Die Ehe im Zeitalter fortschreitender Gesellschaftsdämmerung 

von Anne Peter

Berlin, 21. März 2008. Paare haben Probleme. Ehepaare insbesondere. Das ist zwar nichts sonderlich Neues, liefert dem Theater aber immer wieder Stofffutter und Virtuosenvorlagen. In der Berliner Schaubühne kommen diese Probleme meist von außen hereingekrochen ins traute Heim, von der Gesellschaft her, die nicht selten ein wenig in die Zukunft verlegt ist, wo die heutigen Verhältnisse verschärft, die Konsequenzen sichtbarer sind.

Meist ist es eine irgendwie unmenschliche Arbeitswelt, die die eheliche Zermürbung gnadenlos in Gang setzt – vom Job kommt keiner heil nach Hause. Der macht Beulen in die Seelen und Löcher in die Dialoge. In Falk Richters Im Ausnahmezustand war es die Selektionsgesellschaft der Gated Community, die das Feierabendgespräch zum Verhör werden ließ.

Stückpaar über Paarprobleme
Jetzt hat Intendant Thomas Ostermeier zwei in einem Abend zusammengesperrt, die sich erst einmal recht prächtig verstehen. Nämlich die neuen Stücke von Martin Crimp und Mark Ravenhill, beides Autoren, die zusammen in den 90er Jahren paradigmatisch für eine neue englische Dramatik standen: brutal ungeschönt, schmutzig sozial, aggressiv und shocking. Ravenhills "Der Schnitt" kam vor einer Woche in Konstanz zur deutschen Erstaufführung, Crimps "Die Stadt" erlebte diese nun an der Schaubühne.

Ein Stückpaar, das einiges gemeinsam hat. Vor allem die Probleme der Paare. Die da wären: Taubheit gegenüber Liebesbekenntnissen sowie ein eingefrorenes Sexualleben. Weiterhin: Aneinandervorbeireden und Einander-nicht-Zuhören, inbesondere: Ausschweigen über die Zentralwunde "Job".

Außerdem ist da noch, wie gesagt, die Gesellschaft dort draußen, die den beiden drinnen am Abendbrotstisch die Hölle heiß macht. Crimp lässt Chris seinen Job und damit das Selbstbewusstsein neben seiner vielbeschäftigten Übersetzerinnen-Gattin verlieren, die zu inspirierenden Kongressen fährt und Tagebuch schreibt. Ja, vielleicht – so schlägt das etwas plump daherkommende Stückende vor – sind überhaupt alle Figuren in diesem Drama nur ihrem Schreib-Hirn entsprungen: der unterlegene Ehemann, die vom fern geführten Krieg erzählende Krankenschwester, der Schriftsteller Mohamed, mit dem sie Kaffee trinken geht und der ihr wiederum vom Gefoltertwerden erzählt.

Bewegungsausreißer und Wangenhautschlenker
Auf diese Möglichkeitsebene, auf der etwas nicht ganz stimmt, verweist der Regisseur, indem er Jörg Hartmann als Chris mitten in den konzentriert hinziselierten Realismus plötzlich momenthaft auf Slowmotion schalten lässt oder ihm tickartige Bewegungsausreißer erlaubt. Höhepunkt dieser Mini-aus-der-Rolle-Faller, die das Geschehen auf dem langgezogenen und eng an die Zuschauer gerückten Bühnenpodest mit Gartenliegestuhl, Küchenspüle und Flügel in der Tat gleich um eine ganze Doppelbödigkeit bereichern, ist das sich durch rasend schnelles Kopfschütteln in Wangenhautschlenker quasi auflösende Gesicht Hartmanns.

Und Lea Draeger verkörpert als nachbarliche Krankenschwester hochstimmig und wirräugig einmal mehr das irgendwie unheimliche Aus-der-Normalität-Herausgetreten-Sein. Ebenso überzeugend auch die abgebrüht mit den Beinen schlenkernde Helena Siegmund-Schultze, Jahrgang 1997, die die Tochter als eine Mischung aus Sonnenscheinchen und Monsterkind zu geben versteht.

Ravenhills Protagonist Paul ist hauptberuflich so eine Art Folterer im Auftrag eines Orwell'schen Systems, der eben jenen nicht genau definierten "Schnitt" an Menschen der niedriger gestellten Klasse ausführt, was ihnen Bewusstsein, Verlangen (oder gar das Leben selbst?) auslöscht. Von diesem Beruf kann er seiner schönen Frau natürlich nichts erzählen und muss mit der Qual des Henkers dementsprechend seit Jahren allein fertig werden. Desaströse seelische Verbeultheit ist die Folge.

Lebenslügen und zerdeppertes Geschirr
Wie Thomas Bading das spielt! Mit einem in allen Fasern müden Körper, gebeugten Schultern und zerknautschter Stirn, immer ins Hängen zurückfallenden Gliedern und einem Fertig-mit-der-Welt-Gesichtsausdruck, der mal in bodenlose Leeräugigkeit, mal in ein Scheiß-auf-alles-Lachen verfällt, mit dem er seine Umgebung, bevorzugt seine Gattin Susan, beschießt. Diese hört dabei in Gestalt von Judith Rosmair am anderen Tischende allerdings aufs Härtnäckigste einfach nicht hin, schiebt alles auf seinen niedrigen Blutzucker und klagt, überm Lebenslügenabgrund schwebend, über zerdeppertes Geschirr und dreckige Gabeln. Was für ein nuanciertes, zartgliedrig-agiles, komisch-verzweifeltes Porträt der tablettenschlafenden Luxus-Gattin!

Bading und Rosmair sind das fabelhafteste Paar an diesem Abend. Der eben in erster Linie zwei auseinandersplitternde Beziehungskisten vorführt. Die finden zwar vor dem Hintergrund einer dystopischen Gesellschaftsdämmerung statt – aber es bleibt ein Hintergrund.

P.S.: In jene Dämmerstimmung versetzen soll übrigens ein Installations-Vorspiel inklusive Grusel-Geräuschgang, der sich in den weiten Videoprojektionsraum mit Tanz- und Musikperformance öffnet – vorgelagerte Experimentalkunst, die jedoch mit dem Ostermeier-Realismus keine funktionierende Beziehung eingeht.


Die Stadt
von Martin Crimp
Deutsch von Marius von Mayenburg
Regie: Thomas Ostermeier. Raum: Jan Pappelbaum. Komposition: Alex Nowitz. Filminstallation: Julian Rosefeldt. Bühne: Magda Willi. Kostüme: Almut Eppinger.
Mit: Lea Draeger, Jörg Hartmann, Bettina Hoppe, Helena Siegmund-Schultze/Hannah Klaes.

Der Schnitt
von Mark Ravenhill
Deutsch von Nils Tabert
Regie: Thomas Ostermeier. Raum: Jan Pappelbaum. Komposition: Alex Nowitz. Filminstallation: Julian Rosefeldt. Bühne: Magda Willi. Kostüme: Almut Eppinger.
Mit: Thomas Bading, Judith Rosmair, David Ruland, Sebastian Schwarz, Judith Strößenreuter.

www.schaubuehne.de

 

Mehr von Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne in dieser Spielzeit: Room Service von John Murray und Allen Boretz.

 

Kritikenrundschau

 Im Tagesspiegel (23.3.2008) schreibt Andreas Schäfer: "Bevor also das erste verständliche Wort fällt, hat Thomas Ostermeier seinen beiden britischen Dramatiker-Freunden Martin Crimp und Mark Ravenhill schon eine dolle Science-Fiction-Atmo als Begrüßungsgeschenk vor die Füße gelegt." Heißt: "futuristischer Dämmer" in den zu einer Halle verschmolzenen beiden Sälen, "Technoknistern aus den Boxen". Dass Gefühle der Bedrohung, Kontrolle und frei flottierender Paranoia hergestellt werden sollen, lenke aber nur davon, schreibt Schäfer, dass zwei Stücke gezeigt werden, die kaum Gemeinsamkeiten haben. In "Die Stadt" lotse Crimp geschickt "den Krieg durch die Gartentür in dieses Ehedrama." Der Schluss des Stücks enttäusche zwar, aber "unter der behutsamen, präzisen Regie Ostermeiers gelingt den drei Schauspielern eine schmerzhafte Geschichte über das Sich-und-einander-Fremdwerden." Ravenhills "Der Schnitt" spiele in einer im Umbruch befindlichen autoritären Gesellschaft. "Dass dieses Psychogramm eines Täters auch auf der Bühne leblos bleibt, liegt an der schaurigen Figurenzeichnung." Der Jubel der mitgereisten Londoner Freunde war trotzdem groß, schreibt Schäfer. Sein eigener hält sich sehr Grenzen.

Für die FAZ Sonntagszeitung (23.3.2008) hat der Journalist und Kunstkritiker Peter Richter den Abend gesehen, zeigt sich von "Ouvertüre und Drumherum" sehr beeindruckt, schreibt in der Unterzeile, dass Ostermeier an der Schaubühne triumphieren würde. Die Halle sei eine "metallische Indoor-Welt irgendwo zwischen Asia-Großmarkt und Tropical Islands". Über den Köpfen laufen "wirklich umwerfend gute Videoarbeiten des Künstlers Julian Rosefeldt", "alles zusammen schon mal besser als das meiste, was man in Museen und Galerien oft so zu sehen bekommt." Wenn einen der Zufall zuerst zu Ravenhill geschickt habe, "dann hatte man zunächst das durchsichtigere Stück und das komplexere Bühnenbild." Weil die Handlung "so weit ganz gut voraussehbar ist, hat man Zeit, sich an der ekelhaften Großartigkeit beziehungsweise großartigen Ekelhaftigkeit von Thomas Bading, der den Bösen spielt, zu weiden." Schwieriger und mysteriöser sei "Die Stadt", "ein Beziehungshorrorfilm". Die elfjährige Helena Siegmund-Schultze "in weißen Lackschuhen, rosa Hosen und grünem Mantel neben der identisch angezogenen Lea Draeger am Flügel": "Ein Bild, gegen das die beiden Mädchen am Ende des Flurs von 'Shining' beinahe alt aussehen und von dem man noch großartige böse Träume bekommen wird."

Christine Wahl bezeichnet auf Spiegel online (23.3.2008) die Doppelpremiere als Experiment, das gescheitert sei an seiner "unterkomplexen Selbstgenügsamkeit", mit der "hier nicht nur Abstiegsängste, sondern eben auch Kriege und Diktaturen für kleine harmlose Unterhaltungsstückchen ausgebeutet" würden.
Wer im Zuschauerraum der Schaubühne bei Mark Ravenhills neuem Stück "Der Schnitt" sitze, mache "harte anderthalb Stunden durch". Was Ravenhill "über diktatorische Staatsformen und ihre futuristischen Gehirnwäschemethoden eingefallen" sei, verärgere durch "eine geradezu anstößig selbstgefällige Naivität".
In Martin Crimps "Die Stadt" bleibe das Reflexionsniveau "leider das gleiche", nur gebe er sich "noch bemühter verrätselt". Der Dramatiker gedenke sich "an die ganz große Existenzfrage heranzupirschen, indem er damit spielt, dass jede Stückfigur vielleicht nur eine Erfindung einer anderen und das ganze Leben am Ende ein einziger Fake" sei. Ostermeier interpretierte das "als existenzielle Verunsicherung der abstiegsbedrohten Mittelschicht" und pinsele jedes Klischee der Vorlage im "psychologischen Fernsehrealismus" breit aus.

"Eigentlich", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (25.3.2008), hatte er schon nach Durchquerung der irgendwie "kapitalismuskritischen und kunstmarktkonformen" Installation zu Beginn des Abends nur noch aus der Schaubühne wegrennen wollen. Aber er blieb und erkannte wie sich die Banalität der parallel gespielten "Der Schnitt" und "Die Stadt" "in ihrer klischeeseligen Polemik gegen die Angestellten-Welt" verdoppelte. Die "Überblendung von Angestellten-Tristesse, Polemik gegen ex-linke Politik-Karrieristen und einem Folter-Staat" sei "obszön", eine "billige Denunziation". Ostermeier inszeniere das "mit der neugierdefreien Besserwisserei des Subventionslinken, der immer schon wusste, dass alle Angestellten arme, geduckte Existenzen, alle Ehemänner impotent und alle Politiker hörige Sklaven des Systems sind". Das angestrengte, Kunst wollende Vorspiel, die Installation, blamiere die brave Erzählweise des "wirkungssicheren, aber etwas biederen Sozialrealisten".

Ganz anders beschreibt Tom Mustroph in der Frankfurter Rundschau (25.3.2008) den Abend. Mit dem Gang durch ein Labyrinth und der Videoinstallation mit Vokalperformance wollten Thomas Ostermeier und sein Raumgestalter Jan Pappelbaum "Atmosphären schaffen". Herr Mustroph fühlte sich an "die Arbeiterstandbilder des gewöhnlich verpönten sozialistischen Realismus erinnert" und staunte, "welche Volten Kunst schlagen kann". Die Hoffnung dieses Anfanges allerdings, die Hoffnung auf "multiperspektivisches Spiel, auf Überlagerungen und Fenstertechnik im Theater" erfüllte sich nicht. Trotz sprachlicher Ambitioniertheit des Textes biete die Inszenierung von Crimps "Die Stadt", von wenigen "Extras" abgesehen, nur "Schauspiel von der Stange". Mann-Frau-Beziehung auch im Ravenhill, in dem Thomas Bading das "differenzierte Psychogramm" eines "Bürokraten" und "Folterschergen" zeichne. Das Ganze bezeichnet Herr Mustroph als einen Abend über den "Neuen Menschen", eine "schwarze Fantasie - im grauen Gewand," denn die "Bedrohungsszenarien" seien "abgegriffen", die Auflösungen der Stücke "unbefriedigend". Geschichte sei Ravenhill/Ostermeier der "mechanistische Ablauf des Immergleichen".

Karfreitäglich gestimmt, vermutet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (25.3.2008) an der Schaubühne einem "säkularisierten Oratorium" zugeschaut zu haben. Die Stimmen des Abends verliehen "einer schwindelerregenden Verfasstheit Ausdruck". Wie die Stimmen in der Matthäus-Passion nach Gott rufen, riefen die Crimpschen und Ravenhillschen Stimmen ihr eigenes "wackliges Selbst" an: "Mein schöner Lebenssinn, mein fröhlicher Zukunftsglaube, wo bist du?" Die Klage: "Himmel!, warum ist denn alles so hässlich ungerecht und so sinnlos am Ende?", habe Ostermeier schon von je her angestimmt. Jetzt kehre er zurück zu jenen Wurzeln, "die er nie verlassen hat: zur verbissenen, aber hübsch herausgeputzten Anklage der Verhältnisse". Ravenhills Text lebe "von dickem Geheimnisglibber: Was der Schnitt ist, soll nicht gewusst werden." Das Klein-Drama beschwöre eine diffuse Gesamtgefährdung, "Ostermeier raunt ihm auf’s Treulichste hinterher". Nur dank den Spielern Bading und Rosmair "versackt man nicht in wohliger Rätselhaftigkeit: Sie zeigen eine konkrete Angst vor dem großen Unkonkreten." Auch Crimp werde von Ostermeier sorgsam texttreu gegeben. Doch feixe die Inszenierung am Schluss eben auch mit Crimp: "Ich bin nur eine Kopfgeburt". Ein "schön sirrender Singsang von der Verderblichkeit der Verhältnisse, mehr nicht". Dennoch fühle man sich am Ende "seltsam erbaut". Wie das Oratorium das Gottvertrauen stärke, werde man hier "in seinen bequem ausgepolsterten Zweifeln an jedem Sinn (von Liebe, Leben, Zukunft) bestätigt."

Nachhaltig verstimmt, zeigt sich Irene Bazinger in der FAZ (25.3.2008) schon über den dunklen Beginn des Abends in der Schaubühne im Stil einer "Provinzvernissage in einer westdeutschen Kunsthochschule vor zwanzig Jahren". In "plumper wie nichtssagender Unverbindlichkeit" thematisierten die beiden Mini-Dramen von Crimp und Ravenhill "diffuse Ängste heutiger Menschen: vor Konkurrenz und Gewalt, vor dem Staat und der Globalisierung und vermutlich vor dem bösen Wolf und dem schwarzen Mann". Abgestoßen von Ravenhills "gebrauchsliterarisch angestrengtem" Stückschluss und hoffte Frau Bazinger auf Martin Crimp und sah sich von dessen Jonglieren mit "verblasenen Sujets" nur umso ärger enttäuscht. Die Arbeit der Schauspieler beschreibt Frau Bazinger eher freundlich. Den "einfallslos-biederen Regisseur Thomas Ostermeier und seine Getreuen in ihrem zum Pseudospielplatz umgeschminkten Elfenbeinturm" fragt sie angesichts von all dem "Schnickschnack und Abklatsch" am Ende zu: "Wo lebt ihr eigentlich?"

In der taz (25.3.2008) schreibt Katrin Bettina Müller: Die beiden Stücke von Ravenhill und Crimp seien aus "dem Stoff der Angst geschnitten", die "mit der Furcht vor dem Verlust des Jobs beginne und sich dann sehr schnell in finstere Fantasien der Auslöschung von Leben" katapultiere. Kammerspiel seien beide Stücke aufgrund des Schauplatzes – Eigenheim – und der genauen Beobachtung, wie sich Angst einniste. Wie differenziert das die Schauspieler vorführten, lasse einen "absolut nicht kalt in der exzellenten Inszenierung von Thomas Ostermeier". Schwach gerate die Aufführung, wo sie die gesellschaftlichen und systemischen Ursachen der Qual verhandeln wolle. Am Ende stehe aber der Eindruck: "absolut perfekt ausgeführter Kunst beigewohnt zu haben, der man den Mangel an Erklärung, warum und wozu dieser ganze Aufwand, gerne verzeiht".

 

 
Kommentar schreiben