Fakespiel auf dem Theater

von Tobias Prüwer

Leipzig, 4. November 2015. Wie soll man einen Text beginnen über ein Projekt "in grogress", das genaugenommen noch nicht einmal angefangen hat? Wie die Rezension eines Theaterabends klöppeln, der keiner sein will und alles dagegen tut, aber natürlich doch einer ist?

Laia Fabre und Thomas Kasebacher von der Gruppe Notfoundyet haben am Schauspiel Leipzig in Kooperation mit dem Euro-Scene-Festival den Start des "The Bolaño Project" inszeniert, was selbstverständlich nur ein Arbeitstitel ist. Im kommenden Herbst soll die Produktion komplett zu sehen sein. Die Grundlage bildet der Roman "2666" von Roberto Bolaño, der um eine unaufgeklärte Mordserie an Frauen in Mexiko kreist und in dessen komplexen Inhalt der Leipziger Abend einführen will.

Lektürekenntnisse muss man nicht mitbringen fürs Verständnis der Performance, wahrscheinlich stören sie sogar. Wie ein Störenfried fühlt man sich als Zuschauer auch, wenn man die große ehemalige Industriehalle in der Nebenspielstätte Residenz betritt. Leere Podeste stehen herum, ein männliches Aktmodell (Thomas Kasebacher) mit Gipsarm posiert liegend. Groß dimensionierte Tiergemälde in Schwarz-Weiß sind im Raum verteilt, an einer unfertigen Giraffe pinselt Laia Fabre. In der Raummitte thront eine Kakteenansammlung. Die Zuschauer können herumlaufen, die Schauspiel-Kasse am Getränketresen aufbessern oder die als Nebenraum angeschlossene Küche betreten. Dort sitzt ein sonst nicht weiter involvierter Mann und liest die ersten Seiten aus "2066" in ein Mikro – seine Worte werden leise säuselnd über Lautsprecher in den ganzen Raum transportiert.

"Da machen wir ein Projekt zu"

Man hat freie Platzwahl, erklären die Performer – Kasebacher hat sich dazu angekleidet. Sie haben Mikros und Stichpunktkärtchen, man muss sich ja an etwas festhalten können beim Vortrag. Der Abend sei eine Einführung, an der sie anderthalb Wochen gearbeitet hätten. Sie wollten halt mal zeigen, um was es in Roberto Bolaños Buch so geht. Abwechselnd auf Deutsch und Englisch wird kurz der chilenische Schriftsteller vorgestellt, der beim Schreiben von "2066" bereits an Leberzirrhose litt. Es sollte seiner Frau als Witwe das Auskommen sichern. "Es ist doch toll, wenn Kunst nachhaltig ist", kommentiert Kasebacher offensichtlich euphorisiert.

Bolano Project 560 Rolf ArnoldKakteen und Wüstenduft spielen in dieser Meta-Als-Ob-Show eine zentrale Rolle. Ausgedacht vom Duo Notfoundyet (Laia Fabre und Thomas Kasebacher). © Rolf Arnold

In gleicher Stimmung schildert er seine Leseerfahrung während eines Urlaubs. Die 1.000 Seiten in einem Rutsch zu lesen, könne er nur empfehlen. "Da machen wir ein Projekt zu, dachten wir dann gleich." Es gehe um Gewalt, Tod, Sex sowie vier Literaturwissenschaftler. Mehr ist über den Plot nicht zu erfahren. Weil rund 60 Tiere im Buch vorkommen, habe man diese als roten Faden gewählt. Das erklärt dann auch die animalischen Gemälde. Kasemacher entschuldigt sich, dass er nicht richtig mitmachen kann, weil nach einem Glasangriff vorm Theater eine kaputte Hand hätte – der Gipsarm, den er zeigt, ist aufgeschnitten, ein Fake. Ebenso wie jeder vermeintlich ernsthafte wie bemühte Versuch, hier eine Einführung zu geben.

Forciertes Dilettantentheater

Wie ein Schülervortrag, bei dem eine hanebüchene Idee der Illustration von der nächsten übertrumpft wird, spult sich das absurde Meta-Als-Ob ab. Nach Tieren benannte Yogapositionen werden vorgeführt, eine "Essenzperformance" von Wüstendüften – es riecht eher nach Latschenkiefer und Räucherkäse – wird den Zuschauern unter die Nase gewedelt, zu dramatischer Musik ein Wolfsbild durchs Rund getragen. "Spüren Sie es?" Konfettitrommelwirbel und Industrial-Musik als Gewaltmetapher, Kakteen für Exotik, ein gesungenes "Good bye" zum Abschied: Jeder szenische Moment ist anscheinend der allerersten Assoziation entsprungen.

Das ist so herrlich konsequent bis in jedes Detail umgesetzt, dass man aufgrund der Freude, die dieses forcierte Dilettantentheater tatsächlich bereitet, gar nicht wissen will, ob man hier aus der Not eine Tugend machte. Oder ob das der Urplan der vier Leipziger Artist-in-Residence-Wochen war und eine Persiflage schlechter Performancekunst darstellt. Es ist einfach zu gut, wenn etwa das Publikum in die Küche gebeten wird, um mal gemeinsam die Außenperspektive einzunehmen, und die Performer schlussendlich auf- und zugeben, sich verfranst zu haben – aber das passe ja auch irgendwie zum Buch –, und schließlich eine echte Sau durchs Atelier treiben.

Große Geste der Behauptung

Über "2066" schrieb Ijoma Mangold in der Zeit: "Wenn man sich am Ende des Romans die Frage stellt, ob man gerade einen absurden Albtraum oder doch einen realistischen Roman gelesen hat, wird man ... für Letzteres votieren." Bei der Inszenierung setzt man spontan auf Ersteres. Hier hat sich ein Duo einen Riesenspaß gemacht, auf den man sich eben einlassen muss, alles Dargebotene schlucken wie den als Mezcal gereichten verwässerten Wodka und die als Nachos deklarierten Essig-Kartoffelchips. Dann erlebt man unter dieser einzigen großen Geste der Behauptung famose Unterhaltung und kann kaum glauben, dass das Projekt kein Fake ist und wirklich noch etwas Ernsthaftes dabei herauskommen soll. Aber was heißt schon "ernsthaft" im Theater.

 

The Bolaño Project
von und mit Notfoundyet
Uraufführung
Konzeption / Performance: Laia Fabre, Thomas Kasebacher
Länge: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Eine Koproduktion des Schauspiel Leipzig mit der Euro-Scene Leipzig, zusammen mit Notfoundyet und dem Brut Wien.

www.notfoundyet.net
www.euro-scene.de
www.schauspiel-leipzig.de

 

Der Roman 2666 von Roberto Bolaño wurde auch schon ohne Meta auf die Bühne gebracht, an der Berliner Schaubühne nämlich.

 

Kritikenrundschau

Hier wird auf eine Weise in "2666" eingeführt, die den dilettantischen Charme und auch den Tonfall eines Literaturzirkels perfekt trifft, aber durch den literarischen Gegenstand jederzeit eine Explosion vermuten lässt, die jedoch nie eintritt", beschreibt Andreas Platthaus durchaus angetan in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.11.2015) den Abend. Das nehme Bolaños Perfidie auf, seinem Roman keine Auflösung zu geben: "eine Perversion des Dürrenmattschen Diktums von der literarischen Notwendigkeit der schlimmstmöglichen Wendung. Was gibt es Schlimmeres in der Literatur als ein offenes Ende?"

"The Bolaño-Project" sei bei seiner Uraufführung in Leipzig eine Projekt-Skizze und performative Absichtserklärung voller Eklektizismen, formuliert es Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (6.11.2015). Die Not der Performer allerdings sei: "Wenn sie ohne Umschweife in die Grundfarben und Energien eines Werkes eintauchen wollen und dafür dessen breite, narrative Basis tilgen, dann zerfällt ihnen der Stoff zu disparaten Partikeln. Und diese wirken wiederum harmlos im Vergleich zu der verstörenden, beängstigenden Literatur des früh verstorbenen Chilenen." Das geplante Endergebnis, eine performative Installation über mehrere Räume, "wäre dann kein Gesamtkunstwerk, sondern so etwa wie ein Bolaño-Themenpark".

 
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