Europa im Rollstuhl

von Veronika Krenn

Wien, 5. November 2015. Aus einer überdimensionalen Shreddermaschine drehen sich Papierstreifen von der Bühnendecke. "Ich will mit Geld nichts zu tun haben – Karl Lagerfeld" ist zu entziffern, als die Bögen bis zum Boden reichen. Die Krise sei für den Luxus nicht gefährlich, meinte der Modeschöpfer 2008 in einem FAZ-Interview, aus dem dieses Zitat stammt. Symbolisch steht diese Aussage wohl für die wachsende Ungleichheit in der Welt, in der Reichtum und Wohlstand nur wenigen vorbehalten bleiben, während die Krisen viele bedrohen. An den hohen Sichtbetonwänden im Werk X in Wien Meidling ist mit Neonröhren ein Schriftzug angebracht: "Embrace or die". Man hört Züge ein- und ausfahren, eine computergenerierte Stimme verweist auf Sicherheitsabstand und Sicherheitslinie: Willkommen im Wartesaal Europa.

Schillers Trauerspiel "Die Räuber", ein Werk des Sturm und Drang, erzählt von Rebellion und Freiheitstreben und von Gegensätzen: Verstand versus Gefühl, personifiziert vom ungleichen Brüderpaar Karl und Franz Moor. Karl ist der vom Vater geliebte Erstgeborene, ein von Emotionen Getriebener. Der ungeliebte, benachteiligte, mit der Bürde der "Hässlichkeit" geplagte Franz hingegen holt sich kraft seines Verstandes zurück, notfalls mit Gewalt, was ihm verwehrt wurde: "Ich habe große Rechte, mit der Natur zu grollen! Ich will sie geltend machen!", legt ihm Schiller in den Mund. Pedro Martins Beja erzählt anhand des Textes aus dem Jahr 1782 von aktuellen Problemen Europas und stellt die Frage nach Handlungs-Perspektiven: Wie kann man Teil von etwas sein und mehr als nur irgendwie überleben, und "wo gibt es noch Formen von Eingriffs- und Interventionsmöglichkeiten?"

Vom Lämmchen zum Brandschatzer

Martins Bejas Eingriffe in Schillers Text sind punktuell, einige Szenen bleiben nahe an der Vorlage. Trotzdem wirkt das vom Ensemble Gesprochene erstaunlich direkt, leicht ironisch überhöht. Während die sehr abrupten Emotionswechsel der von Leidenschaften hin und her gebeutelten Figuren in der Textvorlage heute schon befremdlich wirken, sind sie, gespielt von Susanne Gschwendtner als Amalia und Dennis Cubic als Karl, durchaus nachvollziehbar. Daniel Wagner als stiernackiger Franz ist der Analytiker, der sich an das Publikum wendet und gleiche Rechte für alle fordert, so auch für sich, und nicht zögert, auf dem Weg zur Macht, Opfer von anderen zu fordern.raeuber2 560 yasmina Haddad uCross-Gender-Neon-Räuber hinter Spiegelbrillen: Hanna Binder und Dennis Cubic
© Yasmina Haddad

Die Rolle des Räubers Moritz Spiegelberg, der Karl den Hauptmann neidet und gegen ihn intrigiert, ist cross-gendermäßig mit Hanna Binder besetzt. Vom sanften, schüchternen Lämmchen mit glockenheller Stimme mutiert Spiegelfeld zum Brandschatzer und Vergewaltiger. Binder spielt ihn als aalglatten, beunruhigend rätselhaften, äußerst wandelbaren Bösewicht. Wojo van Brouwer ist Maximilian, Graf von Moor, der Vater des Brüderpaares. In Bejas Regie landet er im Rollstuhl, bekommt von seinem Sohn Franz eine Schlafmaske und ein aus einer Europa-Flagge geschnittenes Lätzchen verpasst. Europa als Pflegefall der Geschichte?

Nächtliche Hasenjagd

Die Szenerie ist von Bühnenbildnerin Janina Audick als einfache Versuchsanordnung angelegt. An der hinteren Bühnenwand stehen Stühle, von denen das auf fünf Personen reduzierte Figurenpersonal jeweils den Schauplatz betritt. Thea Hoffmann-Axthelms Kostüme, meist Leggins und Pullover, glitzern schwarz und silbern. In chorischen Szenen ziehen die Figuren silberne Mönchskutten mit Kapuzen über, hinter denen die Gesichter verschwinden. Mit einfachen Griffen können die Kutten auch zum Niqab werden und so zu Symbolen für die heutige Welt. Spiegelbergs Blicke bleiben zuerst hinter Spiegelbrillen versteckt, um schließlich weiße Augen mit zu Schlitzen verengten Pupillen freizugeben. In einer metaphorischen Szene jagt eine Meute zu nächtlicher Stunde ebendiesen Spiegelberg wie einen Hasen, der Strahl von Taschenlampen verfolgt seine rätselhaft tänzelnden Bewegungen. Er trägt eine Maske überm Gesicht, entgleitet wieder und wieder, lässt sich nicht fassen. Das Bild von der gejagten Kreatur zieht sich durch Bejas Inszenierung.

Pedro Martins Beja lässt Szenenanweisungen einspielen, baut Sprechgesang, berückende Lieder und Choräle (Musik: Jörg Follert) ein und appelliert immer wieder direkt an das Publikum, Stellung zu beziehen: "Wir wissen die Zeiten sind mies, aber ich will, dass ihr wütend werdet! Ich will, dass sich alle erheben!" Einer der Höhepunkte ist, als das "Kyrie eleison" aus dem Björk-Song "Prayer oft the Heart" aus den Lautsprechern ertönt und Martins Beja, als Karls idealistischer Kampf zum Desaster wird, in einer Metallschiene Feuer lodern lässt. Der ganze Raum erhitzt sich beängstigend. "Wer wagt zu richten?", wird Karl fragen, "das Leben stiehlt auch nur vom Tod." Am Ende bittet Spiegelberg mit dünner Stimme um Gnade.

 

Räuber Das Leben stiehlt auch nur vom Tod (Schrei Schiller Schrei)
nach Friedrich Schiller
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm, Musik: Jörg Follert, Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf.
Mit: Hanna Binder, Susanne Gschwendtner, Wojo van Brouwer, Dennis Cubic, Daniel Wagner.
Dauer 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.werk-x.at

 

Kritikenrundschau

In der Presse aus Wien schreibt Norbert Mayer (7.11.2015): Müsse man "Die Räuber" infantilisieren, nur weil ihr Autor erst 22 Jahre alt gewesen sei? Eben dies sei aber in der Inszenierung von Martins Beja passiert. Der Abend sei genauso "umständlich und emphatisch" wie sein Titel. Im Spiel halte sich "der Umsturz in Grenzen", es langweile rasch. Auch sprächen die Schauspieler*innen zum Teil schlecht. Nach recht flottem Beginn mangele es an Ideen, sie würden durch Aktionen ersetzt. Zwingend wirkten die Szenen nicht. "Eher matt."

Margarete Affenzeller schreibt auf dem Online-Portal des Wiener Standard (6.11.2015): In der Schiller-Neufassung werde der "brutale Schauplatz" als "Wartesaal Europa" tituliert. "Aber wer wartet? Und worauf?" Was in ihm geschehe, sei "jedenfalls blutig, und es brennt." Beja scheue keinen Kitsch, liebe das große Kino und überziehe den zunehmend aufgesetzten Aktionismus mit "jeder Menge pathetischer Musik". Für aufrichtige Momente mit Dynamik sorgten die Auftritte von Hanna Binder als Spiegelberg. Binder sei "der Anker einer auftrumpfenden, aber chaotischen Inszenierung".

Petra Paterno schreibt in der Wiener Zeitung (9.11.2015): Am Theater werde wieder "polemisiert und politisiert". Neuerdings gehe man wieder "lustvoll an die Schmerzgrenzen des Spätkapitalismus". Seit Brecht und der 68er-Bewegung habe sich "die Polit-Spielform als linke Gesellschaftskritik" positioniert. Kritische Stücke seien überwiegend mit "herkömmlichen Bühnenmitteln" erarbeitet worden: "nachvollziehbare Handlung mit stringenter Figurenentwicklung", der "dramatische Konflikt entfaltete sich rund um ein gesellschaftspolitisches Thema". Dieses Modell habe an Brisanz verloren, die Skandale seien ausgeblieben. In Wien gebe es nun neue Versuche mit "neuen darstellerischen Formen des Politischen". Im Werk X blieben von Schillers Stück "Die Räuber" nur mehr "rudimentäre Handlungsstränge" über; dafür werde es mit Texten "aktueller aktivistischer Polit-Bewegungen aufgeladen". Die Macht werde statt durch den Vater nun, "wenig überzeugend", als "schwächelndes Europa konfiguriert". Das fünfköpfige Ensemble besteche dagegen durch "eine extrem körperintensive Darstellungsweise". Worum es allerdings in der "rasanten Aufführung eigentlich geht", bleibe "unklar".

 

 
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