Wo die wilden Kerle campen

von Dorothea Marcus

Köln, 2. Februar 2016. Dass seit sieben Jahren Krieg herrscht, merkt man höchstens an den schlichten Wartebänken, auf denen der Hofstaat von Troja seine schmutzigen Intrigen schmiedet. Ansonsten geht es hier äußerlich gesittet und gut gekleidet zu: Nikolaus Bendas Troilus ist ein aufrechter Jüngling in Bäckerhose, der als einziger noch an etwas glaubt – sympathisch, würde er es nicht immer so extremistisch übertreiben. Die ewig düster zeternde Cassandra (Yvon Jansen) trägt ein griechisch gerafftes Traumkleid aus grau und rot. Äneas ist ein ganz smarter Krieger im geleckten Anzug, Cressida leuchtet in sexy wallendem Weiß. In schwarzem Rüschenhemd und barocker Anmutung schmeichelt sich Kuppler Pandarus durch, den Bruno Cathomas als schmierigen, sensationsheischenden Onkel gibt und ganz in seinem komödiantischen Element ist. Und selbst der Held Hektor, der ja immer wieder aufs Schlachtfeld muss, trägt sauber verflochtene Langhaarfrisur.

Dummschwätzer und müde Diven

Eigentlich könnte man den sinnlosen Krieg um Helena auch beenden. Doch das würde ja gegen die Ehrbegriffe verstoßen, und das geht vor allen Dingen für Troilus gar nicht. Paris lässt ohnehin lieber die anderen für seine Sache kämpfen und zieht das Objekt der Begierde stattdessen als vergoldete Riesenpuppe auf Rädern durch den Palast. Katharina Schmalenberg zeigt Helena als rustikale Realistin, die in unbeobachteten Momenten auch gerne mit Nerdbrille und Jogginghose herumläuft.

TroilusUndCressida2 560 Tommy Hetzel UUnterkühlte Dekadenz bei den Trojanern ... © Tommy Hetzel

Doch wer jetzt glaubt, dass Rafael Sanchez seine trojanischen Witzfiguren in Shakespeares bitterer Antikriegskomödie "Troilus und Cressida" zu sehr überspitzt, hat noch nicht die Seite des Feindes gesehen. Die Griechen sind tumbe, halbnackte und langhaarige Recken, die sich Lederbänder um die Körper winden. Der große Ajax mit Zauselhaaren ist ein dreister Dummschwätzer, Achill (schön selbstüberzeugt: Robert Dölle) eine selbstherrliche, müde Diva im Zelt mit Morgenmantel, Indianerskalp und dem Toyboy Patroklos stets zur Hand.

Antimänner- und Antikriegs-Schmierenkomödie

Zusammen hausen sie in einem naturalistischen Märchenwald à la "Sommernachtstraum" auf einem gewaltigen Drehbühnenquader, eine Art Guckkasten des 19. Jahrhunderts – Simeon Meier hat ganze Arbeit geleistet, um das Zitat einer ungestümen Natur aufzubauen: Holzstämme in großer Dichte, Blätter rascheln und Nebel dampfen beim Hindurchgehen, die Zelte kann man fast muffeln riechen. Und da dieser Wald-Kasten von den Trojanern oft beobachtet wird, ist so eine Art Theater im Theater entstanden. Die Trojaner sehen von außen befremdet auf die Wilden, die sie schließlich überrennen werden.

TroilusUndCressida3 560 Tommy Hetzel U... Märchenwald bei den Griechen © Tommy Hetzel

Ein in sich geschlossenes, comicartiges Witzuniversum hat Rafael Sanchez, das Spielkind unter den Regisseuren, hier geschaffen. Aber wozu der Aufwand – nur um eine Antimänner- und Antikriegs-Schmierenkomödie zu zeigen? Zumal trotz Premierenverschiebung durchaus noch ein paar Probentage gut getan hätten, um Langatmigkeiten auszubügeln. Allerdings kippt der Eindruck der seichten Unterhaltung, der sich zunächst einstellt, als sich Troilus und Cressida erstmals durch den Kuppler finden, der sensationsgierig um sie herumtanzt. Ihre scheiternde Liebesgeschichte, die in der Komödie nur einen sehr kleinen Raum einnimmt, ist das große Problem dieses Stücks: Warum finden sie überhaupt zueinander, und warum wird Cressida so umstandslos untreu, kaum ist sie ins Lager der Griechen zurückgetauscht?

Die Gesellschaft, die nicht lernen will

Es ist gut, dass Sanchez zumindest die Liebesgeschichte ernst nimmt: Was am Anfang pures Begehren ist, wandelt sich nach der Sexnacht – verstrubbelt nur mit Laken kehren die beiden von der Hinterbühne zurück – zu so etwas wie echter Verliebtheit und Nähe. Schön ist anzusehen, wie die Klamaukebene für Momente verlassen wird. Der Gefangenenaustausch, also Cressidas Übergabe an die tumben Griechen, ist für Troilus nicht schön ("Ich weiß, was Liebe heißt", sagt Paris gönnerhaft), aber vor allem für Cressida eine Katastrophe. Wie eine Vergewaltigungsszene wirkt, als alle Feldherren sie bei der Rückkehr gierig küssen wollen – Nicola Gründel im weißen Kleid sieht erbarmungswürdig angeekelt aus. Kein Wunder, dass sie sich pragmatisch Diomedes in ihr Zelt einlädt: Troilus ist weit weg und im wilden Griechencamping braucht sie dringend den Schutz eines Mannes.

Dann läuft der finale Showdown an, von Komödie ist nichts mehr zu spüren: Hohle Kriegsmaschinen bringen sich durch schlichtes Kopfverdrehen um und sinken zu Boden, absurden Ehrbegriffen folgend. Patroklos muss dran glauben, Achill tötet den Helden Hektor, vor nun entlaubten Baumstämmen sitzen Trojaner neben Griechen und starren finster anklagend ins Publikum, pathetisch dröhnt und knackst der Sound. Kein schlechter, aber doch ein zwiespältiger Abend: ein Ritt durch das reiche Fantasieuniversum des Regisseurs, mit dampfendem Zitat-Realismus – und geringer Fallhöhe. Die öffnet sich erst gegen Schluss. Da muss Troja dran glauben; die Gesellschaft, die nicht lernen wollte, hat sich selbst zerstört. Das bisschen Zivilisation hat ihr nichts genützt. Ein aktueller Kommentar zur Lage der Welt ist das allerdings keineswegs. Der Abend bleibt letztlich im – streckenweise souverän beherrschtem – Lustigmachen über Männlichkeitsrituale und sehr allgemein gehaltener Kriegsablehnung stecken.

Troilus und Cressida
von William Shakespeare in einer Übersetzung von Simon Werle
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Simeon Meier, Kostüme: Birgit Bungum, Musik: Knut Jensen, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Nikolaus Benda, Johannes Benecke, Thomas Brandt, Bruno Cathomas, Robert Dölle, Paul Faßnacht, Nicola Gründel, Benjamin Höppner, Yvon Jansen, Niklas Kohrt, Guido Lambrecht, Thomas Müller, Katharina Schmalenberg, Jakob Leo Stark.
Dauer der Premiere: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

„Troilus und Cressida“ ist Shakespeares einziges Antikriegs-Stück, nichts ist hier heilig, alles verdorben, ein spät-elisabethanischer Vorläufer von Robert Altmans „M.A.S.H.“. Doch Rafael Sanchez scheut vor allzu hohem Säuregehalt zurück, was bei Shakespeare radikaler Abriss der Gesellschaft war, wird bei ihm zu halb ironischem, halb dramatischem Einerlei. Die renaturierten Griechen könnten aus einem „Asterix“-Comic stammen, so liebenswert schwerfällig wuchten sie sich von Baumstamm zu Baumstamm. Selbst als sie sich Mann für Mann der ausgelieferten Cressida aufdrängen, scheint Sanchez eher eine Szene aus Disneys „Schneewittchen“ denn eine Gruppenvergewaltigung anzudeuten.

Schauspiel Köln: Abriss der Gesellschaft | Kultur - Kölner Stadt-Anzeiger - Lesen Sie mehr auf:
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Was in Shakespeares einzigem Antikriegsstück "Troilus und Cressida" radikaler Abriss der Gesellschaft war, werde bei Sanchez "zu halb ironischem, halb dramatischem Einerlei", findet Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (4.2.2016). Selbst als Griechen "sich Mann für Mann der ausgelieferten Cressida aufdrängen, scheint Sanchez eher eine Szene aus Disneys 'Schneewittchen' denn eine Gruppenvergewaltigung anzudeuten." Sogar wenn zum Schluss die Genicke brächen, müsse sich niemand ernstlich erschrecken. "Wo Zynismus gefragt wäre, gibt es hier lustige Kiffer-Choreographien, wo Shakespeare den Schrecken moralischer Leere beschwört, bedeckt hier stimmungsvoller Bodennebel die Bühne."

Auch wenn die sechs Doppelbesetzungen ein "kluger, witziger Einfall" seien – die Szenen liefen "fast schon statisch" ab, so Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (4.2.2016). "Da gab es bisweilen Pathos, bisweilen beeindruckende Lautstärke – doch so richtig berühren konnte das nicht. Hätte die Regie da mehr machen können? Oder ist es schon das Shakespeare-Stück?"

hier zerspringt gar nichts, hier wird sanft abgefedert. Sogar wenn zum Schluss die Genicke brechen, muss sich niemand ernstlich erschrecken. Wo Zynismus gefragt wäre, gibt es hier lustige Kiffer-Choreographien, wo Shakespeare den Schrecken moralischer Leere beschwört, bedeckt hier stimmungsvoller Bodennebel die Bühne.

"Wie das junge Liebespaar (..) verstrubbelt und nur in weiße Laken gehüllt, aus der ersten Liebesnacht tapert, das hat, brav und breit ausgespielt, die anmutige Harmlosigkeit einer Boulevardkomödie." Andreas Rossmann sah für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (5.2.2016) eine Inszenierung mit einem grundsätzlichen Problem: "Sie findet keinen Zugriff, die beiden Welten, die das Stück zeigt und die Ausstattung noch stärker trennt, sinnfällig aufeinander zu beziehen und konfliktschärfend in Spannung zu versetzen." Er sah in Köln "adrettes, langatmiges, szenisch unterkomplexes Aufsagetheater" und fand sich am Ende "trostlos in Troja" wieder.

Rafael Sanchez habe das Stück in einer durchdachten Fassung und mit exzellenten Schauspielern inszeniert, so Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (9.2.2016). "Einen Erfolg kann man der Aufführung trotzdem nicht bescheinigen." Der Krieg an sich ist ein Unding, und speziell dieser Krieg ist eine Farce, ein Witz, über den man noch nicht mal lachen könne - "kapiert, denkt man sich." "Rafael Sanchez hat etwas Richtiges gewagt, seine behutsame, dem Text dienende Lesart ist überdies sympathisch und ehrenwert. Triumphieren wird er damit nicht, schon gar nicht in Köln auf dem Höhepunkt des Karnevals. Man will sich doch 'wat jönne' ... Das nächste Mal also bitte wieder 'Romeo und Julia'."

 

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