Am offenen Familiengrab

von Sascha Westphal

Köln, 23. Januar 2016. Liv, die Jüngste, hat sich noch einmal durchgesetzt. Es ist zwar mitten in der Nacht, trotzdem haben sich alle versammelt, um die Super-8-Filme zu gucken, die ihr Vater Jørgen Dragsholm einst gedreht hat. Die Vorführung ist Teil von Livs großem Erinnerungsprojekt, mit dem sie ihrer vor 16 Jahren nach einem Motorradunfall verstorbenen Halbschwester Alma gedenken will.

Also sitzen Jørgen, ihre Mutter Lili Wrangel, deren älteste Tochter Katie und sie aufgereiht auf niedrigen Holzschemeln an der Rampe und blicken in Richtung Publikum, als flackerten dort die Bilder von Alma. Etwas im Hintergrund steht zudem noch Livs Freund Toby und bedient den Projektor. Alle starren einfach nur nach vorne. Niemand in dieser Familie, die eigentlich nie eine wirkliche Familie war, wendet auch nur einmal den Kopf zur Seite. Jeder bleibt für sich und ist gefangen in seinen Wunsch- oder auch Schreckensbildern.

Mysteriöser Motoradunfall

Das gemeinsame Anschauen der alten Familienfilme könnte durchaus etwas Reinigendes haben. Nun könnte sich all das klären, was Jens Albinus zuvor in "Umbettung" nur angedeutet hatte: die mysteriösen Umstände von Almas Unfall ebenso wie die Fragen, die Lilis abruptes Verschwinden direkt nach ihrem Tod und Jørgens Rolle bei all dem aufwerfen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich nicht nur in den Figuren unendlich viel aufgestaut. Der Druck hat sich bis dahin längst auf das Publikum übertragen. Man wünscht sich Klarheit über diese Mauer aus Hass, die zwischen Lili und Jørgen steht. Man möchte endlich verstehen, warum sich Liv, die gerade sieben war, als ihre Mutter die Familie endgültig verlassen hat, so an ihren Traum von einer heilen Familie klammert.

Die Vorführung der Filme könnte also, wie es sich so leicht dahinsagt, ein Moment der Wahrheit in Jens Albinus’ Auftragswerk für das Schauspiel Köln sein. Nur gibt es in diesem nicht nur von fern an die Stücke Ibsens und Strindbergs, Fosses und Noréns erinnernden Familiendrama keine Wahrheit, auf die sich alle einigen könnten. Die Bilder, die Albinus in seiner Inszenierung eben nicht zeigt, spiegeln sich in den fünf Gesichtern auf der Bühne, und es sind fünf ganz verschiedene Filme, die sich in den Blicken und Regungen des Ensembles offenbaren.

Umbettung2 560 Tommy Hetzel uBlick in die Vergangenheit: mit den Kölner Akteuren Melanie Kretschmann, Seán McDonagh (hinten), Ronald Kukulies, Henriette Nagel, Birgit Walter © Tommy Hetzel

Henriette Nagels Liv versinkt in den alten Aufnahmen. Sie sieht, was sie sehen will, Bilder einer Zeit, in der für sie alles noch in Ordnung war, und ist ganz verzückt. Auch Katie, die bei Melanie Kretschmann nicht nur eine manische Selbstzerstörerin, sondern auch eine große Liebende ist, findet in dem Film nichts als eine Bestätigung dessen, was sie schon immer wusste. Für sie liegt in diesen Momenten tatsächlich die Wahrheit offen da, und die ist vernichtend.

Und zumindest Lili, eine einstmals weltberühmte Photographin, die ihre Töchter und ihren Mann gleich nach Almas Tod verlassen hat, wird von ihr wirklich zerstört. Ein Zittern und Beben erfasst Birgit Walter in dieser Szene. In ihren Augen und ihren Gesten liegt mit einmal genau der Schmerz, den Lili zuvor immer verleugnet und stattdessen anderen zugefügt hat. Aber das ist nun vorbei. Es ist, als ob sich Lili selbst auflöst. Da ist nichts mehr von ihrer Selbstsicherheit, ihrer Arroganz und ihrer Stärke.

Etwas von dieser Sprengkraft muss auch Ronald Kukulies' Jørgen erahnen. Er bleibt zwar eine ganze Zeit lang ruhig, als könnte ihm, dem gescheiterten Schriftsteller, der sich sein Leben lang hinter Lügen versteckt hat, das alles nichts anhaben. Nur ist die Ruhe, mit der er vor sich hin stiert, erzwungen und damit eine weitere Lüge. Neutral kann nur Toby bleiben. Aber eben diese Neutralität ist das Problem dieses jungen, von Seán McDonagh mit einer fast schon schmerzhaften Weichheit verkörperten Mannes ohne Eigenschaften.

Voller Lebenslügen

Die Wahrheit über Jørgen, Lili und deren drei Töchter bleibt indessen im Dunklen oder zumindest im Auge des Betrachters. Anders als die Dramatiker des 19. Jahrhunderts, denen Albinus mit diesen immer weiter eskalierenden, aber letztlich eher implodierenden als explodierenden Szenen einer Familie seine Referenz erweist, verweigert der dänische Autor, Regisseur und Schauspieler jede klare Antwort. Und deshalb soll auch an dieser Stelle nur möglichst wenig über diese unglückliche Familie verraten werden. Der Reiz des Stücks und der Kunst von Jens Albinus liegt in dieser Offenheit, die Fragen nicht nur stehen lässt, sondern immer mehr Ungewissheiten schafft.

"Umbettung", das meint nicht nur die Verlegung von Almas Grab, das einer neuen Zufahrtsstraße Platz machen muss. Auch all die großen und kleinen Lebenslügen, die alle Mitglieder der Familie Wrangel-Dragsholm mit sich herumschleppen, holt Albinus für Momente ans Licht, um sie dann gleich von neuem zu vergraben.

In dieser ganz besonderen Form von Verleugnung liegt vor allem in der ersten Hälfte der Inszenierung eine giftige Komik. Natürlich sind Birgit Walter und Ronald Kukulies in einem typischen Totentanz vereint. Aber diese Wiedergänger von Strindbergs Ehe-Monstern wirken zunächst einmal grotesk. Wenn sich Kukulies unter größten Mühen auf die Holzplattform, die im Zentrum von Rikke Juellunds Bühne steht, hievt, um wenig später Lili in sein Bett zu locken, könnte der Abgrund zwischen Wirklichkeit und Sehnsucht kaum größer sein. So macht er sich selbst zur Zielscheibe für seine Frau: "Es wäre sehr leicht, dich endgültig unter dem Mist, den du hier ausbreitest, zu begraben." Aber nach und nach schlägt das mal zynische, mal befreiende Lachen über die Schwächen dieser sich selbst zerstörenden Menschen um in Trauer und Entsetzen. Die Konsequenz, mit der Albinus' Figuren an ihrem Untergang arbeiten, ist erschreckend schlüssig.

 

Umbettung
von Jens Albinus
Uraufführung
Regie: Jens Albinus, Bühne und Kostüme: Rikke Juellund, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sibylle Dudek, Michaela Kretschmann.
Mit: Birgit Walter, Ronald Kukulies, Melanie Kretschmann, Henriette Nagel, Seán McDonagh.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Mit Tschechow und Lars Norén vergleicht Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (25.1.2016) Jens Albinus' "Umgebettet". Doch die "großen Gesten, die Tschechows lächerlichen Menschen noch blieben", versage Albinus seinen Figuren. Er lasse – ähnlich wie Norén – die Zuschauer zudem "über viele ungesagte, oder nur angedeutete Dinge im Dunkeln". Irgendwann aber begreife man, "dass die verweigerte Aufklärung hier Programm ist". Der Zuschauer sehr "eher unbeteiligt das Dramen-Programm ablaufen". Zum Glück aber rette "der Regisseur Albinus den Dramatiker: In ihren Konfrontationen werden die Schauspieler zu geladenen Waffen."

Albinus' zweites Stück sei "dankenswerterweise nicht so überfrachtet wie 'Helenes Fahrt in den Himmel' seinerzeit", schreibt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (25.1.2016). Und so bekomme man "105 Minuten reines Schauspieler-Theater geboten ohne allzu viele Mätzchen." Dieses "Schauspiel-Trommelfeuer" habe "bisweilen eine ungeheure Wucht, die an anderen Stellen verpufft, wenn die Regie meint, ihr auf die Sprünge helfen zu müssen." Das größte Problem habe der Abend aber mit Albinus' Text. "Familienfehde, sexueller Missbrauch, physische und psychische Selbstzerstörung, Schaffens- und Sinnkrisen – Themen über Themen, denen der Däne keine Aha-Momente abringt."

"Eine Familienhöllenfahrt zwischen entlarvender Komik und wortloser, brutaler Selbsterkenntnis" hat Cornelia Fiedler erleebt, wie sie in der Süddeutschen Zeitung (27.1.2016) schreibt. Albinus steigere die Anspannung bis zum Anschlag. Die große, klärende Katharsis allerdings bleibe aus: "Am Ende ist alles beunruhigend offen. Das erzählt mehr über die Machtstrukturen in Familien, über das Wegsehen des Umfelds, als der ersehnte Eklat."

Albinus' Patchwork-Familiendrama kompiliere die Themen nur statt Konflikte auszutragen, findet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.1.2016): "Viel Rhetorik, wenig Drama." Die Schauspieler folgten dem Autor in die übersteigerten Affekte seines psychologischen Realismus, doch der Gegenwartsbezug der Aufführung bleibe im Ungefähren.

Jens Albinus' zweite Uraufführung am Schauspiel Köln sei "bei weitem nicht so überfrachtet wie sein Erstling", mit dem Titel "Helenes Fahrt in den Himmel", berichtet Dorothea Marcus für den Deutschlandfunk (25.1.2016). "Trotz mancher Langatmigkeiten: ein intensives, düsteres und psychologisch genau gespieltes Kammerspiel. Es erzählt von einer typischen westlichen Familie, mit all ihrer Luxussehnsucht nach Glück und Größe, die letztlich durch und durch verlogen schon am Kleinsten scheitert. Geradezu ein trauriges Sinnbild für Europa."

 

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