Rauswurf aus dem Karussell

von Wolfgang Behrens

Berlin, 17. Dezember 2015. Noch vor wenigen Tagen hat Leander Haußmann seinen Regisseurskollegen Alvis Hermanis verteidigt: nicht dessen schwer verdauliche Ansichten zur Flüchtlingsthematik, aber doch den Künstler hinter diesen Ansichten. Nun betritt man den Zuschauerraum des Berliner Ensembles, blickt auf die Bühne und denkt: Aha, Hermanis! Denn wie bei Hermanis' Wiener Platonov-Inszenierung (die auch beim Berliner Theatertreffen 2012 zu besichtigen war), so sehen wir auch hier – in Haußmanns neuer "Drei Schwestern"-Produktion – einen einzigen Ausstattungstraum: Lothar Holler hat einen russischen Salon nachgebaut, wie er im Buche steht, mit hohen abblätternden Wänden, ollen Porträts, Antikplunder, Kerzenleuchtern und wunderbaren Durchblicken in die Nachbarräume. Wenn irgendwo im Berliner Ensemble unter Claus Peymann noch Reste des Brecht'schen Verfremdungseffektes überlebt haben sollten, dann sollen sie heute wohl erster Klasse beerdigt werden!

Verlässlich begleitet

Doch Haußmann ist nicht Hermanis ist nicht Stanislawski, so sehr dieser Bühnenraum auch nach Vierter Wand riecht. Hermanis hatte die Vierte Wand im "Platonov" derart ostentativ wieder hochgezogen, dass es sogar auf Kosten der Textverständlichkeit ging. Bei Haußmann aber ist die Wand zum Publikum hin rissig, und das wird schon mit dem allerersten Auftritt klar: Wenn Gudrun Ritter, Theaterurgestein aus dem so legendären Ensemble von einst des benachbarten Deutschen Theaters, als Kinderfrau Anfissa den Staubwedel schwingt, dann tut sie das ein klein wenig zu geflissentlich, eine Spur zu gefühlsduselig – und schon blitzen Scherz und Ironie auf, zwei verlässliche Begleiter für die kommen dreieinhalb Stunden.

DreiSchwNEU 560 LucieJansch uOffiziers- und Liebesanwärter im russischen Salon, wie er im Buche steht © Lucie Jansch

Freilich werden Tschechows "Drei Schwestern" an diesem Abend auch nicht einfach in schönem Ambiente weggewitzelt. Die Kunst Leander Haußmanns und seiner Schauspieler*innen ist es vielmehr, den Stanislawki'schen Naturalismus durchaus als Grundlage zu nehmen, von der sie dann witzig wegkippen können. Es ist, als würde die Aufführung pulsieren, beiläufiges Spiel wird zum Nümmerchen und findet wieder zurück, mal plätschert das Geschehen so vor sich hin, um plötzlich anzuziehen oder kurz darauf – wenn etwa alle in einem magisch stillen Moment dem Geräusch eines Brummkreisels lauschen – eingefroren zu werden.

Gefühlskomik-Schlingerwege

Kleine Slapsticks wachsen aus anfangs ganz realistisch aufgefassten Situationen heraus: Der liebesbeflissene Tusenbach (Matthias Mosbach) zum Beispiel sitzt neben der jüngsten Schwester Irina (von Karla Sengteller als rundum offenherziges Wesen gespielt), auf verlegene und auch rührende Weise nähert er sich ihr, unbeholfen schlägt er die Beine übereinander – und schon hat er den Kerzenleuchter umgesemmelt und die Stimmung ist dahin. Ein andermal entgleist eine erste Umarmung zwischen Werschinin (Uwe Bohm) und Mascha (sehr intensiv: Antonia Bill), weil ersterer im Ungestüm nicht nur die heimliche Geliebte, sondern gleich das Porträt des verstorbenen Vaters mit umschlingt. Es ist, zugegeben, ein altbekannter Kunstgriff Haußmanns, die Nähe der Gefühlsaufwallung zur Peinlichkeit aufzuzeigen, aber er kann das einfach ziemlich gut (hierin ist er wohl ein entfernter Verwandter Christoph Marthalers).

DreiSchwNEU2 560 LucieJansch uDie drei Schwestern, nein Kinder: Laura Tratnik, Karla Sengteller, Antonia Bill © Lucie Jansch

Die Inszenierung findet so ihren eigenartig schlingernden Weg zwischen Pointe und Pathos, zwischen Satire und Sentiment. Nicht zuletzt Uwe Bohms Werschinin bewegt sich auf diesem Pfad virtuos: Mit zackigen Konsonanten und langgezogenen s-Lauten, mit gockelhaft vorgeschobenem Fuß und einer in seinem ganzen Körper ständig nervös vibrierenden, ungerichteten Begeisterung schrammt er haarscharf an einer Denunziation dieses "verliebten Majors" vorbei. Doch der Drahtseilakt gelingt: Aus der aufgeblasenen Lächerlichkeit schält sich im Verlaufe des Abends der leidende Mensch heraus – und wenn er zuletzt beim Abschied des vierten Aktes von seiner Mascha nicht lassen kann, sich aufjaulend mit ihr am Boden wälzt und gewaltsam von ihr getrennt werden muss, dann kann einem das schon ans Herz fassen.

Wie schnell indes Haußmanns so leichtfüßig eingeschlagener Kurs des komisch verbeulten Naturalismus auch vor die (Vierte?) Wand fahren könnte, wird kurz nach der Pause deutlich. Wenn Axel Werner, der seinen Doktor ansonsten verlässlich und pointiert als zeitungslesende Insel des Desinteresses gibt, an der das Leben nicht wie an den anderen vorbeischlabbert, sondern schon längst vorbeigeschlabbert ist – wenn Axel Werner nun eine grausame Betrunkenheitsnummer chargiert, gerät die Aufführung vorübergehend aus dem Gleichgewicht. Ein solches Zuviel vertragen diese "Drei Schwestern" offenbar nicht.

Im Schatten des Kinderzimmers

Man hat früher manchmal gesagt, dass das Theater für Leander Haußmann eine Art Kinderspielzeug sei. Mag sein, dass ihm die "Drei Schwestern" – die er 1994 am Wiener Burgtheater, auch damals bei Peymann, schon einmal inszeniert hat – deswegen besonders nahe sind. Die drei (zu den erwähnten gesellt sich noch Laura Tratnik als Olga) klucken bei ihm viel zusammen herum, sind dann gerne einmal kindisch albern und dürfen im letzten Akt sogar ausgelassen Karussell fahren – um nur umso schmerzhafter aus diesem Karussell herausgestoßen zu werden. Im Grunde verteidigen die drei Schwestern ja nur ihre Kindheit.

In Zusammenhang mit Hermanis hat Haußmann geschrieben: "Theater muss der Ort sein, an dem die Gegenwart auch mal Hausverbot hat." Ja, Haußmann ist ein Bruder dieser drei Schwestern. Er verteidigt den kindlichen Blick des Künstlers. Und für den darf sich auch einfach mal nur eine stille Minute lang ein Brummkreisel drehen, dessen Ton von nichts anderem kündet als von der Sehnsucht nach einer heilen Welt.

Drei Schwestern
von Anton Tschechow, aus dem Russischen von Thomas Brasch
Regie: Leander Haußmann, Bühne: Lothar Holler, Kostüme: Janina Brinkmann, Dramaturgie: Steffen Sünkel, Licht: Ulrich Eh.
Mit: Antonia Bill, Anna Graenzer, Gudrun Ritter, Karla Sengteller, Laura Tratnik, Uwe Bohm / Alexander Scheer (wechselnde Besetzung für Werschinin), Raphael Dwinger, Boris Jacoby, Peter Miklusz, Matthias Mosbach, Luca Schaub, Martin Seifert, Georgios Tsivanoglou, Axel Werner.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

"Der Abend hängt seltsam – und zumeist eben leider nicht in einem aufschlussreichen Sinne – zwischen Pathos und Pathos-Distanzierung, was über die Dauer von dreieinhalb Stunden ziemlich ermüden kann", findet Christine Wahl im Tagesspiegel (19.12.2015). Man sei hier "gern mal ein bisschen zu laut und zu deutlich – allerdings wiederum nicht laut und deutlich genug, um sich als Verfremdungstrupp der Tschechow’schen Seelenmalereien zu erkennen zu geben".

Haußmann fürchtet weder Pathos noch Kitsch. Und für Albernheiten ist er sich auch nicht zu schade.

Haußmann fürchte weder Pathos noch Kitsch, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (19.12.2015). "Und für Albernheiten ist er sich auch nicht zu schade. Er folgt mit erkennbarem Respekt, vielleicht mit neu entdeckter Liebe, dem Tschechow-Brasch-Text und sortiert seine Regieeinfälle dazu, die mal in diese, mal in jene Richtung ausschlagen − manchmal auch, sei’s drum, danebenhauen." Immer wieder merke man die Regiehand, die ins Spiel greife und entweder die Situation ausreize und überziehe oder ins Äußerliche kippen lasse.

Haußmann baue von Beginn an schöne Bilder, aber ihm gelinge nicht, seinen Bildern eine Seele zu geben, kritisiert Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.12.2015). Der Stimmungswert werde ganz durch Ausstattung, Musikeinspielungen und Windmaschine erzeugt, während die Darsteller ihren Text seltsam hohl, ohne innere Haltung sprächen. "Haußmanns Inszenierung krankt daran, dass sie Tschechows 'Reden um des Redens willen' als Entschuldigung dafür missversteht, sich nicht um den philosophischen Glutkern des Textes zu kümmern. Sie tut so, als ob die nebensächliche Konversation keinen doppelten Boden hätte, durch den zu brechen einen erst mit der ganzen furchtbaren Fallhöhe bekannt macht."

Es liege an diesem Abend "eine doppelte Sehnsucht in der Luft: Die Figuren, allen voran die drei Schwestern, sehnen sich zurück in die Kindheit. Und der Regisseur sehnt sich zurück in eine andere Theaterzeit", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (23.12.2015). Man komme "gern mit auf die Reise." Wann etwa habe "man zuletzt so ein schönes Licht im Theater gesehen?" Haußmann arrangiere "das Personal gekonnt zu großen Tableaus. Man redet nicht nur aneinander vorbei, sondern auch durcheinander. Immer wieder entstehen atmosphärische Kontrapunkte: Wenn links einer seine Liebe erklärt, liegt rechts einer und schnarcht." Für die Figuren indes interessiere "man sich dagegen erstaunlich wenig", allzu oft werde die Figurenzeichnung gar "an Maske und Kostüm ausgelagert". Und ständig warte "die Bühne von Lothar Holler mit neuen Bildern auf – es bleibt jedoch ein Jahrmarkt der Effekte".

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Drei Schwestern, Berlin: dem Stück vertrautMartin Waßmann 2015-12-18 11:34
Ich fand den Abend ganz wunderbar. Mein Eindruck war, dass Leander Haußmann dem Stück vertraut hat und es deswegen so schön altmodisch gemacht hat. Das war ein tolles Ensemble und Bilder, an die ich lange denken werde.
#2 Drei Schwestern, Berlin: gute KritikGegenwärtiger 2015-12-18 13:47
Die Facebook-Überschrift "Die Gegenwart hat Hausverbot" - kommt die von einem Praktikanten? Aber gut geschriebene Kritik!

(Lieber Gegenwärtiger, haben Sie die Kritik bis zuende gelesen? "Die Gegenwart hat Hausverbot" ist ein Leander Haußmann-Zitat. Mit freundlichem Gruß, die Redaktion (ohne Praktikant*innen))
#3 Drei Schwestern, Berlin: zerfällt in OberflächlichkeitenSascha Krieger 2015-12-19 10:24
Der Abend hat eine massive Schlagseite, weil ihm die Mitte fehlt, das vereinigende Narrativ, weil er zerfällt in Oberflächlichkeiten. Hier betont altmodisches Deklamieren, dort ein bisschen Slapstick und wohlfeile Ironie. Der Abend weiß vor allem was er nicht will: heutig sein, sich vergegenwärtigen, den Stoff aus unserer Gegenwart heraus befragen. Er zielt auf Zeitlosigkeit, auf Tschechow pur und verfehlt gerade dadurch meilenweit sein Ziel. Tschechow war immer ein Gegenwartsautor, einer, der seiner Zeit und seiner Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten vermochten. Und es ist eben dies, was es seinen Stücken erlaubt, den Spiegel so zu drehen, dass auch wir uns darin erblicken. Haußmann dagegen verhängt den Spiegel wie zu Beginn das Mobiliar. Was wir sehen, sind keine Abbilder unser selbst, sondern platte Stereotype, die nicht zu uns sprechen, denen ein elegant melancholischer Abgang, Hand in Hand im Gegenlicht, wichtiger ist, als dem Publikum, das mit zunehmender Dauer eine anschwellende Tuscheldichte und Auf-die-Uhr-schau-Frequenz entwickelt, irgendeine Haltung abzuringen. Auch weil, weder das, was die Schwestern zu erhalten versuchen, noch das, was sie erwartet, in irgendeiner Form an Leben gewinnt. Der Text bleibt auf dem Papier, was angesichts der plastisch lebendigen Übersetzung von Thomas Brasch schon erstaunlich ist. Am Ende sind die abschließenden Worte Axel Werners als Tschebutykin Programm: “Ist doch egal.”

Komplette Kritik: stagescreen.wordpress.com/2015/12/19/der-lack-ist-ab/
#4 Drei Schwestern, Berlin: Leander Haußmann on stageCapa-kaum 2016-01-05 15:08
Die Vorstellung am 4. Januar war ein besonderes Ereignis: Weil Uwe Bohm kurzfristig ausfiel, konnte Claus Peymann Leander Haußmann überreden, selbst die Rolle des Werschinin zu übernehmen. Die Folge: Ein fulminanter Abend mit einem Ensemble, das hochkonzentriert zu Werke ging, und einem Leander Haußmann, der zeigte, dass es schade ist, ihn seit langen Jahren nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Mehr dazu in meinem Blog www.capakaum.com "Ein Glücksfall"
#5 Drei Schwestern, Berlin: wunderbare DialektikChristian Rakow 2016-02-08 11:33
Am 7.2. gab's Alexander Scheer als Werschinin. Herrlich, wie er ständig dem Publikum an die Gurgel wollte, aber die eher auf diskreten Spielwitz angelegte Direktive von Leander Haußmann hielt ihn an der Leine. Man versteht schon, weshalb Claus Peymann in letzter Zeit so liebevoll zur Volksbühne rüber schielt. Kathrin Angerer und Samuel Finzi (in Horváths "Don Juan", Regie: Luc Bondy), Leander Haußmann und Alexander Scheer – da kommt mit den Spielern vom Rosa-Luxemburg-Platz auf der Zielgeraden noch eine wunderbare Dialektik ins Haus am Schiffbauerdamm.

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