Mitleid im Kaffeehaus

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 22. Dezember 2015. Huch, hat Katie Mitchell die Hälfte ihrer Ausrüstung auf der Bühne vergessen? Und die Schaubühnen-Schauspieler*innen auf Autopilot gestellt? Virtuos ergänzen sie einander im Stummfilm-Spiel und der Synchronisation per Mikrophon; ja, bisweilen tritt sogar eine*r aus dem Off mit einer kleinen Kamera an die heran, die gerade im Spotlight in einer dramatischen Stefan Zweig-Szene zerfließen und zoomt auf die Gesichter, um die jeweiligen Seelen unters Mikroskop zu halten. Insgesamt ist es aber doch eher ein Live-Hörspiel als ein Mitchell'scher Live-Film, was Simon McBurney aus Zweigs "Ungeduld des Herzens" gemacht hat; ein Roman, den Zweig 1938 im Exil verfasste, dessen wesentliche Handlung aber vor dem Ersten Weltkrieg spielt.

Vom Salon aufs Schlachtfeld

Der junge Leutnant Anton Hofmiller, stationiert in einem schläfrigen Nest auf dem Land, lernt per Zufall den örtlichen Schlossherrn kennen und verbringt seine Nachmittage und Abende fortan nicht im Kaffeehaus beim Kartenspiel, sondern im Salon beim Cognactrinken – was er vor allem der Zuneigung der gelähmten Tochter des Schlossherrn, Edith, zu verdanken hat. Hofmiller lebt zunächst auf in der für ihn ungewohnten Rolle des Charmeurs; dass die neurasthenische Edith sich ernstlich in ihn verliebt hat, begreift er erst, nachdem er sich durch Naivität und Ungeschicklichkeit so tief in die Beziehung zu ihrer Familie hineinmanövriert hat, dass die Distanzierung einer Fahnenflucht gleichkäme.ungeduld2 560 gianmarcobresadola uWo aber sind diese Seelen? Unterm Mikroskop oder nur in einer
atmosphärischen Blase? © Gianmarco Bresadola

Also springt er noch einmal mit dem Kopf voran und verlobt sich mit Edith, verleugnet die Verlobung nur ein paar Stunden später vor seinen Kameraden, und als er Edith um Verzeihung bitten will, sich also doch dazu durchgerungen hat, ihre Liebe anzunehmen, hat sie sich schon aus Verzweiflung umgebracht. In diesem Moment beginnt praktischerweise der Krieg, und Hofmillers Situation prädestiniert ihn zur Rolle des Helden, der sich tapfer, eigentlich lebensmüde ins Gefecht stürzt, um alles zu vergessen. Es holt ihn, so endet der Roman mahnend, doch immer wieder ein.

Ambivalenz des Mitleids

"Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus", schreibt Stefan Zweig. Die Ambivalenz des Mitleids ist im Jahr der Willkommenskultur oder auch der "Flüchtlingskrise" ein heißes Thema.

ungeduld 560 gianmarcobresadola uMarie Burchard und Laurenz Laufenberg beim Illustrieren © Gianmarco Bresadola

Doch statt diese oder eine andere Verbindung zu einer externen Realität herzustellen, zerrt Simon McBurney den Roman ins Kaffeehaus, wo er in Vielstimmigkeit zerplaudert wird. An Tischen an beiden Rändern der sonst leeren Bühne sitzen die Schauspieler*innen und wechseln sich ab in der Lesung der (von Hofmiller erzählten) Handlung, im illustrativen szenischen Spiel und seiner Synchronisation. Die historisierenden Kostüme werden ergänzt durch altertümliche Requisiten, die auf einen Diaprojektor arrangiert werden, um die atmosphärische Blase wasserdicht zu machen. Und wenn Edith auf ihrer Turmterrasse sitzt, wird an die Hinterwand das Bild der Landschaft geworfen, auf die sie blickt. Einfallsloser geht's nicht.

Ein Kurzschluss

Das Einzige, was die zwei Stunden zusammenhält, ist die Süffigkeit von Stefan Zweigs Erzählweise. Aber auch deren Wirkung lässt irgendwann nach, und es bleibt gähnende Langeweile. Drei Momente schenkt McBurney dem Publikum, in denen kurz die Hoffnung aufkommen darf, dass diese ganze Bräsigkeit nur ein Vorspiel war, das jetzt gebrochen wird: Einmal wummern zu Hofmillers aufkeimender Unheilsahnung irritierend lang die Stroboskoplichter; dann zieht in einer überraschend einsetzenden lauten monotonen Klatsch-Choreografie die bedrohliche Vorstellung soldatischen Marschierens am Horizont auf; und kurz vor Schluss kommt dräuend die Decke runter, und Ediths Spitzenkleid flattert gen Himmel. Doch diese Momente bleiben Special Effects.

Am ärgerlichsten ist aber der Schluss oder besser Kurzschluss, wenn die derart ausgetretene Handlung plötzlich eilig enggeführt wird und der Abend so tut, als hätte er vom Krieg gehandelt: Ein Soldat in blutgetränkter Uniform steht in einer Glasvitrine, aus der eine rote Pfütze quillt, hinter ihm werden in schneller Reihenfolge Bilder abgespielt, die etwas mit Kriegen zu tun haben; es bleibt kurz vorm Black die Trikolore stehen. Was ist der Superlativ von abgeschmackt?

 

Ungeduld des Herzens
von Stefan Zweig
Fassung von Simon McBurney, James Yeatman, Maja Zade und dem Ensemble
Regie: Simon McBurney, Co-Regie: James Yeatman, Bühne: Anna Fleischle, Kostüme: Holly Waddington, Licht: Paul Anderson, Sound Design: Pete Malkin, Benjamin Grant, Video Design: Will Duke, Dramaturgie: Maja Zade.
Mit: Robert Beyer, Marie Burchard, Johannes Flaschberger, Christoph Gawenda, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg, Eva Meckbach.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Von einer "meisterlichen Herangehensweise an die hochreflektierte Erzählstrategie" von Stefan Zweig spricht Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (26.12.2015). Der hochdekorierte britische Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer des koproduzierenden Tourneetheaters Complicité Simon McBurney inszeniere den einzig vollendeten Roman Zweigs "als eine Art epische Installation", als "formbewusstes, präzises Sprechtheater mit sehr intensiven Klang- und Bildeffekten".

"Ein paar Sätze nur und große Wirkung. Volle Entfaltung der literarischen Qualität des Buchs, seiner Musikalität. Wie viele Romanadaptionen hat man in den letzten Jahren auf den Bühnen gesehen, an der Schaubühne, überall! Wie viele flache Abende waren das, Etikettenschwindel!" So staunt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (24.12.2015) über den Abend. Und weiter: "Dieses Theater hat Augen im Herz. Ihm geht vielleicht die große Sinnlichkeit ab, aber es besticht durch Intelligenz. Emotionale Intelligenz."

Eine "geisterstundenhafte, konzentrierte, nur minimal kitschige Kunstübung" hat Wolfgang Höbel erlebt, wie er auf Spiegel Online (23.12.2015) schreibt. Manchmal scheine es so, als sei das Theater des Regisseurs McBurney von der Kinobegeisterung des Erfolgsdarstellers McBurney infiziert, als wolle er austesten, ob der Zauber der Stefan-Zweig-Séance nachts im Museum durch solche plakativen Effekte womöglich in tausend Stücke birst. "Aber seine eindringliche, fast immer auf die Erzählkunst der Darsteller vertrauende 'Ungeduld des Herzens'-Beschwörung hält das locker aus."

Wirkliche Bilder entstünden dabei nicht, kritisiert hingegen Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (23.12.2015): "Was im Roman inneres Erleben ist, wird hier zum Bühnengetue." Erst im zweiten Teil der Aufführung bekomme McBurney mitunter den Kern des Romans in den Griff. Dennoch: Den Romanbogen "vermag die Inszenierung sowenig zu spannen, wie den gleichwohl vom Regisseur angestrebten Bezug zur Gegenwart".

"So schlicht, ja karg die Anlage dieser Produktion daherkommt, so überladen wirkt sie doch von Anfang an", findet André Mumot im Deutschlandradio Kultur (22.12.2015). Alles müsse ausillustriert und aufs Naivste bebildert werden. "Alles nämlich nimmt Simon McBurney ehrfürchtig beim Wort, alles wird eins zu eins in Bühnenaktionen und großes Pathos umgesetzt, nichts unterspielt, aufgebrochen oder hinterfragt, stattdessen mit Ausrufezeichnen und überagierter Emotionsnatürlichkeit ausstaffiert. Was sich im Roman als langsamer, quälender und tatsächlich ergreifender Prozess der heillosen Gefühlsverstrickung entfaltet, ist hier nur exaltierte Operette, die ihre biedere Abstandslosigkeit nie verbergen kann."

"Seinem glänzenden Ruf wurde McBurneys in auftrumpfende Effekte verliebte Inszenierung allerdings kaum gerecht", ist auch Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (4.1.2016) der Meinung. Wie kostbare, sorgsam von der Außenwelt und einer nervösen Gegenwart geschützte Museumsstücke wirkten die Schauspieler, "die eher referierend als spielend das Figurentableau aus dem Roman reanimieren". Wie McBurney das Schlussbild der Flüchtenden im Mittelmeer benutze, um seiner Inszenierung ein apartes Schlussbild zu verschaffen, "ist nicht frei von gedankenloser Obszönität".

 
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