Im Meinungstsunami

von Esther Slevogt

20. Oktober 2015. Heute bin ich wieder dran mit der Kolumne. Ich muss jetzt also irgendetwas meinen. Dabei ist das Meinen eigentlich uninteressant. Oder zumindest selten sachdienlich. Dem Meinungstsunami, der die Welt täglich unter sich begräbt, kann man ja kaum noch entkommen. Aber verstehen wir die Welt deswegen besser? Eher doch nicht. Der eine meint, dass man die Bundeskanzlerin für ihre Flüchtlingspolitik aufhängen sollte. Der nächste meint, eine OB-Kandidatin abstechen zu dürfen, für – ja, wofür eigentlich? Für unsere Kinder oder so. Wieder ein anderer meint, er hätte irgendetwas zu sagen. Ich ja leider manchmal auch.

Beten ist Privatsache

Da sah ich zum Beispiel am Sonntag Abend in der Tagesschau, wie Navid Kermani anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an ihn die dort Versammelten am Ende aufforderte, sich zum Gebet zu erheben. Zum Gebet in der Paulskirche, die ja gar keine Kirche mehr ist, sondern das Symbol für das demokratische Deutschland, in dem Staat und Kirche getrennt sind. Sodass also unter staatlichem Schutz zwar allerlei Glaubensrichtungen zu Deutschland gehören, der Staat selbst jedoch ein religionsfreier Ort ist.

kolumne estherDas ist in Zeiten wie diesen immer noch eine ziemlich beruhigende Angelegenheit. Obwohl die Befürchtung wächst, auch bei dieser Trennung von Staat und Kirche könnte es sich um ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben handeln. Denn zunehmend ist man heute an jeder Ecke dazu gezwungen, sich mit Religion auseinanderzusetzten. Oder was Leute so alles für Religion halten. Und da fordert plötzlich jemand eine Versammlung ausgerechnet in der Paulskirche zum Beten auf? Das Bild der ergriffen sich Erhebenden ließ mich gar nicht mehr los. Ich dachte an Kurt Tucholsky und sein berühmtes Gedicht "Kopf ab zum Gebet" (das eigentlich "Gebet nach dem Schlachten" heißt und als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entstand, als es in Deutschland noch eine Staatskirche gab).

Und ärgerlich habe ich dann am nächsten Morgen etwas Ärgerliches über Twitter verbreitet. Eine blöde Meinung eben. Da kannte ich aber die Rede von Navid Kermani noch gar nicht, dem ich grundsätzlich auch gar nichts Böses zutrauen wollte, im Gegenteil. Nur fand ich eben das Bild von den Betenden in der Paulskirche so ärgerlich pastoral und verstörend. Beten, das ist für mich Privatsache, für die es andere Räume und eine jeweils eigene Öffentlichkeit gibt. Und erst dann las ich die Rede.

Tweets deleten

Danach habe ich den Tweet mit der dummen Meinung gelöscht. War erschlagen vom Sog der Argumente, dem geschilderten Schicksal des christlichen Klosters Mar Eilan in Syrien, das kürzlich vom IS zerstört wurde und dessen Bewohner zum Teil entführt worden sind; den geschilderten Zusammenhängen von Kapitalismus und Islamismus, die für Kermani im Grunde das gleiche Ziel verfolgen: den Einzelnen gefügig zu machen unter die eigene Ideologie, ihm zu nehmen, was ihn dagegen immunisiert und widerständig macht: Identität, Kultur und historisches Gedächtnis. Gegen diese Gewalt und die dazu produzierten Bilder wollte Kermani mit den Betenden für die Entführten des Klosters Mar Eilan ein Bild der Brüderlichkeit setzen.

Kurz darauf habe ich den Tweet in abgemilderter Form noch einmal abgesetzt, denn das Unbehagen über das Bild der Betenden in der Paulskirche kehrte zurück. War denn dieses Bild nicht selbst Zeugnis einer von den Zeichen des Religiösen gefügig gemachten Öffentlichkeit? Erneutes Unbehagen auch über diesen zweiten Tweet. Weshalb ich ihn nach einer Weile wieder löschte. Und nun hier sitze und immer noch mit keiner Meinung dienen kann.

 

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?


Zuletzt schrieb Esther Slevogt in ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben über das Anspruchsgehabe des Theaters in apokalyptischen Verhältnissen.

 

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