Froh, nicht in Ungarn zu sein

9. Dezember 2015. "Die Ereignisse in Ungarn sind für mich immer arg bedrückend", sagt Viktor Bodó im Gespräch mit Alexandra Kedves von der Zürcher Tageszeitung Der Tagesanzeiger. Mangels Subventionen habe er seine international erfolgreiche Szputnyik Shipping Company drastisch verkleinern müssen. Auch wenn es viele "intelligente und gute Menschen" in Ungarn gebe, viele ungarische Künstler und Theaterleute, "auch ich", dem politischen Klima trotzten und sich für die Flüchtlinge engagierten, werde die Regierung "von Tag zu Tag zynischer", so Bodó, der zur Zeit in Zürich den "Besuch der alten Dame" inszeniert: "Es ist schlimm, das so sagen zu müssen, aber für mich ist es ein gutes Gefühl, hier zu sein und nicht in Ungarn."

Er selbst sei ja quasi schon ausgewandert. "Aber nicht nur die Intellektuellen emigrieren. Auch Kleinunternehmer oder etwa Arbeitskräfte aus dem Gesundheitswesen können woanders besser leben und arbeiten." Er verstehe es gut, "wenn jemand eine sicherere, berechenbarere Situation für seine Familie schaffen will". Er bewundere aber auch "alle, die bleiben und weiterkämpfen".

Außerdem geht es in dem Interview um die Wirkung von Theater auf die Gesellschaft – Theater habe eine "ganz starke Wirkung", glaubt Bodó, "wenn es sich nicht in schmucken Gebäuden versteckt und darauf wartet, dass das zahlende Publikum zu ihm kommt". Es müsse mutig genug sein, auf die Strasse und in die Schule zu gehen oder die Schule ins Haus zu holen, die jungen Leute mit einzubeziehen; "und mobil genug, um sofort auf Aktuelles zu reagieren". Das Schlimmste sei, "wenn Theater mit sinnlos grossen Budgets eigentlich nur den Clown macht und langweilige, grossartige Shows zeigt, bei denen man nichts denkt, nichts fühlt und sich am nächsten Tag kaum mehr daran erinnert".

"Es ist wichtig, dass das Theater den Zuschauer dazu bringt, zu denken, aktiv zu sein, den Mund zu öffnen." In Ungarn, wo "man jahrzehntelang in Angst lebte", gelte das besonders. "Zu oft schweigen wir."

(sd)

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