Wir müssen reden

von Tilman Strasser

Köln, 27. Februar 2016. "Und deshalb sollten wir jetzt mal alle darüber nachdenken, was in den letzten 50 Jahren passiert ist", sagt Kutlu Yurtseven. Und das tun dann auch alle: dasitzen, nachdenken, schweigen. Schweigen. Schweigen. Irgendwann schleicht eine alte Dame aus der ersten Reihe in Richtung Toilette, gebückt, als trüge sie alle theologischen Diskurse auf ihren Schultern. Irgendwann klatschen ein paar Leute probeweise, hören aber bald wieder auf. Erneut: Schweigen. Und endlich: Licht aus.

Was nach pädagogischer Maßnahme klingt, ist zwingender Schluss von "Glaubenskämpfer": Auf der gut zweistündigen "Religionssuche zwischen Kloster, Moschee und Synagoge" (Untertitel) ist schließlich jede Menge geredet worden. Obwohl, ganz Brecht'sch, alle Fragen offen bleiben – vor allen die eine, die Kutlu Yurtseven nur impliziert. Kurz vor Schluss hatte er erzählt, dass vor 50 Jahren Muslime wie er noch bedenkenlos zum jüdischen Metzger gingen, weil das Fleisch dort garantiert koscher war, und dass sie das Ramadan-Gebet im Kölner Dom sprechen durften. Heute undenkbar. Was zu der Überlegung führt: Wie soll es eigentlich weitergehen, das Miteinander der Weltreligionen?

Jude, Nonne, Ex-Salafist

Im richtigen Leben ist Kutlu Yurtseven Ganztagskoordinator an städtischen Schulen. Wie Ayfer Şentürk Demir, Angestellte in einem Reisebüro, und Ismet Büyük, Betriebswirt, war er auch schon bei der letzten Kölner Inszenierung Nuran David Calis' mit von der Partie. Die Lücke kreiste um einen Teil ihres Lebens: Die Kölner Keupstraße und den Nagelbombenanschlag, den der NSU dort verübte. Überhaupt arbeitet Calis bis hin zur (sparsam eingesetzten) Musik mit fast demselben Team. Neben vier Ensemblemitgliedern bittet er indes noch drei weitere Laien auf die Bühne: einen Juden, eine Nonne und einen Ex-Salafisten aus Mönchengladbach.

Glaubenskaempfer1 560 David Baltzer uKontrollierte Projektionsflächen © David Baltzer

Allein, was diese drei über ihre persönlichen Glaubenskämpfe zu erzählen haben, wäre schon spannend genug. Calis tut denn auch das klügste, was er unter diesen Umständen tun kann: Er hält sich raus. Schon Anne Ehrlichs Bühnenbild glänzt durch gekonnte Zurückhaltung: ein weißes Rondell mit zwei verschiebbaren Wänden, auf die manchmal Einspieler proijiziert werden, manchmal nur die Titel der jeweiligen Episode. In Episoden nämlich gliedert Calis den Abend, streut mit elegantem Timing hitzige Diskussionen ein. Er gibt Schwester Johanna Domek Raum, von ihrem Weg zum christlichen Gott zu erzählen. Während Avraham Applesteins Bericht über seinen Besuch in Auschwitz, der Todesstätte seiner Großeltern, herrscht greifbare Beklemmung. Und wenn später Dominic Schmitz seinen Weg aus der pubertären Orientierungslosigkeit in die Szene der radikalen Islamisten nachzeichnet, stehen Verdienst und Abgrund der Religion wie Säulen im Raum.

Von überall her wird zum Krieg getrieben

Dass das alles mehr mit theatral strukturierter Diskussion als mit Theater zu tun hat, dass der rote Faden zugunsten vieler Themenfelder zerfasert – geschenkt. Es geht "Glaubenskämpfer" um Meinungsspektrum und Gesprächskultur, und es ist Calis kaum hoch genug anzurechnen, wie er noch die extremsten Stimmen unvoreingenommen einbettet. Namentlich dürfen per Video rechte Aktivistinnen wie Melanie Dittmer oder Ester Seitz vom anti-abendländischen "Krieg" schwadronieren; auch muslimische Hassprediger wie Bernhard Falk oder Pierre Vogel kommen zu Wort. Sogar ein erschreckendes (und erschreckend professionelles) IS-Rekrutierungsvideo donnert in voller Länge über die Bühne.

Glaubenskaempfer3 560 David Baltzer uDas Weltreligions-Expert*innenteam: Ayfer Sentürk Demir, Kutlu Yurtseven, Avraham Applestein,
Johanna Domek, Dominic Schmitz, Ismet Büyük © David Baltzer

Die Konflikte, die in der Probenphase durch solche Präsentationen entstanden, werden in der Aufführung munter weiterverhandelt. Dabei nehmen die vier professionellen Schauspieler erklärtermaßen den Part der Konfessionslosen ein, befragen die anderen oder verzetteln sich leidenschaftlich in Sub-Debatten. Das gerät mal belanglos, wenn Simon Kirsch und Annika Schilling arg gestelzt über die Machtlosigkeit des Bildungsbürgertums sinnieren. Mal auch grandios, wenn Mohamed Achour pointiert auf einen Regisseur schimpft, der ihn konsequent "Ahmed" nannte – freilich ohne dass er selbst eingeschritten wäre, oder irgendwer sonst.

Als das Licht ausgeht, folgt schließlich doch noch: Applaus. Stehend. Selbst die alte Dame bricht dafür den Weg zur Toilette ab. Für die Verbeugung fassen sich die Glaubensrichtungen an den Händen. Ayfer Şentürk Demir und Schwester Johanna Domek tätscheln einander den Rücken. Momentlang sehen Kopftuch und Nonnentracht merkwürdig ähnlich aus.

Glaubenskämpfer
Eine Religionssuche zwischen Kloster, Moschee und Synagoge
Regie: Nuran David Calis
, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Amelie von Bülow, Musik: Vivan Bhatti, Video: Adrian Figueroa - Sterntaler Film, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Mohamed Achour, Avraham Applestein, Ismet Büyük, Ayfer Şentürk Demir, Johanna Domek, Simon Kirsch, Annika Schilling, Martin Reinke, Dominic Schmitz, Kutlu Yurtseven.
Dauer: 2
Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Mehr dazu: die Frankfurter Allgemeine Zeitung porträtiert den früheren "Glaubenskämpfer" Dominic Schmitz, zum Artikel geht es hier.

 

Kritikenrundschau

"Kein theatralischer, aber trotzdem ein starker Abend" sei Calis Inszenierung, findet Ulrike Gondorf vom Deutschlandradio Kultur (aufgerufen am 28.2.2016). Sie betont, es sei positiv, dass es nicht um Antworten gehe, sondern um Fragen. Dennoch halte der Abend fest an einer "utopischen Hoffnung: Es ist dieselbe, die Lessings Nathan in seiner Ringparabel versteckt hat. Im Kern sind die Religionen und auch die Gläubigen einander viel ähnlicher, als es äußerliche Merkmale oder politisch hochgespielte Gegensätze vermuten lassen." Das sei zwar keine neue Idee, aber mit der Überzeugungskraft seiner Protagonisten könne Calis sie auf sehr berührende Weise vermitteln.

Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (29.02.2016) ist unentschieden. "Wenn Avraham Applestein über die Vernichtung seiner Großeltern spricht, (...) wenn Dominic Schmitz erzählt, wie er Liebe und Akzeptanz bei ebenjenen Salafistenbrüdern gefunden hat, die ihn jetzt mit dem Tod bedrohen – dann herrscht ergriffene, gespannte Stille im Parkett, dann entzieht sich das der Kritik." Aber der der Abend leide auch unter seiner "prinzipiellen Unangreifbarkeit". Erst ein Streit über den Rechtferdigungsdruck, der auf Muslime ausgeübt wird, treibe die "luftgewehrlosen Glaubenskämpfer" auf die Barrikaden. "Diese Brisanz hätte dem Abend von Anfang an gutgetan."

Hartmut Wilmes vom Bonner General-Anzeiger (29.02.2016) findet Calis' Inszenierung, sei "radikal persönlich, jenseits naiver Frömmigkeit". Dafür opfere der Abend "das szenische Erlebnis fast vollständig dem offenen Diskurs". Doch diesem folge man gebannter als mancher kunstvollen Inszenierung. Der kluge, spirituelle wie politische Abend schaffe es, erstarrte Debattenfronten aufzubrechen.

"Glaubenskämpfer" sei "keine Übung in politischer Korrektheit und viel mehr als eine Talkshowbemühung", schreibt Stefan Keim in der Welt (1.3.2016). "Es ist ein konzentriertes Forum für die derzeit zentrale gesellschaftliche Frage, die nach dem Zusammenleben."

"Wer hätte gedacht, dass ein multilateraler Abend über den Glauben - den christlichen, jüdischen, muslimischen Glauben - heute noch derart brisant, lebendig, herausfordernd sein könnte?", fragt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (1.3.2016). Und fügt an: "Aber so sind die Zeiten: Plötzlich liegen Themen des Glaubens buchstäblich auf der Straße." Inszenatorisch passiere nichts Sensationelles, der Abend mute an "wie eine Talkshow im Fernsehen, nur mit viel besseren Texten".

"Schöner kann man den Sinn eines Theaterabends wohl nicht zusammenfassen: eine Oase von Ruhe und Denken in Zeiten medialer Durchhysterisierung", fasst Dorothea Marcus in der Tageszeitung (1.3.2016) zusammen. Man erfahre manchmal zu viel an diesem ambitionierten Abend, der oft wirke wie eine Mischung aus Privatdiskussion und religionswissenschaftlichem Proseminar. "Trotzdem muss man Nuran David Calis hoch anrechnen, unvoreingenommen und tief in die Komplexität des Themas einzudringen. Wie kann der liebende Gott, den alle drei Religionen beschwören, nur so schnell missbraucht werden?"

"Was Nuran David Calis hier zum Thema zusammenträgt und dramaturgisch allzu weitläufig ausbreitet, aber bleibt: Papier", findet hingegen Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.3.2016). "Denn er nimmt das Theater zurück zu einem Ort, der einem offenen, gleichberechtigten Diskurs Raum bietet und sich dafür fast aller Möglichkeiten enthält, über eine Beschreibung und bloße Abschilderung von Wirklichkeit hinauszugelangen." So müssten ausgerechnet die Szenen, in denen die "Glaubenskämpfer" in Streit gerieten, "dramatisch" werden und sich empören, aufgesetzt und einstudiert wirken: "gespielte Erregung".

 

 

 

Kommentar schreiben