Ein halbes Jahr Bewährungszeit

21. Januar 2016. Der Stiftungsrat des Konzert Theaters Bern hat Schauspieldirektorin Stephanie Gräve "auf Antrag von Intendant Stephan Märki" mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben freigestellt. Das schreibt das Theater in einer Pressemitteilung. Grund seien "grundlegende inhaltliche und strategische Differenzen". Darüber hinausgehende personelle Veränderungen im Schauspielensemble seien nicht geplant, auch die bisherigen beiden Mitarbeiterinnen der Schauspieldramaturgie würden bleiben. Stephanie Gräve hatte die Leitung der Schauspielsparte in Bern erst zu dieser laufenden Spielzeit 2015/16 von Iris Laufenberg übernommen.

Eine Nachfolge von Stephanie Gräve solle zur Saison 2017/18 vorgestellt werden, bis dahin übernehme Stephan Märki interimistisch die Leitung der Schauspielsparte und Dr. Sophie-Thérèse Krempl, seit Saison 2012/13 Künstlerische Leiterin Kooperations- und Sonderprojekte, die Leitung der Schauspieldramaturgie.

(Konzert Theater Bern / sd)

 

Presseschau

Michael Feller zeigt sich in seinem Kommentar für die Berner Zeitung (22.1.2016) überrascht über den Rauswurf von Stephanie Gräve. Die Schauspieldirektorin habe "ihrem kurzen Gastspiel nicht den Eindruck einer Frau der unbedachten Worte hinterlassen. Schon gar nicht hat sie wie ein emotionaler Theatervulkan im Stile ihres Vorvorgängers Erich Sidler gewirkt, der den damaligen Intendanten Marc Adam in der Öffentlichkeit blossstellte". Die Auslastungszahlen des Schauspiels hätten gestimmt, es habe Tops und Flops gegeben, wie üblich hätte sich das Ensemble unter neuer Leitung erst finden müssen. Kurzum: "Dass er die Schauspielchefin rausschmeissen lässt, die er ein halbes Jahr zuvor ausgewählt und dem Stiftungsrat zur Wahl empfohlen hat, wirft nicht das beste Licht auf Stephan Märki."

 

Stefan Märki auf Nachfrage von nachtkritik.de

Update 28. Januar 2016. Die Hintergründe der Freistellung von Stephanie Gräve will das Konzert Theater Bern auch auf Nachfrage von nachtkritik.de nicht kommentieren. Die Entscheidung habe der Stiftungsrat auf Antrag von Stephan Märki getroffen – nach Anhörung sowohl von Frau Gräve als auch des Intendanten. "Das Ensemble war nicht in diese Entscheidung involviert." Allerdings werde als Nachfolger*in eine Person gesucht, die mit dem bestehenden Ensemble weiterarbeite.

Auch zu den in den Kommentaren zu dieser Meldung geäußerten Vorwürfen, einzelne Künstler wie Claudia Meyer zu protegieren, äußerte sich das KTB: "Dass Theater die nachhaltige und langfristige Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und  Künstlern anstreben, liegt in der Natur der Sache. Darüber hinaus sei angemerkt, dass Frau Meyer für einen der grössten Publikumserfolge des Berner Schauspiels gesorgt hat: Ihre Inszenierung von Biedermann und die Brandstifter (2014) war die bislang erfolgreichste Schauspielproduktion seit Rückkehr des Schauspiels ins Berner Stadttheater ab Saison 2012/13."

(Konzert Theater Bern / geka)

Reaktionen aus Politik und Stadtgesellschaft

Update 7. Februar 2016. Aus Berns Politik und Stadtgesellschaft kommen Reaktionen auf Stephanie Gräves Freistellung, wie u.a. die Tageszeitung Der Bund berichtet. Stadträtin Daniela Lutz-Beck (GFL) habe am Donnerstagabend (4.2.) eine Kleine Anfrage an den Gemeinderat gerichtet, wie er sich zum Vorgehen des Stiftungsrats des Stadttheaters, also der sofortigen Absetzung Gräves, sowie zu den Befugnissen von Intendant Stephan Märki, der Gräves Freistellung beim Stiftungsrat beantragt hatte, stelle.

Verschiedene Aussagen über den genauen Freistellungs-Vorgang und die Kommunikationspolitik des Theaters kommen von Berns Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät (SP) und dem Präsidenten des Theater-Stiftungsrats Benedikt Weibel, so die Zeitung in einem weiteren Bericht. Der Stiftungsrat habe die Vertreter der Trägerorganisationen ausführlicher informiert als die Öffentlichkeit, zitiert sie Weibel, der im übrigen dieser Tage verkündet habe, seine Aufgabe "im Lauf des Jahres" abzugeben, "geplant, wie er sagt, aus Altersgründen". Tschäppät hingegen sei nach eigenem Bekunden "zwar vorgängig über Gräves Absetzung informiert worden, von einer 'ausführlichen Information' könne aber nicht die Rede sein", so Der Bund.

Aus theaternahen Kreisen ist außerdem eine Online-Petition lanciert worden, die eine eingehende Untersuchung der Gründe von Gräves Freistellung und der Rolle des Stiftungsrats fordert und den Satz enthält: "Es reicht nicht, dass mit dem Rücktritt von Stiftungsratspräsident Benedikt Weibel eine Art 'Bauernopfer' gebracht wird." Die Initiator*innen nennen sich "Komitee 'Forderung nach Transparenz am Konzert Theater Bern'" und bleiben anonym, "weil wir direkt oder indirekt vom KTB abhängig sind".

Stellungnahmen von Stephan Märki und Stephanie Gräve

Stephan Märki hatte am Freitag, so berichtet wiederum Der Bund (hier und hier), am Rande einer Pressekonferenz zum Programm des Theaters erstmals öffentlich Kritik an Gräves Arbeit geübt. Er werfe ihr nun die Zusammenarbeit mit den Kirchen vor, die er bei der Vorstellung der aktuellen Saison im Mai 2015 noch sehr positiv geschildert hatte, als die Möglichkeit Zuschauer zu erreichen, die noch nicht ins Theater gingen. Nun sagte er hingegen, er wünsche sich "mehr zeitgenössische Texte", "weniger Kirche". Und fügt noch hinzu, dass "eine Summe von Dingen" zu der Freistellungsentscheidung geführt habe, die er nicht weiter kommentieren wolle.

Stephanie Gräve äußerte sich auf die Kritik Märkis hin ebenfalls gegenüber dem Bund und sieht bezüglich dieses Themas "keine Differenzen. Die Zusammenarbeit mit den Kirchen ist eine Möglichkeit, das Theater für weitere Kreise zu öffnen. Darüber gab es Konsens." Erst in diesen Tagen sei ihr Kritik an den Projekten zu Ohren gekommen. Auch der von ihr konzipierte Spielplan für die nächste Saison mit drei Erstaufführungen, Projekten von Ersan Mondtag, Milo Rau und Silvia Costa entspräche dem von Märki nun Geforderten.

(Der Bund / sd / ape)

 

Presseschau vom 15. Februar 2016 – Ein Kommentar in der Zeitung der Bund

Update 15. Februar 2016. "Vorläufig zu bilanzieren ist der öffentliche Schaden, den die Affäre binnen dreier Wochen angerichtet hat," kommentiert Daniel Di Falco in der Berner Zeitung Der Bund (13.2.2015). "Konzert Theater Bern ist wieder Stadtgespräch. Und ein Thema in der Szene, nicht nur in der Schweiz. Dummerweise (...) weil hier ein Stiftungsrat mit seinem Willen zur Ruhe im Haus und in der Stadt recht genau das Gegenteil davon erreicht hat." Mag sein, dass man Freistellungen aufgrund persönlicher Unverträglichkeiten normalerweise mit jener 'bewussten Nichtkommunikation' begleite, die der Stiftungsrat für richtig gehalten. "Aber so ein Theater ist nicht die UBS. Sondern ein öffentliches Haus, mit öffentlichem Geld, öffentlichen Figuren und öffentlicher Identifikation – eine Bühne eben, und dazu gehört das Publikum." Die Auskunftsverweigerung passt aus Di Falcos Sicht schlecht zu diesem Theater, "das sich ansonsten so gern damit verkauft, 'Theater für die Stadt' zu machen." Die Kämpfe, die sich seitdem Fach- und Halbfachleute "auf den Onlineplattformen" liefern, scheinen Di Falco "nichts anderes als die Verlängerung des Konflikts, der im Haus schon vorher ausgebrochen ist: Team Märki gegen Team Gräve. Als Integrationsfiguren taugen beide offensichtlich wenig". Die Lage sollte aus Di Falcos Sicht auch dem Stiftungsrat zu denken geben:  er sei "dafür verantwortlich, dass die Strukturen in diesem Theater den Leuten und der Dynamik ihrer Arbeit nicht zum Verhängnis werden."

 

Presseschau vom 19. Februar 2016 – Kommentar im Bund, welche Kreise der Rauswurf der Schauspielchefin zieht 

"Die Affäre um die Absetzung der Schauspielleiterin ist bei den Schnitzelbänklern an der diesjährigen Fasnacht angekommen – ebenso die viel kritisierte Haltung des Stiftungsrats, nichts zu den Gründen für die Freistellung Stephanie Gräves zu sagen", schreiben Sophie Reinhardt und Daniel Di Falco im Bund (19.2.2016). Weniger fasnächtlich würden andere Reaktionen ausfallen. "Aus Italien kommt eine Absage: von Silvia Costa, der 1984 geborenen Performerin und Regisseurin. (...) Geplant war ein Projekt mit Texten von Samuel Beckett. Die Arbeit mit den Schauspielern sei weit fortgeschritten, sagt Costa. 'Aber ich kann nicht an einem Theater arbeiten, wo man Leute von einem Tag auf den anderen feuert, ohne Angabe von Gründen.'" Costa habe auch die Petition unterzeichnet, die vom Stiftungsrat "Transparenz! über seinen Entscheid fordere. "Mittlerweile äussern sich auch Vertreter der Kirche. (...) Wir haben die Zusammenarbeit sehr geschätzt, sagt Ludwig Spirig-Huber, Sprecher der Katholischen Kirche Region Bern." Umso weniger verstehe er Märkis Haltung. "Wir haben bisher vom Stadttheater stets etwas anderes gehört: Die gemeinsamen Projekte seien auch für das Theater ein Erfolg und eine Chance, das Schauspiel für neue Zielgruppen zu öffnen", wird Spirig zitiert.  

 

(jnm / sle / sik)

 

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