Tanz der Vampire

von Tim Slagman

München, 9. Oktober 2015. Dieses Stück, das Shakespeare eine Komödie nannte, hat keine Geheimnisse mehr. Es kann mit keiner Intrige mehr foltern, mit keiner Enthüllung mehr verblüffen. Klassikerschicksal. Aber der Antisemitismus und der krude Antikapitalismus, die Mechanismen von Ausgrenzung, Rache, Schuld und Schulden liegen hier so offen zutage, dass die Relevanz dieses Stoffes auf paradoxe Weise ganz offenkundig plausibel ist.

Man durfte gespannt sein: Wie würde Nicolas Stemann, neuer Hausregisseur der Münchner Kammerspiele, die erste Bühnen-Inszenierung unter Intendant Matthias Lilienthal gestalten? Immerhin hatte Lilienthal, Skeptiker des Guckkastens und Freund des diskursiven politischen Theaters, zum Saisonauftakt mit dem Projekt "ShabbyShabby Apartments" zunächst den Stadtraum vermessen. Eines der Apartments fiel rasch Brandstiftern zum Opfer, und die CSU erregte sich bereits prächtig über die geplante Performance einer "Internationalen Schlepper- und Schleusertagung".

Shakespeare vom Teleprompter

Stemann allerdings klopft nur leise an der vierten Wand, mal heißt es zur Begrüßung "Guten Abend“, dann bittet Thomas Schmauser das Publikum zaghaft um 3000 Dukaten. Die Bühne ist mit silbergrauer Plastikfolie ausgelegt, ein paar rote Wandtrenner stehen herum, dazwischen Bürotische, Stühle, Computer, eine bemerkenswert sterile Umgebung. Stemann, der regelmäßig Textflächen von Elfriede Jelinek inszeniert und der mit dem ebenfalls neu berufenen Chefdramaturgen Benjamin von Blomberg 2010 "Die Kontrakte des Kaufmanns“ in Hamburg und Köln erarbeitet hat, lässt Figuren ineinanderfließen, während ihre Sätze – überwiegend originalgetreu (in der Übersetzung von Elisabeth Plessen) – über große Monitore, Telepromptern gleich, laufen.

Kaufmann3 560 DavidBaltzer Bildbuehne uShakespeare im Monitor: Hassan Akkouch in "Der Kaufmann von Venedig" an den Münchner Kammerspielen © David Baltzer / Bildbühne

Schmauser spricht die erste Szene des ersten Aktes beinahe alleine, wirft sich in Sekundenschnelle ins Grüblerische, Hadernde von Kaufmann Antonio, dem bang um seine Schiffe ist, dann wieder ins zögerlich Bittende seines Freundes Bassanio, der Geld braucht, weil er um die Hand der reichen Erbin Porzia anhalten will. Jelena Kuljić singt dazu, mit Mut zum großen, schrägen Ton und Gefühl "Ich weiß nicht, was mich traurig macht", ein frühes musikalisches Leitmotiv, das später vom sanften Soul in die schrille Verzerrung einer rockigen Anklage kippen wird.

Mit Video und Charlie Hebdo

Ja, dieser Beginn ist betulich. Es lässt sich auch rasch begreifen, warum die Figuren aufgelöst und ihnen so das Essenzielle ausgetrieben werden soll, immerhin ist der Glaube an Letzteres ja Grundlage jedes Ressentiments und Vorurteils. Und wo alle Geheimnisse begraben liegen und jede Verkleidung und jeder Täuschungsversuch längst entlarvt sind, dürfen diese einfach in Video- wie Bühnenbilder vom rauschhaften Exzess, in eine Mischung aus Drag-Party und venezianischem Karneval eskalieren. So setzt Stemanns Inszenierung ein heterogenes Durcheinander von Tableaus, einige davon hysterischer Blödsinn wie eine Boxtanzeinlage der frisch Verliebten Porzia und Bassanio zu Eye of the Tiger.

Das Politische aber denkt Stemann in maximal konfrontativer, bisweilen platt parodistischer Zuspitzung. "Blutsauger" und "Hund" steht in blutroten Lettern auf den Monitoren, wenn der Jude und Geldverleiher Shylock die Beleidigungen beklagt, die ihm in Venedig an den Kopf geworfen wurden. Bald legt sich Niels Bormann Vampirzähne an und eine Hakenkreuz-Binde, wirft mit Ausgaben von "Charlie Hebdo" um sich. Und Shylocks berühmten Verfolgten-Monolog – "Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?" – spricht fast jede und jeder auf der Bühne: Hassan Akkouch für die Muslime, Kuljić für die Roma, Bormann für die Homosexuellen, Julia Riedler für die Frauen. So offenbart sich die banale Wahrheit, und das Pathos wird weggeschmunzelt.

Der arabische Moment

Doch der stärkste Moment des Abends kommt in der Gerichtsverhandlung im vierten Akt, eine Gegenanklage im Chor: "Dein ganz Begehren ist wölfisch, blutig, räuberisch und hungrig." Da schreit die Masse, seelenlos, roboterhaft, gegen den Einzelnen, während die turmhohen Buchstaben "Gerechtigkeit" über das Halbdunkel des Bühnenhintergrundes ziehen. Es ist zu spüren, wie eine Totalität sich formt und wie politisches Theater, nicht nur bei Lilienthal und Stemann aussehen könnte, ohne sich didaktisch an tagespolitische Diskurse ranzuschmeißen.

Letztlich injiziert Stemann doch das Geheimnis zurück in die Komödie. Wenn Niels Bormann Antonio und Shylock streiten lässt, dann betritt Hassan Akkouch die Bühne und spricht einige eindringliche Sätze in einer Sprache, von der die meisten Zuschauer wohl noch nicht einmal beschwören könnten, dass sie tatsächlich Arabisch ist. In der dreifach gespiegelten Textfläche, in Wort, Monitorbild und englischen Übertiteln, schafft sich so der Raum für eine klassische Form des Nicht-Verstehens, für eine Form der Irritation, die neugierig macht statt zu verunsichern.

 

Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
Deutsch von Elisabeth Plessen
Inszenierung: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann, Licht: Jürgen Tulzer.
Mit: Hassan Akkouch, Niels Bormann, Walter Hess, Jelena Kuljić, Julia Riedler, Thomas Schmauser.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 


Kritikenrundschau

Mit einer Mini-Nachtkritik prescht Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (10.10.2015) schon mal vor. Tendenz: kein Triumph, aber auch "keineswegs" durchgefallen; gute Schauspieler, intellektuell beflissener Textumgang, fühlt sich an wie eine "Seminararbeit".

Diesem Stemann-Abend fehle "die Konsequenz, der klare Zugriff, eine inhaltliche oder auch nur eine formale Leitidee", schreibt Tobias Becker auf Spiegel Online (10.10.2015). Der Regisseur "tippt mal diese Idee an und mal jene, zupft mal hier und mal dort, so wie er es bei seinen Jelinek-Abenden tut. Doch während es ihm dort mit seiner Methode gelingt, die Texte bis zur Kenntlichkeit zu entstellen, rächt sich die offene Form hier. Stemann macht Shakespeares heikle Vorlage nicht nur unschädlich, sondern zu oft auch unkenntlich."

Dass dies eher eine Stückuntersuchung wird, war klar“, schreibt Christine Dössel in ihrer Kritik am Montag in der Süddeutschen Zeitung (12.10.2015). Die Durchdringung des Stoffes unter Herausarbeitung und ironischer Kommentierung seiner Grundthemen, "das ist klug und beflissen, es denkt die Rezeptionsgeschichte wie auch heutige Formen von Ausgrenzung mit, aber dem Theater als solchem - und dem Zuschauer als sinnlichem Wesen - wird da nichts geschenkt". Man fühlt sich ein bisschen wie in einem "Kaufmann"-Seminar am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen, wo alle Aspekte des Stücks genderpolitisch korrekt herausgefieselt und szenisch-improvisatorisch hinperformt werden. "Aber so frech, frisch und frei wie bei Jelineks Texten ist Stemann hier nicht. Und längst nicht so spielfreudig wie bei seinem grandiosen 'Faust' vor drei Jahren." Der ganze Raum, auch das Portal, sei mit silbergrauer Folie verkleidet, "sterile Alu-Welt. Bloß keine falsche Theaternostalgie! Wir sind hier im Klassiker-Think-Tank." Den Bassanio-Strang erzähle Stemann ungemein ausführlich, aber "am stärksten ist der Abend dort, wo der Text zu seinem Recht kommt". Fazit: "Das nämlich geht dem Abend ab: das große Anliegen. Das Herzblut. Wärme, Menschlichkeit, Mitgefühl. Es ist ein kühles Leseprobentheater. Aber nicht radikal genug, um wirklich einen Nerv der Zeit zu treffen" und "nach dem ersten Wochenende: viel Theaterdiskurs, wenig Theaterlust. Da ist noch Luft nach oben."

"Alle sprechen abwechselnd alle Rollen, manchmal im Chor. Hier ist jeder der Kaufmann und jeder der Jude", staunt Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.10.2015). Weite Strecken des auf Bildschirmen mitlaufenden Textes werden nur verlesen, kunstlos, als sähen die Schauspieler ihn zum ersten Mal. "Seht her, heißt das, nur so kann man dieses Stück noch auf die Bühne bringen – als Text." Doch die Konsequenz, tatsächlich das ganze Stück in dieser Form zu präsentieren, gehe Stemann ab. "Ansonsten", so Bahners: "Nazi-Klamauk in der Meta-Meta-Version der Tarantino-Parodie, 'Charlie Hebdo' als Winkelement."

Wie selten zuvor gleiche das Theater von Nicolas Stemann an diesem Abend einer Werkstatt, schreibt ein wesentlich angetaner K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (12.10.2015). "Man kann den alten und neuen Gesichtern des Ensembles beim Verfertigen ihrer Darstellung im Spiel zusehen. Auf wundersame Weise wird man so als Zuschauer tief in das Stück hineingezogen. Eine Entdeckungsreise." Die beiden Erzählstränge des Stücks werden über die Schauspieler miteinander verschweißt. Matthias Lilienthal möchte die Theaterformen und -farben in München neu mischen. "Das wird noch für so manche Aufregung sorgen. Gut so."

Insgesamt finde der Abend zu einer schönen Schwebe zwischen ernst gemeintem Vortrag und ironischem Spiel, zwischen politischem Statement und ausgelassen performativen (Party-)Einlagen, findet Michael Stadler in der Münchner Abendzeitung (12.10.2015). Raum und Luft sei da: für den trockenen Witz von Niels Bormann, oder für den Jazz-Gesang von Jelena Kuljic, die einen offenhörbaren Sinn fürs Schräge hat, oder das Improvisationstalent von Juliane Riedler. "Das letzte Bild gehört Walter Hess am Rande, einsam, erledigt. Shylocks letzte Worte leuchten noch. Dann übernimmt die Dunkelheit am Ende einer wahrlich textlastigen, teils spaßigen Shakespeare-Leseperformance."

Ein begeisternder Theaterabend ist Nicolas Stemann nach Ansicht von Petra Hallmayer in der Neuen Zürcher Zeitung (12.10.2015) zwar nicht geglückt, "aber eine interessante Inszenierung, in der sich die Münchner mit seinen typischen Stilmitteln vertraut machen konnten".

Von einer "Nachhilfestunde für Performance-Analphabeten" schreibt Sabine Leucht in der taz (13. 10.2015). Hie und da Stemanns blitze gesellschaftskritischer Ansatz durch. Die verhandelte Frage, ob das Stück antisemitisch sei oder nur von Antisemitismus handelt, sei alt. Stemanns Haltung dazu ist für die Kritikerin "schwer zu ergründen".

Nicolas Stemann inszeniere den "Kaufmann von Venedig" "mit so vorhersehbaren und auf cool-avancierte Weise 'durchgesetzten' Mitteln, dass man die hundert Repertoire-Vorstellungen fürchtet, die sich daraus speisen werden", schreibt Peter Kümmel in der Zeit (15.10.2015) in einem Rundumschlag über Matthias Lilienthals Intendanzauftakt. Die einzige "Haltung" (sic) der Inszenierung bestehe darin, "dass sie die Mechanik von Shakespeares Komödie perfide findet, die tatsächlich, um zu funktionieren, den Juden auf grimmigste Weise opfert", so Kümmel. "Ansonsten ist sie sehr darum bemüht, ihre aufklärerische Intelligenz zu demonstrieren."

Kommentar schreiben