Das ganze Land soll reden

1. Dezember 2015. Weil die Medien und das Internet offenbar versagen, ein öffentliches Gespräch über die Frage nach den Flüchtlingen und der offenen Gesellschaft herzustellen, will der Sozialpsychologe Harald Welzer das jetzt selbst in die Hand nehmen. Ihm schwebt eine Reihe von Versammlungen vor, auf denen die Deutschen in den kommenden Monaten in den Theatern, den Kulturhäusern und Stadthallen zusammenkommen und miteinander sprechen. Über den Beginn die Debatten-Initiative berichtet Felix Stephan auf Zeit-online.

"Klar, jede Bewegung fängt klein an. Aber so klein? Zum Auftakt seiner großen Debattenoffensive sitzt der Sozialpsychologe Harald Welzer fast allein im Balkonzimmer des Deutschen Theaters Berlin." So beginnt Felix Stephan seinen Text über das Projekt von Harald Welzer, die Deutschen endlich mit sich selbst ins Gespräch zu bringen. "Alle Gespräche, die über den Themenkomplex Flüchtlinge und Grenze geführt werden, handeln implizit von einer einzigen Frage", wird Welzer zitiert. "Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Eine offene Gesellschaft oder eine Ausgrenzungsgesellschaft?"

Irrsinniger Plan

Ulrich Khuon habe dafür das Deutsche Theater Berlin zur Verfügung gestellt und die Intendanten der anderen großen Stadttheater Deutschlands angesprochen. Absagen gab es keine: In den nächsten zwei Wochen werden öffentliche Debatten in Hamburg, Frankfurt, München und Köln stattfinden. Dann geht es weiter: Saarbrücken, Flensburg, Greifswald. Danach sollen die Betriebe folgen: Stahlwerke und Autofabriken. "Das ganze Land soll endlich reden. Ein irrsinniger Plan."

Welzer wünsche sich vor allem belastbare Aussagen. "Und um belastbar zu sein, müssen sie etwas kosten: Konzentration, Argumentation, Rechtfertigung. Der Minimalaufwand einer Demokratie." Es geht ihm auch darum, den Radikalen die Deutungshoheit zu entwenden und sie dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben: der Mehrheitsgesellschaft.

Die erste von Welzers öffentlichen Debatten findet in Potsdam statt. Ingo Schulze, Welzer und die amerikanische Philosophin Susan Neiman sitzen im kleinen Haus auf Holzstühlen und halten Impulsreferate. "Man merkt der Veranstaltung an, dass sie zum ersten Mal stattfindet. Nicht allen scheint klar zu sein, worüber eigentlich gesprochen werden soll, dabei ist es eigentlich ganz einfach: über alles."

Stellenweise wirke der Abend wie eine Versammlung invertierter Wutbürger, "nur eben unter umgekehrtem Vorzeichen". Und einerseits gehe der Abend im gewissen Sinne schief. "Die Potsdamer, die hergekommen sind, führen keine Debatte über die Frage, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. Sie errichten sie längst." Andererseits deute sich an, dass Welzers Initiative eine ganz andere Funktion übernehmen könnte als vorgesehen, "sie könnte genau das öffentliche Forum werden, das der pragmatischen Helfercommunity bislang gefehlt hat".

(zeit.de / sik)

 

 
Kommentar schreiben