Bretter

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Bretter auf nachtkritik.de bisher: 227 Mal

9. Februar 2016. Seit 2011 bietet das Wiener Burgtheater seinen abgetragenen Bühnenboden zum Verkauf an. Nachdem die "Bretter, die die Welt bedeuten" bis dato noch nicht ausverkauft sind, taucht das Angebot nun im Onlineshop eines österreichischen Wochenmagazins wieder auf: für 200 Euro pro Brett. Ein Pappenstiel im Vergleich zum ursprünglichen Preis von 600 Euro, damals veranschlagt und während einer "Matinee" feilgeboten unter der Leitung von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, der in dieser beruflichen Funktion mittlerweile als "historisch" zu gelten hat.

Eingesogene Leidenschaft

Folgendes steht über die Bretter im Onlineshop geschrieben: "Der seit 1955 bestehende Bühnenboden des Burgtheaters musste abgetragen und erneuert werden. Jetzt können Sie ein Stück Theatergeschichte, die berühmte KünstlerInnen in rund 19.000 Aufführungen hier geschrieben haben, in manifester Form in Händen halten: in Holz, 21 x 14,5 cm groß, 1 kg schwer. 1955, bei der Wiedereröffnung des Burgtheaters nach dem Krieg, wurde ein neuer Bühnenboden verlegt. 56 Jahre lang standen auf diesen Brettern die größten Schauspieler deutscher Sprache. Es wurde gezittert, geweint, geliebt und gekämpft – kurz, hier wurde Theatergeschichte geschrieben. Im Sommer 2011 musste der Bühnenboden erneuert werden. Wir haben einen Teil dieser historischen Holzplanken aufgehoben, in handliche Teile geschnitten und durch ein spezielles Prägeverfahren veredelt. Diese ein Kilo schweren Stücke haben die Leidenschaft unzähliger Theaterabende wortwörtlich in sich aufgesogen und repräsentieren wie nichts anderes die große Vergangenheit des Burgtheaters."

kolumne teresa2Nun, diese nicht übertrieben "berühmt" formulierte Produktbeschreibung ist beinah selbst ein kleines Stück, das "geschrieben" worden ist wie ein "Stück Theatergeschichte". Ein Holzstück aus dem Jahre 1955 also. Wem bei Böden aus dem Jahr 1955 das Wort von den "historischen Holzplanken" nicht sofort in den Sinn kommen sollte, stattdessen Asbest und gemustertes Linol, dem sei noch einmal entgegengehalten: "wortwörtlich" haben die "in handliche Teile" geschnittenen Holzbretter "die Leidenschaft (...) in sich aufgesogen", und diese Leidenschaft wurde nun auch "veredelt".

Notizbuchgröße

"Veredelt"? Vom Schokoladenhersteller?! Und wozu eigentlich "handlich"? Ich stelle mir die für die Umsetzung dieser Verwertungsidee beauftragten Dienstleister vor, wie sie den fußnahen Boden handlich machen. Handlich, um sich die Bretter gegenseitig über den Schädel zu ziehen.
Und wer, um alles in der Welt, die die Bretter bedeuten, hat sich ausgerechnet das versandfertige Edelnotizbuch-Format 21 x 14,5 cm dafür ausgedacht? Und wer hat jedes dieser handlichen Bretter dann "speziell" geprägt?! Und wer hat sich überlegt, ausgerechnet den österreichischen Bundesadler auf jedes dieser Bretter zu knallen?! Ich stelle mir jetzt den Menschen vor, der die Aufgabe hat, das Bundeswappen auf die Fußbodenbretter zu prägen: wahrscheinlich, weil geläufig statt edelspeziell, mit einem brandheißen Metallklischee. Was ging diesem Menschen währenddessen, 999 Stück Holz, durch den Kopf?

Vielleicht ja folgender Satz, vorweggenommen durch Friedrich Schiller im Jahre 1803 höchstpersönlich: "Größres mag sich anderswo begeben, / Als bei uns in unserm kleinen Leben (...)." Und war es dann ein anderer Mensch, der die handlichen Bretter, nach vielen Schritten der Veredelung, in Bütten oder Leintuch geschlagen und mit rotem Lack versiegelt hat? Darauf geprägt den Stempel "KAIS. KÖNIG. HOFTHEATER DIREKTION" samt k.u.k. Doppeladler?!!

Sache der Phantasie

Und wo sind, nach aller Veredelung, zwei Drittel des Stückpreises hin, wo sind sie geblie-hieben? "Liebe Freunde, es gab schönre Zeiten, / Als die unsern, das ist nicht zu streiten! / Und ein edler Volk hat einst gelebt." Und sind auch die Gedanken derjenigen, die damals das Dreifache bezahlt haben, um in den eigenen vier Wänden auf dem Stück Holz zu balancieren wie auf der großen Bühne, auch heute noch edel, wie Goethe sprach, "hilfreich und gut"? Fragen über Fragen, liebe Leserinnen und Leser. Und was würde es mit mir machen – Mutation! –, würde nachtkritik.de besser zahlen und ich nun eines dieser Bretter kaufen? "Ewig jung ist nur die Phantasie; / Was sich nie und nirgends hat begeben, / Das allein veraltet nie!"

 

 

teresa praeauerTeresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag, als Taschenbücher bei S. Fischer, und wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Künstlerroman "Johnny und Jean", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015. In ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" denkt sie über die Einzelteile nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt schrieb Teresa Präauer in ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" über das Telefonorakel Robert Wilson, über Hosenrollen, Heimkommen, das amerikanische Newbies in Iowa City, über das Wir, Masken und Smartphone-Fotografie auf der Bühne, über Aussprache, Schauspieler-Memoiren, Cosplayers auf der Leipziger Buchmesse und funkelnden Glitzer-Staub im Theater.

 

 
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