Keinen Pfennig wert

von Georg Kasch

Berlin, 25. November 2015. Die Trümmer von Aleppo sind der wunde Fluchtpunkt, auf den dieser Abend zusteuert. Eine Kamera gleitet unter Hubschraubergetrommel über die Ruinen, in denen ein Balkongitter oder eine halbe Fassade erahnen lassen, dass Aleppo mal eine schöne, lebenswerte Stadt gewesen sein muss. Jetzt erinnern die Bilder an die vergilbten Aufnahmen von Berlin 1945 – eine Stadt, in der man vielleicht noch irgendwie hausen kann. Aber leben?

Syrien also. Dabei ist der Krieg gar nicht allgegenwärtig in "Der klügste Mensch im Facebook", jenem (E-)Buch, das ausschließlich aus Facebook-Posts besteht, die Aboud Saeed zwischen 2011 und 2013 schrieb. Vor dem Hintergrund der Aufstände gegen Assad und dem Bürgerkrieg postete er über Alltäglichkeiten – und den Terror. Dass er so zum New-Media-Star wurde, liegt an der literarischen Qualität der Kurztexte, die Paradoxien ausloten, lässig Provokationen hinschlenzen, lyrisch die Individualität feiern. Die einem immer dann den Atem stocken lassen, wenn neben dem Nachdenken über Follower und das schöne Mädchen von Nebenan der Diktator und Tote um die Zeilen lugen.

Facebook-Timeline als Musiktheater

Warum aber aus den Kurztexten, die neben dem Datum auch immer die Likes verzeichnen, einen Theaterabend machen? So richtig wird das im Berliner Ballhaus Naunynstraße zunächst nicht klar, wo der ziemlich erfolgreich zwischen allen Theater- und Filmstühlen wandelnde Schauspieler Karim Chérif zusammen mit Dramatikerin Azar Mortazavi eine postdramatische Versuchsanordnung für zwei Personen gebastelt hat. Was Chérif auf der kleinen Bühne spricht, wirkt mal wie eine Anverwandlung, dann wieder wie ein Kommentar – ein kleiner, hibbeliger Aufmerksamkeits-Schreihals, der sich eigentlich nur von seiner Überfrau, halb Mutter, halb Heilige, in seinem Kampf um Aufmerksamkeit bremsen lässt. Bärbel Schwarz, die nebenbei virtuos die Musik macht zwischen aufgekratztem Synthie-Pop, Schlagzeug-Gedröhn und E-Gitarren-Melodien, liefert ihm Stichworte – und braucht doch oft nur einen Blick aus ihren dick umschminkten Augen, um Saeeds aus Unsicherheit aufgeblasenem Ego die Luft rauszulassen.

Facebook2 560 Wagner Carvalho uBärbel Schwarz © Wagner Carvalho

Das ist verdammt sympathisch, lässt aber alles, was man mit dem Medium Internet hätte anstellen können, außen vor. Einziger technischer Schnickschnack: Auf den oberen Enden der weißen Bahnen, die unten einen rechtwinklig aufeinandertreffenden Laufsteg ergeben, über eine Treppe links und das Instrumentenpodest rechts aber bis unter die Decke führen, laufen die englische Übertitelung und Saeeds Original-Posts. Die entwickeln sich allmählich zum selbstständigen Kommentar – Chérif muss nur einmal nachlässig nach oben schauen, schon läuft im Kopf die Assoziationsmaschine wild.

Die Posts haben es in sich, gerade weil die beeindruckendsten von ihnen hier so unerwartet um die Ecke kommen wie im Buch. Ziemlich am Ende, als wir schon viel über seinen Alltag in Syrien erfahren haben, schreibt Saeed: "All dieses Zeug, was in den Zeitungen, den Medien und auf Facebook über die Revolution geschrieben wird, ist keinen Pfennig wert. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird Aleppo und sein Umland einfach zerstört werden und wir werden zermalmt und vertrieben werden, wir werden die Kunst des Grauens lernen und die Kunst des Springens und Rennens und Fluchens. Jeder Einzelne von uns wird eine wandelnde Enzyklopädie des Schreckens, der Angst und der Brutalität sein, falls er nicht vorher sterben wird." Prophetisch.

Leerstelle Syrien

Heute lebt Saeed dank der Unterstützung seines Verlags in Berlin und schreibt an seinem dritten Buch, ausgestattet mit dem Autorenstipendium des Berliner Senats. Das führt allerdings auch zu einem der merkwürdigsten Momente: Plötzlich tritt er selbst auf und erzählt in gebrochenem Englisch, warum er das deutsche Theater nicht versteht. Aber wenn wir es mögen würden – bitte schön, hat er nix gegen. Das erinnert zwar an die Rotzigkeit seiner Kurztexte, wirkt aber in der Inszenierung wie ein Dernierengag, der eher Energie verschluckt statt den Drive des Abends zu intensivieren.

Und Drive hat er ja, weil Chérif und Schwarz so reizende Performer sind, die dieses Performertum lässig ausstellen. Herrlich ihre Musical-Einlage zu melancholisch sich in die Tiefe schraubender Melodie, die im Refrain gipfelt: "Ich bin keinen Pfennig wert." Oder wenn Chérif sich nach dem Post "Eines Tages werden wir aus dem Bildschirm schlüpfen / Als Sieger" mit einem Sprung in die Kulissen verabschiedet und Schwarz das Feld überlässt als Saeeds Alter ego Ibrahim.

Vor allem aber umkreist dieser Abend die Leerstelle Syrien. Wir können uns nicht vorstellen, was da geschieht, auch nicht mit Saeeds Posts. Deswegen regieren erst am Ende, als Chérif und Schwarz die Bühne verlassen haben und sich nur noch eine letzte Melodie im Loop taumelt, die Bilder der Zerstörung – nachdem der Abend 80 Minuten lang zuvor vom Leben erzählt hat.

 

Der klügste Mensch im Facebook
von Aboud Saeed
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
Bühnenfassung: Karim Chérif und Azar Mortazavi
Regie: Karim Chérif, Co-Regie: Selina Shirin Stritzel, Bühne und Licht: Markus Pötter, Kostüm: Tanja Wagner, Video: Manar El-Abed, Musik: Bärbel Schwarz.
Mit: Bärbel Schwarz, Karim Chérif, Aboud Saeed.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.ballhausnaunynstrasse.de

 

Kritikenrundschau

Cherif bringe den "klügsten Mann" auch als "großspurigsten Mann im Facebook" auf die Bühne. "Und da er keinen Monolog inszenieren wollte, hat er sich eine Sparringspartnerin im bodenlangen Abendkleid an die Seite gestellt", so Marie Kaiser im Deutschlandfunk (26.11.2015). Der echte Aboud Saeed, der noch nie in einem Theater war, stehe plötzlich selbst auf der Bühne. "Zumindest für fünf Minuten. Wie auf Facebook darf er einfach erzählen, was ihm gerade in den Sinn kommt: 'Wenn du etwas Wichtiges zu sagen hast, sag es auf eine alberne Art, nicht auf eine ernste. Albernheit ist viel tiefgründiger.'" Diese alberne Tiefgründigkeit treffe Regisseur Karim Chérif in seiner Inszenierung. "Allein zum Schluss fallen ihm die Erzählfäden aus den Händen. Seine Geschichte endet - wie das Buch - im Jahr 2013, in dem Aboud Saeed Syrien verlassen hat."

"Wenn es einen Vorteil gibt, dass der Schauspieler Karim Cherif diese Chronik nun im Ballhaus
Naunynstraße zu Theater macht, dann liegt er darin, diese Lektüre neu anzuregen", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (27.11.2015). Denn die Radikalität und poetische Härte, die Abouds Texte haben, kann die gut meinende Theaterfassung nicht einholen. Hauptproblem sei, dass Cherif den Monolog in einen Dialog aufweiche. "Aus spielerischer Sicht verständlich, doch dem Text, der gerade mit seiner Einsamkeit hadert, nimmt es die Eindringlichkeit." Da helfen auch die knallenden Rhythmen nicht, mit denen Bärbel Schwarz ihr Schlagzeug traktiere und Cherif immer wieder in zuckende Falltänze schickt. "Trotzdem: ein Dank für die literarische Entdeckung."

Kommentar schreiben