehre einer Doppel-Uraufführung zuteil, der 14 weitere Inszenierungen an deutschsprachigen Stadtbühnen in dieser Saison folgen. Nach Zahlen gerechnet ein Erfolgsdrama.

Darf man das?

Da hat also der Jurist und Literaturverfasser Ferdinand von Schirach sein erstes Theaterstück erschaffen, es "Terror" genannt und sich was Feines für die schmerz- und folgenlose Zuschauerbeteiligung ausgedacht: Es wird Gericht gespielt. Verteidigerin, Staatsanwältin, die Vorsitzende, zwei Zeugen und der Angeklagte treten auf. Sie reden. Sie hören zu. Plädoyers werden gehalten. Dann ist Pause. Dann Hammelsprung. Man darf entweder zur Tür mit dem "Schuldig"-Schild oder mit dem "Unschuldig"-Schild hindurch. Niedere Bühnenangestellte zählen ordnungsgemäß durch, die Vorsitzende verliest das Urteil. Das war's.

Verhandelt wird ein klassischer Fall aus dem reichen Feld der moralischen Dilemmata. Ein Major der Luftwaffe hat entgegen dem ausdrücklichen Befehl seiner Vorgesetzten eine Passagiermaschine abgeschossen, die von Terroristen entführt und offenbar in ein vollbesetztes Fußballstadion gesteuert werden sollte. Er hat 164 Menschen ermordet, um das Leben von 70.000 zu retten. Durfte er das? Soll man Leben gegen Leben aufrechnen?

terrorDT2 560 ArnoDeclair hAktenopfer: Timo Weisschnur (Angeklagter Lars Koch) und Franziska Machens (Staatsanwältin Nelson) in Ferdindand von Schirachs "Terror" am Deutschen Theater Berlin © ArnoDeclair

Bei Ferdinand von Schirach wird daraus ein ungemein aufgeräumtes, beflissenes Rechenschieberdrama, Abteilung Häkelkunst. In keimfreier Ordnungshaftigkeit werden die konkurrierenden Prinzipien (hier das Gewissen, dort die Verfassung) herausgearbeitet, als wär's eine Proseminararbeit. Es wird ausgiebig aus den Bescheiden des Bundesverfassungsgerichts zitiert, ein bisschen Kant beigesteuert, ein bisschen ausgeschmückt. Viel wird umständlich erklärt, viel hölzern referiert. Statt Literatur eine Lehrmaterialsammlung. Statt die philosophische, historische, metaphysische, psychologische Dimensionen des verhandelten Dilemmas aus- oder wenigstens anzuspielen, nichts als steriles Lehrsatztum.

Interessant dabei, dass fortwährend von Würde die Rede ist, vom Willen der Verfassung, Menschen nie zu Objekten herabzustufen, die Figuren aber durchweg wie Fall-Beispiele behandelt werden. Menschen sieht dieses Drama nicht vor, allenfalls Rechtssubjekte.

Die Kunst des Achselzuckens

Was soll da eine Regie? Hasko Weber und sein Dramaturg Ulrich Beck haben dankenswerterweise gekürzt. Es ist auch so noch genug Aufsagestoff. Wenn Almut Zilcher vom Rang herab als Vorsitzende Timo Weisschnur als Angeklagten vernimmt, hockt er an einem nackten Tischlein und knetet die Hände. An der hohen Wand dahinter thront rechts Franziska Machens als Staatsanwältin, die Hand stützt den Kopf. Links Aylin Esener als Verteidigerin, die Augen wandern hinauf zur Vorsitzenden und hinunter zum Angeklagten. Warten auf den nächsten Wortbeitrag.

Sie tun alle, was ihnen zu tun übrig bleibt, um halbwegs unbeschadet durch die Szenen zu kommen. Da ein kleiner Schrei-Ausraster, dort eine Prise Kenntlichkeit (mit Dank an Helmut Mooshammer, einen der beiden Zeugen), hier ein bisschen pseudoauthentisch weinen, da mal an die Schultern fassen. Und hin und wieder ein paar Videoeinspieler: Flugzeuge, Raketen, Himmel.

Die Regie wirkt, als ließe sich die Vorlage allenfalls achselzuckend abwickeln. Die Schauspieler achselzucken hinterher. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. "Terror", das Stück, verbiedert sein Thema zum Frontalunterricht; "Terror", die Inszenierung, klappert ihm gelangweilt hinterher. Was sagt es da noch, wie das Urteil ausfällt? Ich bin durch die "Schuldig"-Tür gegangen.

 

Terror
von Ferdinand von Schirach
Uraufführung
Regie: Hasko Weber, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Camilla Daemen, Video: Daniel Hengst, Licht: Heimhart von Bültzingslöwen, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Almut Zilcher, Timo Weisschnur, Aylin Esener, Franziska Machens, Helmut Mooshammer, Lisa Hrdina.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

Mit einer "Direktheit des um postmoderne Trends unbekümmerten Theater-Novizen" habe von Schirach ein altmodisches Drama verfasst, das es erlaubt, "die Bühne als moralische Anstalt zu nutzen, in der die Gesellschaft ihre drängenden, ungelösten und vielleicht nicht lösbaren Fragen von allen Seiten beleuchtet." So lobt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (5.10.2015), kritisiert aber auch: "Die große Kunst des Prosa-Autors von Schirach, die Lakonie und zynismusfreie, sozusagen warmherzige Unsentimentalität seiner Erzählungen, weicht hier einem Rechthabersound: Die Bühnenfiguren neigen zum ausgiebigen Dozieren im Frontalunterrichtsstil und freilaufender Juristen-Rhetorik." Webers Uraufführung verstärke die Schwächen des Textes und setze auf "äußerliche und unnötige Effekt-Huberei".

Unglücklich ist Christian Bommarius in der Berliner Zeitung (5.10.2015) an diesem Abend vor allem mit dem Stück (die Inszenierung spricht er von Schuld frei): "Das ist kein Theaterstück, es ist noch nicht einmal ein Prozess. Procedere bedeutet 'vorwärts gehen', und eben das ist auch das Ziel eines jeden Zivil- oder Strafprozesses – das Voranschreiten auf dem Wege richterlicher Erkenntnis, bis die 'prozessuale Wahrheit' gefunden ist und das letzte Wort, das Urteil, gesprochen werden kann. Aber in von Schirachs 'Terror' gibt es keine Bewegung, von einer Vorwärtsbewegung ganz zu schweigen."

Seine "Genre-Ziele" erfülle Schirachs Stück "tadellos", befindet Christine Wahl im Tagesspiegel (5.10.2015). "Sachkundig wird die spontane Anwaltschaft für den Angeklagten an ihre juristischen wie moralphilosophischen Belastungsgrenzen geführt, Anleihen bei Immanuel Kant inklusive: ein Gedankenexperiment in nüchtern-analytischem Ton – auf welchen Webers Uraufführung allerdings nur bedingt vertraut." Die Inszenierung emotionalisiere und bebildere die Perspektive des Protagonisten in den Videoprojektionen "teilweise arg naiv".

Regisseur Hasko Weber "versucht angestrengt, das Stück aus der Heute-hauen-wir-auf-die-Diskutierpauke-Zone von Schirachs zu holen und fürs Theater zu retten", berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.10.2015). Aber das will in den Augen der Kritikerin nicht gelingen. Die "Schauspieler sind aufgedreht, legen sich unheimlich ins Einfühlungszeug, spüren Puls und Zwang des zeitaktuellen Themas. Aber sie haben kein dramatisches Gegenüber und keine Dialogpartner, nur behäbige Amtssprache, populistische Argumente, überkonstruierte Erwägungen, schablonenhafte Chargen."

Die kunst- und literarisch ambitionslose "brave juristische Sachlichkeit" hält André Mumot dem Stück im Deutschlandradio (3.10.2015) zugute. "Zuhören muss man, Diskurse aushalten, Komplexitäten, die man dröge, auch durchaus dann und wann banal finden kann, die es sich aber lohnt zu durchdenken." Die Inszenierung fällt dem Kritiker als "effekthascherisch", insbesondere durch "überlaute und unnötige suggestive Videosequenzen" negativ auf.

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