An die Zielgruppe denken

von Hermann Goetz

Graz, 19. März 2008. Stimmt schon, der durchschnittliche Theaterbesucher ist weder jung noch sportlich noch trendbewusst. 55 Jahre ist er alt, wenn wir dem Dramatiker Simon Stephens glauben wollen. Nicht nur in England. Und, stimmt schon, bei dem Altersschnitt könnte das Theater irgendwann ein Problem bekommen. Theaterhäuser werden folglich auch daran gemessen, ob es ihnen gelingt, bis zur U-40-Liga vorzudringen. Beim Publikum. Bei den Regisseuren. Und bei den Autoren.

Zuletzt wurde Anna Badora in "Theater heute" sehr dafür gelobt, wie gut es bei ihr am Grazer Schauspielhaus funktioniere, die sogenannte Jugend anzusprechen. Auch wenn die Ausführungen zum Teil nicht ganz nachvollziehbar sind: Bei "wohnen. unter glas", das nun auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses zur Aufführung kam, trifft das tatsächlich zu. Der knapp 30-jährige Ewald Palmetshofer hat ein Stück über knapp 30-jährige geschrieben, bei dessen Premiere sich vor allem die zahlreichen 30-jährigen im Publikum sehr amüsierten.

Das sind also die 30-jährigen 

Palmetshofers Karriere ist auch ein Beispiel für den Bedarf an Entdeckungen, an Dramatikern mit Frischegarantie. 2005 erhielt er den Retzhofer Literaturpreis, dessen alljährliche Verleihung der umtriebige Grazer Kulturverein UniT mit einem Coachingprozess für hoffnungsvolle Jungdramatiker verbindet – Gerhild Steinbuch und Johannes Schrettle sind die bislang erfolgreichsten Autoren, die hier Starthilfe bekamen.

Palmetshofer wurde in der Folge zu den Autoren-Werkstatt-Tagen am Wiener Burgtheater geladen (mit "wohnen. unter glas") und ist in der laufenden Saison Hausautor am Wiener Schauspielhaus, das mit UniT kooperiert und auch sein letztes Stück "hamlet ist tot. keine schwerkraft" zur Uraufführung brachte. Aber keine Angst: Wir reden nicht von einem System, das stereotype Well-made-Plays hervorbringt. "wohnen. unter glas" ist alles andere als ein vordergründig dankbarer Theatertext. Palmetshofer forciert eine verknappte, zerstückelte Umgangssprache, die ebenso hyperrealistisches Gestammel ist wie rhythmische Poesie.

Die Energie des Stillstands

Regisseurin Hanna Rudolph hat sich für den Realismus entschieden. "wohnen. unter glas" erzählt von drei ehemaligen WG-Gefährten, die sich in einem Hotel verabredet haben, um, ja, warum eigentlich? Eben das bleibt den dreien bis zum Schluss unklar. Und in dieser Unklarheit oder besser: in dieser Unsicherheit wachsen Vorwürfe, neue und alte Konflikte, schöne und weniger schöne Erinnerungen. Auf der knallhell ausgeleuchteten Bühne finden Jaschka Lämmert, Ninja Reichert und Markus Schneider ihren jeweils eigenen Zugriff auf den Text.

Lämmert schmiegt sich in die zerzauste Verlegenheit, die sie ihrer Rolle unterlegt, Reichert setzt auf Kontraste und kurze eruptive Ausbrüche, schießt die Satzfetzen wie eine dominante Schnellfeuerwaffe über die Bühne, Schneider stammelt, füllt die grammatikalischen Auslassungen mit immer wiederkehrenden Gesten der Hilflosigkeit, arbeitet – recht offensichtlich – den traurigen Witz seiner hinter zermürbenden Selbstreflexionen versteckten Figur heraus. Diese Figur, dieser Max, steht im Zentrum des Stücks, um ihn und seine Unzulänglichkeiten, seine Ängste drehen sich die beiden Frauen, dreht er sich selbst in ausführlichen Gedankenschleifen.

Herausragende Höhepunkte 

"wohnen. unter glas" ist ein stark reflexives Stück, ein Gutteil des Texts wird ins Publikum gesprochen. Dabei nutzt sich die realistische Interpretation irgendwann ab, selbst die ca. 30-jährigen lachen ab der Hälfte immer weniger. Doch das liegt auch am Lauf, den die Handlung nimmt. Oder daran, dass sie eben keinen Lauf nimmt. Schleichend weicht die ironisch durchwachsene Melancholie der Trostlosigkeit. Max und die beiden Frauen können mit ihrer Zukunft, mit den Perspektiven, die sie ihnen bietet, ebenso wenig anfangen, wie mit ihrer Vergangenheit. Am Zenit ihres Lebens sollten sie in diesem Alter stehen, meint Max. Aber das merken sie nur daran, dass es nach hinten wie nach vorn bergab geht. Für dieses alte Thema rund ums 30ste Jahr findet Palmetshofer mitunter starke Bilder. "wohnen. unter glas" ist auch eine berückend schöne Elegie auf die Impotenz, auf die Unmöglichkeit dem Leben herausragende Höhepunkte zu schenken. Ob das die Zielgruppe schluckt?

 

wohnen. unter glas
von Ewald Palmetshofer
Regie: Hanna Rudolph, Bühnenbild: Markus Boxler, Kostüme: Markus Boxler, Barbara Häusl, Dramaturgie: Sandra Küpper, Andreas Karlaganis.
Mit: Ninja Reichert, Jaschka Lämmert, Markus Schneider.

www.theater-graz.at


 
Mehr von Ewald Palmetshofer: die Uraufführung seines ersten Stücks hamlet ist tot in Wien. Aus seiner Feder stammt auch eines der Kurzstücke Deutschlandsaga, die 90er Jahre an der Berliner Schaubühne.  

 
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