Ein Fünkchen Wahnsinn

von Georg Kasch

Berlin, 16. Januar 2016. Irgendwie hat das ja immer noch was Skandalöses, wenn ein 80-jähriger Mann, so gebildet, erfolgreich und charmant auch immer, sich in eine junge Frau von Anfang Mitte Zwanzig verliebt. Und umgekehrt. Was er von ihr will, steht außer Frage. Aber sie von ihm? Sicherheit? Luxus? Oder die geistige Anregung, wie Inken Peters in Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang“, uraufgeführt 1932, behauptet? Die Familie des gelehrten Verlegers Matthias Clausen, der sich in die junge Kindergärtnerin verliebt, jedenfalls findet die Frühlingsgefühle des Patriarchen gar nicht lustig. Vor allem, weil er, um sich ganz dem neuen süßen Leben zu widmen, die Firma verkaufen will – Grundlage des allgemeinen Wohlstands. Am Ende ist der Alte so gut wie entmündigt, da hilft ihm als Marc-Aurel-Fan nur der Griff zum Gift.

Die von Hauptmann geforderte Marc-Aurel-Büste fehlt im Raum von Ausstatter Stephan von Wedel, der Clausens Großbürgerlichkeit im Berliner Schlossparktheater aufs Notwendigste reduziert: Hier das Bild der verstorbenen ersten Frau, da ein Wägelchen mit Spirituosen, später kommen noch Frühstückstafel und auf dem Land eine Kiste Äpfel hinzu. Ähnlich abgespeckt hat Regisseur Thomas Schendel, der früher mal bei Claus Peymann in Bochum und am Berliner Schillertheater spielte, den Text: Gestrichen wurde viel Geplauder, aber auch der ein oder andere philosophische Exkurs – auf den Gedanken, dass "Vor Sonnenuntergang" auch ein Goethe-Drama ist, kommt man am Schlossparktheater jedenfalls nicht. Geblieben sind das Handlungsgerüst und elf Personen (von knapp 20) – immer noch eine Menge für ein kleines Boulevardtheater, das sich hauptsächlich aus seinen Eintrittskarten finanziert. Und mithin ein Risiko für den Hausherrn, der sich mit diesem Stück selbst die Hauptrolle zum Geschenk macht.

Am Rande der Zurechnungsfähigkeit

Dieter Hallervorden hat Geld und Ruhm mit dem Kabarett "Die Wühlmäuse", Fernseh- und Film-Comedy (Palim-Palim) verdient und 2009 das brachliegende Schlossparktheater übernommen – auf eigene Kosten. Neben Komödiendutzendware geht das Haus seitdem immer wieder Wagnisse ein, schließlich kommen die Leute in erster Linie, um sich zu amüsieren: "Besuch bei Mr. Green" war so eines, mit einem überragenden Michael Degen. Hallervorden selbst übernimmt regelmäßig Rollen, größere und kleinere. Aber er hat sich an noch keine vom Format dieses Clausens gewagt, den Hauptmann als eine Art modernen King Lear konzipiert hatte. Auch Clausen täuscht sich in seinen Kindern, gibt leichtfertig die Macht aus der Hand, wird zum Getriebenen am Rande der Zurechnungsfähigkeit. Das muss man erst mal spielen!

VORSONNENUNTERGANG 560 c DERDEHMEL UrbschatFamilie kann man sich nicht aussuchen. Achim Wolf, Harald Effenberg, Anne Rathsfeld, Dieter Hallervorden, Oliver Nitsche, Maria Steurich, Irene Christ © DERDEHMEL/Urbschat

Während die meisten Nebenrollen einen Ton anschlagen, der deutlich ist bis zur Karikatur, klingt Hallervorden erst mal erfrischend anders: Da steht ein Mann, der im Reinen mit sich ist, der mit seinem besten Freund ins leicht zerstreute Plaudern gerät, bei dem die oft umständlichen Hauptmann-Sätze, die beim Lesen ordentlich stauben, plötzlich frisch und eigentlich klingen. Seine Markenzeichen, das lässige Drüberwegstolpern mit berlinweichem G oder das abschließende Grinsen, das jede noch so große Banalität nachträglich in eine Spitzbüberei verwandelt, pumpen ordentlich Leben in den alten Clausen.

Der Komiker Hallervorden, der ja längst bewiesen hat, dass er ein ernstzunehmender Schauspieler ist, trotzt dem eher unfreiwillig komischen Hauptmann so höchst ehrliche Pointen ab! Zumal ihm einerseits mit Achim Wolff als Jugendfreund Geiger ein Schauspieler alter Schule zur Seite steht, der seinerseits schöne Schattierungen setzt; andererseits Katharina Schlothauers Inke als personifizierter Frühling die Bühne verwandelt: klar, nüchtern, frisch – gerade vor dem Hintergrund der keifenden Familienmitglieder-Überspitzungen. Das trägt noch bis in die etwas arg hinkonstruierte Katastrophe hinein.

Hallervorden als großer, störrischer Alter

Aber es trägt nicht bis zum Schluss. Hallervorden hat ja längst gezeigt, dass er die großen störrischen Alten kann. In Kinofilmen wie "Das letzte Rennen" und "Honig im Kopf". Und im Schlossparktheater, wo er in "Sonny Boys" einen König ohne Reich spielte – und das in einer Formvollendung und Größe, die diesen Abend zum Ereignis machte. Jetzt aber, wenn Clausen wie Lear durch die Nacht irrt – ein Gehetzter, ein Opfer, nicht mehr ganz bei Sinnen – da fehlt das letzte Fünkchen Wahnsinn und Verzweiflung, und auch Schlothauers Inken sinkt eher routiniert, denn dem Zusammenbruch nahe, an seiner Seite nieder. Ein Wagnis ist dieser "Sonnenuntergang", ein Wagnis, das von Mut erzählt – und vom aufrechten Scheitern.

 

Vor Sonnenuntergang
von Gerhart Hauptmann
Regie: Thomas Schendel, Bühne & Kostüm: Stephan von Wedel.
Mit: Dieter Hallervorden, Katharina Schlothauer, Irene Christ, Harald Effenberg, Martin Gelzer, Oliver Nitsche, Mario Ramos, Anne Rathsfeld, Maria Steurich, Franziska Troegner, Achim Wolff.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.schlosspark-theater.de

 


Kritikenrundschau

"Wir sehen das Stück, wie Hauptmann es geschrieben hat. Und dann doch ein bisschen mehr", beschließt Udo Badelt seine Besprechung für den Tagesspiegel (17.01.2016). Von den Schauspielern fühlt sich Badelt gut unterhalten, auch wenn er anmerkt, dass Hausherr Hallervorden erst spät im Stück "mehr Couleur und ein ausdifferenziertes Spiel" zeigt. 

Mit seinem neuesten Stück am Schlossparktheater stoße Dieter Hallervorden "in ganz andere Dimensionen vor" und biete "ungewöhnlich tragische Kost", schreibt eine hellauf begeisterte Katrin Pauly in der Morgenpost (17.1.2016). Hallervorden beweise hier, wie zuletzt auch im Kino, seine "Qualitäten als hochkarätiger Charakterdarsteller". Er begegne der Figur des Matthias Clausen durch "nuanciertes Spiel" und lasse "keine seiner Facetten aus, er spielt ihn lebensstolz, wo es nötig und ironisch, wo es möglich ist und bewahrt ihm selbst in der finalen geistigen Verwirrung noch einen letzten Funken Entschlossenheit und Würde."

Der Regisseur Thomas Schendel versuche, dem Hauptmann-Stück "maximalen Boulevard-Appeal zu geben", meint Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (22.1.2016). "Der Text ist zugunsten der Eindeutigkeit gekürzt. (...) Statt Figuren ist ein Typenkabinett zu sehen" Mittendrin sei Dieter Hallervordens Clausen "kein Patriarch, vor dem man Angst haben muss. Sondern ein spitzbübischer alter Mann". Hallervorden spreche "schnodderig und wie nebenbei. Und manchen Satz beendet er mit dem typischen Hallervorden-Grinsen: hochgerissene Mundwinkel, in Falten gelegte Stirn. Aber den Wahn am Ende nimmt man ihm nicht ganz ab."

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