All die toten Stimmen

von Stefan Schmidt

Saarbrücken, 13. November 2015. Jetzt hat sie ihnen auch noch den Baum weggenommen: In ihrer Inszenierung von "Warten auf Godot" am Saarländischen Staatstheater streicht Generalintendantin Dagmar Schlingmann eine der wenigen Verlässlichkeiten in dem Text, mit dem der Ire Samuel Beckett nach dem Zweiten Weltkrieg den Nerv der desillusionierten europäischen Denker getroffen hat.

An die Stelle des Baumes tritt auf der Bühne der Alten Feuerwache in Saarbrücken eine Straßenlaterne. Und die Landstraße, an der Wladimir und Estragon die Zeit verstreichen lassen, entpuppt sich als Felsen im Meer, ein Klotz mit drei Treppenaufgängen, auf dem sich Kleidungsstücke, Schlafsäcke und große Plastiktüten gesammelt haben. Dieser "Godot" ist angekommen im Flüchtlingsdrama 2015.

Warten auf den Schleuser

Eine solche Lesart dockt bei Thesen an, die die französische Intellektuellenfamilie Temkine vor ein paar Jahren publiziert hat: Bei Wladimir und Estragon handelt es sich ihrer Interpretation nach um zwei Juden im von den Nazis besetzten Frankreich, die vergeblich auf ihren Schleuser Godot warten. Dass Samuel Beckett Mitglied der Résistance war, ist bekannt. Außerdem gibt es tatsächlich Indizien im Text, die auf den Holocaust zu verweisen scheinen ("all die toten Stimmen", Millionen umgebrachter Menschen usw.).

Ob dergleichen philologische und historisch biographische Detektivarbeit den Verständnisraum des Stückes erweitert oder ob sie diesen vieldeutigen Bühnenstoff nicht vielmehr unsinnlich zubetoniert, sei hier dahingestellt. Von Beckett selbst wird allerdings zumindest die Aussage kolportiert, dass er es schon im Text gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, wer dieser ominöse Godot eigentlich ist.
godot 2 560 thomas m jauk uIn den Wirren der Vertreibung: Estragon (Andreas Anke), Cino Djavid (Lucky), Klaus Meininger (Pozzo), Christian Higer (Wladimir) © Thomas M. Jauk
Von der theoretisierenden Vorrede zurück auf die Saarbrücker Bühne, und da scheint sich Dagmar Schlingmann auch so nicht so ganz sicher zu sein, ob es wirklich eine gute Idee ist, das absurde, sinnentleerte, handlungsarme Warten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts auf die gegenwärtige Flüchtlingskrise zu beziehen.

Im ersten Teil bleibt der Kleiderberg über weite Strecken Staffage (auch wenn zwischendurch mal vielsagend ein "Brot für die Welt"-T-Shirt hochgehalten wird), und das Meer braust rechts im Hintergrund kulissenhaft vor sich hin. Dafür macht sich über digitale Klangteppiche eine wabernde Ernsthaftigkeit breit, die vergleichsweise wenig Raum lässt für den slapstickhaften Humor in dem konzentrierten Spiel von Wladimir (Christian Higer) und Estragon (Andreas Anke).

Teuflisch gut: der Sklavenhalter Pozzo und sein Dämon Lucky

Dafür laufen zwei andere Darsteller zur Hochform auf: Klaus Meininger ist als Pozzo ein äußerst aasiger Sklavenhalter, dessen sadistische Ruhe einen schaudern lässt. Dieser Typ braucht noch nicht einmal mehr eine reale Peitsche, um den ihm devoten Lucky zu erniedrigen und zu malträtieren. Zwischen den beiden besteht eine spannungsgeladene Körperlichkeit mit grausam zärtlichen Momenten, eine geradezu sexualpathologische Anziehung. Cino Djavid spielt den Untergebenen in weißen Sneakers, weißen Shorts und weißem Oberteil mit weit nach oben (gen Himmel) verdrehten Augen so intensiv aus, dass er in jedem Psychothriller eine wahnsinnig gruselige Figur machen würde. Wenn er zum Tanzen gezwungen wird, dann bewegt er sich epileptisch, apathisch, dämonisch. Teuflisch gut.

Im zweiten Teil wird sich derselbe Darsteller eine Sanitäter-Weste vom Deutschen Roten Kreuz überziehen und unerträglich lange brauchen, bis er Gummihandschuhe und Mundschutz angelegt hat. Da liegen die drei anderen Darsteller schon bewegungslos am Boden zwischen den Kleidern auf dem hölzernen Drehpodest in der Bühnenmitte, diesem Felsen, um den herum nun einmal mehr hörbar das Meer tobt. Ein krasses Bild der Hilflosigkeit und Sinnferne unserer Tage, mit dem die Inszenierung eigentlich enden könnte, ja fast: müsste.

Zu kurz gegriffen und zu weit

Der Abend geht aber noch weiter, weil Beckett schließlich nichts von der gesellschaftlichen Situation im Europa des 21. Jahrhunderts wissen konnte, und er seine Dialogschleifen deshalb so weit gedreht hat, bis klar wird, dass in dieser Welt zwar jeden Tag alles ein bisschen schlimmer werden kann, aber nie wirklich etwas anders, dass das Warten auf Godot eben sinnlos ist.

In Saarbrücken wird diese Erkenntnis zum wenig überraschenden Appendix, die Inszenierung dramaturgisch ausgebremst. Becketts Text auf einen Kommentar zur gegenwärtigen Flüchtlingskatastrophe hin zu erweitern, greift hier einerseits zu kurz (weil die politische und humanitäre Lage derzeit komplexer ist, als es der existentialistische Fatalismus der Vorlage fassen kann), als auch zu weit (weil sich das Stück dann doch zu sehr jeder Sinngebung verweigert, um derart enggeführt werden zu können). Das einzige, was in dieser Umgebung lebe, sei der Baum, sagt Wladimir. Hätten sie ihn in Saarbrücken vielleicht doch besser stehen lassen. Oder ihn konsequent woanders hin verpflanzt.

 

Warten auf Godot
von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Regie: Dagmar Schlingmann, Bühne und Kostüme: Sabine Mader, Musik: Alexandra Holtsch, Dramaturgie: Bettina Schuster-Gäb.
Mit: Andreas Anke, Cino Djavid, Christian Higer, Klaus Meininger; Piotr Czura / Mattis Hollendieck / Benjamin Petzold.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.staatstheater.saarland

 

Kritikenrundschau

Wie "es Menschen ergeht, die ihre Heimat aufgeben müssen, doch keine Zukunft finden, weil sie zum Warten verdammt sind", mache Dagmar Schlingmann mit ihrer Beckett-Inszenierung erfahrbar, schreibt Oliver Schwambach in der Saarbrücker Zeitung (16.11.2015). Die Regisseurin inszeniere mit "Tempogespür" und habe für die Hauptrollen von Wladimir und Estragon "zwei enorme Schauspieler" gefunden. Zum Stück im Ganzen fällt das Urteil verhaltener aus: "Bemerkenswert, dass Dagmar Schlingmann diesem Museumsstück des Theaters so viel Aktualität abringen konnte. Doch trägt dieser Gedanke einen Akt lang, dann erschöpfen sich Drama wie Inszenierung in der Wiederholung. Und ewig grüßt der Beckett."

 

 
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