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Wenn der Syrer zweimal klingelt

von Leopold Lippert

Wien, 18. Dezember 2015. "Ich will helfen!" ruft Lifestyle-Vloggerin Maryam (Birgit Stöger) fröhlich in die Kamera ihres Laptops. "Aber manchmal ist es einfach eine Timing-Frage!" Geholfen werden soll in Yael Ronens "Lost and Found" am Wiener Volkstheater den Millionen Menschen, die vor dem Krieg in Syrien nach Europa geflüchtet sind.

Und helfen, das wollen die Kreativ-Bobos zwischen Wien und Berlin, die das alles in ihrem Alltagsstress zwischen "Poetry-Dings", zyklischen Kunstinstallationen und Kinderplanung unterbringen müssen. Während man bei dieser Ausgangssituation schnell meint, in einem selbstreflexiven Sichlustigmachen-Abend über die Hipster-Kunst-Szene im hilflosen Umgang mit realen Katastrophen gelandet zu sein, wird bald klar, dass Ronen Größeres vorhat: Sie inszeniert die sogenannte "Flüchtlingskrise" konsequent als Farce, mit allem, was genremäßig so dazugehört.

Schnell zu Mama Merkel

Vor einem schlichten Billig-Bühnenbild aus leeren Umzugskartons, auf die zwischendurch holzschnittartig die Gesichter der Protagonist*innen projiziert werden, entspinnt sich ein hysterisches Familiendrama: Weil der Onkel aus London die Kosten übernimmt, beschließen die Geschwister Maryam und Elias (Sebastian Klein) den eben verstorbenen atheistischen Vater muslimisch zu begraben. Weil sie noch ein zweites Kind will, verabreicht sich Maryam das frische Sperma ihres schwulen Freunds Schnute (Knut Berger) selbst mit der Spritze. Weil das Kind auch gut erzogen werden soll, erarbeitet man einen gemeinsamen Neun-Punkte-Plan, der etwa im Bereich "Medien" vorsieht, den Kontakt mit dem iPhone so lange hinauszuzögern, "bis das Kind ein adäquates Umblättern in Kinderbüchern erlernt hat." Und weil die Familie nur zur einen Hälfte Nazi-Vergangenheit hat, zur anderen Hälfte jedoch aus dem Irak stammt, taucht plötzlich ein Cousin auf (Osama Zatar), der über das Mittelmeer und den Balkan nach Österreich geflüchtet ist, aber eigentlich lieber in Deutschland wäre. Das alles, heißt es dann lapidar, sei eben der "Kreislauf des Lebens".

LostandFound1 560 Lupi Spuma u Sie suchen und finden in der Regie von Yael Ronen die Flüchtlingsdebatte: Jan Thümer, Birgit Stöger, Anja Herden, Sebastian Klein und Knut Berger in "Lost and Found" © Lupi Spuma

Dazwischen gibt es Slapstick mit Messern, Türklingeln, Klappstühlen und Inseminations-Spritzen. Es gibt Yoga-Verrenkungen, manisches Fingerzeigen und empörte Schreiduelle. Es gibt einen (abwesenden) Sohn, der "Jim Pepe" heißt, und einen egozentrisch-eifersüchtigen Kindsvater (Jan Thümer), der vor lauter Kunstprojekten "völlig fertig!" ist. Und es gibt plötzlich hervorsprudelnden, kollektiven österreichischen Nationalstolz (Skifahren! Das gute Wiener Leitungswasser! Das Burgtheater! Stehplatzkarten um 7 Euro in der Oper!), als Cousin Yousef gesteht, er habe gar nicht vor, in Wien zu bleiben, sondern wolle möglichst schnell zu "Mama Merkel".

Launige Farce mit einigen Untiefen

So absurd es klingt, Ronens naives Genretheater zur Fluchtthematik artikuliert einen durchgehend amüsanten Gegenpol zu dem hehren Offene-Briefe-Schreiben und bedeutungsschweren Schutzflehen, das momentan an deutschsprachigen Theatern passiert. "Lost and Found" ist offensiver Trash, der gar nicht erst versucht, edel oder tiefgründig zu sein. Mag sein, dass der Abend nicht wirklich differenzierte Perspektiven auf aktuelle politische Problemlagen bietet: lustig ist er allemal.

Und tatsächlich wird "Lost and Found" nur in den Momenten problematisch, in denen das Stück sich selbst zu ernst nimmt: Bei der kalkuliert Betroffenheit heischenden Fluchtgeschichte Yousefs etwa, die hoch emotional von menschlichen und finanziellen Verlusten erzählt, aber dann doch nur einer plumpen Geständnislogik folgt. Oder im arg herbeikonstruierten Schlussmonolog, in dem ausgerechnet die Schwarze Camille (Anja Herden) den verpeilten Wiener Bobos die Leviten liest und erklärt, dass nicht jede*r zum Helfen geeignet ist, und dass mit dieser ganzen political correctness den Geflüchteten gegenüber endlich mal Schluss sein sollte. Oder schließlich bei der simplen Formel "Lost and Found", die als große dramaturgische Klammer irgendwie eh alles in diesem Stück vereinen will, von Fluchterfahrung über Beziehungskiste bis Vaterverlust und Familienzuwachs. Dann lieber doch die nächste Türklingel-Pointe.

 

Lost and Found
von Yael Ronen und Ensemble
Regie: Yael Ronen, Bühne: Tal Shacham, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Friedel, Ofer Shabi, Video: Jan Zischka, Licht: Klaus Tauber, Dramaturgie: Veronika Maurer.
Mit: Knut Berger, Anja Herden, Sebastian Klein, Birgit Stöger, Jan Thümer, Osama Zatar.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

"Kein noch so schwieriges Thema das durch Ronens trockenen Humor nicht unverzagt mit all seinen Widersprüchlichkeiten ganz nah herangezoomt würde", so Karin Cerny auf Spiegel-online (19.12.2015). Ronens Stärke sei es, große, weltpolitisch brisante Fragen in kleinen, persönlichen Geschichten zu verankern. "Lost and Found" werde zur kritischen Selbstbefragung, "eine ironische Nabelschau. Im Zentrum stehen Typen wie wir: Hipster, denen das Schicksal der Flüchtlinge natürlich extrem nahe geht, aber oft ist es einfach gerade schlechtes Timing, um zu helfen." Die Inszenierung wirke zwar gegen Ende noch ein wenig unfertig, "die neue Lässigkeit der Schauspieler tut dem als angestaubt geltenden Volkstheater aber ausgesprochen gut. Es weht ein frischer Wind, seitdem Anna Badora am Ruder ist."

"Ein Höhepunkt der bisherigen Saison", schwärmt Norbert Mayer in Die Presse (21.12.2015). Ronen sei mit ihrem Team "in dem flotten Kammerspiel ein kleines Meisterwerk voller Gags gelungen". Die Aufführung überzeuge durch ihre Spontaneität, durch ihren Witz und "das rare Talent, platte Alltagssprache aufzuspießen, all die Lebenslügen der abgesicherten Boheme zu enthüllen".

"Eine der unmittelbaren Gegenwart abgerungene Gesellschaftskomödie, die es in sich hat" hat Margarete Affenzeller gesehen und schreibt in Der Standard (21.12.2015): "Ronen beweist ausgefeilte Comedy-Qualitäten." Zudem ein "Gespür für interkulturelle Klüfte und damit verbundene Vorurteile". Und "fast immer" drehe "die kluge Dramaturgie (Veronika Maurer) und Inhaltsdichte" das Stück um eine Ecke weiter; "Es enthält und erhellt so viel Zwiespältiges, Verworrenes aus unserer unmittelbaren urbanen Gegenwart."

"Wie in einer gut geölten, interkulturellen Boulevardkomödie lässt Yael Ronen die Figuren samt ihren Partnerproblemen und Ressentiments aufeinanderprallen. Perfekt getimt und wunderbar lebensnah lustig", gibt Christoph Leibold im Deutschlandradio Fazit (18.12.2015) zu Protokoll. "Die Ankunft des Flüchtlings und was sie für seine überforderten Verwandten bedeutet, wird in 'Lost and Found' mit demselben ironischen Unernst verhandelt wie die Luxusprobleme zuvor." Das bewahre den Abend vor Betroffenheitskitsch, so Leibold. Andererseits sorge Ronen damit auch dafür, dass der Wohlfühlfaktor der Aufführung erhalten bleibt. "Wirklich weh tut dieser Abend nicht." Aber vielleicht müsse er das ja auch nicht. "Vielleicht ist es ja gerade das, was das Theater - immerhin - leisten kann: Uns zu lehren, über die eigene Hilflosigkeit zu lachen."