Unter Glaubenskriegern

von Dirk Pilz

3. November 2015. Gehöre ich zur Lügenpresse? Zum ersten Mal wurde ich vor drei Jahren als Lügenjournalist bezeichnet. Damals schrieb ich zur Debatte um das Recht auf Beschneidung und wehrte mich gegen einen ahnungslosen Atheismus, der seine Weltanschauung zur Norm erhebt und dabei die eigenen Glaubensannahmen ausblendet. Das erschien mir bedrohlich für eine demokratische Gesellschaft, weil sich mit Ahnungslosen so wenig wie mit Fundamentalisten streiten lässt: Sie haben keine Argumente, sondern zu Dogmen erhobene Meinungen.

Die "Lügensau" gehörte noch zu den freundlicheren Antworten, die ich auf diesen Text erhielt, die mich übrigens zumeist nicht als anonyme Online-Kommentare erreichten, sondern in der schönen altehrwürdigen Form des postalisch übermittelten Briefes samt Adressangabe.

Böse Menschen?

Kürzlich hörte ich den Vorwurf wieder, nachdem ich mich mit der Wendestimmung in weiten Teilen Ostdeutschlands beschäftigt und dabei den Verdacht geäußert hatte, dass die deutsch-deutsche Vereinigung infrastrukturell zwar gut funktioniert habe, nicht aber mental, im Bewusstsein also erst heute ankomme, was mit dem Mauerfall vor einem Vierteljahrhundert real geschehen ist. Das schien mir ein Grund für die spezifisch ostdeutsche Autoaggression zu sein, die sich unter anderem in Fremdenfeindlichkeit äußert.

"Wir werden eure Fressen zum Schweigen bringen", wurde mir daraufhin übermittelt.

Wenn ich mit Kolleg*innen darüber spreche, raten sie mir, das nicht allzu ernst zu nehmen. Das seien böse, dumme, vernagelte Leute, hasserfüllte Rassisten, gewaltbereite Verbalschläger, die solches schreiben. Gut möglich, aber ich kenne sie nicht, ich kenne nur diese wenigen Worte. Was weiß man von Menschen, von denen man nur ihren Hass kennt? Und wie reagiert man darauf?

Gute Presse?

Für weite Teile der Presse besteht die Antwort darin, solche Kritik an der Presse als indiskutabel abzuweisen. Der Pressekritiker kommt in der Presse ohnehin nicht anders als entweder intellektuell Minderbemittelter oder aber mitleiderregend Bedauernswürdiger vor, der es selbst nicht zur Presse geschafft hat. Und die aktuellen Lügenpresse-Rufer auf den Pegida-Demonstrationen lassen solche Reaktionen auch einleuchtend erscheinen.

kolumne dirkDennoch beunruhigt mich die Selbstgewissheit, auf beiden Seiten. Es kommt mir immer mehr vor, als würden Glaubenskämpfe ausgefochten, und vor Glaubenskämpfen habe ich eine tief sitzende Angst, weil ich fürchte, dass auch die Gegenwart keine andere Lösung findet als sie in der Geschichte bislang für solche Kämpfe gefunden wurde: die kriegerische. Zum Krieg gehört, dass es starre Weltanschauungsordnungen gibt. Die Gleichgesinnten klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, die Andersgesinnten kommen nur als Abweichende in festsitzenden Schubladen vor. Dafür oder dagegen, mehr Optionen gibt es nicht.

Ich fürchte, wir sind längst in dieser Kriegssituation. Wer heute unter den Anti-Pegidisten auch nur versuchen wollte, die Menschen auf den Pegida-Märschen und in ihrem Umfeld zu begreifen, hätte schon die Seite gewechselt. Das ist die Logik, sie ist unerbittlich. Entsprechend sind die Zuschreibungskämpfe: Zwischen Lüge und Wahrheit ist kein Raum für Zweifel. Jedes Moment des Innehaltens, des Zur-Seite-Tretens steht unter dem Verdacht des Verrats, auf beiden Seiten.

"Lügenpresse" wurde in der Geschichte von den verschiedensten Seiten als Bezichtigungsbegriff gehandelt. Von Kommunisten, Katholiken, Faschisten, Humanisten, Kriegstreibern und Kriegsbekämpfern. Das Wort sagt nicht viel. Aber es sagt viel, wenn es auftaucht.

Für oder wider

Für Theaterkritiken wurde ich auch schon beschimpft. Als Ahnungsloser, als Ignorant, als Hinterwäldler. Als Lügner aber noch nicht. Lügen ist in Kunstbereichen schwieriger, das Wahrheitssagen auch. Das ist für mich einer der schönsten und wichtigsten Gründe für die Kunst, auch für die Theaterkritik. Sie kann sich der Grabenkriegslogik entziehen. Sie kann mit dem Zögern beginnen, vorsichtig sein. Sie kann laut und entschieden sein. Beides muss nicht eindeutige politische Entscheidung heißen.

Aber ich fürchte, das ist vorbei. Kürzlich wurde ich im Foyer des Deutschen Theaters von einem mir unbekannten Herrn angesprochen: "Sie müssen mal aufhören, an den Sätzen zu drechseln. Das braucht es nicht mehr. Sie müssen sich politisch bekennen!" Sprach's, und ging davon.

Ich weiß nicht, was es für die Theaterkritik bedeutet, sich politisch bekennen zu müssen. Aber wo es den Zwang zum Bekenntnis gibt, gibt es auch keine Theaterkritik und kein Theater mehr, das sich entziehen könnte. Die Plätze zwischen den Stühlen sind weggeschafft.

 

dirk pilz5 kleinDirk Pilz ist Redakteur und Mitgründer von nachtkritik.de. In seiner Kolumne "Experte des Monats" schreibt er über alles, wofür es Experten braucht.



Zuletzt schrieb Dirk Pilz in seiner Kolumne Experte des Monats über die deutsche Flüchtlingspolitik.

 

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Kommentare  
Kolumne Lügenpresse: Wandel in der Luft
Ich sehe derzeit zwar noch nicht, daß Kunst und Kunstkritik, oder sogar Politik weitestgehend durch linientreue weltanschauliche Bekenntnisse geprägt ist. Nach dem Motto: wer nicht für uns ist, ist gegen 'uns'. Aber es liegt ein Wandel in der Luft, und da ist es gut, wenn jemand das auch formuliert. Danke, Dirk Pilz.
Möglicherweise muß man sich zu Nachdenklichkeit, zum Zweifel und Uneindeutigkeit bekennen, zum nicht-alles-besser-wissen.
Kolumne Lügenpresse: näher an der Front
Dirk Pilz findet hier gute Worte und Gründe gegen einseitige weltanschauliche Positionierungspflicht und für die Kunst, das Theater und die Kritik.

Anders ergeht es unterdessen einer Pressekollegin näher an der Front, eigentlich zwischen den Fronten der Europabewacher, eine Ebene näher am Leben als das Theater. Alena Jabarine findet sich an der kroatisch-slowenischen Grenze aus ihrer professionellen
Beobachterinnendistanz in das Zentrum einer tragischen Handlung versetzt, ja wird zur vom Dilemma gelähmten Protagonistin.
(Theaterkritikern droht dies nur ausnahmsweise.)

In ihrer Reportage fürs Öffentlich-Rechtliche und Zeit Online [ http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-11/fluechtlinge-slowenien-lager-ndr-reporterin/komplettansicht ] erschüttert der Ablauf einer schrecklichen Dramaturgie - nicht schicksalhaft, nicht konzipiert, sondern politisch verursacht von zahlreichen Drahtziehern und Zaunbauern. Lesenswert auch deshalb, weil Jabarine sich der Grabenkriegslogik endlich nur durchs Zurück auf ihren Reportagestandpunkt entziehen kann. Dass sie aus ihrem Text die eigene Empfindung von Mitschuld durch Rollenwechsel und Wirkungslosigkeit nicht herauszuhalten versucht, bleibt ihm eingeschrieben. Zwischenzeitige Versuche der Wahrheits- und Positionsfindung sind seine besondere Qualität. "Blicke nicht mehr zurück, schäme mich."
700 Kommentare seit gestern...

Wieder auf der Ebene der Pilz-Kolumne, liest man die im Kontext solcher Realitäten noch dankbarer: als ein Bekenntnis (aus Überzeugunnt, nicht
aus Zwang) zu Zögern und Lautsein, zum Theater und seiner Kritik als Instrumenten der Aufklärung.
Gegen Gabriels kalkuliertes "Pack"-Wutwort führt Bazon Brock jüngst die Vernunft selbst ins Feld: nur ihre Distanz - und eben nicht die Ideologiekritik innerhalb der Niederungen einer vom Gegner gewählten oder inszenierten Ideologie, hilft bei der Auseinandersetzung. Noch als (vulgo) gesunder Menschenverstand unterscheidet sie Lüge von Lüge besser als jeder Zwang zum weltanschaulichen Bekenntnis und zum gegenseitigen Lügenvorwurf.
Das ist im Feuilleton wie an den Zäunen wichtiger kurz vor dem Winter.
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