Geier lassen ihre Federn

von Willibald Spatz

München, 12. Dezember 2015. Es lastet große Erwartung auf dieser Premiere: Das Stück wurde 1968 im Residenztheater uraufgeführt, Heiner Müller wurde dadurch in Westdeutschland bekannt. Jetzt ist er 20 Jahre tot, und Ivan Panteleev inszeniert das Stück wieder am Residenztheater, zwar nur im Cuvilliéstheater, einer Nebenspielstätte. Panteleev war wiederum als Dramaturg, Stückautor und Regisseur eines Dokumentarfilms über ihn eng mit Dimiter Gotscheff verbunden, von dem neben anderen wegweisenden Müller-Inszenierungen auch zwei wichtige des "Philoktet" stammen.

Kampf um die Giftpfeile

Ivan Panteleev gibt dem Text viel Raum. Er wirft seine drei Schauspieler auf einen beinahe leeren Platz, der vom Bühnenbildner Johannes Schütz mit Geier-Daunenfedern bestreut ist. Um den Spiel- oder besser: Kampfplatz dreht sich unaufhörlich ein Mobile. Auch die Requisiten sind im Wesentlichen abgeschafft. Die Auseinandersetzungen werden mit Worten und Gesten ausgetragen. Philoktet ist im Besitz des Bogens von Herakles, dessen Giftpfeile immer treffen. Hier im Cuvilliéstheater müssen die Gegner mit Zeigefingern zielen.

Philoktet1 560 Matthias Horn uKräftemessen und Machtproben unter Anti-Helden: Aurel Manthei als Philoktet, Franz Pätzold
als Neoptolemos © Matthias Horn

Drei Männer treffen aufeinander, denen gemein ist, dass sie nichts Gutes wollen, dass ihnen der Mitmensch immer nur Mittel zu einem fernen Zweck ist. Das immerhin sprechen sie offen aus, der Rest ist Lüge und Betrug. Odysseus soll Philoktet überreden, wieder an der Schlacht um Troja teilzunehmen. Sie brauchen seine Soldaten und Pfeile, um endlich zu gewinnen. Im Mythos handelt Odysseus in göttlichem Auftrag – der Sieg wurde den Griechen prophezeit von einem übergelaufenen trojanischen Seher, einem Bruder der Kassandra.

Zocken und Intrigieren

Bei Heiner Müller fehlt der übermenschliche Hintergrund. Odysseus handelt aus eigenem Kalkül. Und bei Shenja Lacher ist dieser Odysseus ein gelassener Zocker im grünen Anzug: ihn reizt die Verzwicktheit seiner Mission, ganz ruhig instruiert er seinen Lehrling im Intrigieren, Neoptolemos. Franz Pätzold entsteigt einem Kasten, der vom Mobile herangefahren wird. Ein schmächtiges Bürschchen noch, das sich so breit macht wie möglich, das nach Macht und Rache giert. Denn dieser Odysseus hat sich die Waffen seines Vaters Achill unter den Nagel gerissen.

Die Mission ist heikel, weil auch Philoktet Odysseus hasst wie die Pest: Der ist verantwortlich dafür, dass die Griechen ihn zurückgelassen haben auf Lemnos, wo es nur Felsen und Geier gibt, die er mit seinem Bogen abschießen kann, um nicht zu verhungern. Auf dem Weg nach Troja hat ihn eine Schlange gebissen, das Bein entzündete sich und begann dermaßen zu stinken, dass die Griechen ihn vom Kriegszug ausschlossen. Nun sitzt er da zwischen Steinen, isst Geier und verzehrt sich nach Vergeltung. Odysseus zieht sich nach der Instruktion zurück und überlässt dem jungen Neoptolemos das Lügen und die Arbeit.

Dialektik der Lüge

Mit dem Auftritt von Philoktet wird es zum ersten Mal richtig laut. Aurel Manthei in Kittel, Jogginghose und rosafarbenem Verband ums Bein ist ein in seinem Hass und seiner Einsamkeit derb wütender Bär. Doch er lässt sich von Neoptolemos um den Finger wickeln, schließlich besitzt der ein Schiff. Er will weg mit ihm, um es dem "Ithaker" und den Griechen heimzuzahlen. Er vertraut ihm sogar seinen Bogen an. Die Lüge kann natürlich nicht aufrecht erhalten werden.

Philoktet3 560 Matthias Horn uPhiloktet ist tot, aber der Tod wird listenreich den Trojanern in die Schuhe geschoben
© Matthias Horn

Odysseus zeigt sich, und am Schluss ist Philoktet tot, was sich aber auch als nicht allzu tragisch erweist, da der listenreiche Odysseus die geniale Idee hat, die Ermordung des Ausgesetzten den Trojanern in die Schuhe zu schieben und so propagandistisch auszuschlachten. Neoptolemos setzt zwar an, auch ihn zu erschlagen, weil es jetzt eh schon egal ist, aber auch das kann Odysseus verhindern, indem er darauf hinweist, dass eine Lüge umso eher geglaubt wird, wenn sie zwei erzählen. Das Böse findet also immer einen Weg und überlebt in jedem Fall.

Klug vermenschlicht

Aus diesem grundpessimistischen Stück spricht ein extrem desillusionierter Autor. Heiner Müller wandte sich in den 60er Jahren antiken Stoffen zu, weil er 1961 wegen seines Dramas "Die Umsiedlerin" aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Ihm fehlte damit zunächst die Schaffens- und Lebensgrundlage. Heutzutage ist es anfänglich tatsächlich eine gewisse Qual diesen schrecklichen Charakteren auf der Bühne zuschauen zu müssen, weil man ja keinem das Erreichen seiner Ziele wünscht. Szenisch ist das gegen Ende, kurz vor dem Tod Philoktets, sehr eindrucksvoll: Alle sprechen plötzlich denselben Text im Chor, sie haben alle denselben Antrieb: den anderen ins Verderben zu schicken. Dass der Abend aber dann doch einen diabolischen Sog entwickelt, liegt an den drei Schauspielern, die diesen Anti-Helden einen menschlichen Anstrich verleihen. Insofern ist es auch eine kluge Entscheidung Panteleevs, den Dreien so viel freien Platz zuzugestehen.

Philoktet
von Heiner Müller
Regie: Ivan Panteleev, Bühne und Kostüm: Johannes Schütz, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Shenja Lacher, Aurel Manthei, Franz Pätzold.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Panteleev verzichtet auf Verweise auf die Gegenwart und vertraut ganz auf Müllers Text", schreibt Petra Hallmayer im Bayern-Teil der Süddeutschen Zeitung (14.12.2015). "Selbst die Waffen, die die Kontrahenten aufeinander richten, sind bei Panteleev fiktiv." Der sprachkonzentrierte, bildkarge Abend verlange aufmerksame Zuhörer. "Wenn man sich auf ihn einlässt aber, entwickelt er eine soghafte Spannung." Und das sei vor allem dem starken Schauspieler-Trio zu verdanken. "Die schnörkellose, klug akzentuierte Inszenierung legt eindringlich die Strukturen eines Systems offen, das auf der Instrumentalisierung von Menschen basiert und aus dem es kein Entrinnen gibt."

 

Der bulgarische Regisseur zeige das Drama als abstrakte, aber intensive Sprechoper und verzichtet sogar auf Requisiten, so Ein Regisseur, der eine Bühne vor allem mit dem gesprochenen Wort möblieren will, ist auf Schauspieler angewiesen, die das wirklich können." Die habe er mit Aurel Manthei, Shenja Lacher und Franz Pätzold gefunden. "Mit kristallener Präzision stellt das Trio jedes Wort wie in Marmor gemeißelt in den Raum." 

Panteleev lässt die Akteure die längste Zeit der zweistündigen Aufführung unnatürlichen Abstand voneinander halten. Sie kämpfen mit Worten.
 

Panteleev lasse die Akteure die längste Zeit der zweistündigen Aufführung unnatürlichen Abstand voneinander halten, beschreibt Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.12.2015): "Sie kämpfen mit Worten." Panteleev komme ohne Projektionen technischer oder geschichtspädagogischer Art aus. Und die Schauspieler? "Lacher, Pätzold, Manthei: alle drei gespannt wie der Bogen. So wird der Traum des Philoktet doch noch Wirklichkeit: ganz Waffe zu werden, sich umzubauen 'selber zum Geschoss, / das tötet, und Gefühl hat für sein Tun'."

 

"Da sitzt jeder Vers, stimmt jede Betonung, erzählen selbst Pausen von der Geschichte", preist Michael Schleicher im Münchner Merkur (14.12.2015) den Abend. "Die drei Schauspieler zeigen ihre Figuren nie einseitig, lassen sie vielmehr facettenreich schillern. Später verschränken sie die jeweiligen Standpunkte in rascher Wechselrede dialektisch miteinander, um schließlich im chorischen Sprechen zu enden: Jeder könnte hier jeder sein.

 

"Panteleevs Inszenierung zelebriere das Lehrstück und treibe durch Purismus dessen zeitlosen Modellcharakter auf die Spitze, so K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (14.12.2015) "Kaum ein Blatt passt zwischen Inszenierung und Text." Alles werde allgemeingültige Haltung. "Durch den Distanzgewinn zur Gegenwart schafft Panteleev allerdings Raum für Erkenntnis – es gibt kein richtiges Leben im Kriege."

 
 

Kommentar schreiben