Hier sind wir sicher?

von Alexander Jürgs

Gießen, 14. November 2015. Natürlich sind es die Anschläge von Paris, die heute, am Tag danach, alles bestimmen. Sie zielten auch – insbesondere das Blutbad im Bataclan beim Konzert der Eagles of Death Metal – auf das Herz der westlichen Kultur, auf die Freiheit der Kunst. Am Theater Magdeburg hat man wegen der Angriffe die Premiere der Operette "Pariser Leben" verschoben – eine gute Entscheidung.

Am Stadttheater Gießen spielt man trotzdem. Und auch das ist eine gute, eine folgerichtige Entscheidung. Denn Premiere feiert hier eine Theaterfassung von George Orwells Roman "1984", der den Wahnsinn des autoritären Denkens ganz haarklein beschreibt. Ohne Paris hätte man wohl die National Security Agency im Kopf, wenn von der Partei, von Big Brother, vom Überwachungsstaat die Rede ist. Nun aber muss man, vermutlich gegen die Intention von Regisseur Thomas Oliver Niehaus, an die Terroristen vom Islamischen Staat denken. Orwell selbst hatte sich mit Stalinismus und Faschismus auseinandergesetzt, als er seine düstere Anti-Utopie im Jahr 1948 aufschrieb.

Die Grundlagen des Neusprech

Eine lange Tafel steht auf der Bühne, dahinter ein Podest, etwa einen Meter über dem Bühnenboden. In schwarzen Anzugshosen und weißen Hemden, in schwarzen Röcken und weißen Blusen versammeln sich die Darsteller um den Tisch. Über ihnen, am Rand des Podests, steht ein Einzelner. Dass er anders ist, sieht man schon an der Farbe seines Hemdes: Grau ist es, nicht weiß. Es ist Winston Smith, der Renegat aus Orwells Roman. Der, der den Widerstand probt, aber zwangsläufig scheitert. Glitzernde Vorhangstoffe an den Rändern machen die Bühne zum Guckkasten. Im Hintergrund eine Projektion. "1984" steht dort, ein Fragezeichen kommt dazu.

Gespielt wird die Fassung von Robert Icke und Duncan Macmillan, 2013 im britischen Nottingham uraufgeführt. In Nürnberg hat Christoph Mehler jüngst ihre deutschsprachige Erstaufführung herausgebracht. Das Besondere an der Version: Sie nimmt auch den Anhang des Buches, der "Die Grundlagen des Neusprech" heißt, auf. Dieser Zusatz zum Roman blickt aus der Zukunft, weit nach dem Handlungsjahr 1984, auf das eigentliche Buch zurück. Im Anhang wird die Allherrschaft der Partei in Frage gestellt, in ihm wird behauptet, dass es zu ihrem Sturz gekommen ist. Eine Fiktion über die Fiktion, eine Meta-Ebene. Icke und Macmillan waren bislang die einzigen, die den Anhang in ihre Bearbeitung des Stoffs aufgenommen haben – so haben es ihnen jedenfalls Orwells Nachlassverwalter bestätigt.

1984 rolf k wegst 2 560 xDas System langt zu: Milan Pesl und Lukas Goldbach (als abtrünniger Winston) in "1984" in Gießen
© Rolf K. Wegst

Mit den zwei Ebenen der Bühne reagiert der Regisseur auf die Zusammenführung von Roman und Anhang in einem einzigen Stück. Auf dem Podest spielt die eigentliche Handlung, an der Tafel davor steht ihre Reflexion im Vordergrund. Die Darsteller an dem langen Tisch blicken meist starr in Richtung Podest, sie wirken wie ein zusätzliches Publikum zwischen Bühne und eigentlichem Publikum. An der Tafel entstehen live auch die Projektionen für den Hintergrund – nach dem guten alten Overheadprojektor-Prinzip. Auf ein in die Tischplatte eingelassenes Glas wird gezeichnet, wird geschrieben, werden Kaffeebohnen geworfen – an der Wand sieht man das Abbild davon.

Zwei Minuten Hass zu "Freude schöner Götterfunken"

Lukas Goldbach gibt den Winston als Getriebenen, als paranoide, nervöse Person. Dicke schwarze Ringe hat man ihm rund um die Augen gemalt. Sein Blick ist nervös, er wirkt dauerhaft eingeschüchtert, er geht geduckt. In der Szene, in der er sich erstmals mit Julia, der Frau, die ihm heimlich einen Zettel zugesteckt und in die er sich verliebt hat, trifft, da wirkt sie optimistisch. "Hier sind wir sicher", behauptet Julia (Mirjam Sommer) gegenüber Winston. Sein Blick aber sagt, dass er ihr das nicht glaubt. Er wiederholt ihren Satz – als zweifelnde Frage.

Mit starken Bildern wird das Regime der Angst beschrieben. Beim von der Partei verordneten Zwei-Minuten-Hass fluchen und hetzen die Darsteller lautlos zu "Freude schöner Götterfunken". Der einfältige Parsons (Rainer Hustedt) schwärmt wie besessen von seiner Tochter, deren Hobby es ist, vermeintliche Regimegegner zu denunzieren – später wird sie auch ihren eigenen Vater ans Messer liefern. Besonders drastisch und beklemmend ist die Szene, in der Winston nach seiner Festnahme gefoltert wird. Auf einen Stuhl gefesselt sitzt er da, im Dunklen. Ein Schwamm voller Wasser wird auf seinem Kopf ausgequetscht, dazu das Geräusch, das man mit einem Elektroschock assoziiert. Das wirkt.

Die Inszenierung ist konzentriert, kein Regie-Experiment, klassisch im positiven Sinn. Und sie zeigt, dass Orwells drastische Warnung vor dem Totalitarismus an Aktualität – leider – nichts eingebüßt hat.

 

1984
nach George Orwell
in einer Bühnenfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan
Übersetzung: Corinna Brocher
Regie: Thomas Oliver Niehaus, Bühne: Lukas Noll, Kostüme: Veronika Stemberger, Video: Jost von Harleßem, Sound: Rupert Jaud, Dramaturgie: Cornelia von Schwerin.
Mit: Lukas Goldbach, Roman Kurtz, Burkhard Wolf, Milan Pešl, Rainer Hustedt, Beatrice Boca, Mirjam Sommer.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.stadttheater-giessen.de

 

Kritikenrundschau

"In dieser Inszenierung gibt es wenig Theater - dafür wird ausgiebig und viel doziert. Vorlesungen über Experimentalphysik oder soziologische Systemtheorie können spannender sein als diese anämische Bühnenadaption", schreibt Thomas Schmitz-Albohn im Gießener Anzeiger (16.11.2015). Die Inszenierung könne den Charakter einer trockenen, verkopften Konstruktion nicht leugnen. "Die schwarzweiß gekleideten Schauspieler nehmen an einem langen Tisch Platz und unterhalten sich über Orwells Buch. Schon dieses Einführungsgespräch wirkt grässlich hölzern und aufgesetzt." Und da die Figuren konturlos und ohne Tiefe gezeichnet seien, können sich die Schauspieler noch so sehr mühen, "aber das, was sie zeigen, sind keine glaubwürdigen Menschen".

 

 
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