Faust ist auch nur ein Popstar

von Christian Rakow

Weimar, 27. Februar 2016. Im Grunde ist dieser Satz einem jeden Regisseur mit auf den Weg gegeben, der sich an "Faust II" wagt: "Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt." Goethes Alterswerk ist wahrlich ein Bühnenunding. Wer sich als Leser einmal durch die "klassische Walpurgisnacht" geackert hat – oder wohl eher durch den Anmerkungsapparat dazu – ahnt, dass die Spuren dieser Mythenspiele nicht in Äonen abgeschritten werden können.

Ein Bibliotheksdrama ist's, gespeist aus Buchwissen und gemacht für Buchwissen. "Hast du noch irgendetwas davon parat?", fragte sich ein Ehepaar hinter mir vor der Premiere ab. "Kaiser – Helena – Landgewinnung." Tja, wer könnte mehr vorweisen?

Ein Fall fürs Fremdenverkehrsbüro

Hasko Weber hat in Weimar für seine kühne Unternehmung allemal gut vorgebaut. 2013 zu seinem Amtsantritt als Intendant legte er den ersten Teil des Faust vor, bildgewaltig und hinreißend komisch, vor allem in den Nebenfiguren. Das Werk lief seither 60 Mal (wobei ein "Faust" in der Goethe-und-Schiller-Stadt ohnehin eher ein Fall für das Fremdenverkehrsbüro als für die Spielplan-Dramaturgie ist). Demnächst kommt es als Double Bill mit "Faust II" (weshalb mit Auftritten von "Gretchen" Nora Quest auch einige Querverweise eingebaut sind).

FaustII 1 560 Matthias Horn uFaust und Mephisto vor dem (Sonnen)untergang: Lutz Salzmann, Sebastian Kowski
© Matthias Horn

Wenn man jenem ersten "Faust" etwas vorwerfen konnte, dann dass er seinen Protagonisten zu billig abfertigte. Faust war bei Lutz Salzmann ein verkaterter Altgigolo, der sich mit Müh' und Not und etwas Heroin für seinen letzten Trip fit spritzte. Ein blasser Blender. Für den zweiten Teil der Tragödie, in der Salzmann als Faust abermals neben Sebastian Kowksi als Mephisto auf Reisen geht – und abermals arg laissez-faire gestimmt –, haut diese Anlage besser hin. Im großen Karneval der Allegorien und Symbole tauchen die Figuren mit ihren je eigenen Motivationen ohnehin früher oder später ab.

Anschluss an die Freiheit

"Faust II" ist in letzter Zeit regelmäßig auf die Modernisierungskritik hin angeschaut worden: auf das zwiespältige Ingenieurspathos (Stichwort: Landgewinnung) und die hoch riskante Papiergeldschöpfung (Kontext: Bankenkrise). Im Hintergrund stehen (literaturwissenschaftliche) Analysen, die den "Faust" als exemplarisch für den Epochenumbruch 1800 ansehen. Hasko Weber geht den Text historisch noch unmittelbarer an. Bei ihm ist die bankrotte Kaiserpfalz die DDR kurz vor der Wende 1989. Unter einem riesigen Marx-Kopf inmitten der holzvertäfelten Bühne (von Oliver Helf) hockt ein jungspundig ratloser Kaiser (Jonas Schlagowsky). Einen Maskenball und eine Papiergeldspritze später wird sein Staat mit bundesrepublikanischem Fähnchen und einem Transparent "Endlich Freiheit" den Anschluss an den Westen geschafft haben.

Popkultur at its best

Anschluss an den Westen heißt hier: Schleusen auf, freie Zeichenkunst, enthemmtes Spiel der Verweise, Popkultur at its best. Salzmanns Faust ist als Poet ein Jonathan-Meese-Wiedergänger in Adidas-Jacke. Als Impressario macht er auf Las Vegas. Im Helena-Akt kommt er als Ozzy Osbourne mit Sonnenbrille, Zylinder und Gehstock daher und bezirzt halbgar seine Helena, die wie die alternde Elisabeth Taylor unter einer Ayurveda-Gesichtsmaske hervorlugt (Elke Wieditz). Der Putz bröckelt, aber die Grandezza stimmt.

Mit großer Souveränität kostet Hasko Weber den amerikanisch geprägten Eklektizismus aus. Wenn auf Troja zurückgeblickt werden soll, rollt ein Vietnamkriegsveteran herein (Nahuel Häfliger als Fabelwesen Chiron). Für kommenden Kriegsgrusel fliegt Fridolin Sandmeyer als Euphorion heran, halb Marilyn Manson, halb Wuttkes Arturo Ui, zu krachenden Industrialbeats (durchweg großartige Klangschöpfungen von Pet-Shop-Boys-Soundtüftler Sven Helbig).

FaustII 2 560 Matthias Horn uHe has appetite for Destruction: Lutz Salzmann (Faust) © Matthias Horn

Letzter Tango vor dem Untergang

Da aber Faust in dem gesamten Verwandlungsspiel seine wegwerfende Grundgeste behält, meint man lange, hier werde Pop mit Pop ausgetrieben. Ein letzter Tango vor dem Untergang von Wall Street und Disneyland quasi. Sinnfälligerweise setzt Weber Mephisto als den Urheber des wilden Mummenschanzes an, wenn er ihn die zentralen Verse des Knaben Wagenlenkers zitieren lässt: "Bin die Verschwendung, bin die Poesie / Bin der Poet, der sich vollendet, / Wenn er sein eigens Gut verschwendet." Kantige Sätze, von einem Mephisto, der keine Laschheit duldet. Ein Hühne von einem Mann ist das, Sebastian Kowski, wie ein archaischer Heerführer aus den Highlands, fest und aufrecht, in lederner Rammstein-Kluft. Mephisto als Bote des Chaos mit der Bestimmtheit eines Generals.

Klägliches Finale

Drei Akte und gute zwei Stunden lang ist das großes, befreites Theater. Aber nach der Pause kippt es. Im Kriegsgetümmel zwischen Kaiser und Gegenkaiser von Akt IV verschenkt sich Weber an hingeworfene Nazi-Anspielungen. Der Amerikanismus-und Nachwende-Diskurs geht kaputt. Akt V hätte einen Faust gebraucht, dann doch. Aber vom Ingenieur und Staudamm-Errichter fehlt jede Spur. Stattdessen gibt's ein verzwergtes Finale im Altenheim, mit einem kläglich – sicher bewusst, aber eben doch – kläglich gestammelten Finale: "Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn / Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn." Eine Rückbindung an die große inszenatorische Intuition der ersten Akte bleibt aus. Kein Überprüfung des Freiheitspathos anno 1989. Der Abend tröpfelt aus. Aber zuvor, zuvor hat er aus vollen Hörnern ausgeschüttet.

 

Faust. Der Tragödie zweiter Teil
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Hasko Weber, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Camilla Daemen, Musik: Sven Helbig, Video: Bahadir Hamdemir (Video), Dramaturgie: Beate Seidel (Dramaturgie).
Mit: Nahuel Häfliger, Sebastian Kowski, Simone Müller, Nora Quest, Nadja Robiné,  Lutz Salzmann, Fridolin Sandmeyer, Jonas Schlagowsky, Krunoslav Šebrek, Elke Wieditz, Anna Windmüller.
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

 


Kritikenrundschau

"Dieses geniale Textpuzzle aus Mythen und Geschichten beschwört die Gegenwart", berichtet Angelika Bohn in der Ostthüringischen Zeitung (29.2.2016). "Strukturen und Gewissheiten zerbrechen und das Neue zeigt sich als hässliche Fratze." Weber zitiere "mehr und weniger Bekanntes aus Film und Pop-Kultur, um das Publikum da abzuholen, wo es viel Zeit verbringt". Manche Anspielung sei eher etwas für Popkultur-Experten. Viel Lob erhält das Ensemble: "Der physisch omnipräsente Mephisto (Sebastian Kowski) und der schmale Faust (Lutz Salzmann) wirken wie zwei Seiten der selben bösen Medaille. Neun weitere Schauspieler bedienen absolut großartig sämtliche weiteren Rollen, präzise bis in die kleinste Nuance."

"Das Problem" dieser Inszenierung liegt für Frank Quilitzsch von der Thüringischen Landeszeitung (29.2.2016) in Hasko Webers auf Unterhaltsamkeit angelegten Zugriff: Der Regisseur "formt die Fragmente zu einem quietschbunten Kaleidoskop, das vor Bildern und Anspielungen auf die Gegenwart nur so strotzt.“ Faust-Darsteller Lutz Salzmann "ist im zweiten Teil leider auch nicht präsenter als im ersten, den man nach nur zwei Jahren kaum noch in Erinnerung hat". Der Kritiker vermisst (außer bei Elke Wieditz) "hohe Sprechkultur" und chorisches Sprechen, "wie es Peter Stein praktiziert“. Fazit: "Dieser 'Faust', so unterhaltsam er auch daherkommen mag, schürft gefällig an der Oberfläche. Manchmal ist eben mehr Weber als Goethe drin."

Eine "gewöhnungsbedürftige Inszenierung, weil sie so reduziert gemacht ist, aber eben auch sehr genau und präzise", und im Ganzen eine Inszenierung, die "nachhaltig im Kopf bleibt", hat Stefan Petraschewsky im Gespräch für den MDR Figaro (29.2.2016) erlebt. Im "Probenbühnen"-Setting wolle Weber überprüfen, was diesen Goethe-Text "im Innersten zusammen hält": "Es ist eine Dekonstruktion. Und eine Infragestellung im Hier und Heute." Mit seiner Freude an Popkultur-Zitaten sei der Abend "sehr heutig und anders, aber von den Mitteln auch so wie Goethe". Fazit: "Wenn man beide Teile mal textnah und ohne viel Meta-Ebene und Überinterpretation sehen will, ist Weimar eine gute Wahl."

 

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