Katze im Trümmerhügel

von Andreas Klaeui

Zürich, 29. Oktober 2015. Der Hügel, in dem Winnie steckt, besteht aus dem Schutt der Bühnenrückwand. Bühnenbildner Raimund Bauer spielt ein raffiniertes Doppelspiel mit der Schiffbau-Box: Er hat ein Trompe-l'oeil-Bühnenportal eingezogen, das eine klassische Guckkastenbühne zitiert, zugleich klafft in der Rückwand ein breiter Spalt, hinter dem die lichte Bläue eines Kunsthimmels aus dem Beton hervorscheint. Die ausgeschlagenen Mauerteile türmen sich zu Winnies Erdhügel.

Vergnügliche Zersetzung

Die Schauspielkunst ist es mit Sicherheit nicht, die hier in Trümmern liegt. Eher noch möchte man assoziieren, dass alles Kunstbestreben ja doch immer bloß Stückwerk bleiben muss. Winnie hat es sich jedenfalls möglichst zweckdienlich eingerichtet in ihrem Hügel, den Sack mit Zahnbürste, Revolver und allerlei weiterem Kram zur Linken, den Sonnenschirm zur Rechten.

GluecklicheTage1 560 ToniSuter TTFotografie uVorne Trümmer und mal kein Sand als Sinnbild für die rieselnde Lebenszeit. Hinten Trompe-l'oeil,
mittendrin Imogen Kogge als Winnie in "Glückliche Tage" am Schauspielhaus Zürich
© Toni Suter / T+T Fotografie

Imogen Kogge ist eine Winnie von lakonischer Sachlichkeit. Sie behaucht ihre Brillengläser, wischt sie am mauve-geblümten Schürzenkleid sauber, im ersten Akt, als sie den Oberleib noch bewegen kann. Mit munterer Gefasstheit kramt sie im Sack und ihren Erinnerungen, amüsiert sich mit den kleinen Dingen ihres staubigen Alltags und der Naturgesetze. Sie findet geradezu drollige Momente, wenn sie sich mit der schnurrenden Zufriedenheit einer satten Katze einhämmert, dass alles doch "eben so wundervoll" ist.

Aufreizend unterschwellig

Mit inniger Befriedigung versichert sie sich der ewig wiederkehrenden Wiederholungen und des "alten Stils". Sie vergewissert sich ihrer Existenz im Schminkspiegel und in der Spiegelung ihres widerborstigen Willie, den Ludwig Boettger mit aufreizender Unterschwelligkeit anlegt. Und unversehens driftet sie ab, entgleist, bleibt hängen an einem unbestimmten Punkt in der Beckett'schen Unendlichkeitswüste. Sie verliert sich – und fasst sich abermals, findet aufs Neue zurück in ihre Grundhaltung von spielerischer Verbindlichkeit.

GluecklicheTage2 560 ToniSuter TTFotografie uIm Korsett und mit Willie © Toni Suter / T+T Fotografie

Mit Winnie hat Beckett eine Figur entworfen, die sich in Fragmente auflöst und so tut, als wäre sie intakt. Imogen Kogge zeigt die Komik daran und lässt die Tragik beiläufig entstehen. Im zweiten Akt, wo sie bis zum Kopf im Hügel steckt, tut sie dies sogar noch mit reduzierter Virtuosität, noch härter, trostloser, ausgelieferter im Grau in Grau ihrer dystopischen Umgebung. Ihr Gesicht ist da der einzige verbleibende Farbfleck – eine Spur von Leben in der Unwirtlichkeit.

Kunst-Lehrstück

Becketts Text ist, in größter Einfachheit und Symmetrie, eine abgezirkelte Wort-Choreografie und mit seinen schier unendlichen Regieanweisungen auch eine akribisch auskomponierte Theater-Partitur. Werner Düggelin überführt sie in eine präzise Geometrie der Beklemmung und der Entspannung.

Das ist ein kleines Lehrstück des mittlerweile 86jährigen Regie-Meisters – und (er hatte sich ja schon einmal in den Ruhestand verabschiedet) am Ende womöglich auch so etwas wie ein mildes künstlerisches Resümee. Vor dem Horizont der Bühne auf der Bühne und aus den Brocken heraus, die aus dem Theaterraum selber gehauen sind, bekommt Winnies glückliches Tun jedenfalls auch die Anmutung einer Metapher: als Bild für die ewigen vergnügten Anstrengungen des Theaterspiels.

 

Glückliche Tage
von Samuel Beckett
Deutsch von Erika und Elmar Tophoven
Regie: Werner Düggelin, Bühne und Kostüme: Raimund Bauer, Licht: Markus Keusch, Dramaturgie: Irina Müller.
Mit: Imogen Kogge, Ludwig Boettger.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr Inszenierungen von Becketts Glückliche Tage in jüngerer Zeit: Katie Mitchell suggerierte eine Art selbstverschuldeter Flutkatastrophe, jedenfalls steckte ihre Winnie bis zum Hals im Wasser am Schauspielhaus Hamburg im Februar 2015, und Stéphane Braunschweig inszenierte eine Auslieferung in einer Mondlandschaft am Düsseldorfer Schauspielhaus im April 2014.

 

Kritikenrundschau

"Werner Düggelin wollte es noch einmal wissen", so Barbara Villiger Heilig in der NZZ (31.10.2015). Der Regisseur feiere ein glorioses Comeback mit seinem erklärten Lieblingsdramatiker. "Glückliche Tage": Zwei Akte, zwei Personen; eine Liebesgeschichte und die "Condition humaine, deren Unausweichlichkeit der inszenierende Minimalist mit feinem Witz alle vorstellbaren Nuancen abgewinnt". Mit Natürlichkeit gestalte Imogen Kogge den Rhythmus gestaltet, "sie lässt Pausen verstreichen, versinkt in Gedanken, scheint den Halt zu verlieren, gewinnt ihn unvermutet wieder, indem sie eine neue Gelegenheit beim Schopf packt (...) Ringsherum droht das Nichts; in Imogen Kogges Wesen aber spiegelt sich eine Welt."

"80 erfüllende Schauspiel-Minuten“ verbrachte Christian Berzins von der Aargauer Zeitung (online 30.10.2015) in Zürich. Wie "eine Sinfonie Anton Bruckners" erscheint dem Kritiker dieser Beckett – "genauso kraftvoll stösst dieses Schauspiel immer wieder in die Leere, genauso erhaben, würdevoll und erfüllend ist der Moment nach dem letzten Ton. Und genauso heikel." Ähnlich wie "alle grossen Bruckner-Dirigenten" sei auch Düggelin "ein Pausenkünstler". Der Regisseur "geniesst den Humor in Becketts Text, aber den Pointen geht er nie auf den Leim."

 

 
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