Presseschau vom 4. Januar 2016 – Die NZZ berichtet wehmütig vom Sittenverfall beim Theaterpublikum

Unbeschwerte Kino-Mentalität

Unbeschwerte Kino-Mentalität

4. Januar 2016. Nichts ist, wie es mal war, seufzt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung. Er beobachtet seit einiger Zeit als Entwicklung im Theater: "Der Respekt des Zuschauers gegenüber der Institution Theater lässt nach. Es geht um das ganz normale Benehmen im öffentlichen Raum, und es geht um die Beziehung zwischen Zuschauer und Akteur, um diesen ungeschriebenen Vertrag, der seitens des Publikums immer häufiger und hemmungsloser aufgekündigt wird."

Im 19. Jahrhundert, als sich das Schweigen im abgedunkelten Zuschauerraum duchsetzte, sei man weiter gewesen, findet Noack. "Oder ist als 'gesittet' zu bezeichnen, wer kaum zum Schweigen zu bringen ist und erst knapp vor dem ersten Satz, der auf der Bühne gesprochen wird, sein Telefonat am Mobilfunkgerät beendet? Wer das kleine Gerät mit ungeheurer Leuchtkraft während der Vorstellung nach Mitteilungen befragt, so dass sein grell beschienenes Gesicht aus den Reihen hervorblinkt? Dass ein Handy in aller Stille plötzlich klingelt oder Wecksignale von sich gibt – man hat sich daran irgendwie längst gewöhnt und ist doch jedes Mal aufs Neue gespannt, wo das nun wieder herkommt und mit welcher Spontan-Einlage die genervten Schauspieler darauf reagieren."

Noack konstatiert eine "unbeschwerte Kino-Mentalität", "eine Art Popcorn-Atmosphäre", in der gefilmt und fotografiert wird, Menschen den Theatersaal "in voller Strassenkleidungsmontur betreten, in Mänteln und mit Mützen, Schals, aus denen man sich dann raumgreifend schält und wickelt". Außerdem beobachtet er, wie "während auf der Bühne die Akteure noch ihre Kratzfüsse machen, ganze Reihen aus den bequemen Stühlen" drängten, um den Saal zu verlassen. "Eine Fremdheit ist da heute immer öfter zu spüren, eine Berührungsangst, ein Sich-Abschotten gegenüber den Spielenden. Und vor allem: Gleichgültigkeit. Der Beifall wird zum Trinkgeld, das man auf dem Tisch, an dem man ohnehin schon durch zweifelhafte Manieren aufgefallen war, liegen lässt."

(geka)

Kommentare

Kommentare  
#1 Zuschauer-Sittenverfall: KulturpessimismusChristoph 2016-01-04 15:34
Hach ja, geht doch nichts über herzhaft hingeraunzten Kulturpessimismus!
#2 Zuschauer-Sittenverfall: ach Gottchenzeitblom 2016-01-04 15:40
Ach Gottchen..
Na wenn das die einzigen Probleme der Schweizer Theaterszene sind - herzlichen Glückwunsch!
#3 Zuschauer-Sittenverfall: Problem der GesellschaftOlaf 2016-01-04 17:56
Ich finde Herr Noak hat Recht. Aber das ist ein Problem der gesamten Gesellschaft. Es fehlt an Achtung, Respekt und Benehmen.
Ich finde es empörend, wenn sich die Schauspieler, die an solchen Abenden viel leisten, verneigen, das Kulturpublikum, und es sind nicht die jungen Besucher, zur Garderobe eilen. Es gehört zum Anstand, das man auf seinem Stuhl sitzen bleibt. Wenn es einem nicht gefallen hat, muss man ja nicht klatschen.
#4 Zuschauer-Sittenverfall: stimmt, kein BenehmenStefan Vollendorf 2016-01-04 22:04
Kein Kulturpessimismus - eine Tatsache ! Ich gehe pro Jahr ca. 40-50 Mal ins Theater und die Oper und kann den Sittenverfall leider nur bestätigen. Während die Zustände in Frankfurt und Berlin zumeist noch geradezu rosig sind, macht es keinen Spaß mehr in Braunschweig und -auch immer stärker- in Hannover, ins Theater zu gehen. Es wird geschwatzt, geflüstert, auf dem Handy gespielt, ja, und natürlich klingelt es in fast jeder Vorstellung irgendwo und es poltert ein Handy zu Boden. Gerne werden auch mal Fotos während der Vorstellung gemacht, natürlich mit dem lustigen Auslöser-Geräusch. Bonbons werden direkt nach dem Beginn der Vorstellung ausgewickelt, es wird in Taschen gekramt und mit allem geklappert, was sich dazu eignet. Unglaublich als vor 2 Jahren jemand bei der Ouvertüre des Pasifal in Braunschweig eine Wasserflasche öffnete - Pfffhhhhhh ! Was waren das doch für schöne Zeiten, als nur gehustet, geröchelt und geschnieft wurde ! Aber erstaunlicherweise sind es nicht die Proletarier oder die verschüchterten Gelegenheitsbesucher, es ist die Mitte der Gesellschaft und manchmal die Elite (schwatzende Zahnärztin bei "Der Prophet" in Braunschweig), die sich nicht mehr zu benehmen weiß. Sorry, aber ich gebe viel Geld für die Karten und die Reisen aus, da erwarte ich, dass die anderen Zuschauer sich rücksichtsvoll benehmen. Und ja, es ist lächerlich, wie sich nach dem Vorhang, klatschende Dutzendschaften durch die Stuhlreihen drücken um ja die ersten an der Garderobe und in der Tiefgarage zu sein - dass sich dann dort, wenn jemand vor der Ausfahrt-Schranke versagt, noch ganz andere Dramen abspielen, ist aber ein anderes Thema.
#5 Zuschauer-Sittenverfall: ein sozialer OrtStefan P. 2016-01-05 11:28
Was ist dem Gedanken, dass Theater als ein sozialer Ort angesehen werden kann? Da kommen auch Menschen hin, die sich (nicht) benehmen.
#6 Zuschauer-Sittenverfall: die Güte macht die StilleJack 2016-01-05 14:14
So muss es sein, Theater ist fürs VOLK da und soll nichts Elitäres sein. Wieso darf der Zuschauer nicht reden, wenn er es schrottig auf der Bühne findet. Wieso soll der Zuschauer nicht früher gehen, wenn es schrottig findet. Glauben Sie mir, bei einem guter Theaterabend ist das Publikum auch relativ still.
#7 Zuschauer-Sittenverfall: mit Hemd und Binderdabeigewesen 2016-01-05 14:51
Um Cicero zu zitieren: O tempora, o mores! Die Zivilisation scheint seit knapp 2500 Jahren auf dem direkten Wege in den Abgrund zu sein. Ich persönlich hätte ja den alten Kaiser Wilhelm gerne wieder...

Im Ernst: natürlich gibt es soziale Ärgernisse. Es ist auch in Ordnung, dazu eine Philippika in der NZZ zu verfassen, ich würde vielem des dort gelesenen zustimmen.
Aber es ist doch an jedem von uns, die Standards zu setzen und einzuhalten und ggfs. die Einhaltung vor Ort zu fordern. Mein Beitrag für 2016: mit Hemd und Binder ins Theater. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte...
#8 Zuschauer-Sittenverfall: Partizipation als ChanceBlondie 2016-01-05 15:22
Ich denke, dass sich die Grenzen verschieben. Früher galten die Schauspielerinnen als Halbgötter, denen zuzusehen war. Mittlerweile wird das Publikum so häufig zur Partizipation (Bürgertheater etc.) eingeladen, dass es sich auch sonst als Teil der Inszenierung versteht - auf den zu reagieren ist. Das ist ja auch eine Chance.

Über überteuerte Garderobenpreise ärgere ich mich regelmässig - und lasse die Jacke dann an. Da lobe ich mir Berliner Bühnen...
#9 Zuschauer-Sittenverfall: besser emotional als mäuschenstillAlex 2016-01-05 17:33
Dass die störenden Geräusche in den letzten Jahren zugenommen haben, kann ich bestätigen. Meiner Meinung nach beziehen sich diese aber nicht auf das Geschehen auf der Bühne, sondern resultieren aus dieser, im Artikel genannten, „Gleichgültigkeit“ der Situation gegenüber.
Es ist wohl einfach ein neues Phänomen, was den heutigen Umgang der Gesellschaft mit Theater angeht. Ich wage vorsichtig zu sagen, dass es sich meistens um junge oder sehr alte Menschen handelt, die verfrüht den Raum verlassen oder mit Popcorn und Cola im Schneidersitz mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Das gibt doch einfach mal wieder Anlass sich mit Theater zu beschäftigen. Ich plädiere dafür, dass man sich mit diesem Kulturgut aus verschiedenen Perspektiven auseinandersetzt und solche Dinge lieber nicht für Kulturpessimismus hält, sondern das Theater als einen sozialen Ort anerkennt.
Für mich gehört eine vernehmbare Reaktion des Publikums zum Theaterabend dazu, sonst wäre es kein Theater!
Aus einer bewertenden Perspektive heraus kann man auch finden, dass ein Publikum, das brav und unehrlich abklatscht, sich in der Höflichkeit und Angepasstheit einer Theateröffentlichkeit und Förmlichkeit verliert. Dann ist mir ein wildschreiend doch lieber, wo es Konfrontation und Austausch zwischen den Welten Bühne und Publikum geben kann. Ein gutes Publikum ist für mich ein emotionales Publikum, das den Mut hat Meinungen in einer Publikumsöffentlichkeit zu äußern. Warum nicht einmal im Theater Einzelkabinen mit Sitzen anbringen, wo man isoliert die Vorstellung genießen möge?! Ist nicht gerade auch die Stimmung vom Publikum ein wichtiger Erlebnisfaktor im Theater?
Obwohl ich auch betonen will, dass „keine Reaktionen“ auch sehr aussagekräftig sein können, wobei diese schwieriger zu untersuchen sind. Kurz: Für Theaterleute ist ein emotionales Publikum weitaus interessanter als ein Publikum, das mäuschenstill, möglicherweise auch mit ein wenig Ehrfurcht, das Haus betritt und ebenso wieder verlässt.
Was bleibt denn einem von Theater?
#10 Zuschauer-Sittenverfall: Rückmeldung fehltKen 2016-01-05 18:53
Woran es bei dem allgemein festzustellenden Wertezerfall fehlt ist - Rückmeldung. Sich trauen, die rücksichtslosen Zeitgenossen anzusprechen und gemeinschaftlich asoziales Verhalten auf Kosten anderer (die beispielsweise am Theaterbesuch gestört werden) zu sanktionieren.Dies betrifft aber nicht nur den Theaterbesuch, sondern auch überlaute Handy-Telefonate in der U-Bahn oder Fahrradfahrer auf Bürgersteigen, die immer noch nicht wissen, dass dies eine Ordnungswidrigkeit ist. Also, nicht nachlassen, sondern gemeinsam etwas verändern! :-) Ken aus Berlin (wo o.g. Phänomene auch vorkommen...)

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