Die Landneurotiker

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 13. Februar 2016. Da ist der Samowar, da ist der Wodka, und wo sind die Birken? Sie verstecken sich im Muster einer Designercouch. Später wird auch noch Astrow, der Arzt, ein Sakko mit dem Birkenstoff tragen. Groteske Klamotten mit waghalsigen Mustern gibt es in dieser Inszenierung zuhauf. Sie will kein klassischer "Onkel Wanja" sein, das kapiert man sehr schnell. Nicht Melancholie und Lethargie sollen den Abend prägen, sondern das Komische, der Humor. Und das Schräge. Im Programmheft wird Woody Allen zitiert, der über Tschechow sagt, dass er "überhaupt der Größte" sei. Das gibt die Richtung vor. Willkommen bei den Landneurotikern.

Daunenjacke im Hochsommer

Wanja und seine Nichte Sonja führen das Landgut. Sonjas Vater, der Professor Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow, kommt mit seiner neuen Frau, der jungen, schönen Elena, aus der Stadt und stellt alles auf den Kopf. Die Männer verfallen Elena. Sonja aber liebt Astrow, den Arzt, den Vegetarier, den selbsternannten Naturretter mit Zottelbart und Birkenstocks. Wanja verliert den Glauben an Alexander. Alexander will den Hof verkaufen, das Geld in Aktien anlegen, ein Landhaus in Finnland kaufen, vielleicht. Wanja ist erbost, will Alexander erschießen, trifft daneben. Die Luft ist stickig, die Heuernte steht an, nachts kommt ein Gewitter.

OnkelWanja 560 RobertSchittko uGroteske Klamotten, die Flasche in Sichtweite: alles etwas schräg im "Onkel Wanja" in Darmstadt
© Robert Schittko

Das Bühnenbild verengt sich nach hinten, an den Wänden hingen wohl mal Bilder, man sieht ein altes Klavier, Stehlampen, einen Beistelltisch, eine Kakteensammlung. Jana Zöll, die mit der Glasknochenkrankheit zur Welt kam, sitzt als Kinderfrau Njanja im Rollstuhl, in einem wuchtig-kitschigen Kostüm, wie eine Matrojschka. Thomas Meinhardt als Wanja ist ein zeternder, alter Mann, ein Miesepeter im pastellfarbenen Anzug. Maria Radomski gibt die Elena als dauerrauchende, divenhafte Hollywood-Schönheit. Hubert Schlemmer als Alexander trägt auch im Juni Daunenjacke und Fellmütze. Oder er rennt im Jogginganzug über die Bühne. Alles ist überdreht, die Charaktere sind überzeichnet. Schöne skurrile Welt. Eine Familie am Abgrund, eine desolate Gesellschaft.

Fiebrige Nervosität

Moritz Schönecker, seit der Spielzeit 2011/2012 im Leitungsteam des Theaterhauses Jena, reiht in seiner Inszenierung vor allem schräge Moment aneinander. Elena tritt nackt auf die Bühne, mit einem Lampenschirm auf dem Kopf, verschwindet nach einigen Sekunden wieder. Astrow breitet Landschaftspläne aus, man sieht Kindergekritzel, er schwadroniert über den Schutz der Wälder. Ein Raumfahrer läuft in Zeitlupe in Richtung Bühnenmitte, David Bowie singt dazu sein Lied von "Major Tom".

OnkelWanja1 560 RobertSchittko uLandregen? Nur, wenn der Kinderchor singt © Robert Schittko

Ein Musiker (Levi Raphael) spielt Gitarre, Country und Blues, stimmt ein Balkan-Beats-Stück an ("Tanz, kleiner Käfer, tanz, kleiner Käfer") und alle zappeln los. Man stürzt sich über das Sofa, man stolziert, man kreischt. Das Licht wechselt vom warmen Gelb zu Grün und Blau. Der Kinderchor des Staatstheaters tritt auf, summt erst und singt dann "Theo, spann den Wagen an".

Die Inszenierung hat etwas Fiebriges, Nervöses. Ein bisschen Revue, ein bisschen Kino. Nur etwas mehr als zwei Stunden braucht Schönecker für die vier Akte, es zieht sich trotzdem. Im Grunde ist ja alles fein gemacht: die schrillen Kostüme, die Tangerine-Dream-mäßige Musik, die Gags. Trotzdem berührt es einen nicht.

 

Onkel Wanja
von Anton Tschechow, Deutsch von Angela Schanelec, nach einer Übersetzung von Arina Nestieva Regie: Moritz Schönecker, Bühne: Benjamin Schönecker, Kostüm: Veronika Bleffert, Komposition: Joachim Schönecker.
Mit: Thomas Meinhardt, Mathias Znidarec, Gabriele Drechsel, Katharina Susewind, Maria Radomski, Jana Zöll, Stefan Schuster, Hubert Schlemmer.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Kritikenrundschau

Johannes Breckner von der Allgemeinen Zeitung (15.2.2016) sieht "das Traumbild einer Gesellschaft, die mit der Ankunft des Professors einen Wandel verspürt, darüber aber in einen hypnotischen Schlaf versinkt." Leider würde das Interesse ohne Bereitschaft zum Mitträumen schnell erlahmen. "Ziemlich viel passt an diesem Abend nicht zusammen, das ist der eigenen Logik des Traums geschuldet." Die Regie bleibe lange unschlüssig, bis sie schließlich "Mitgefühl für die menschliche Tragik ihrer Witzfiguren einfordert".

Markus Hladek von der Frankfurter Neuen Presse (15.2.2016) ist nicht sehr angetan. Indem Schönecker eine "neue Weise ausprobiert Tschechow zu erzählen, statt es auf ewig und drei Tage Stanislawski nachzutun und an einer schwebenden Atmosphäre voll symbolischer Pausen zu ziselieren, gerät ihm sein grellerer, surreal-grotesk angehauchter, auch verjuxter 'Onkel Wanja' (…) zur Inszenierung über einen Regiestil." Das sei an sich zwar eine gute Idee, aber "das andere" gerate hier zur "bloßen Behauptung".

 

 
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