Der endlose Fluch der Geschichte

von Tim Slagman

München, 22. November 2015. Zu sechst sitzen sie nebeneinander auf einfachen Holzstühlen und heben mit entschlossenen aber brüchigen Stimmen an zum ersten Satz von Brahms‘ "Deutschem Requiem" – bis die Familie des Seewirts Unterstützung findet vom Chor des Jungen Vokalensembles München, der sich an den Türen oben am Rang postiert hat: "Selig sind, die da Leid tragen", donnert es bald von allen Seiten durchs große Haus der Kammerspiele.

Mittelreich2 560 JudithBuss uIm Vordergrund Stefan Merki, rechts: Jochen Noch  © Judith Buss

Karg

Seltsam im Kontrast zu dieser Wucht steht die karge Bühne, von Duri Bischoff in hellen Pastellfarben gehalten, bleichbraun wie billiges Birkenfurnier im Vordergrund, und als sich irgendwann der Hintergrund öffnet, blättert da auch schon der Lack von den grauen Wänden. Das erscheint so ganz anders als der schwere Landhausstil, den Josef Bierbichler, Schauspieler und Gastwirt, in seinem Roman "Mittelreich" auch sprachlich hin und wieder ausarbeitet. Er erzählt von einer Seewirtschaft im Bayerischen, ungefähr vom Ersten Weltkrieg bis in die Achtzigerjahre hinein und von einer Familie, die die Last und die Schuld ihrer eigenen wie der Zeitgeschichte über die Generationen trägt.

Anna Sophie Mahler und Johanna Höhmann haben in ihrer Textfassung des Romans den Blick verengt: Das Gesellschaftliche findet sich in Mahlers Inszenierung nur da, wo es – und das tut es oft – unmittelbar auf die traditionsverfluchten Mitglieder der Wirtsfamilie einwirkt; Bierbichlers regelmäßige Süffisanzen zum Weltbild der Provinzmenschen sind so gut wie ganz verschwunden.

Missbraucht

Übrig bleiben die Katastrophen einer Familie von Jedermännern, tragisch womöglich in der Unausweichlichkeit, mit der die Erblast und die Zeitläufte sie niederdrücken, lose strukturiert von Brahms und der trügerischen Hoffnung auf Erlösung: Leid tragen sie alle, selig wird von ihnen keiner. Der designierte Seewirt bekommt im Ersten Weltkrieg eine Kugel in den Kopf und überlebt schwerst unberechenbar, sein Bruder kann deshalb die Hoffnungen auf eine Sangeskarriere begraben und muss den Hof übernehmen. Über das, was er im Zweiten Weltkrieg sah oder tat, schweigt er auch zu seinem Sohn Semi und steckt ihn in ein katholisches Internat, wo er von den Mönchen missbraucht wird, und bevor der Tod in der Familie erneut zuschlägt, wendet Semi sich den Kommunisten zu und der Seewirt verspricht seine ganze Habe ausgerechnet der Kirche.

Mittelreich4 560 JudithBuss uvorne: Steven Scharf  © Judith Buss

Keine Erlösung

In der kurzen Bühnenfassung des Stoffes scheinen die Martern dieser Familie bisweilen allzu exemplarisch aus der Historie abgeleitet. "Kunst ist Leben und Leben Geschichte und Geschichte Menschheitsgeschichte", heißt es, als hätten die Autoren diesen Vorwurf vorausgesehen. Diese scheinhafte Kausalität referieren die Menschen auf der Bühne zunächst mit einer paradoxen Abwesenheit, als ginge diese ihre eigene Geschichte sie wenig an. Doch während die Klavierläufe von Stefan Wirth und dem musikalischen Leiter Bendix Dethleffsen einen bedrohlich tröpfelnden Klangteppich unter manche Szene legen, erwacht das gesellschaftlich Abstrakte in den Körpern der Schauspieler auch immer wieder zu neuem Leben: Brutal, stakkatohaft, in schmerzendem, robotischen Rhythmus herausgeschrien, wenn Steven Scharf den Semi von den furchtbaren Spielen der Mönche erzählen lässt. Oder ganz leise, sanft, scheinbar verwirrt, in Wahrheit aber nur mit den in die Ferne blickenden Augen in der Vergangenheit verloren, wenn Stefan Merki die lange verschütteten, grausamen Erinnerungen des Seewirtes ans Licht holt. Und zwischen diesem gewaltigen Leid das alltäglichste einer Frau, die nicht genug geliebt wird und womöglich nicht genug liebt und für die Annette Paulmann deshalb ihre Zuflucht sucht im Sachlichen, Zupackenden, in starker Hand und geradem Rücken – und doch wird die Seewirtin vom Blitz getroffen und gebeugt und geschwächt. Aus der Geschichte, die das Menschsein ist, gibt es eben keine Erlösung, und am Ende tritt Steven Scharf die Verdeckklappe des Plattenspielers zu, der als Einziger noch das Requiem dudelt.

 

Mittelreich
nach dem Roman von Josef Bierbichler
in einer Fassung von Anna-Sophie Mahler und Johanna Höhmann.
Inszenierung: Anna-Sophie Mahler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Pascale Martin, Musik: Stefan Wirth, Sachiko Hara, Manfred Manhart, Anno Kesting, Bendix Dethleffsen, Licht: Jürgen Tulzer, Dramaturgie: Johanna Höhmann, Musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen, Chor: Junges Vokalensemble München, Dirigentin: Julia Selina Blank.
Mit: Steven Scharf, Thomas Hauser, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jochen Noch, Damian Rebgetz.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Anna-Sophie Mahler habe aus dem "Roman-Gewebe starkfarbiger Erzählstränge" die stärksten ausgeschnitten und sich "klug" auf wenige, den gesamten Roman durchdringende Motive beschränkt, schreibt Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (24.11.2015). "Der Vater bricht unter der Last der Schuld tot zusammen, der Sohn tobt in verzweifelter Wut." - Dies seien die einzigen Theatermomente gegen Ende von "Mittelreich", die Mahler ihren Schauspielern gönne. "Sonst hat sie Bierbichlers Menschenbildern sämtlich das Leben entzogen und sie in die Künstlichkeit enthoben." Mahler skizziere ein "Meta-Panoptikum von fahlen Lemuren", das "nicht wirklich grotesk" sein dürfe.

Anna-Sophie Mahler treibe dem Text das Bayrische aus, findet n der Abendzeitung München (24.11.2015). Die satten, drastischen Schlüsselszenen würden auf der Bühne aufgegriffen. So bilde sich eine Kette intensiver, oft unfreiwillig kryptischer Szenen, die nur lose zusammengehalten werden können. "Dass der Zuschauer dennoch bei aller Schwere der erzählten Geschichten in einen instinktiv assoziativen Schwebezustand gerät", liege auch an der Musik. "Brahms’ Requiem gibt dazu die emotionalen, entscheidenden Stichworte: Fragen nach Trost und dem Ziel des Lebens. Denn an diesen Lebensfragen arbeiten sich alle Figuren hier ab." Fazit: "So ist den Kammerspielen mit ihrer Musik-Dramatisierung des Romans 'Mittelreich' eine spannende, neue Form gelungen, die aber nicht alles in den Griff bekommt."

"Anders als die meisten Regisseure, die Romane fürs Theater adaptieren, hat Anna-Sophie Mahler keinen Reader's-Digest-Version eingerichtet", so Christoph Leibold im Deutschlandradio (22.11.2015). Als Zuschauer brauche man eine Weile, sich auf den ruhigen Rhythmus und die leise Gangart von Anna-Sophie Mahlers Inszenierung einzustellen, die frei ist von grellen Effekten und vieles in der Andeutung belässt. "Wer sich darauf einzulassen vermag, wird eine Aufführung erleben, die – trotz des Verzichts auf Überwältigungsstrategie – mit stiller Eindringlichkeit überwältigt." Zweifelsohne die bisher beste Inszenierung der noch jungen Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen, so Leibold.

"Mittelreich" ist sicherlich die beste unter den großen Neuproduktionen der ersten Spielzeit von Intendant Matthias Lilienthal", schreibt Bernd Noack auf Spiegel-Online (23.11.2015). "Vor allem aber zeigt sie, dass das, was die Kammerspiele schon immer auszeichnete, auch weiterhin ihr großes Plus sein kann: ein starkes, wunderbares Schauspieler-Ensemble". Aus Bierbichlers derb-ehrlicher Vorlage werde spröde Kunst gemacht. In permanenter Moll-Stimmung suchen die Figuren aus Sicht des Kritikers "in starrer, abweisender Haltung erzählend und sich erinnernd Auswege aus ihren Lebenstrümmern und falschen Träumen und landen doch immer wieder bei ihren Notlügen, mit denen sie sich aus der Verantwortung vor Gott und den Resten ihrer kleinen Welt retten."

Die "statische Atmosphäre auf der Bühne", schreibt Annette Walter in der taz (25.11.2015), werde zum "Synonym für das starre Dorfgefüge, das die Luft zum Atmen abschnürt und am besten in der bayerischen Provinz gedeiht". Wo "Nationalsozialismus und Missbrauch in der Kirche" wucherten und man "Unverschämtheiten" vernähme, die man heute noch in der CSU höre: "Das sind einfach ganz andere Menschen, diese Flüchtlinge. Die passen einfach nicht in unsere Gegend." Alles in allem handele sich um eine "solide und bodenständige Inszenierung", ohne "Tamtam", es sei "kein Meisterstück", aber "klassisches, unaufgeregtes Sprechtheater, das auf ein exzellentes Ensemble setzt". Bierbichler selber habe auch applaudiert. In Reihe sieben.

Stimmen zum Gastspiel der Inszenierung beim Berliner Theatertreffen 2016

Anna-Sophie Mahler habe in ihrer Adaption des Romans von Sepp Bierbichler "alles vermeiden wollen, was nach irgendwie saftiger, breitpinseliger Milieumalerei ausgesehen hätte", schreibt Peter von Becker anlässlich des Theatertreffen-Gastspiels von "Mittelreich" im Tagesspiegel (20.5.2016). "Das war klug, denn die in teils kraftvoll realistischer, manchmal auch kleistisch kataraktgleicher Prosa erzählte Familiensaga aus einem Jahrhundert bayrisch-deutscher Geschichte lebt von einer Sprache, die noch dem Bodenständigsten etwas Abgründiges oder über allen Naturalismus Hinaustanzendes verleiht." Mahler nähere sich Bierbichlers Roman "oft assoziativ. Sie lässt nur einzelne Motive aus dem Romantext anklingen". Es bleibe aber "eine Etüde. Ein Theater nur 'nach' einem Roman. Sekundär."

"Mittelreich" sei "eine Inszenierung wie unter Schleierwolken", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (20.5.2016). "Das hat den Vorteil, dass die Figuren porös bleiben, offen für Assoziationen. Man fühlt sich gut bei ihnen, sonderbar willkommen." Es klinge "alles weich, wohltemperiert, Andante moderato. Das hat den Nachteil, dass die Arrangements seltsam austauschbar wirken: karge Szenen, unkonkret, auch unkörperlich. Eine Seifenblaseninszenierung, kaum erhascht man etwas, zerplatzt es wieder. Vielleicht will sie damit auf die Flüchtigkeit (des Theaters) und Vergänglichkeit (des Lebens) hinweisen, aber sie flattert um ihre Vorlage herum wie ein Schmetterling um eine verlockende Blüte." Die Härte der Romanvorlage jedenfalls sei "in der Uraufführung durch die junge Regisseurin Anna-Sophie Mahler weggekünstelt".

Aus wechselnden Erzählperspektiven werde "leblos und distanziert familiäres und historisches Erbe in den Blick genommen", meint Ute Büsing auf der Website des RBB (Zugriff 20.5.2016). Der "bayerischen Saft- und Kraftsprache Bierbichlers" sei "der Nährboden entzogen. Es grassiert lähmende Künstlichkeit. Nur in den letzten 20 Minuten gewinnt die Inszenierung an Intensität und Dichte. Erst da wird endlich Theater gespielt." "Mittelreich" wirke "bei Anna Sophie Mahler wie durch den Entsafter gezogen – bis auf den Schluss kraftlos".

 

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