Sternschnuppen auf Delay

von Christoph Fellmann

Luzern, 3. April, 2008. Die menschlichen Beziehungen sind, man kennt das aus dem Leben und, ach, dem Theater, vorläufig. Monique Schwitter hat in ihrem ersten Stück dafür eine Form gefunden, die nun freilich das Leben souverän überragt: Das Personal von "Himmels-W" tritt in fünf "Ansichten" auf, in je anderer Konstellation. Mal bilden die fünf Figuren eine Familie bei Mutterns Geburtstagsfest, mal die Besatzung einer Bar, dann sieht man sie als beste Kumpels im Park, vereinzelt am Flughafen und dann wieder als Familie am Sterbebett des Vaters. Zwei, die eben noch Geschwister waren, sind in der nächsten Szene ein Paar; zwei, die eben noch kein Wort miteinander redeten, sind nun die besten Freundinnen. Fünf Figuren in fünf Konstellationen – eine Stückanlage wie ein Sternbild. Fünf Punkte, die sich auf beliebige Weise verbinden lassen. Das "Himmels-W", das sich Monique Schwitter bei der Kassiopeia geliehen hat, ist nur die eine.

In existenziellen Nöten

Und in den Himmel drängt hier alles. Der alte Edgar, der in der ersten "Ansicht" Gift nimmt  und über die nächsten vier Bilder daran verreckt. Die im Mittelleben angekommene Anna mit ihrem Brustkrebs. Die junge Chiara, die ihr Kind, das sich früh im Stück ankündigt, in der letzten Szene abgetrieben hat und nun auf ihren Flug nach Lissabon wartet, weil sich im Süden der Verlust, oder, wie sie sagt: die Trennung wohl besser verarbeiten lässt.

Das ist schon ziemlich raffiniert gemacht von Monique Schwitter, die als Mitglied des Ensembles am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg natürlich weiss, was Schauspielerinnen und Schauspieler mögen: Ihre Figuren bleiben – durch alle möglichen Konstellationen und Verwerfungen hindurch – ganz bei sich selbst. Ihre Fragen sind existenziell und verschwinden nicht eben mal, bloss weil die, die eben noch Mutter war, jetzt als beste Sportsfreundin mit durch den Park joggt.

Nein, dieses Stück hat seine Schwächen nicht in der Anlage – die kommt hier möglicherweise verkopfter rüber, als sie, in der leichthändigen Inszenierung von Isabel Osthues und auf der schönen Drehbühne von Sigi Colpe, in Wirklichkeit ist. Wenn man hie und da etwas ratlos auf den alten Holzstühlen der Luzerner Probebühne sitzt, auf der Schwitters Debüt gegeben wird, dann darum, weil nicht alles gleich stark getextet ist.

Sprache wechselnd, Spiel bezwingend

Die Autorin hat viele Ideen und probiert auch mit der Sprache zwischen poetischem Kabinettstückchen und vermeintlichem Street Talk so manches aus; aber nicht immer hat sie sich und das Stück dabei im klaren Griff. Das aber fällt dort nicht schwer ins Gewicht, wo die Szene in ihrer Anlage interessant und das Spiel überzeugend ist. Und das ist dann doch erfreulich oft der Fall. 

Jede der fünf "Ansichten" beginnt mit einem Monolog und geht dann über in eine Szene für das ganze Ensemble. Barkeeper David, der sich auf der Toilette seines Etablissements einredet, beim magenkranken Gast an der Theke handle es sich um seinen Vater, brennt sich auch dank Peter Waros’ mitleidloser Darstellung in die Erinnerung.

Der Rest der Szene ist dann eher flach, doch schon die nächste ist wieder grandios: Horst Warning gibt den alten Edgar. Der wirft im Park sein Brot den Tauben zu, die freilich von diesem Daddel, längst vom Tod umhaucht, keinen Bissen annehmen. Ergreifend, wie sich der Irrsinn anschleicht und dem Alten die Kleider vom Leib reisst. Und gleich noch ergreifender, wie allein Edgar unter all den jungen Leuten mit einem Mal ist, die er, nun fast nackig, angelockt hat, und die sich nun saftigst kreuz und quer verlieben. So lakonisch lässt sich Einsamkeit erzählen.

Zwei Minuten am Sterbebett

Nach dieser, der dritten "Ansicht" halten Stück und Inszenierung das hohe Niveau bis zum Schluss. Wir sehen Edgar im Sterbebett. Bevor der Pfleger die zum Himmel vorausstinkende Bettwäsche wechselt, wird jedem von Edgars Kindern zwei Minuten Redezeit gewährt, um Abschied zu nehmen: Eine brillante Kurzsatire auf den Abschieds- und Sterbepathos, wie er nicht nur in Hollywood, sondern auch im Theater gang und gäbe ist.

Wie dann aber die Jüngste, die Chiara von Annika Meier, als Letzte das Wort ergreift und gar nichts sagt, unterstreicht kurz vor Schluss nochmals das grosse Talent der Autorin, in wenigen, knappsten Sätzen eine Szene nochmals ganz neu zu kolorieren. Am Schluss sitzen alle am Flughafen, wo der Nebel hockt, und warten auf den Aufruf. Fünf Sternschnuppen auf Delay.

   

Himmels-W
von Monique Schwitter, Uraufführung
Regie: Isabel Osthues, Bühne und Kostüme: Sigi Colpe.
Mit: Elisabeth Kopp, Annika Meier, Horst Warning, Peter Waros, Samuel Zumbühl.

www.luzernertheater.ch

 

Mehr aus Luzern: Christina Friedrichs Inszenierung Der Sturm im Oktober 2007. Streit um Hannes Rudolphs Inszenierung von Wallensteins Tod auf nachtkritik.de im Februar 2008.

 

Kritikenrundschau

"Konzepttheater mit flotten Soap-Zitaten", nennt Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger aus Zürich (5.4.2008) Isabel Osthues' Inszenierung von "Himmels-W". "Stets fliegen die Fetzen. Die Soiree lebt (wenigstens bis zur letzten, furchtbar langfädigen Szene), aber die Hilfslosigkeit vor dem Tod und der grundsätzlichen Einsamkeit des Menschen ätzt sich durch jeden Augenblick". Genau das sei die Stärke der Inszenierung, die "die arg abstrakte Versuchsanlage in hochironisch gefasste Vorabendserien-Momente" übersetze. Die Schwäche sei, dass Osthues nicht wisse, "wann Schluss ist" mit hysterischem Gelächter und familiären Kabbeleien. Dass die Männer die Frauen an die Wand spielten, läge an der Textvorlage von Schwitter, der die Prosa-Autorin noch anzumerken sei.

In der Neuen Luzerner Zeitung (5.4.2008) schreibt Urs Bugmann: Himmels-W sei kein einfaches Stück, es spiele "nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Köpfen." Isabel Osthues setze auf "handfeste Theatralik", auf "heftige, sprachliche und körperhaft direkte Bühnenrealität." Bei der Premiere sei viel gelacht worden. Das Stück stecke voller Komik, doch Schwitter sei keine realistische Erzählerin, bei ihr gebe das Leben, "die Realität nur einen schwankenden Boden, über dem, was eben noch gewiss erschien, ins Schweben gerät." Darum gelte es, das unsicher Schwebende nicht zu überdecken. Doch "in dieser Inszenierung sind die Zwischentöne, ist das Schwanken des Bodens zu selten."

Tobias Hoffmann beginnt seine Besprechung in der Neuen Zürcher Zeitung (5.4.2008) mit Prinzipiellem: "Das Fast-Nichts", schreibt er, "ist oft das beste Futter für Schauspieler. Wenn alles in der Schwebe bleibt, wenn kaum zu sagen ist, worum es eigentlich geht, kommen sie in Fahrt, kosten Nuancen aus und treffen Zwischentöne." Eben das sei derzeit in Luzern zu beobachten bei Schwitters "Himmels-W". Das Bühnenbild und sein Einsatz entsprächen genau Schwitters Dramaturgie, "die zwischen offensiver Anrede ans Publikum und beinahe hermetischen Ritualen wechselt." Das Ensemble fühle sich "über weite Strecken sehr wohl in diesem szenischen Imaginationsraum, der so eigentümlich oszilliert zwischen realistischen Konstellationen und purer surrealer." Vor allem die älteren Spieler brillierten, während die jüngeren mit "Engagement" und "Heftigkeit", die Spielangebote der Autorin "lustvoll" annähmen.



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