Einfach loslabern

von Kai Krösche

Wien, 18. Februar 2016. Man könnte meinen, es sei im Jahr 2016 nicht mehr nötig, darauf hinzuweisen, dass die Aussage einer Romanfigur nicht mit einer Aussage ihres Autors gleichzusetzen ist; dass Kunst Ressentiments darstellen kann, ohne sie dadurch automatisch zu reproduzieren; dass, ganz konkret, Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" weder islamophob ist noch die politisch rechte Strömung der "Identitären" verharmlost. Vorwürfe, die dem Roman nach Erscheinen gemacht wurden, dessen Theateradaption im Werk X nun seine österreichische Erstaufführung erlebte.

Psychogramm eines Frustrierten

Houellebecqs Roman folgt dem Mitvierziger François, einem einsamen, eigenbrötlerischen Hochschuldozenten der Literaturwissenschaft, der sich im Frankreich Anfang des kommenden Jahrzehnts mit massiven politischen Umwälzungen und den damit verbundenen persönlichen Konsequenzen konfrontiert sieht: Die "Bruderschaft der Muslime", eine neue, gemäßigt-muslimische Partei, übernimmt die Regierungsmacht in Frankreich. Die Hochschule, an der François lehrt, wird künftig von saudischen Geldgebern finanziert, die Dozenten müssen sich zum islamischen Glauben bekennen. Es kommt zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und sogenannten Identitären, die auf der Homogenität des französischen Volkes beharren.

Unterwerfung 560 CloePotter uAmbitionslose Oportunisten unter sich © Chloe Potter "Unterwerfung" ist das Psychogramm eines einsamen und nicht zuletzt sexuell frustrierten Menschen, der nach allem sucht, jedoch an nichts mehr glaubt. Houellebecqs Protagonist ist ein von Selbstmitleid zerfressener Egozentriker, ein ambitionsloser Opportunist, der im Angesicht seiner eigenen Haltlosigkeit umso anfälliger ist für eine Unterwerfung unter eine "starke“, weil Entscheidungen von außen diktierende Ideologie.

Wie Regisseur Ali M. Abdullah in seiner im Wiener Werk X aufgeführten Dramatisierung Houellebecqs Protagonisten liest, wird schon gleich zu Beginn deutlich: Dieser François ist eine arrogante Laberbacke, die keine Gelegenheit auslässt, lautstark über die eigene Perspektivlosigkeit zu sinnieren. Schafft es der Roman, durch die Ich-Perspektive des Protagonisten und seine weitschweifenden Reflexionen über Literatur, Gott und die Welt diesem auch eine tragisch-sympathische Seite zu verleihen, so ist François im Werk X ein weitgehend uninteressanter Unsympath, der haltungslos über eine große, aber fast leere Bühne schlendert. Es gibt einen Tisch, ein paar Stühle,  links und rechts zwei Container, einer davon mit Kostümen zum Umziehen. Das war's.

Ausufernde szenische Lesung

So schauen wir diesem François zu, eine Stunde, anderthalb Stunden, nach der Pause nochmal eine Stunde:  wie er einen Haufen Leute trifft, die ebenso ausschweifend labern wie er und dabei wahlweise über die leere Bühne schlendern oder auch auf den Stühlen sitzen; wie er mit einem echten Auto auf die Bühne fährt, aus dem Auto aussteigt, sich wieder hineinsetzt, ein paar Meter nach vorn fährt, wieder ein paar Unterhaltungen führt, ein paar Meter zurückfährt (mittlerweile riecht es nach Abgasen), wieder aussteigt, wieder über die Bühne schlendert, manchmal untermalt von ein wenig Musik, mal eher Lounge, mal mehr Drone-Noise.

Der Text – ein weitgehend unveränderter, erschöpfender Zusammenstrich der knapp 300 Seiten des Romans auf 3 Stunden – wird zum Teil aufgeteilt auf die stets anwesenden anderen Figuren (Hochschullehrer und -rektoren, eine Ex-Geliebte etc.). Wie in einer hoffnungslos ausufernden szenischen Lesung zitieren die in anderen Inszenierungen durchaus großartigen Schauspielerinnen und Schauspieler lieblos eine pausenlose, zermürbende Textflut  herunter; das im Roman und für die Geschichte so zentrale Motiv der Einsamkeit wird nicht einmal angedeutet.

Unterwerfung des Zuschauers

Und dann sind da noch die sieben Studierenden des diverCITYLAB (welches Menschen "mit und ohne Migrationshintergrund" eine Schauspielausbildung bietet), die – ja was eigentlich? – vor allem im linken Container herumsitzen und dann und wann mal eine Textpassage sprechen dürfen. Und oben hängt ganz groß eine Houellebecq-Karikatur von Charlie Hebdo. Und zwar nicht einmal, sondern gleich dreimal. Na dann.

"Wenn der Islam nicht politisch ist, ist er nichts" prangt an der Rückwand eines der Container nach der Pause in großen Lettern ein auch dem letzten Kapitel des Romans vorangestelltes Zitat des obersten iranischen Religionsführers Ajatollah Chomeini. Man könnte vielleicht über den Inhalt dieses Zitats nachdenken, kann es aber auch lassen. Sicher kann man es anlässlich einer völlig konzeptlosen Inszenierung ein wenig abwandeln: Wenn das Theater zu keiner Haltung findet, ist es nichts. So war dieser Abend vor allem eine Unterwerfung des Zuschauers: unter drei Stunden gnadenlose Langeweile.

 

Unterwerfung
von Michel Houellebecq
Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek
Für die Bühne bearbeitet von Ali M. Abdullah und Hannah Lioba Egenolf
Österreichische Erstaufführung
Inszenierung/Ausstattung: Ali M. Abdullah, Musical Director: KMET, Licht: Johannes Seip, Dramaturgie: Hannah Lioba Egenolf
Mit: Hanna Binder, Dennis Cubic, Christian Dolezal, Marc Fischer, Arthur Werner sowie Zeynep Alan, Elif Bilici, Ayşe Bostancı, Jonathan Fetka, Tanju Kamer, Onur Çağdaş Şahan und Dilan Sengül
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

www.werk-x.at

 

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Kritikenrundschau

Ronald Pohl vom Standard (19.2.2016) ist enttäuscht. Für ihne wäre es wichtig gewesen, "Houellebecqs kurioses Universum genauer zu erforschen. Doch Paris ist für Meidling vorderhand noch zu groß." Regisseur Abdullahs Textfassung sei stattdessen vom "blinden Eifer gekennzeichnet, auch wirklich das ganze Buch abzubilden." Die Hauptfigur, Francois lausche so die meiste Zeit nur "mit stark säurehaltiger Miene den kaum enden wollenden Monologen seiner Mit- und Gegenspieler."

"Zum Glück steckt in der Wiener Aufführung viel mehr drin, als an politisch Korrektem draufsteht", schreibt Anne-Catherine Simon in Die Presse (20.2.2016). Man merke, "wie viel an witziger Gegenwartssatire in den Situationen und Formulierungen des Romans steckt, wie viel Dramatik auch", die Regie beweise "Gespür für Takt und Tempo (...) ebenso wie für das richtige Maß der Satire", und "die erfahrenen, durchwegs ausgezeichneten Hauptdarsteller überzeichnen die von ihnen gespielten Intellektuellen nur so weit, dass die Charaktere noch glaubwürdig bleiben und die Gegenwart erkennbar wird."

 

 
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