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Melodie der Verstörung

von Martin Pesl

Wien, 6. November 2015. Ha, reingefallen! Erst eifriges Googeln auf der Heimfahrt verrät, dass es die Zwischenfälle in "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall" eben nur möglicherweise gab. Das Stück des Engländers Chris Thorpe arbeitet sich in verzahnten Monologen (und einem Dialog) an vier scheinbar historische Ereignisse heran, die der ehrgeizige Zuschauer fieberhaft der Realität zuzuordnen versucht, entsetzt über sein mangelndes Geschichtswissen.

Die Ereignishaftigkeit des Ereignisses

Die von Steffen Link vorgetragene Begegnung mit dem Einkaufstütenträger vor dem großen Panzer sorgt für das einzige Aha-Erlebnis: Das ist der Tank Man auf dem Tian’anmen-Platz in Peking, 1989. Sophia Löfflers Staatschefin, mit ihrem verblümten Todesurteil für Soldaten, die sich weigerten, auf Demonstranten zu schießen – wer kann das sein? Und das auf der Landebahn auseinandergebrochene Flugzeug, aufgeregt von Vassilissa Reznikoff geschildert – war da was in den Medien? Eine zu dritt nachgestellte Verhörsituation mit islamfeindlichen Terroristen bildet den vierten Strang: Aber Anders Breivik hat sich doch auf Utøya gar nicht als Muslima verkleidet, oder?

MoeglicherweisegabeseinenZwischenfall1 560 Matthias Heschl uAblenkung vom eloquenten Storytelling: Kreuzigung mit Klebeband  © Matthias Heschl

Nein, hat er nicht. Und natürlich erzählt Chris Thorpe auch keine Realitäten, sondern eher die Wahrnehmung von einer gewissen, ja, Ereignishaftigkeit solcher Ereignisse, vom Stillstand der Zeit, den es in diesem Moment bräuchte, um den Moment als historisch, vielleicht als politisch begreifen zu können. Worte kreisen um das Geschehene, dessen Wichtigkeit lange schon im Raum schwelt, ehe die Erzählungen spiralförmig doch noch zum Punkt kommen, das Dilemma des jeweiligen Zwischenfalls klar benennen. Dieser Text ist Literatur. Oder wirkt in der Inszenierung von Marco Štorman am Schauspielhaus Wien zumindest so. Das überrascht, da Thorpe und sein Monolog-Drama beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2014 als aus der Tradition des Devised Theatre kommend vorgestellt wurde, als ein Mann der kollektiven Stückentwicklung also, wo Texte meist erst gesprochen und geatmet werden, bevor sie auf dem Papier landen.

Verbindlicher Servicecharakter

Die vier Narrationen treffen einander nie, ergeben nur auf der Klangebene gemeinsam eine Melodie der Verstörung. Das Ensemble dieser deutschsprachigen Co-Erstaufführung (zeitgleich mit jener am Saarländischen Staatstheater) konterkariert das bedeutsame Grauen, das der Text suggeriert, mit einer professionellen Freundlichkeit schon während des Einlasses: An Einzeltischen in einem skizzenhaft minimalistischen Setting sitzen die drei und lächeln ein beruhigendes Lächeln, wie man es von den Flugbegleitern kennt, die wissen, dass auch die Augen mitlächeln müssen. Der verbindliche Servicecharakter zieht sich anfangs auch durch die Monologpassagen und schwillt im Terroristendialog zu freudiger Erregung an.

Leicht wird es einem nicht gemacht, in dieser ersten Hälfte dem Text zu folgen. Je mehr sich Regisseur Štorman bemüht, Bewegung ins Spiel zu bringen, je mehr er die jeweils nicht Sprechenden Papier essen oder einander mit Klebeband kreuzigen lässt, desto öfter lenkt er vom eloquenten Storytelling ab. Eine neue, eigene Geschichte erzählen seine Bilder aber auch nicht, sie führen nur auf der formalen Ebene die drei Performer immer stärker zum Kollektiv zusammen. Auch in seiner zweiten Premiere nach dem gezielt als gemeinsames Hallo angelegten "Punk & Politik" zeigt sich das neue Schauspielhaus-Ensemble eher als Teamplayer denn mit individuellen Stärken. Das ist nach den Rampensäuen der letzten Direktion ungewohnt, aber womöglich Programm.

Große Momente

Immerhin gelingt dadurch eine Verdichtung im zweiten Teil, auf einmal sind Text und Menschen eins, hört man gebannt zu: Der Panzeraufhalter ist für einen Augenblick der mächtigste Mann des Universums, ein Flugzeug explodiert, die Präsidentin klammert sich unbehaglich an ihre Mikroständer und die Überzeugung, sie habe nur ihre Arbeit gemacht. Große Momente.

Ganz zum Schluss schließlich, in einer Art Epilog von einem, der eingriff und den Anschlag beendete – leider erst nach dem soundsovielten Opfer, aber wenigstens das –, tragen alle drei die sterilen Ganzkörperanzüge der Spurensicherung, die die Reste der Zwischenfälle begutachtet. Sie wirken dem Hier und Jetzt enthoben wie Astronauten: Nur außerhalb von Zeit und Erde lassen sich die Ereignisse wirklich begreifen. Ein schlüssiges Bild, von dem man dieser Inszenierung mehr gewünscht hätte. So lässt sich heute nur erahnen, ob Chris Thorpe, dieser geschickte Beschreiber, als Entdeckung fürs deutschsprachige Theater selbst einen großen Moment darstellt.

 

Möglicherweise gab es einen Zwischenfall (DEA) 
von Chris Thorpe, Deutsch von Katharina Schmidt 
Regie: Marco Štorman, Bühne: Anna Rudolph, Kostüme: Anne Buffetrille, Musik: Thomas Seher, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Steffen Link, Sophie Löffler, Vassilissa Reznikoff. 
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause 

www.schauspielhaus.at

 

Mehr zu Chris Thorpes There has possibly been an incident: das Stück wurde auf Vorschlag von Simon Stephens 2014 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens in einer Lesung vorgestellt.

 

Kritikenrundschau

Die Situationen aus "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall" hätten "außer ihrer existenziellen Bedeutung nichts miteinander zu tun", Chris Thorpe habe sie jedoch "zu einem anspruchsvollen Stück verwoben, das fast nicht vom Spiel, sondern vorwiegend von der Sprache lebt", meint Norbert Mayer in der Presse (9.11.2015). Thorpe beschreibe "Extremsituationen", die bei der Wiener Inszenierung "nur verhalten angedeutet" würden, die "Schauspieler vermitteln sparsam im Mienenspiel und vor allem mittels ihrer Stimmen, wie die Betroffenen diese Lasten aus der Vergangenheit zu bewältigen versuchen." Die siebzig Minuten verlangten "wegen der Textmenge viel Konzentration, sind nicht frei von Pathos und wirken manchmal ziemlich nebulos, doch zugleich entwickelt dieses Drama einen seltsamen Sog".

Chris Thorpe zerdehne "in konzentrierter und langsamer Art, wie es am besten die Literatur vermag, jene Momente, in denen Menschen sich zu Taten entschließen", schreibt Margarete
Affenzeller im Standard (9.11.2015). Im Schauspielhaus verkomm Marco Stormans Aufführung jedoch "zu einer trockenen Sprechübung, bei der Performer sich gelegentlich mit Papierschnitzel verköstigen oder ihr Mikrofon heftig umarmen. Der Abend wäre besser im Brut aufgehoben, was ihn aber freilich noch nicht gelungener machen würde. Denn postdramatische Schauspieler auf ihre Mundwerkzeuge zu reduzieren", ergebe "nicht automatisch eine gute Performance. Anstatt die Sätze zu beleben, versickern sie in der Gleichtönigkeit eines Aufsagetheaters."

Petra Paterno schreibt in der Wiener Zeitung (9.11.2015): Am Theater werde wieder "polemisiert und politisiert". Neuerdings gehe man wieder "lustvoll an die Schmerzgrenzen des Spätkapitalismus". Seit Brecht und der 68er-Bewegung habe sich "die Polit-Spielform als linke Gesellschaftskritik" positioniert. Kritische Stücke seien überwiegend mit "herkömmlichen Bühnenmitteln" erarbeitet worden: "nachvollziehbare Handlung mit stringenter Figurenentwicklung", der "dramatische Konflikt entfaltete sich rund um ein gesellschaftspolitisches Thema". Dieses Modell habe an Brisanz verloren, die Skandale seien ausgeblieben. In Wien gebe es nun neue Versuche mit "neuen darstellerischen Formen des Politischen". "Ätherisch-unkörperlich und extrem nüchtern" gehe es im Schauspielhaus zu. Der Text sei "sprachlich beachtlich". Thorpes wildes Denken wirke in "seiner politischen Positionierung oft unentschieden" und verweigere sich dem Konsens – "würde also die Chance für neue künstlerische Herangehensweisen eröffnen". Štormann entwickele bedauerlicherweise zu dem Stück keine Haltung. "Das Unternehmen ist arm an szenischen Einfällen, vermag den komplexen Text nicht zu vermitteln."