Machos in Strumpfhosen

von Georg Kasch

16. Februar 2016. Was war eigentlich mit den deutschen Männern in der Silvester-Nacht von Köln los?, fragten einige verwundert in Blogs und Kommentarforen, darunter manch dunkelbraune. "Standen sie nur daneben, und haben in Angststarre verharrt? Haben sie vielleicht sogar weggeschaut? ... Warum haben die nicht ihre Frauen verteidigt, zur Not mit Fäusten?“ Vielleicht, weil sie Polizei haben (theoretisch jedenfalls) ? Oder weil der Mann von der Emanzipation kastriert wurde? Oder "um ja nichts als Rassist, als fremdenfeindlicher Rechter oder sonst was zu gelten“, wie die "besorgten Bürger“ und ihre prominenten Stimmen vermuten?

kolumne georgBis sich die Verse biegen

Dabei gehört doch Heldentum seit Siegfried und den Nibelungen zur deutschen DNA, wie uns die Festspiele in Worms jedes Jahr wieder versichern! Und auch sonst kann man jede Menge direkt vom Vorbild auf der Bühne lernen, diesen Machos in Strumpfhosen. Gut, so richtig dauerkeilende Kerle waren auch früher Mangelware, als jedes Drama noch seinen eigenen Helden hatte. Selbst einer wie Wilhelm Tell quatscht, dass sich die Verse biegen, bis er mal den Macker macht und Frau und Kind verteidigt. Wenn man sich mal anschaut, was an Bühnenzeit so verfochten und gemetzelt wird, dann ist das ziemlich mickrig gegen die endlosen Wortwechsel, sogar in der "Orestie". Dagegen kommen nicht mal ausgewiesene Krawums-Regisseure wie Simon Solberg an – am Ende bleiben Worte, nichts als Worte.

Wenn sie aber zulangen, dann wird’s blutig. Wobei es gerne mal die Falschen trifft. Wie war das noch mit Emilia Galotti? Ihr Vater bringt sie um, weil sie sich nicht gegen den dauergeilen Herzog wehren, aber auch niemand sie beschützen kann. Spielt in Italien, ist aber ein waschechter Ehrenmord made in Germany. Ein ganz anderer Schnack ist Schiller. Ferdinand! Karl Moor! Fiesco! Helden voller Idealismus, immer eine Hand an der Waffe. Die haben ihre Frauen bestimmt anständig verteidigt. Obwohl – das mit dem Beschützen haben die irgendwie nicht hingekriegt. Im Gegenteil: Ferdinand vergiftet Luise, Karl schlitzt Amalie auf, weil die moralische Probleme hat und Fiesco erdolcht seine Frau aus Versehen – oops!

Ruhe und Rubel

Gut, das ist ja alles schon eine Weile her. Heute herrscht in der zeitgenössischen Dramatik Männer-Ödnis: freundliche Loser, wohin das Auge blicket, blasse Jungs, die viel reden und still scheitern. Aber gut, woher nehmen und nicht stehlen? Gucken Sie sich doch mal um! Früher, als in Mitteleuropa noch Angst und Fürstenwillkür herrschten, musste sich ja irgendwer an die Freiheit metzeln. Heute herrschen nur die Ökonomie und Angela Merkel, da wollen die Leute in erster Linie ihre Ruhe und 'ne Pizza direkt auf die Couch. Was bitte soll auch die Dienstleistungsgesellschaft mit schnaubendem Testosteron? Sie braucht Teamworker und Diplomaten, damit der Rubel rollt. Wer wollte es denen wiederum verübeln, dass sie in der Silvesternacht nicht auf einen Schlag zum edlen Rächer mutierten? It’s the economy, stupid!

 

gkportraitGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" versucht er, jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt zu blicken.


 

Zuletzt dachte Georg Kasch über das Gendererbe von David Bowie nach.

 

 

Zuletz

 
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