Beredte Bilder

von Sascha Westphal

Dortmund, 11. Dezember 2015. Die kleine Halle im Megastore, der Ausweichspielstätte des Schauspiel Dortmund, in der vor noch nicht allzu langer Zeit der BVB seine Fanartikel verkauft hat und in der nun erstmals Theater gespielt wird, liegt im Dunkel. Sechs einzelne Lichtpunkte geben erste Orientierungsmarken. Sie deuten eine Art von Parcours an. Aber es gibt keine vorgezeichneten Wege. Jeder kann sich frei zwischen sechs Schauplätzen, an denen Elfriede Jelineks Engel ihre gewundenen Reden halten, hin und her bewegen.

Bilder des Danach

Stationen einer Ausstellung: das zusammengepresste Wrack eines Polizeiwagens, eine große Mülltonne mit Bergen von geschreddertem Papier, eine schwarze Mauer, auf der in riesigen weißen Lettern das Wort "Angst" steht, darüber geschrieben in ebenso großen, roten Lettern das Wort "Wut", ein einzelner schwarzer Leichensack, eine gigantische, mit leeren Putzmittel-Flaschen gefüllte Plastiktasche und ein Müllcontainer mit zerstörten Einrichtungsgegenständen.

Maedchen Hupfeld 0939a 560 uEngel am Wrack: Frank Genser, Bettina Lieder, Marlena Keil, Friederike Tiefenbacher, Uwe Schmieder © Birgit Hupfeld

Wie Teile eines Puzzles fügen sich diese sechs kleinen Szenarien zu einem großen Panorama des NSU-Terrors zusammen. Es sind Bilder des Danach, die Michael Simon inszeniert. Die Morde sind geschehen, die Staatsorgane haben versagt, die Opfer und ihre Familien wurden wieder und wieder gedemütigt, die Beweise sind vernichtet, das Blut ist verschwunden, aber die Klagen und Anklagen bleiben. All das steckt in diesen Exponaten eines ungeheuren und ungeheuerlichen Justiz- und Politskandals. Der Zuschauer wird zum Wanderer zwischen den Teilen, deren Summe er eher intuitiv erahnt. Elfriede Jelineks Texte erfüllen unterdessen als mehrstimmiges Rauschen den Raum. Während man von einer Station zur anderen, von einem Engel zum anderen geht, überlagern sich die Texte.

Das Rauschen 

Die Redundanzen, mit denen die Autorin in diesem Stück über den NSU und den Prozess gegen Beate Zschäpe besonders penetrant arbeitet, spiegeln sich in diesem ersten Teil des Abends in der Gleichzeitigkeit der Stimmen. Der Effekt ist vielleicht sogar noch radikaler. Während der geschriebene Text ganz dem Diktum "Hier steht so viel, aber nichts bleibt übrig" folgt, raubt Michael Simon der Sprache einen Großteil ihrer Bedeutung. Elfriede Jelinek reiht Wort an Wort, Satz an Satz, Rede an Rede und wird doch nie konkret. Das Schweigen des Mädchens im Prozess und die Redeströme der Jelinekschen Engel und Propheten sind zwei Seiten einer Medaille. Die Michael Simon praktisch beiseite wischt. An die Stelle der Worte treten Bilder. Johan Simons ist mit seiner Uraufführung des Textes in München noch den genau entgegengesetzten Weg gegangen.

Selbst nachdem die Installation endgültig zur Inszenierung geworden ist und das Publikum auf der Tribüne am hinteren Ende der etwa 30 Meter tiefen Halle Platz genommen hat, spielt die Sprache nur eine Nebenrolle. Natürlich gönnt Simon seinen sechs Performern durchaus den einen oder anderen sprachvirtuosen Moment. So darf Uwe Schmieder als Richter in einem fast schon schneidenden Monolog, den Elfriede Jelinek aus aktuellem Anlass ihrem Stück hinzugefügt hat, die schriftliche, von ihrem Anwalt verlesene Erklärung Beate Zschäpes als besonders perfide Art des Schweigens enttarnen. Aber auf diesen analytischen Einschub folgt sogleich wieder ein grotesker Bilderreigen.

Maedchen Hupfeld 1119a 280 uUwe Schmieder, Bettina Lieder, Friederike Tiefenbacher © Birgit Hupfeld 

(Un)Heilige deutsche Familie

Der Schlaf der Ermittlungsbehörden gebiert Monster wie die von Marlena Keil gespielte Frau in der schwarzen Bomberjacke, die dem Richter Baby-Kot (in Wahrheit ist es natürlich Schokoladenpudding) ins Gesicht schmiert, oder den Fahrradfahrer mit einer riesigen Januskopf-Maske. Und als Anspielung auf das zynische "Paulchen Panther"-Video der Terroristen, auf das Elfriede Jelinek immer wieder zurückkommt, reicht ein großer rosaroter Plüschkopf. Während der vollständige, in der Buchfassung mehr als 300 Seiten lange Text einen regelrecht in Wut und Verzweiflung ertränkt, bis man die endlosen Variationen von alles verschleiernden Formulierungen kaum mehr erträgt, bombardiert einen Michael Simon mit Bildern, die unzählige Assoziationen wecken.

Jelinek erklärt das Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wiederholt zu einer neuen heiligen Familie: Schaurige Erlöser eines Volkes, das schon immer einen Hang zu Mord und Größenwahn hatte. Auch dafür findet Michael Simon ein Theaterbild, das einen schaudern lässt. Vor einer Reproduktion der "Kreuzigung Christi", dem zentralen Werk des Isenheimer Altars, stellt das Ensemble eben dieses Gemälde nach. Eine gespenstische Verdopplung. In beidem offenbart sich Deutschland, in Matthias Grünewalds Meisterwerk genauso wie in den Taten einer nationalsozialistischen Terrorzelle.

Aber so eindringlich die kurzen, schlaglichtartigen Szenen der gerade einmal 80 Minuten währenden Inszenierung auch sind, Michael Simon zahlt einen hohen Preis für diese visuelle Verdichtung. Elfriede Jelineks Text ist eine Zumutung, und genau das muss er angesichts des rechten Terrors auch sein. Die Dortmunder Bearbeitung nimmt dem Stück das Unerträgliche und damit auch einen beträchtlichen Teil seiner Wirkung.

 

Das schweigende Mädchen
von Elfriede Jelinek
Regie und Bühne: Michael Simon, Kostüme: Mona Ulrich, Musik / Komposition: Tommy Finke, Dramaturgie: Michael Eickhoff, Licht: Sibylle Stuck.
Mit: Frank Genser, Marlena Keil, Bettina Lieder, Uwe Schmieder, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth und dem Dortmunder Sprechchor
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

Michael Simon finde starke Bilder für Trauer und Ratlosigkeit, so Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (14.12.2015). "Ergreifend wird die Inszenierung besonders in den Monologen, wenn Schmieder, Bettina Lieder, Frank Genser die Opferperspektive einnehmen." Nicht jedes monströse Bild werde Jelineks monströsem Text gerecht. "Wie sich aber am Ende das Ensemble zu einer Respektsbezeugung vor den Toten beruhigt, das gibt dem Abend Format und Haltung. Großer Beifall."

"Die Halle ist riesig, Simon macht einen begehbaren Parcours aus ihr", schreibt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhr Nachrichten (14.12.2015). "Als Requiem für die Opfer hat das Stück Gewicht." Als Spiegel deutschen Dünkels und deutscher Dummheit renne es eher offene Türen ein. "Michael Simon greift zu den Mitteln der Groteske, manchmal über-plakativ. Aus der Weite der Halle macht er allerdings das Beste. Der Beifall galt vermutlich Regisseur, Darstellern und dem Sprechchor (als Stimme der Toten), nicht so sehr dem Stück."

"Wie der Text in einem Dunkel voll wabernder Worte nach etwas Belastbarem tastet, nach Klarheit, nach Schuld, tappen auch die Zuschauer anfangs orientierungslos durch die hohe, weite Halle des 'Megastores', der Ausweichspielstätte des renovierungsbedürftigen Schauspielhauses", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (16.12.15). Im zweiten Teil reihe Michael Simon Stationen aneinander. "Dass die Mörder bei Jelinek zu 'Auserwählten' werden, zu Erfüllungsgehilfen, die den Willen ihres Volkes ausführen, geht im vielstimmigen Wort- und Bilderwirbel allerdings etwas unter", so Fiedler. "Was bleibt, sind Bilder für die nächsten Albträume und hilfloser Zorn über eine groß angelegte, gerichtliche Wahrheitssuche, die weder mit Suche noch mit Wahrheit viel zu tun hat."

 

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