Hype und Elend des Artivismus

von Sophie Diesselhorst

7. Dezember 2015. "Text, Text?!?" unterbricht sich die Schauspielerin immer wieder in ihrem Monolog – in einem langen roten Flatterkleid hängt sie an zwei aus dem Schnürboden des Theaters Dortmund kommenden Seilen und wird hektisch rauf und runter gezogen. Unter solchen Bedingungen ein populistisches Manifest zu rezitieren, das die Massen mitreißen soll, ist keine einfache Aufgabe. Das Hauptproblem dieser Vorrednerin scheint aber zu sein, dass sie selbst nicht so recht an die positive Aufbruchsstimmung glauben kann, die sie zu verbreiten hat.

Nicht mehr still

Und das ist angesichts der aktuellen Weltlage und vor allem der polarisierten Öffentlichkeit, die diese Weltlage zusammen mit der Vielheit der Medien produziert, auch kein Wunder. Das Peng Collective zeichnet verantwortlich für diese Illustration der weitverbreiteten Ratlosigkeit; die einmalige Veranstaltung "Populistinnen-Gründungsparty", die Anfang November im Theater Dortmund stattfand, markierte den Anfangspunkt der zweijährigen Doppelpass-Kooperation zwischen dem Theater und der Artivismus-Gruppe.

Theater trifft Aktion Szekely 4300 560"Die Populistinnen": Friederike Tiefenbacher und der Dortmunder Sprechchor  © Edi Szekely

Es war tatsächlich im wesentlichen eine Party, aber zunächst wurde das Publikum mit auf die Bühne gebeten, wo Vertreter*innen des Peng Collective ihre jüngste Internetkampagne "Intelexit" präsentierten und dann die Schauspielerin in dem roten Kleid abseilten – die irgendwie auch wie eine symbolische Bankrotterklärung des Theaters wirkte: All diese Effekte, Kostüme, all diese Deklamierkunst kann uns doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es keinen Sinn mehr macht, still und passiv im Publikum zu sitzen, dass wir stattdessen gemeinsam aktiv werden müssen, so die Message.

"Mach was zählt"

Es nimmt nicht wunder, dass der zweite Streich der Doppelpass-Kooperation zwischen Peng und Dortmund dann eine Internetkampagne war, die sich also in den virtuellen statt in den Theaterraum erstreckt hat: "Mach was zählt" ist eine virtuose Parodie auf die riesige Werbe-Kampagne der Bundeswehr "Mach was wirklich zählt", die allerdings nicht die Vor-, sondern die Nachteile eines Jobs bei der Bundeswehr beleuchtet. "Verantwortung übernehmen. Weiterkommen. Bei der Bundeswehr machen Sie sich stark für unsere Gesellschaft und Ihre Zukunft. Dafür qualifizieren wir Sie in über 4.000 Berufen – in Uniform und in Zivil. Entdecken Sie Ihre Möglichkeiten", heißt es bei der Bundeswehr. "Der Krieg kann dich zerstören", heißt es auf der Seite des Peng Collective, und unter der Überschrift "Dein Leben für die Mächtigen": "Die Bundeswehr braucht dich besonders im Ausland. Dort sollst du mit deinem Leben für die Interessen der Regierung geradestehen und ihre Befehle ausführen. Dabei handelt es sich um außenpolitische oder wirtschaftliche Interessen. Mit der Verteidigung Deutschlands hat das nichts zu tun."

Peng Collective 4 560© Peng Collective

Alles im exakt gleichen Design wie die Bundeswehrkampagne, unterlegt mit geometrischen Mustern in Camouflage-Farben. Eine Scheibe abschneiden könnte das Original sich von der griffigen Präsentation von Zahlen und Fakten des Fakes, die die Anti-Thesen argumentativ unterfüttert – "16 Auslandseinsätze der Bundeswehr laufen aktuell", "1602 Behandlungsfälle von psychischen Erkrankungen im Jahr 2014", "26 Prozent der Soldaten stufen sich selbst als rechts ein". Wo die Bundeswehr ihre Präsentation mit Bewegtbildern einer dankbar lächelnden verschleierten Frau und im Wald vorrückenden Soldaten unterlegt, also an den inneren Helden appelliert, belassen Peng es nicht bei den ebenfalls ans Gefühl appellierenden Abschreckungs-Fakten, sondern machen am Ende praktische Alternativvorschläge zur Bundeswehrkarriere: "Wenn du deinen Mitmenschen helfen und die Gesellschaft wirklich voranbringen möchtest, ergreife einen sinnvollen Beruf": z.B. Arzt, Lehrerin, Arbeit mit Geflüchteten.

Ein Coup! Aber wirksam?

Natürlich greifen die Medien, sowohl die alten als auch die neuen, "sozialen", so ein "Mockup" dankbar auf – zahlreiche Zeitungsartikel erschienen über die Anti-Kampagne; mit dem Hashtag #Machwaszaehlt bekundeten Twitterer ihre Unterstützung oder machten ihren eigenen anti-militaristischen Gefühlen Luft, und das alles führte dazu, dass die Fake-Kampagne der echten im Google-Ranking zeitweilig den Rang ablief, dass also jemand, der nach der Bundeswehr suchte, zuerst auf die Seite des Peng Collective gewiesen wurde.

Peng Collective 1 560© Peng Collective

Ein Coup!? Die Werbeagentur, die die Originalkampagne für die Bundeswehr gestaltet hatte, reagierte gelassen. Rechtliche Schritte werde sie nicht einleiten, zitiert die Berliner Morgenpost Geschäftsführerin Sabine Castenow. "Das ist sicher etwas, worauf die es gerne anlegen würden." Außerdem halte sie es noch nicht für ausgemacht, dass die Trittbrettfahrer der Bundeswehrkampagne überhaupt schaden: "So geht noch einmal durch die Presse, dass die Bundeswehr Arbeitskräfte sucht. Im Schnitt ist das aus unserer Sicht eher positiv zu bewerten."

#Shares&Likes

Ob man das nun als zynische Werbe-Denke abtun möchte oder nicht: Es beleuchtet die Frage nach der Wirksamkeit solcher politischer Kunstaktionen wie unter anderen das Peng Collective sie macht, eine Frage, der die Artivist*innen sich stellen müssen, weil sie ja selber eine neue Wirksamkeit reklamieren. Griffigstes Beispiel dafür ist wohl der künstlerische Leiter des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) Philipp Ruch, der die gute alte Demo als "leere politische Floskel" disst, die die Mächtigen "noch nicht einmal juckt" (Ruch jüngst bei einer Veranstaltung zum Wirken des radikalen russischen Aktionskünstlers Pjotr Pawlenski im Rahmen des Nordwind-Festivals). Im Schnellverfahren wird die Wirksamkeit des Artivismus an der Zahl der Rundfunk- und Zeitungsberichte, Likes und Shares bei Facebook & Co. gemessen, das Hype-Prinzip lässt das allgemeine Interesse an einer zuverlässigeren Analyse seiner aufklärerischen Kraft verblassen.

Kongo Tribunal

Anders als Peng und das ZPS orchestriert der Dokumentartheatermacher und ehemalige Journalist Milo Rau seine Arbeit, haut aber in die gleiche Kerbe. An seinem Kongo Tribunal lässt sich die Wirksamkeits-Schieflage aktivistischer Kunst noch einmal anders verstehen. Rau inszenierte im Frühjahr 2015 einen Gerichtsprozess in zwei Teilen; in der Provinzhauptstadt Bukavu wurde die Verantwortung der nationalen Politik sowie der freien, käuflichen Milizen für die von Chaos und Gewalt geprägten Zustände im Ost-Kongo verhandelt, in den Berliner Sophiensaelen ging es dann um die Rolle der Internationalen Politik, der multinationalen Konzerne und der NGOs.

Das Kongo Tribunal2 560 c IIPM uMilo Rau (2. v. r.) auf Recherchereise für "Das Kongo Tribunal" im Kongo  © IIPM

In seinem beide "Hearings" bilanzierenden Schlussplädoyer hoffte der Vorsitzende des Tribunals Jean-Louis Gilissen, dass das Kunstprojekt in seiner Organisation als "gemischte Kammer" mit kongolesischen und internationalen Geschworenen als Vorbild für eine neue Gerichtsbarkeit im Kongo dienen möge, dass also die Prozesse noch einmal, aber rechtswirksam geführt werden möchten. Milo Rau selbst bekräftigte diesen Anspruch bei der Pressekonferenz, die das Projekt abschloss. Wo auch Vital Kamerhe auftrat, Präsidentschaftskandidat der Opposition, auf den Rau für die Durchsetzung dieses Ziels alle Karten zu setzen schien; er war schon bei beiden Hearings als Zeuge geladen. Das Problem an der Hoffnung, dass der Teufelskreis der Straflosigkeit mithilfe eines unbestechlichen Politikers durchbrochen werden könnte, ist ein anderer Teufelskreis, den Rau zwecks moralischer Verdichtung geflissentlich ignorierte: der, den Joseph Kabila, Präsident des Kongo seit 2001, als Bannkreis um seine Macht gezogen hat. Eine Macht, die groß genug ist, Kabila zu befähigen, die Wahlen zu manipulieren. Ende 2016 soll gewählt werden, es sieht nicht gut aus für Vital Kamerhe und das große Projekt, dem Kongo Gerechtigkeit zu bringen.

Pinocchio Oberhausen 560 BeatriceKrol"Pinocchio" vom Theater Oberhausen. Den Vorhang für das Familienstück, das auch vor Kindern
von Geflüchteten mit arabischer Übersetzung gespielt wird, bemalten Kinder der Stötznerschule
und der Integrationsklasse der Brüder Grimm Schule in Oberhausen. © Beatrice Krol

Willkommenskultur – was kommt nach dem Mitleid?

Milo Rau inszeniert indes an der Berliner Schaubühne einen Theaterabend über Mitleid und seine globalen Bedingungen und scheint den Radius seiner Wirkungsmacht also wieder kleiner zu ziehen, sein Sendungsbewusstsein eher auf ein westliches Theaterpublikum auszurichten – das sich in seiner Wohlstandsisolation zunehmend unwohl fühlt.

Denn der Preis dafür wird ja immer sichtbarer in Gestalt der vielen Flüchtenden, die ihr Leben riskieren, um in den reichen Westen zu gelangen. Begrüßt werden sie seit dem Sommer von zehntausenden ehrenamtlichen Vertretern der "Willkommenskultur", die sich mit Stullenpaketen an den Hauptbahnhöfen drängeln. Wenn Philipp Ruch mantraartig wiederholt, dass die Aktionen des ZPS dazu dienen, das Mitleid der Menschen sichtbar zu machen, dann rennt er damit nach diesem Sommer, in dem alles sehr schnell ging, offene Türen ein: Sie machen es selbst sichtbar, und die Frage ist mittlerweile eher, wie es nach dem Mitleid weitergeht, ob die Offenheit der Menschen haltbar ist. Oder wie sie haltbar gemacht werden kann – im Widerstand gegen eine völlig überforderte Politik, die sich viel Arbeit von den Willkommenskulturellen abnehmen lässt und trotzdem als gesellschaftliches Signal nicht die mit den offenen Armen, sondern die "besorgten Bürger" ernst nimmt, die so radikal Angst haben, dass sie ihre eigenen Häuser lieber anzünden als zu dulden, dass Geflüchtete in ihnen untergebracht werden.

2099 560 Nick Jaussi 2015 u"2099" in Dortmund: Uwe Schmieder und Christoph Jöde ©Nick Jaussi

Bevor es Puff macht

Die Wirksamkeit der Aktionskunst ist also abhängig von einem gesellschaftlichen Kontext, der sich verändern kann. Selbstredend. Worin auch eine gute Nachricht liegt. Wenn das ZPS dem Publikum in seinem dystopischen Theaterabend 2099 – übrigens auch im Theater Dortmund, das sich als Schnittstelle zwischen Theater und Artivismus profiliert – nach dem Motto "Da habt ihr eure Scheiß-Willkommenskultur zurück" gespendete Klamotten in den Schoß wirft, dann signalisiert das allerdings eher ein unheilbares Misstrauen in die Gesellschaft, die sie doch angeblich mit ihrer Aktionskunst formen möchten. Und der Vorwurf, dass es beim Klamotten-Spenden ums Sich-selbst-Feiern geht, strahlt auf die Artivisten zurück – feiern sie sich nicht auch vor allem selbst in ihrer vermeintlichen moralischen Überlegenheit? An dieser Stelle droht der Artivist zum Solipsisten zu werden, der sich mit dem Rücken zur Gesellschaft in einer narzisstischen Selbstbezüglichkeit verliert.

Bevor es bei solchem Wettrüsten Puff macht, der Artivismus als Modephänomen einsortiert wird und die Ratlosen sich wieder einzeln ihrer Ratlosigkeit zuwenden, wäre es doch gut, ein Vertrauen zu einer anderen Wirksamkeit aufzubauen – der der Verständigung. Die wiederum nur zustande kommen kann, wenn man auch die Ratlosigkeit ernst nimmt. So wie der Gorki-Schauspieler Dimitri Schaad, der sich im November in einer der Gesprächsrunden, in die Sebastian Nüblings Jelinek-Paraphrase In unserem Namen regelmäßig endete, als "saftloser Liberaler" outete und von seiner Lähmung angesichts der Tatsache sprach, dass er der passionierten Angst von Pegida & Co. keine annähernd so große Leidenschaft entgegensetzen kann. Dabei redete er sich in Rage!

welches land wollen wir sein 560HL Boehme uHarald Welzers Großer Ratschlag: "Welches Land wollen wir sein?" in Potsdam  © HL Böhme 

Großer Ratschlag

Vielleicht gibt's also noch eine Chance für alle, die sich bisweilen fühlen wie die Peng Collective-Schauspielerin im roten Kleid: "Text, Text?!?" Der Sozialpsychologe Harald Welzer, der übrigens auch bei Milo Raus "Kongo Tribunal" zu den Geschworenen gehörte, scheint das zu glauben und probiert die Verständigung zum Thema Neue Einwanderungsgesellschaft systematisch aus, indem er eine großangelegte Versammlungsreihe organisiert zur offenen Begegnung in Stadthallen, Kulturhäusern – und Theatern (Die Zeit berichtete – unsere Presseschau vom 1. Dezember 2015).

Zu Trägern der Willkommenskultur haben die Theater sich ja schon gemacht, wie unserer Liste mit Beispielen des aktivistischen Engagements zu entnehmen ist. Sie haben außerspielplanmäßige Benefizveranstaltungen organisiert, Spenden gesammelt, Geflüchteten Freikarten angeboten und Vorstellungen übertitelt, so dass sie auch verstanden werden, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, zum Beispiel Schulen, Workshops und Informationsveranstaltungen aus dem Boden gestampft, sich in Unterkünften engagiert, zum Beispiel mit Deutschunterricht, Welcome Dinners und Lange Nächte der Begegnung gehostet und vereinzelt sogar Geflüchtete untergebracht.

Solche #RefugeesWelcome-Maßnahmen mögen unglamourös wirken, aber sie sind eine eigene Form des Ausstiegs aus einer theaterimmanenten Selbstbespiegelung, die sich in den 1990ern und Nuller Jahren ein wenig zum Trend erhoben hatte. Denn sie kreieren eine andere Idee von Theater: als neutraler Ort, wo grundsätzlich jede*r auf Verständigungssuche willkommen ist. Ob mit Migrations-, Willkommenskultur- oder "besorgtbürgerlichem" Hintergrund.

Und was ist mit den Artivisten? Die gewitzten, sophisticated durchdesignten Kampagnen von Peng, ZPS & Co. mögen weniger konkrete Veränderung bringen als sie möchten – aber für die Theater sind sie trotzdem wichtig, allerdings in ganz anderer Hinsicht: nämlich als spielerische Analysen unserer Multimedia-Gesellschaft und damit als Ideengeber für das alte Medium, das sein Publikum verliert, wenn es sich im analogen Raum abschottet.

 

sd 1 thomas aurinSophie Diesselhorst ist Redakteurin von nachtkritik.de; außerdem ist sie für andere Print- und Online-Medien tätig. Schwerpunktmäßig schreibt sie derzeit über Theater und Aktivismus und beobachtet, wie nachhaltig das Engagement der Theater in der Arbeit mit Geflüchteten ausfällt.

 

 

 

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