Nackt unter AfDlern

von Wolfgang Behrens

6. Oktober 2015. Annegret Waters aus Bernkastel-Kues hat in einem Leserbrief an den Trierischen Volksfreund (26.9.2015) ein interessantes Rechtfertigungs-Kriterium für Nacktheit auf der Bühne benannt. Sie sei, sagt Frau Waters, "beileibe nicht prüde", der Auftritt nackter Schauspieler – wie er jüngst in Trier zu erleben war – "muss aber nicht sein. Hatten wir schon mal vor Jahren bei König Lear, aber der war ja auch schwachsinnig!" Na klar: Schwachsinn und Nacktheit, das leuchtet unmittelbar ein. Geistig Gesunde hingegen lassen ihre Klamotten besser an.

Am Pranger

Nackte Schauspieler*innen, das ist so etwas. Mal ganz abgesehen davon, dass sie offenbar recht begehrt sind, denn bei den Suchbegriffen, mittels derer User auf der nachtkritik.de-Seite landen, finden sich oft Kombinationen wie "[Schauspieler*innenname] nackt" oder gar "behaarter Schauspieler nackt" kolumne wolfgang(Wieso eigentlich kommt man mit dieser Kombination auf nachtkritik.de?). Für einen Aufreger jedenfalls sind die nackten Schauspieler*innen schon immer gut. Noch ganz zu Beginn meiner Karriere als Zuschauer etwa saß ich einmal im Schauspiel Frankfurt in einer Aufführung von Arthur Millers "Hexenjagd" (Regie: Dietrich Hilsdorf). Als sich der Vorhang zum 4. Akt zur Seite schob, gab er den Blick auf einen gänzlich entblößten, an einer Art Pranger stehenden Männerkörper frei, auf den zum Tode verurteilten John Proctor nämlich (gespielt von Michael Schlegelberger). Plötzlich gellte ein empörter Ruf durch den Zuschauerraum: "Herr Lehrer, der ist ja nackt!"

Freilich ist die Figur des Proctor bei Miller nicht schwachsinnig, sie hätte also – dem Kriterium von Frau Waters aus Bernkastel-Kues zufolge – nicht nackt dargestellt werden sollen. Dem Erfolg der Inszenierung tat die Nacktheit indes keinen Abbruch: Sie war damals der Verkaufsschlager in Frankfurt. Was vielleicht auch daran lag, dass man in den anderen Frankfurter Aufführungen dieser Zeit (Einar Schleef!) noch viel mehr Nackte zu gewärtigen hatte.

"Wer sich dennoch ins Theater traut, flüchtet sogleich wieder."

Mittlerweile ist Nacktheit auf der Bühne – zumindest jenseits von Trier – natürlich eher die Regel als die Ausnahme. Ich habe tatsächlich schon von mir nahestehenden Personen die Frage gehört, ob sich beispielsweise Lars Eidinger vertraglich habe zusichern lassen, mindestens einmal pro Produktion blank ziehen zu dürfen. Ich antworte dann wahrheitsgemäß, dass mir eine derartige Vereinbarung nicht bekannt sei.

Leserbriefe wie der von Frau Waters aus Bernkastel-Kues haben nun allerdings die AfD in Trier auf den Plan gerufen, die aus ihnen ableitet, dass die Vorstellungen am Trierer Theater "nur so von perfidem und abstoßendem Schauspiel" strotzen. Die AfD kennt auch die natürliche Reaktion auf diese Art von Kunst: "Wer sich dennoch ins Theater traut, flüchtet sogleich wieder." Weswegen der stellvertretende Kreisvorsitzende der AfD zuletzt gar vorschlägt, "die Subventionen für das Theater zeitweise einzustellen und für die Flüchtlingshilfe auszugeben."

Abschalten!

Ich habe einen Gegenvorschlag. Ich persönlich empfinde ja vieles von dem, was in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten läuft – von den argumentabschneidenden Polit-Talkshows bis zur Volksmusik-Parade – als ziemlich perfide und abstoßend. Meine natürliche Reaktion lautet: abschalten! Und wenn schon persönlicher Geschmack über Subventionen entscheiden soll, dann doch lieber meiner als der von den AfDlern, oder? Sparen wir also lieber alle diese Sendungen ein, dabei kommt viel mehr rum!

Und übrigens: Einar Schleef hat mal in Berlin eine Vorlesung gehalten (unter dem hier sehr passenden Titel "Stottern und Sprechen – Nackt und angezogen"), in der er unter anderem die verblüffende und irgendwie einleuchtende Pointe setzte, dass ein Ehepaar, das schreiend und fluchend eine Aufführung verlässt, etwas Positives erlebt habe. Diesem positiven Erlebnis aber setzen sich die AfD-Leute sicherheitshalber erst gar nicht aus. Sie geben sogar zu, erst gar nicht im Theater gewesen zu sein, ihre Weisheit beziehen sie ausschließlich aus den Leserbriefen. Ohne ästhetische Erfahrung über Kunst urteilen: schwachsinnig genug! Auf der Bühne dürfen wir uns den AfDler als Nackten vorstellen.

 

behrens2 kleinWolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Redakteur bei nachtkritk.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne Als ich noch ein Zuschauer war wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz – mit besonderer Vorliebe für die 80er und 90er.


Alle nachtkritik-Kolumnen hier. Zuletzt schrieb Wolfgang Behrens dort über die Aussagekraft von Klarnamen.

 
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