Männerrollen: ein Zuschreibungsspiel

von Nikolaus Stenitzer

Berlin, 5. Februar 2016. Kennengelernt haben sie sich zufällig. Auf dem Campingplatz in Sizilien. Nein, doch nicht: Im Kiosk fiel Frank auf, dass Alper auf seinem Tablet den "Paten" sah, und so kamen sie ins Gespräch. Oder war es doch beim Theaterworkshop an der Schule? Und gab es da nicht noch diese Geschichte mit dem Raubüberfall und der Lebensrettung?

Einmal der Pate, einmal ein Corleone sein!

Eines ist nach der Eingangssequenz jedenfalls klar: Alper Yildiz und Frank Oberhäuser werden an diesem Abend auf der Bühne des Neuköllner Heimathafens nicht nur eine Wahrheit erzählen. Und beide lieben Francis Ford Coppolas "Der Pate"-Trilogie.

Das Theaterkollektiv Turbo Pascal, das den Abend "Die Paten"  gestaltet hat, gibt seinen beiden Darstellern viel Raum. Zwei Drehstühle und eine tiefhängende Lampe – "Pate"-Zitate trotz Möbelhausprovenienz – sind die einzigen Requisiten in dem weißen Raum. Später kommt noch etwas Licht, Video (Paula Reissig) und das "Pate“-Motiv zitierende Musik (Friedrich Greilig) dazu. Den Raum nutzen Yildiz und Oberhäuser für ein grandioses Spiel – mit Worten, Bildern, Informationen.

In Francis Ford Coppolas Filmen geht es um alles, erzählen sie – "Generationenkonflikt", sagt Theatermacher Oberhäuser. "Es geht um Geld,“ meint Yildiz, Schüler und künftiger Manager. Die beiden monologisieren, stellen Erzählungen gegenüber: Man kann diese Geschichte unterschiedlich erzählen. Und man sucht sich seine Rolle: Alper wäre gerne Michael Corleone, der junge Pate. Er habe diese natürliche Autorität, die Leute hätten Angst vor ihm, auch wenn er ganz freundlich wäre. Frank will lieber der alte Vito Corleone sein – "Ich strahle diese natürliche Ruhe aus." Überhaupt die Ruhe: Zu der hätten sie, behaupten beide, jeder ganz der Pate, den jeweils anderen immer schon angehalten. In der Ruhe liegt die Kraft.

Identitäten geraten ins Wanken

Während die beiden in ihren Drehstühlen über die Bühne rollen, dem jeweils anderen Respekt abverlangend in der Paten-Pose, die Hand zum Kuss anbietend, beginnen sich die beschriebenen Filmrollen mit den Lebensdaten der Darsteller zu vermengen: Auf dem Bildschirm werden die letzteren eingeblendet, und alles scheint sich wie von selber zu ergeben: Logisch, dass der Pfarrerssohn aus dem bayerischen Dorf ein ruhiger, überlegter Pate sein will, ein guter König gewissermaßen, während der Jugendliche aus der "dritten Generation" dagegen den autoritär-dynamischen Jungpaten geben will.

DiePaten 560 MilanBenak uWankend: Frank Oberhäuser und Alper Yildiz © Milan Benak

Man hat gerade erst zu denken begonnen, dass in dieser Erzählung beide – der abwägende Theatermann und der großspurige Jugendliche – sich als despotische Männer entwerfen, die mordende Banden befehligen, da gerät das Stück in den Dialog und in Bewegung: Der eine Pate will dem anderen seine Selbstzuschreibung nicht einfach so lassen. Alternativvorschläge folgen, erst gutgemeinte, dann amüsante, dann solche, die Probleme machen – die Identitäten geraten ins Wanken.

Brechungen werden Krisen

Turbo Pascal und die beiden Performer nehmen ein ausgesprochen populäres Kulturprodukt – den Paten –, und an diesem sein markantestes Thema – die Männerrollen –, zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Dass dabei ein interessanter, abwechslungsreicher, überraschender Theaterabend herauskommt, liegt natürlich an dem wunderbaren Spiel und Zusammenspiel der Darsteller, denen es gelingt, so überzeugend zu behaupten, sich selbst zu spielen, dass die Brechungen, die sie an den Charakteren vornehmen, zu wirklichen Krisen werden. Aber es liegt auch an der Weise, in der vom Film aus weitergedacht wird: Was passiert mit meinem Selbstbild als erfolgreicher Mann, wenn ich meine Lieblings-Filmfigur anders verstehe? Was hat dieses Bild mit dem zu tun, was mein Großvater immer gesagt hat? Und was, wenn wir einmal alle unserem inneren Sonny Corleone folgen?

Robin Hood vom Kottbusser Tor?

Dass das Publikum am Ende auch noch einmal hinsichtlich seiner Zuschreibungsbereitschaft den beiden Männern gegenüber überprüft wird, mit einer Technik, die an Turbo Pascals "Algorithmen"-Stück erinnert, funktioniert gut und hätte den Abend an ein stringentes und dabei offenes Ende führen können. Die folgende Erwägung abschließender Fragen darüber, was heutige Pat*innen für ihre community tun könnten, wirkt dann etwas angehängt und willkürlich – auch wenn es großen Spaß macht, den Schüler*innen Hector-Peterson-Oberschule dabei zuzuhören, wie sie im Video dem Paten/der Patin ihre Wünsche vortragen. Es erschließt sich nicht ganz, warum die Figur, die den ganzen Abend über Ausgangspunkt und Gegenstand von Überlegungen zu Identität war, am Ende zu einer Art Robin Hood vom Kottbusser Tor aufgelöst werden muss.

Außer Frage steht nichtsdestoweniger der Jubel für Ensemble und Produktionsteam, der sich am Ende über den kleinen Saal legt: Er wäre auch für das halbe Stück verdient gewesen.

 

Die Paten
Eine Theaterperformance von Turbo Pascal 
Von: Frank Oberhäußer, Eva Plischke, Margret Schütz, Alper Yildiz, Musik: Friedrich Greiling, Video: Paula Reissig.
Mit: Alper Yildiz, Frank Oberhäußer, im Video: Schüler*innen der Hector-Peterson-Oberschule
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

heimathafen-neukoelln.de

 

Kritikenrundschau

Im Kern sei "Die Paten" typisches biografisches Dokutheater: Frank Oberhäuser von der Performance-Gruppe Turbo Pascal und der 17-jährige Schüler Alper Yildiz "fragen einander aus, gleichen ihre Positionen ab, suchen nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten", schreibt Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (9.2.2016). Die Gemeinsamkeiten seien erst mal optisch: "Beide tragen ihr gelocktes halblanges Haar im Zopf, thronen patenhaft in ihren Sesseln und taxieren einander aus den Augenwinkeln mit langen Blicken." Schließlich gehe es in diesem sympathischen 70-Minuten-Abend ja auch um die Filmtrilogie über die italienische Mafia in New York. Und damit um Männlichkeitsbilder, Gewalt, Familie, die ganz unterschiedlich ausfallen. "Es ergeben sich Zusammenstöße auf Augenhöhe, abgefedert durch kleine Choreografien." 

 

 
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