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Du sollst dich globalisieren

von Jan Fischer

Hannover, 7. Februar 2016. Sie stellen Kästen her. Kästen die, so sagt es der "Head of Quality" aus Lyon zur Fertigungskraft in Shanghai, "Sie an der digitalen Revolution teilhaben lassen". Der Fertigungskraft ist das herzlich egal, sie pinselt auf ihrem einen Quadratmeter großen Arbeitsplatz mit immergleichen Bewegungen je acht Sekunden lang eine Platine mit einer Schutzflüssigkeit ein. Von Revolution, digital oder sonstwie, keine Spur.

Überwacht und überfordert: der Arbeiter von heute

Die beiden gehören zum Personal des Stücks "Zersplittert" der rumänisch-französischen Autorin Alexandrea Badea, die das Panorama einer weltumspannenden Firma aufblättert. Außerdem mit im Team: der Leiter des Kundencenters in Dakar und eine Versuchs- und Entwicklungsingenieurin in Bukarest. Das Stück erzählt von der Arbeitswelt der vier: von der Erschöpfung des jetsettenden Quality Controllers, der oft nicht weiß, in welcher Zeitzone er sich gerade befindet, von der Überforderung der Versuchs- und Entwicklungsingenieurin, die gleichzeitig Mutter zweier Kinder ist, vom fehlenden Privatleben des Kundencenterleiters, von der beengten, kontrollierten Welt der Fertigungskraft, die für den Toilettengang eine Sondergenehmigung braucht.

Zersplittert2 560 KlausLefebvre uStandleitung in die große weite Welt – Christoph Müller, Mareike Sedl, Henning Hartmann
© Klaus Lefebvre

So ist sie, die böse Welt der Globalisierung, und Thomas Dannemann zeigt sie in Hannover mit spärlichem Bühnenbild – es besteht aus einem begehbaren Kasten mit drei weißen und einer halbtransparenten Wand – sowie reichlichem Videoeinsatz. So redet ein- und derselbe Kopf momentweise bis zu viermal von Bildschirmen und Wänden: "Wenn du dich heute bei der Arbeit nicht bemühst, wirst du dich morgen bemühen, Arbeit zu finden." Solche Sätze sind das, die aus der globalisierten Arbeitswelt erklingen, hauptsächlich in der zweiten Person Singular: "Du erinnerst dich nicht einmal, an welchem Meer. Das Meer ist überall dasselbe."

Standardrepertoire der Kapitalismuskritik

"Zersplittert" folgt – grob – dem Tagesablauf seiner vier Figuren – Aufstehen, zur Arbeit gehen, in ihrer jeweiligen Zahnrädchenposition entmenschlicht an einem abstrakten Produkt arbeiten, Identitätskrise, und am Ende des Tages erlebt jede der Figuren eine Katastrophe. Vier Personen, die sich, ihre Identität, ihre Bedürfnisse, an den Anforderungen der globalen Firma zerreiben und daran zerbrechen. Und die Frage, ob in einer Welt, in der solche Arbeitsbedingungen herrschen, nicht der Mensch auf der Strecke bleibt. In Thomas Dannemanns Inszenierung werden sie um einen Küchentisch herum, der – voll beladen mit Lieferessen und Cola – wohl einen Ort persönlicher Verwahrlosung zeigen soll, Stück für Stück immer verzweifelter und haben nur die Wahl, sich entweder in ihre klitzekleinen Freiräume zurückzuziehen oder zusammenzubrechen.

"Zersplittert" hat das Herz am rechten Fleck. Trotzdem besteht es inhaltlich nur aus dem Standardrepertoire klassischer Kapitalismus- und Globalisierungskritik: Entmenschlichung durch unmenschliche Bedingungen, Identitätsverlust durch Ausbeutung, das Abstrakte des hergestellten Produkts; selbst die zweite-Person-Singular-Sprache wird in dem Zusammenhang seit "Fight Club" immer wieder gerne genommen. Und leider verharrt es genau in diesem Standardrepertoire und ist damit selbst ein Kritik-Fließbandprodukt, das es nicht schafft, sich über immer wieder geäußerte Argumente und Geschichten hinaus interessant zu machen und im Endeffekt funktioniert wie ein McDonald's-Burger: lecker, für den Augenblick, aber eigentlich langweilig und immer unbefriedigend.

Zersplittert
von Alexandra Badea
Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Heike Vollmer.
Mit: Mareike Sedl, Henning Hartmann, Christoph Müller, Susana Fernandes Genebra.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhannover.de

 

Mehr zu Zersplittert – von der Vorstellung des Stücks beim Stückemarkt des Theatertreffens 2015 berichtete im Mai 2015 Eva Biringer.

 

Kritikenrundschau

Den zweite-Person-Singular-Duktus des Stücks findet Ronald Meyer-Arlt "auf die Dauer ein bisschen anstrengend" und schreibt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (9.2.2016): Die Bedeutung der Kameras und der mobilen Bühne werde nicht recht klar, aber "Zersplittert" biete "einige schöne Vorlagen für gute Schauspieler", "und das Ensemble nutzt sie."

"Vier Könner" seien hier am Werk, schreibt Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (9.2.2016) über die Schauspieler*innen. Und doch bleibe in der Inszenierung vieles statisch, "was an der dramaturgischen Setzung liegt". Der "globale Anspruch" des Stücks von 2013 wirke "jetzt schon wie aus einer anderen Zeit", "Zersplittert" sei "auch ein Globalisierungsopfer", indem es "wieder und wieder die sattsam bekannten Klagen" zitiere, so Gohlisch: "Schlimm, das alles. Und nun?"