Der Bürger als Smombie

von Christian Rakow

Berlin, 17. Januar 2015. Das Programmheft, das am Deutschen Theater eigentlich immer lesenswert ist, aber selten etwas mit den Inszenierungen zu tun hat, dringt dieses Mal ganz nah an die Gedankenwelt dieses Theaterabends. "In Labiche surrten keine Dämonen", heißt es dort in einem Essay des Schriftstellers Urs Widmer, der den Dramatiker Eugène Labiche als ebenso beispielhaften wie symptomatischen Stückefabrikanten der großbürgerlichen Ära nach 1850 in Frankreich vorstellt (und abkanzelt). Keine Dämonen, das heißt: Labiche kennt zwar Marotten und Verschlagenheit des Bürgers, aber echte Abgründe, zumal die Abgründe der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, von denen er zehrt, sind ihm fremd, so Widmer.

"Also lasset die Dämonen surren!", muss Regisseurin Karin Henkel gesagt haben. Und so kehrt sie sieben Jahre nach ihrem eher unglücklichen letzten Auftritt (Gefährliche Liebschaften, 2009) ans Deutsche Theater Berlin zurück – mit einem echten Bürgergespensterstück. Die Boulevardseligkeit ist ausgetrieben. Der Salon, in dem Labiche seine Komödie spielen lässt, ist im DT die Totenhalle eines Krematoriums, mit Sargrutsche, Christenkreuz und blickdichten weißen Vorhängen. Der Raum (von Henrike Engel) hat viele Nischen, alle gleichen sich, wenn sich die Bühne unseligenruhig dreht.

Lachen ist gesund!

Bei Labiche nahm sich das alles noch so harmlos aus: Der Rentier Lenglumé erwacht am Morgen nach einer Sauftour daheim neben dem Trunkenbold Mistingue, mit dem er auf einer Feier lose Bekanntschaft geschlossen hat. Ein Filmriss, oder wie sie sagen "eine Gedächtnislücke", hat ihre Erinnerungen an die Nacht getilgt. Bald schon glauben die zwei, aufgeschreckt durch eine Zeitungsmeldung und einige passende Indizien, dass sie im Suff ein Kohlenmädchen ermordet haben. Der Rest der flinken Klamotte ist heillose Vertuschungsakrobatik mit Happy End. "Ist's vorüber, lacht man drüber, Lachen ist gesund!", geht der finale Song.

Einen "Technokraten" nennt Widmer in seinem Essay den Komödienakkordwerker Labiche (der es in seinem Leben auf 175 Texte brachte, teils in Ko-Autorenschaft verfasst). Sein Rädchen schnurrt entlang der gültigen Etikette, sein Spiel mit den Konventionen ist taghell, ausgetragen von Figuren, die sich wild rotierend bemühen, die Rolle hochzuhalten, aus der sie gerade fallen. Karin Henkel durchstößt die Klipp-Klapp-Technik mit High Tech und radikalisiert dabei das psychotische Moment der Komödie.

Jekyll & Hyde

Bei Henkel ist der trinklustige Mistingue nicht nur der Bruder im Geiste für den Bürger Lenglumé, sondern gleichsam sein dämonisches Alter Ego. Wo Lenglumé nur von Mordabsichten spricht, da greift Mistingue zum Messer. Ein Hauch von Dr. Jekyll und Mr. Hyde weht durch diese schizophrene Studie, auch wenn der Frack fehlt, Lenglumé bei Michael Goldberg eher wie ein abgerissener Nick Cave ausschaut und der Mistingue von Felix Goeser als Mischung aus Gerard Depardieu und Meat Loaf daherkommt. Um sie herum streift das Hausmädchen Justine (bei Labiche ist es noch ein männlicher Bediensteter) in dreifacher Ausführung, sinister und somnambul: Wiebke Mollenhauer, Camill Jammal, Christoph Franken.

RueLourcine3 560 ArnoDeclair hFelix Goeser, Michael Goldberg, Anita Vulesica © Arno Declair

Die Akteure, die die Maskenbildnerinnen mit knolligen Nasen oder Überbiss (die famose Anita Vulesica als Gattin von Langlumé!) teils bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben, hängen in faszinierender Präzision an den unsichtbaren Drähten der Automatentechnik. Wie bei Vegard Vinge und Ida Müller (an deren Arbeitsweise schon Karin Henkels jüngste Umsetzung von Ibsens John Gabriel Borkman erinnerte) keift Anita Vulesicas Norine computergleich verpuppt ihren Mann Lenglumé an: "Oskar, krieg ich keinen Kuss?" Und ihr garstiger Ton hallt in die Weiten der Echomaschine. Es ist einer von vielen starken Momenten dieses Abends, in denen die wie choreographiert wirkenden Gesten der Figuren in ein ausgeklügeltes Sounddesign eintauchen.

"Wer ist da? Ich"

Wie hieß noch einmal das Jugendwort 2015? "Smombie", als Kurzform für Smartphone-Zombie. Ja, das Rad der Technik hat sich weitergedreht. Wenn im 19. Jahrhundert bei Labiche langsam die Ahnung aufkeimt, dass der Bürger nicht "Herr im eigenen Haus" ist, mithin der mentale Kontrollverlust zum großen Komödienthema wird, dann spitzt sich diese Erfahrung in der Ära der digitalen Medien zu. Glücklich, wer noch Herrschaft über sein Bewusstsein hält, wenn die Alltagstechnik den Beat vorgibt.

Henkel zeigt den Bürger als Zombie, alptraumhaft den Totenhallen entstiegen, radikal identitätsgestört. An zentraler Stelle speist sie Kleists "Amphitryon", das Ich-Verluststück par excellence ein: "Wer ist da? Ich. Was für ein Ich? Meins mit Verlaub." Aber wer kann schon "mein" sagen? Zu diesem Zeitpunkt sind Lenglumé im Zusammenspiel mit Mistingue die Zügel längst entglitten. Das Lachen im Saal wird schütterer, diese Komödie wirkt kalt, klug, analytisch, unerbittlich, zwingend. Das Happy End, na ja. Kein Wohlfühlabend am DT, aber ein Abend, der bleibt.

Die Affäre Rue de Lourcine
von Eugène Labiche
Deutsch von Elfriede Jelinek
Regie: Karin Henkel, Bühne Henrike Engel, Kostüme: Nina von Mechow, Musik: Arvild Baud, Dramaturgie: Claus Caesar, Hannes Oppermann.
Mit: Felix Goeser, Michael Goldberg, Christoph Franken, Camill Jammal, Wiebke Mollenhauer, Anita Vulesica.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (19.1.2016) hat "hohe Schauspielkunst" im DT gesehen (insbesondere in der minutenlangen Furz-Szene von Michael Goldberg als Lenglumé). Die Inszenierung zeige alles, was geschieht, "in mehreren Versionen gleichzeitig", und den Figuren werde es unmöglich, in ihrem Bewusstsein "einen festen Punkt zu finden", von dem aus der "Unterschied zwischen Schein und Sein dingfest" gemacht werden könnte. Zufrieden könne man dem Finale und der "Toten-Traumauflösung dann zwar nicht" sein; "aber hoch erfrischt und bereit für die Verwirrungen des Lebens zieht man in die Welt".

Für Christine Wahl vom Tagesspiegel (19.1.2016) ist dieser Theaterabend "nicht uneingeschränkt unterhaltsam. Aber konsequent." Wie in früheren Arbeiten treibe Karin Henkel "das (post)moderne Identitätsdilemma auf die Spitze". Aus dem "Wohlstandsbürger" werde der "zeitgeistige Paniker, der Kategorien wie 'Identität' nur noch im Dauerzerbröselungsmodus kennt. Lustig ist das freilich – auch hier beweist Henkel Radikalität – nur bedingt. Es fühlt sich eher trostlos und unter humoresken Gesichtspunkten bestenfalls krachledern an. Aus Erbauungswitz wird Demontagehumor."

Regisseurin Karin Henkel spiele "mit verrutschten Perspektiven, lässt die Bühne mitunter wie einen unter einem Krisselbild leidenden Fernseher wirken (...) und sorgt dafür, dass der Raum, an dessen Wand übrigens ein Holzkreuz baumelt, von drei Seiten aus bestaunt werden kann", berichtet Philipp Haibach für die Welt (19.1.2016). Allerdings wirkt die Komödie auf ihn ein "wenig brav und albern", das "Zeitgemäße“ sei "ein wenig verblasst – mehr noch als die Erinnerung eines gestandenen Säufers. Gewiss, es geht um die Doppelmoral einer Gesellschaft, um die Abgründe bürgerlichen Wohlstands, um Schein und Sein. Doch irgendwie schmeckt das Stück zuweilen wie abgestandener Wein."

Katrin Bettina Müller von der taz (19.1.2016) fühlt sich an diesem Abend von Karin Henkel an Susanne Kennedys kühle Sound-Theaterarbeit erinnert. Wie Kennedy sei auch Henkel daran interessiert "die Apparatur des Theaters, den dramaturgischen Bau, in seine Einzelteile zu zerlegen und mit ein wenig Politur, ein paar Verdrehungen, neu zusammenzusetzen und zu schauen, was passiert." Über diesen Abend heißt es: Michael Goldberg und Felix Goeser in den Hauptrollen "erheitern mit ihrem Wettbewerb an Blödigkeiten"; die "Aufregung ist groß, die Geschwindigkeit hoch, der Theaterapparat rast, die Drehbühne ist in Bewegung, fast jede Figur von Doppelgängern verfolgt, Szenen wiederholen und überholen sich. Und trotzdem sind die Bilder auch von Anfang an stillgestellt, kalt wie eine Leichenhalle, mechanisiert wie ein Krematorium."

Michael Laages zeigt sich im Deutschlandfunk (18.1.2016) restlos überzeugt davon, wie Karin Henkel die Ich-Problematik in Labiches Stück "verschärft". Zum "Ereignis“ der Inszenierung wird für ihn keine der Hauptrollen, sondern Anita Vulesica als Gattin des Protagonisten. "Wie die das wuchernde Chaos eisern zusammen zu halten versucht: Das ist blanker bürgerlicher Irrsinn. Und also sehr typisch Labiche."

"Intellektuell der Blick - derb der Humor“ ist die Besprechung von Irene Bazinger auf Deutschlandradio Kultur (17.1.2016) betitelt. Karin Henkel nutze Labiches Verwirrspiel, um "mit Witz und Schwung hinter die Fassade bürgerlicher Wohlanständigkeit blicken zu lassen". Sie "inszeniert die Lustbarkeiten mit formaler Präzision und mit sicherem Gespür für Timing, Rhythmus und die Absurditäten der condition humaine".

Mit diversen plakativen Andeutungen setze Karin Henkel das Publikum schnell in Kenntnis, dass Mistingue nur eine Vorstellung Lenglumés ist, die all das machen darf, was der Hausherr sich nicht traut, so Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (20.1.2016). "Aus der schnellen Klipp-Klapp-Komödie mit blitzender Situationskomik wird so ein etwas gläsernes Psychogramm, das sein wieherndes Gelächter vor allem durch Albernheiten erntet."

 
Kommentar schreiben