Die Kartoffelgesellschaft

von Falk Schreiber

Hamburg, 4. März 2016. Ach, schön, der Frühling kommt. Noch liegt ein wenig Schnee, aber die Bäume blühen, die Vögel sind da, und die jungen Leute springen übermütig über die Wiesen. Denkt man, bis das Licht angeht und man erkennt: Marlene Lockemanns Bühne ist eine gemalte Kulisse, und für die Protagonisten von Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" sind Löcher ausgespart, in die sie mehr schlecht als recht passen. Kein fröhliches Springen ist das, sondern ein verkrampftes Klammern an Strukturen, die nicht für einen gemacht scheinen.

Mit festgefrorenem Grinsen werden Verhältnisse zementiert: "Wie issn der deine?" "S' geht." "Der meine, der ist lieb." "So?" Vorsicht, festhalten, sonst stürzt man ab. "Man muss sich bescheiden mit dem, was ist", der Wahlspruch kleinbürgerlicher Illusionslosigkeit, und solange man noch jemanden unter sich hat, geht's.

Welt aus Latex-Dirndln

Alles gründet auf Oben und Unten in Abdullah Kenan Karacas Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders 1968 uraufgeführtem Volksstück "Katzelmacher": Das Sexuelle ohnehin, aber das ist als Machtspiel noch auszuhalten und bekommt mit den Latex-Dirndln und -Lederhosen von Sitas Kostümen sogar noch einen Drall in ein mehr oder weniger lustig fetischisiertes Bajuwarentum. Sowas lässt sich ironisch verstehen oder auch ganz eins zu eins erotisch, und wenn alle ihren Spaß am lustigen Popoklopfen haben, dann ist das zwar ästhetisch schwierig, aber warum nicht?

Schlimm wird es allerdings, wenn nicht mehr nur gespielt wird, wenn auch die übrigen Beziehungen von Machtstrukturen durchdrungen sind, die Arbeit, der Alltag. Die Ökonomisierung von allem, und jeder sorgt dafür, dass jegliche Empathie im Zwischenmenschlichen abgetötet wird, und das ist dann der Moment, an dem der Abend wirklich schmerzhaft wird, der Moment, an dem Karaca ganz aktuelle Abgründe aus einem fast 50 Jahre alten Stück herauskitzelt: Die hier gezeigte Welt ist diejenige, aus der heute die AfD ihre Wähler rekrutiert.

Aggressives Zwischenmenschliches

Dass dann ein Fremder auftritt, von Timocin Ziegler mit Celentano-hafter Unbedarftheit mehrfach um die Ecke als erotisches Ziel angelegt, ist eigentlich gar nicht mehr nötig: Diese Kartoffelgesellschaft braucht keinen Fremden, der ihnen ihre eigene Hässlichkeit vor Augen führt, die eskaliert ganz von alleine. katzelmacher1 280 Gabriela Neeb uUnmissverständlich, wer hier das sagen hat:
"Katzelmacher" © Gabriela Neeb
Aber die Anlage von Fassbinders Stück benötigt einen Katalysator, also liefert ihn Karaca – "Katzelmacher" ist nämlich keine installative Studie über eine Gesellschaft, die sich davor fürchtet, dass ihr die Felle davonschwimmen, und die sich in eine Aggressionskultur flüchtet, es ist ein ganz traditionelles Theaterstück mit Exposition, Steigerung, Höhepunkt und retardierendem Moment, und exakt so wird es auch erzählt.

Also: Ein Gastarbeiter, ein "Katzelmacher" kommt in den Ort und entwertet die Arbeitsleistung der ortsansässigen Bevölkerung, die Frauen projizieren ihre Sehnsüchte auf ihn, schließlich zeigt ihm die Dorfgemeinschaft unmissverständlich, wer hier das Sagen hat. Und die Verhältnisse sind wieder gerade.

Dass die Produktion im Hamburger Theaterzentrum Kampnagel zur Premiere kommt, hat nichts damit zu tun, dass sich dieses Theater irgendwie als Avantgarde versteht, sondern damit, dass "Katzelmacher" die Abschlussarbeit Karacas an der Theaterakademie Hamburg ist. Tatsächlich ist diese Inszenierung aber klassisches Stadttheater, und ebendort wird sie auch zu sehen sein: Ab 11. März wird der Abend ins Repertoire des Münchner Volkstheaters übernommen, der Bühne, an der Karaca als Hausregisseur engagiert ist. Und hier zeigt sich vielleicht auch das einzig echte Problem dieses handwerklich tadellosen Abends: Ein kritisches Volksstück braucht das Volk als Gegenüber.

Hölle sind immer die anderen

Das mag in München funktionieren, auf Kampnagel aber sitzt ein Hipsterpublikum, das sich beömmelt über die Hässlichkeit einer Welt, mit der es nichts zu tun hat. Das Kleinbürgerliche, die Engstirnigkeit, die Geschlechterverhältnisse, nicht zuletzt das forcierte Bayerntum, das diese Inszenierung durchzieht, sind hier völlig fremd: Man starrt lustschaudernd auf eine Freakshow und freut sich, wie weit man von diesen Verhältnissen entfernt ist.

P. S. Am 26. Februar wurde bekannt gegeben, dass "Katzelmacher" zum Festival "Radikal jung" am Münchner Volkstheater eingeladen ist, eine Woche vor der Hamburger Premiere. Das mag damit zusammenhängen, dass Abdullah Kenan Karaca als Volkstheater-Hausregisseur hier seine Fähigkeiten schon mehrfach unter Beweis stellte, trotzdem: Ein Gschmäckle hat es durchaus, eine Arbeit einzuladen, deren Festivaltauglichkeit zum Zeitpunkt der Einladung noch gar nicht einschätzbar war. Einen Gefallen tat die Festivalleitung "Katzelmacher" damit auf jeden Fall nicht.

Katzelmacher
von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Abdullah Kenan Karaca, Bühne: Marlene Lockemann, Kostüme: Sita, Licht: Günther E. Weiß, Musik: Tom Wörndl, Dramaturgie: David von Westphalen.
Mit: Paul Behren, Pascal Fligg, Carolin Hartmann, Jonathan Müller, Tamara Theisen, Mara Widmann, Timocin Ziegler.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.kampnagel.de
www.muenchner-volkstheater.de

 

Mehr zu Abdullah Kenan Karaca: zuletzt besprachen wir seine Woyzeck-Inszenierung, die im Oktober 2014 am Volkstheater München Premiere hatte.

 

Kritikenrundschau

Karaca zeige in seiner Inszenierung den Nährboden, auf dem Fremdenhass entsteht, so Heinrich Oehmsen im Hamburger Abendblatt (7.3.2016). " Seine Figuren sind von schlichtem Gemüt, Konflikte werden mit verbaler oder körperlicher Gewalt ausgetragen, eine Perspektive hat kaum jemand. Nur Helga möchte raus aus dem Provinznest und Schauspielerin werden. Dafür prostituiert sie sich." Das genaue Ensemblespiel der sieben Akteure, die fantasievollen Kostüme und das bemerkenswerte Bühnenbild ergeben eine stimmige Inszenierung über diese Jagdszenen in Süddeutschland. Schade, dass das starke Stück nur dreimal in Hamburg zu sehen sei.

Marlene Lockemanns Bühnenbild erhält viel Lob von Kritikerin Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (14.3.2016): ein "Geniestreich". Die Inszenierung weniger. Abdullah Kenan Karaca "arbeitet mit lauter Chiffren und Symbolen" und "verliert sich, wenn er um Fassbinders Original herum präludiert – in selbst gesetzten Platitüden. Schade."

 

Kommentar schreiben