Der Exorzist als Nerd

von Andreas Tobler

Zürich, 9. Januar 2016. Kreuze werden gerammt, Trockeneisnebel wallt über den Sand, eine Horde junger Frauen in Ekstase gibt sich derselben zuckend hin. Wie man sich das halt so vorstellt, also schon bald auf dem Boden liegend und sich wild windend. Und wir sind mit dabei, an diesem Abend, an dem "The Crucible" über die Schiffbau-Bühne gejagt werden soll. Warum? Weil es Regisseur Jan Bosse so will, dass wir uns auf Kirchbänken rund um ein gestampftes Rechteck aus Sand versammeln, um ebenda eben Arthur Millers "Hexenjagd" zu gucken. Also jene 1953 vor dem realen Hintergrund der McCarthy-Ära entstandene Parabel, die zeigt, wie im 17. Jahrhundert eine Dorfgemeinschaft im religiösen Wahn sich selbst hysterisiert – und schon allzu bald zu einem Lynchmob mutiert, nachdem die weibliche Jungmannschaft bei einem okkulten Ritual gegen Dingenskirchen verstößt, na sag' schon, genau: Moral und religiöses Gesetz.

Und all das ist nun gar nicht so schlimm, wie es vielleicht klingen oder sein könnte – und wie es in der Verfilmung mit Winona Ryder und Daniel Day-Lewis von 1996 ist, in der dauernd die Beine baumeln, weil gerade wieder ein Mitglied der Dorfgemeinschaft gehängt wird, womit Millers Stück zum überspannten Extremsport in Sachen Exorzismus verkommt. Von dem setzt sich Jan Bosse wohltuend ab, ja, er ist in den stärksten Momenten seiner Inszenierung geradezu lässig entspannt, wenn er uns die religiös-fundamentalistische Archaik, die Dynamik und Mechanik von Millers Stück vorführt.

Unter die Bettdecke gelugt

Mit der Lässigkeit gemeint sind nun aber nicht jene Minimomente, in denen Bosse das Stück von Miller mit Ironie bricht, etwa dann, wenn Markus Scheumanns John Proctor die Bettdecke der Pastorstochter Betty Parris hebt, unter der diese (gespielt von Sofia Elena Borsani) dann jeweils kurz hervorkreischt, wenn sie vom Licht der Bühnenscheinwerfer erleuchtet wird. Richtig cool in Bosses "Hexenjagd" sind vielmehr jene starken Passagen, die von Figuren getragen werden, denen wir mit Interesse folgen, ohne dass sie uns ins Dunkelreich ihrer Psychologie hineinsaugen wollen.

Hexenjagd1 560 Tanja Dorendorf TT uPastor John Hale (Jirka Zett), angefixt davon, dass die Sache mit Gott und dem Teufel doch etwas  Abgefahrenes haben könnte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Also jene, die von einer Faszination umgeben sind, die wie ein ganz leichtes Fieber wirkt. Am stärksten ist in dieser Hinsicht Jirka Zett, der mit fliehender Stirn und strähnigem Langhaar seinen Pastor John Hale so spielt, als hätte dieser eines Tages für sich entdeckt, dass die Sache mit dem Teufel und dem Exorzismus doch noch etwas Abgefahrenes sein könnte, also etwas für ihn – und dann von all dem so angefixt wurde, dass er sich nun vor unseren Augen aus seiner Nerdwelt in die Wirklichkeit hervortastet, immer ein wenig erstaunt, dass tatsächlich allem Folge geleistet wird, was er da im Namen Gottes einfordert, wenn er sich anschickt, in der Dorfgemeinschaft das Handwerk der Teufelsaustreibung zu verrichten.

Virtuoses Beziehungsknäuel

Gewiss, nicht alles in dieser "Hexenjagd" ist so raffiniert wie das Spiel von Jirka Zett. Aber vieles dann doch: Markus Scheumanns Proctor, Carolin Conrad als dessen Ehefrau Elizabeth und Nils Kahnwald als Pastor Parris – sie alle und noch viel mehr in diesem großen Ensembleabend zeigen, was sie können (und das ist naturgemäß sehr viel). Und nur selten versucht uns Jan Bosse in dieses Spiel einzulullen oder miteinzubeziehen, etwa dann, wenn er mit Lichtwechseln die Farben des großen Waldprospekts über unseren Köpfen wechselt, wenn wir nebenbei mal als "Bauern" adressiert werden oder wenn man uns nach der Pause des insgesamt dreistündigen Abends mit einem Notenblatt zum Mitbrummeln oder -singen eines Kirchenlieds bewegen will.

Hexenjagd2 560 Tanja Dorendorf TT uDie weibliche Mannschaft, die gegen die religiösen oder andere Vorschriften verstößt
© Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Ansonsten beschränkt sich Bosse darauf, die Knoten, die Beziehungs- und Intrigenfäden aus dem Knäuel von Millers "Hexenjagd" herauszuziehen und uns zu zeigen, wer da im Spiel von Neid, Hass, Gier, Begehren gerade wem den Strick drehen will. In Sachen Virtuosität ist in Bosses Inszenierung wirklich vieles sehr gut gemacht, zum Teil sogar verdammt gut.

Und doch dreht dieses Virtuosentum bald leer, was nunmal mit dem Stück zu tun hat, das als unmittelbare Reaktion auf die McCarthy-Ära wahrscheinlich etwas vom Klügsten war, sodass man selbst heute noch sein Hütchen davor lüpft. Aber bruchlos auf die Gegenwart übertragen kann man diese "Hexenjagd" dann doch nicht. Dafür müsste man in einen Rausch des differenzlosen Denkens verfallen – dem Bosse zum Glück konsequent widersteht.

Dynamik der Selbsthysterisierung

Aber nicht der Kolumnist Georg Diez, der im Programmheft zur Produktion alles in einen Topf wirft: Joe McCarthy, Donald Trump, Roger Köppel (ein Schweizer Politiker, Zeitschriftenbesitzer und Talkshow-Gast), Viktor Orbán, Marine Le Pen – sie alle seien gleich, sie allen würden Angst erzeugen, um sich "ins Recht zu setzen". So einfach ist das, wenn man nicht die Dynamiken der Selbsthysterisierungen sehen will, die Millers Stück ja eigentlich zeigt, und sich stattdessen in einer plumpen Personalisierung an der Banalisierung der Politik beteiligt. Und so simpel ist die Sache, wenn man von einer Dorfwelt von anno dunnemals aufs geile Ganze der gegenwärtigen Weltgemeinschaft spitzt – deren Wandel und Komplexität man unterschätzt, wenn man in Millers Stück mehr als etwas Erhellendes zu einem zurückliegenden Kapitel der Weltgeschichte sehen will.

Hexenjagd
von Arthur Miller
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Dramaturgie: Gabriela Bussacker.
Mit: Ludwig Boettger, Sofia Elena Borsani, Gottfried Breitfuss, Carolin Conrad, Jean-Pierre Cornu, Julia Tanner, Nils Kahnwald, Hans Kremer, Dagna Litzenberger Vinet, Lisa-Katrina Mayer, Isabelle Menke, Miriam Morgenstern, Markus Scheumann, Tatjana Sebben, Nikola Weisse, Jirka Zett.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Bosse werfe mit analytischer Sachlichkeit die Motivationsnetze aus, er arbeite aber auch sehr klar die komischen Seiten heraus, schreibt Andreas Klaeui in der NZZ (11.1.2016). "Wer Millers Stück im Theater auf den Spielplan setzt, muss sein eigenes Heute meinen – gab es je die aufgeklärte Zeit, in der dieser Stoff unerheblich geworden wäre?" Es sei nicht das kleinste Verdienst von Bosses Inszenierung, dass sie solche Bezüge zwar nahelegt, aber nicht expliziert. "Die Dynamik von Hysterie und Kalkül bleibt in ihrem entfernten Kosmos und erweist umso wirkungsvoller ihre Relevanz." Bleiben beiläufige Irritationen, wie zwei nicht bespielte Container im Bühnenbild, oder die Frage, ob die Videospur und eine katastrophische Klimax nicht doch des Guten zu viel seien " – immerhin mit furioser Wucht präsentiert. Doch das sind Details." Kastrations- und andere Ängste trieben Millers Figuren um, auch das mache Jan Bosse offensichtlich. Fazit: "Es bleibt ein Reigen unseliger Geister, die uns gerade deshalb behexen, weil sie so tun, als wären sie weit weg."

"Jan Bosse inszeniert Arthur Millers Klassiker 'Hexenjagd' mit einem tollen Ensemble zu einer pädagogisch gedrehten Walpurgisnacht", lautet die Unterzeile von Alexandra Kedves' Kritik im Tagesanzeiger (11.1.2016). Bosse spiele mit dem Reiz der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Anfangs wisse man im Bühnenbild kaum, wohin man schauen soll: "Hinter sich, zum Chor. Nach vorne. Oder rundum auf die Wände, die als schulmässige Wandtafeln funktionieren." In Bosses Inszenierung geschehe nichts zufällig: "In Zeiten des IS-Terrors darf die Moral Majority als Machtmonster nicht vergessen gehen. Der Regisseur haut selber so drauf, dass wir noch im Dreck Sterne sehen. Immerhin: Das ist schön."

Millers "Hexenjagd" heute auf die Bühne zu bringen, sei nicht ganz einfach, schreibt Christine Wahl auf Spiegel online (10.1.2016). Jan Bosse habe das dankenswerterweise sofort erkannt. "Tatsächlich meidet er alles Pädagogische oder anderweitig kurzschlüssig Plakative wie – um im Bild der Inszenierung zu bleiben – der Teufel das Weihwasser." Die Parabel entfalte sich buchstäblich nah am Zuschauer. "Das Publikum  bekommt also gern mal ein paar Körner ins Gesicht, wenn sich ein Mädchenchor ekstatisch auf dem Boden wälzt", Bosse und Kostümbildnerin Kathrin Plath betonten aber lieber die historische Distanz. "Auf der Bühne herrscht strikt stilistische Historisierung. (...) Aus einer gewissen Distanz soll man Parallelen – und vor allem auch Unterschiede – historischer Folien manchmal ja wesentlich deutlicher erkennen, als wenn man immer alles geradewegs um sich selbst kreisen lässt. Insofern kann man 'Hexenjagd' heute natürlich auf jeden Fall so spielen."

Bosse nehme das Stück, "wie Miller es begriff", als Parabel, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.1.2016), belasse es "in der – ganz leicht aufgerauten – Kostümierung eines fernen Jahrhunderts" und stelle es hin als "mehrschichtiges, rhetorisch-diskursives Erlebnis", mache es mithin "zum Lehrstück im besten Sinn".

 

 

Kommentar schreiben