Weiterhin unwürdig

Berlin, 13. Dezember 2015. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, hat in einem Offenen Brief die Zustände beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales angekreidet (LeGeSo). "Es ist nicht nachvollziehbar, warum in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland auch noch nach Monaten derart katastrophale und dramatische Bedingungen herrschen", heißt es in dem Schreiben an Gesundheitsminister Mario Czaja.

Das DT hat im September erstmals die Möglichkeit für obdachlose Flüchtende geschaffen, in den Theatergarderoben eine Nacht zu verbringen, bis sie am nächsten Tag beim Landesamt Übernachtungsgutscheine oder eine zugeteilte Unterkunft bekommen. LaGeSo-Chef Franz Allert hat in der vergangenen Woche seinen Sessel geräumt, weil er Versorgung der Flüchtenden in Berlin nicht in den Griff bekommen hat, doch laut DT habe sich bisher noch nichts geändert.

(deutschestheater.de / sik)

 

Der komplette offene Brief lautet wir folgt:

Sehr geehrter Herr Senator Czaja,

die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Theaters Berlin beherbergen seit September jede Nacht obdachlose Flüchtlinge (mittlerweile waren es an die 300) und aus dieser Perspektive möchte ich mich an Sie wenden. Der Rücktritt von Herrn Allert hat die folgenden Beobachtungen und Forderungen nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil: diese gravierenden Probleme müssten Sie nun mehr als bisher zu Ihrer Sache machen.

Kürzlich sagten Sie:

"...Wir tun alles, um Obdachlosigkeit zu vermeiden und Flüchtlinge anständig unterzubringen und zu verpflegen - und nicht das Gegenteil."

Unsere Wahrnehmung und Erfahrung widerspricht dem.

Auch mit Öffnung der neuen Registrierungsstelle in der Bundesallee haben sich die Abläufe nicht verbessert. Wir bekommen keine verbindlichen Informationen, wie und wo die Menschen registriert und untergebracht werden, auf wen wir sie am Morgen nach ihrer Notübernachtung bei uns verweisen, wo wir sie hinbringen können, wie es für sie weitergeht. Es gibt ein völlig undurchschaubares System von alten Wartenummern und neuen täglich wechselnden farbigen Armbändchen. Menschen sind obdachlos und müssen bei jedem Wetter draußen vor dem LaGeSo campieren, weil offizielle Stellen sich nicht um sie kümmern. Es gibt keine funktionierende medizinische und sanitäre Versorgung für die Ankommenden. Das Personal vor Ort (LaGeSo, security) ist völlig überfordert und sagt von sich selbst, dass es nicht auskunftsfähig sei. Flüchtlinge warten viele Stunden täglich und viele Tage bis überhaupt irgendetwas passiert. Es gibt keine Information, keine Kommunikation, keinen Leitfaden, was wann wie wo passieren wird. Niemand weiß, ob und wann er wohin "abgeholt" wird. Zu absolvierende Termine sind teilweise auf viele verschiedene Institutionen quer über die Stadt verteilt, es gibt keine Wegbeschreibungen und Anleitungen, schon gar nicht in den benötigten Sprachen. Leute werden untergebracht und sind kurz darauf wieder obdachlos – Hotelgutscheine laufen aus oder werden nicht akzeptiert – sicher auch, weil das LaGeSo die überfälligen Rechnungen nicht bezahlt. Es fehlen Dolmetscher und Betreuer. In den Unterkünften herrschen teils unwürdige Zustände, MitarbeiterInnen sind allein gelassen, wissen nicht, woher sie Unterstützung, Essen und medizinische Hilfe bekommen.

Ich fordere Sie dringend auf:

- Öffnen Sie die beheizten Zelte am LaGeSo nachts für Ankommende und installieren Sie ein zügiges, transparentes Registrierungsverfahren, das Sie allumfassend kommunizieren – an Flüchtlinge, an die unzähligen freiwilligen HelferInnen und die eigenen BehördenmitarbeiterInnen.

- Organisieren Sie ausreichend Essen, Sanitäranlagen und medizinische Versorgung für das LaGeSo-Gelände und alle Unterkünfte.

- Arbeiten Sie aktiv zusammen mit den Freiwilligen – sie sind es, die großteils die Aufgaben von Politik und Verwaltung übernehmen!

- Behandeln Sie die Situation gemäß eines Ausnahmezustandes: unbürokratisch, zügig, prioritär und beherzt.

- Bezahlen Sie offene Hostelrechnungen.

- Stellen Sie mehr – gutwillige – Leute in Ihrer Behörde, in den Unterkünften zur Versorgung, als SachbearbeiterInnen, BetreuerInnen und WachschützerInnen ein.

- Stellen Sie das Gebäude des ehemaligen Innenministerium für Notübernachtungen zur Verfügung, wie Herr Ströbele es seit geraumer Zeit beantragt.

Es ist nicht nachvollziehbar, warum in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland auch noch nach Monaten derart katastrophale und dramatische Bedingungen herrschen. Ich befürchte, dass an Schlüsselpositionen eine positive Haltung bewusst oder unbewusst unterlaufen wird. Nach Monaten der Konfrontation mit Ereignissen und Situationen, die anfangs sicher neu und überwältigend waren, sollte ein reiches, stabiles und gut strukturiertes Land wie Deutschland sich darauf eingestellt haben. Unser Land ist weltweit bekannt für seine Organisationsfähigkeit. Wir sollten dies – zumal als Hauptstadt – jetzt in dieser Situation unter Beweis stellen. Ein derartiges Chaos spricht nicht für "Nicht können" sondern für "Nicht wollen". Es sollte möglich sein, mit engagierten MitarbeiterInnen und neu dazu gewonnenen das Gegenteil zu beweisen.

Im Namen vieler MitarbeiterInnen des Deutschen Theaters

Ulrich Khuon

Intendant Deutsches Theater Berlin

 

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