Voller Wut im Bauch

von Katharina Röben

Berlin, 11. November 2015. Erst die Wut, dann die Sprache. Getrieben von der Musik beben ihre Körper, geballte Fäuste pumpen zum Beat, Köpfe wirbeln durch die Luft. Sie grölen wutentbrannte Texte, volksverhetzende, rassistische Parolen. Als habe sich etwas in diesen Jugendlichen angestaut, das sich jetzt druckvoll entlädt. Dem Chaos folgt eine Rede, die versucht, ihre Aggressionen in Bahnen zu lenken. Der Mann mit der roten Klebebandkrawatte und der weißen Farbe im Haar spricht von der "Asylantenflut", die uns überrollt, von der "deutschen Rasse" und von Ungerechtigkeit.

Aktueller könnte Robert Neumanns Inszenierung "Kriegerin" in Zeiten von AfD und Pegida kaum sein. Die Uraufführung am Berliner Grips Theater, in einer Bühnenfassung von Tina Müller, lehnt sich an den gleichnamigen Film von David Wnendt aus dem Jahr 2011 an, der von zwei Frauen in der rechtsextremen Szene erzählt, mit Alina Levshin in der Titelrolle. Sie spielt die brutale Nazibraut Marisa, die durch die Begegnung mit einem jungen Geflüchteten am Ende zur Helfenden wird. Ein mehrfach mit dem Deutschen Filmpreis prämiertes Werk – ein schockierend rauer Film.

Kriegerin 560 DavidBaltzer hWorte der Wut – aktueller kann Theater zu Zeiten von Pegida & Co. kaum sein.
© David Baltzer

Nicht länger ein Ich, endlich ein Wir sein

Marisa ist 18 Jahre, arbeitet zusammen mit ihrer Mutter in einem Supermarkt, nur durch die Kameradschaft in ihrer rechten Clique erfährt sie Ankerkennung. Ihr Freund Sandro, im Grips gespielt vom halbnackt wütenden Paul Jumin Hoffmann, sitzt im Gefängnis, nachdem er einen Mann mit einem schwarzen Klebeband-Baseballschläger brutal zusammengeschlagen hat. Marisa möchte trotzdem Kinder mit ihm, wenn er wieder draußen ist. Ihre Mutter versucht nicht, sie umzustimmen: "Es gibt ja sonst nicht viel, was du gut kannst". Mit schwarz geschminkten Augen und voller Wut im Bauch stampft Marisa über die Bühne, kraftvoll verkörpert von Alessa Kordeck. An der Kasse sitzend begegnet sie das erste Mal Jamil und Rasul, zwei jungen Brüdern, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. "So was bediene ich nicht", raunzt sie und wird von Regine Seidler, ihrer berlinernden Mutter, in die Zigarettenpause geschickt.

Kopfüber raucht Maria Perlick als 15-jährige Svenja. Heimlich, vor ihrem zwanghaft kontrollierenden Vater versteckt, hängt sie vom Gerüst und flirtet mit dem Muskelshirt tragenden Lorris Andre Blazejewski, der den Nazi Markus mit weniger, den Flüchtling Rasul dafür mit umso größerer Hingabe spielt. Svenja sehnt sich danach, dazuzugehören. Nicht länger ein Ich, endlich ein Wir sein.

"Gegen das, was zu Hause war, ist das alles nichts."

Die Bühne von Silke Pielsticker gleicht einer großen Baustelle. Ein hohes Gerüst erstreckt sich über die Bühne, weiße Bauplanen dienen als Schattenwand und Projektionsfläche. Davor ein überdimensionaler Spanplattentisch, der als rollbare Allzweckwaffe fungiert. Auch die Requisiten sind geklebt und erbastelt: Supermarkt-Kittel aus grünen Müllbeuteln, ein Mini-Rock aus Frischhaltefolie, schwarze Klebenbandstreifen auf der Handfläche als Mobiltelefon. Während der Film sehr explizit die Symbole der Neonazis aufgreift, über Tatoos und kahlrasierte Köpfe gleitet, entscheidet sich Neumann bewusst dagegen. Stattdessen symbolisieren Farbe und Lehm die Spuren, die Begegnungen und Ideologien hinterlassen.

Es passiert das unvermeidlich Vorhersehbare: Die ausgelassen rumalbernden Flüchtlingsbrüder treffen auf die angetrunkenen Neonazis. Blauäugig nähert sich Rasul. Die Situation gerät außer Kontrolle. Rasul erzählt, was folgt, er habe keine Angst, denn "gegen das, was zu Hause war, ist das alles nichts". Im Hintergrund mischt sich Fahrtwind mit dem Pochen eines Herzschlages. Die Jungen fliehen auf dem Fahrrad, Marisa folgt ihnen, holt sie ein und rammt sie schließlich. Doch damit wird Rasul nicht aus ihrem Leben verschwinden, er wird es ändern.

Mal spielen sie Neonazis, mal Geflüchtete

Tina Müller, deren Jugendstücke mehrfach ausgezeichnet wurden, weicht vom Film ab, konzentriert sich stärker auf die Situation der Geflüchteten im Asylbewerberheim. Die ernste Thematik durchbricht sie mit Witz – wodurch in der ersten Hälfte allerdings Tiefe verloren geht, die Situation erscheint zu harmlos. Die Parcour-Läufer, die Müller einführt, sind mit ihren mutigen Klettereinlagen vielleicht unterhaltsam, für den Verlauf der Geschichte aber nicht notwendig. Nach der Pause gewinnt die Inszenierung dann an Spannung und Düsterkeit, und Alessa Kordecks Marisa zeigt wesentlich mehr charakterliche Nuancen.

Neumann lässt jeden der acht Darsteller mehrere Rollen spielen, sodass sich unterschiedliche Gesinnungen einen Körper teilen müssen: mal spielen sie Neonazis, mal Geflüchtete. Und während sich in Wnendts Film die Rechtsradikalen eher auf die Konflikte in ihrem unmittelbaren Umfeld konzentrieren, lässt Müller den Anführer Sandro auch politische Ambitionen hegen. Ist die entscheidende Entwicklung zwischen Film und Stück also, dass in der Zwischenzeit aus einer wütenden, verrohten Masse ein Politikum geworden ist? Das Ende jedenfalls ist hier im Theater ein hoffnungsvolleres.

 

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Tina Müller nach dem Film vom David Wnendt
Regie: Robert Neumann, Bühne und Video: Silke Pielsticker, Kostüme: Jan A. Schroeder, Musik: Öz Kaveller, Parkourtrainer: Franz Schönberger, ParkourOne, Stückentwicklung und Dramaturgie: Kirstin Hess.
Mit: Alessa Kordeck, Lorris Andre Blazejewski, Maria Perlick, Paul Jumin Hoffmann, Esther Agricola, Christian Giese, René Schubert, Regine Seidler; Musik und Gesang: Öz Kaveller.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.grips-theater.de

 

Auch andere Inszenierungen setzen sich mit der rechtspopulistischen Bewegung um Pegida & Co. auseinander: In seiner Dresdner Saisonauftaktinszenierung von Shakespeares Maß für Maß etwa ließ Tilmann Köhler Pegida-Parolen grölen. Und Falk Richters Inszenierung Fear an der Berliner Schaubühne ist nicht nur bei den Kritiker*innen höchst umstritten, sondern wurde auch von der AfD angegangen.

Übers Theatermachen in Pegida-Zeiten sprachen die Dresdner Theaterleiter Dieter Jaenicke (Europäisches Zentrum der Künste Hellerau) und Wilfried Schulz (Staatsschauspiel Dresden) im Januar 2015 in einem Interview mit nachtkritik.de.

 

Kritikenrundschau

Wnendts Film lege eine wortkarge Milieustudie vor, schreibt Christian Rakow in der Berliner Zeitung (13.11.2015). "Die Bühnenfassung von Tina Müller gibt sich ungleich eloquenter, bisweilen auch geschwätzig" und setze auf Verallgemeinerung. "Robert Neumann, an sich ein Regisseur für behutsame, gelassene, indirekte Spielweisen, nimmt die Sprachrohrpoesie der Bühnenfassung in einer ruhelosen, mitunter gehetzten und auch in sich selbst rotierenden Dampfregie auf."Insgesamt bleibt die Flüchtlingsgeschichte aus Sicht des Kritikers blass: "Zweieinhalb Stunden wuchtet sich das sich das Drama als Lehrstück für ein Deutschland in Selbstfindungsnot dahin."

"Regisseur Robert Neumann inszeniert mit schnellen Schnitten", schreibt Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost (13.11.2015). Den Charakteren hätte aus seiner Sicht mehr Raum zur Entfaltung durchaus gut getan.

Es sei ein Problem dieser mit viel Körpereinsatz auf Rampe und Baugerüst gebrachten fast filmischen Umsetzung, dass die Darsteller von Szene zu Szene im harten Schnitt die Rollen wechseln, sagt Ute Büsing im Info Radio des RBB (12.11.2015). "Eben noch Asylant, schon Neonazi. Ein paar Veränderungen durch die hier gebrauchten Klebebändchen, Plastik- wie Alufolien und Tüten muss reichen. Die angerissenen Asylantenschicksale sind wenig glaubhaft und die Ausschnitte aus Dunkeldeutschland machen keine Angst."

"Die Sprache lässt nichts wachsen im Hirn", schreibt Katrin Bettina Müller in der taz (13.11.2015). "Sie kastelt alles in kleinteilige Muster der Wiederholung ein. Sie verengt die Wahrnehmung, sie läßt die Gefühle ohne Ausdruck. Sie hängt sich bleiern der Inszenierung selbst ans Bein und öffnet keinen Horizont darüber hinaus."

Eva Behrendt schreibt auf der Website von Deutschlandradio (13.11.2015): Tina Müller habe im Vergleich zum Film das Thema der Geflüchteten durch Szenen im Flüchtlingsheim verstärkt, auch mit "Anspielungen auf Pegida-Sprüche, AfD-Denke und Neonazi-Eltern". Neu dazugeschrieben habe sie eine "Clique von Parkour trainierenden Jugendlichen". Robert Neumanns Inszenierung versuche nicht, mit dem Film zu konkurrieren. Die Schauspieler müssten in Silke Pielstickers Bühnenbild "alle möglichen Kostüme, Requisiten und Kulissenteile" selber basteln. Diese "irre Bastelwut" bremse die Handlung aus, dämpfe die Konflikte und blähe den Abend unnötig auf. Auch die Parkour-Einlagen vertändelten viel Zeit. Dennoch gelängen dem Ensemble "punktuell starke Szenen".

 

 
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