Im Schatten der DDR-Kulturpolitik

21. Januar 2016. Stefan Rosinski, noch bis zum Sommer Geschäftsführer des Rostocker Volkstheaters, hat gestern in der in Rostock erscheinenden Ostsee Zeitung ein "Variantenmodell" (hier der Wortlaut des 30-seitigen Papiers) veröffentlichen lassen, mit dem er den von der Rostocker Politik auferlegten Verkleinerungsüberlegungen für das städtische Theater begegnen will. Kern von Rosinskis Überlegung ist die Erhaltung und der Ausbau des Musiktheaters sowie die Erhaltung und Stabilisierung der 73-köpfigen Norddeutschen Philharmonie als konzertierendes Orchester, das zugleich Musiktheateraufführungen begleitet. Tanztheater soll in Rostock fürderhin in die Hände einer zu bildenden Landestanzkompanie nach baden-württembergischen und südhessischem Vorbild gelegt werden. Das Schauspielensemble soll nach Rosinskis Dafürhalten abgewickelt, Schauspieltheater in Rostock per Gastspiel und Koproduktionen mit freien Gruppen angeboten werden. Nur ein kleines vierköpfiges Ensemble bliebe am Volkstheater bestehen, um Jugend- und Kindertheater in flexiblen Formen anzubieten.

Rosinski begründet diese Umwandlung des traditionell eher auf Schauspiel orientierten Volkstheaters auf zweierlei Weise. Er sieht die Norddeutsche Philharmonie als künstlerisch qualifiziertes Ensemble, das sich nach Einigung auf einen Haustarifvertrag stabilisiert habe und dem Theater die höchsten Einnahmen einbringe. Unter der Prämisse, dieses Orchester zu erhalten, glaubt er mit seinem Modell eines Rostocker Opernhauses am ehesten den städtischen Vorgaben in Sachen zukünftiger Finanzierung des Hauses zu genügen.

Zwei Säle?

Die Abwicklung des Schauspiels käme laut Rosinski das Theater und die Stadt wesentlich billiger als die Schließung des Musiktheaters. Außerdem sei, wenn man, wie von der Stadt derzeit favorisiert, Orchester und Schauspielensemble erhalten wolle, die Planung eines neuen Theatergebäudes – an dem die Stadt wenigstens formal immer noch festhält, auch wenn sie keinerlei konkrete Schritte in diese Richtung unternimmt – widersinnig, weil es dafür völlig verschiedener räumlicher Voraussetzungen bedürfte, sprich: der Konzertsaal für das Orchester sei für das Schauspiel aus akustischen Gründen unbrauchbar, es bräuchte also zwei Säle.

Zum anderen aber gelte es, in Rostock wieder oder überhaupt zum ersten Mal nach der Wende Anschluss an das künstlerische Niveau der Bundesrepublik zu finden. Der Grundsatz "Gut ist, was gut läuft" könne nicht der Maßstab einer modernen Kulturpolitik sein. Partizipatives Theater, wie es heute kulturpolitisch angestrebt werde, sei etwa in Rostock weitgehend unbekannt. Das traditionell auf einen Realismus verpflichtete Schauspielwesen in Rostock habe sich geistig und ästhetisch noch immer nicht von den Indienstnahme der Schauspielkunst durch die "autokratisch-technokratischen" Vorgaben der DDR-Kulturpolitik gelöst.

Was soll das Theater?

Mit dem Untergang der DDR habe das Theater aber seinen Auftrag verloren und damit "seine künstlerische Prägnanz, dann seine Relevanz und schließlich die kulturpolitische Legitimation". Das Volkstheater müsse "inhaltlich anschlussfähig werden an den aktuellen Kunst- und Kulturdiskurs – vor den Diskussionen über Wirtschaftspläne und Spartenschließung". Konkret bedeute dies eine Auseinandersetzung mit "alternativen Formen des Arbeitens und Produzierens", wie sie an Matthias Lilienthals Münchner Kammerspielen und der projektierten Volksbühne von Chris Dercon zu erkennen seien. Angesichts "eines zunehmenden gleichberechtigten Nebeneinanders von Hochkultur und Soziokultur" müsse das "klassische Modells eines Mehrspartentheaters als Repertoire- und Ensemblebetrieb" "überdacht" – im Klartext: in Frage gestellt werden.

Nicht verinnerlichter Kulturauftrag

Die politisch Verantwortlichen in der Stadt Rostock hegten nach wie vor tiefes Misstrauen gegen die Mitgestaltung der (Theater-)Politik durch die Zivilgesellschaft. Die "Re-Autonomisierung" der Kunst, also Kunst, die sich im wesentlichen auf Kunst beziehe und nicht auf außerkünstlerische Zwecke, sei in Rostock seit der Wende nicht mitvollzogen worden. Die "enormen Defizite" im Umgang mit dem örtlichen Stadttheater, das "fehlende Bewusstsein von dessen geschichtlichem Stellenwert und seiner zivilgesellschaftlichen Bedeutung" ließen ahnen, dass in der Hansestadt der "kulturstaatliche Auftrag des Grundgesetzes mit seiner Kunstfreiheitsgewährung in Kombination mit dem Sozialstaatsgebot ('Kunst für alle') nicht verinnerlicht wurde" und dass es schlicht an kulturpolitischer Kompetenz mangele.

Über den Verwertungsgesichtspunkt ("gut ist, was gut läuft") hinaus habe die kommunale Kulturpolitik Reflexion über das erstrebenswerte Theaterangebot für die Stadtgesellschaft völlig vermissen lassen. "Erhalt, Innovation und Publikumsgewinnung sind die klassischen kulturpolitischen Inhaltsziele. Eine öffentliche Debatte über diese Kriterien gibt es weder auf kommunaler noch Landesebene." Rosinski weist ausdrücklich darauf hin, dass es einer neuen "kulturpolitischen Zielausrichtung für das Volkstheater" bedürfe. Andernfalls handelte es sich bei seiner Variante eines Opernhauses "lediglich um die Teilschließung eines Betriebes, der damit wesentliche Funktionalitäten verlieren würde" und das Theater als "zeitgemäßer und lebendiger Ort der Kunstproduktion" notwendig scheitern müsse.

(jnm)


Sewan Latchinians Positionspapier: Der Mensch als Motor der Kunst

In einem Papier, das auf der Facebook-Seite der Initiative Volkstheater Rostock veröffentlicht ist, bewertet Rostocks Intendant Sewan Latchinian die aktuell zur Diskussion stehenden Vorschläge zur Umstrukturierung des Rostocker Vierspartenhaus. Die Orientierung an einem Opernhaus als Zielgröße (wie sie Geschäftsführer Stefan Rosinski ins Gespräch gebracht hat) ist für ihn ebenso ein "Verlust an künstlerischer Vielfalt und Kulturabbau" wie die Verkleinerung des Hauses zu einem Schauspielhaus mit Konzertbetrieb.

Ein Opernhaus ist das kleinere Übel

Zwar stelle die Umwandlung des Hauses in ein Opernhaus das "kleinere Übel" dar, "weil es hierbei nicht, wie bei der Schließung des Musiktheaters und der Tanzsparte“ zu 40 betriebsbedingen Kündigungen käme". Gleichwohl sei sie, ähnlich wie die andere Sparvariante, mit "hohen Unwägbarkeiten behaftet".

"Qualitätskonstanz und eventuell auch künstlerische Qualitätssteigerung" seien innerhalb des gesetzten Finanzrahmens für die beiden verbleibenden Sparten zwar möglich, aber in den "zu ersetzenden Sparten nur noch punktuell realistisch". Tatsächlich sei das Volkstheater Rostock "bereits ein 'Sparmodell' im besten Sinne". Bei seinem geringen Budget verfüge "das momentane Modell eines vierspartigen Ensemble- und Repertoiretheaters durch eine Vielzahl von Synergieeffekte über das Potenzial zu breitester Kulturversorgung mit höchster Qualitätsdichte und den meisten Spitzenleistungen." Der Ensemble- und Repertoirebetrieb ermögliche die "Zuschauerbindung, was für die Einnahme- und Auslastungserwartungen entscheidend ist."

Finanziell machbar, künstlerisch unwägbar

Aus Sicht Latchinians bezeuge die Politik in ihren Kostenrechnungen, dass sie "keinen Sinn für das Menschliche, als wichtigsten Faktor der Kunst, hat". Auch moniert er die fehlende Einbeziehung der Leitung des Volkstheaters in den Strukturverhandungen zwischen Land Mecklenburg-Vorpommern, Rostocks Oberbürgermeister und dem designierten Schweriner Intendanten Lars Tietje.

Offen sei, was bei einer Umwandlung des Volkstheaters in ein Musiktheater mit der Spielstätte "Kleine Komödie Warnemünde“, die wesentlich für das Schauspiel genutzt wird, passiere. Zudem mache die "von der Verwaltung errechnete Stellenreduzierung bei Chor und Orchester" ebenso wie die "Abschaffung des Tanzensembles für ein Opernhaus künstlerisch keinen Sinn." Im Ganzen sei es zwar "nicht ausgeschlossen, dass die vorliegenden Rechenmodelle theoretisch zu einer finanziell funktionierenden Strukturvariante führen könnten, dass diese jedoch auch praktisch und künstlerisch betriebsfähig wäre, ist nicht hinlänglich garantiert".

(chr)

 
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