Wer war das? NIEMAND!

von Esther Slevogt

8. März 2016. Das ist ja eine Frage, die sich angesichts all der aktuell medial geschürten Hysterien in unserer zerfallenden bürgerlichen Öffentlichkeit immer mal wieder stellt: Wie kann von etwas berichtet, über etwas kritisch geschrieben werden, ohne dass es gleich über die Gebühr aufgeblasen und dem Phänomen damit eine mediale Superpräsenz verschafft wird? Wie vermeidet man, zum Kollaborateur oder Entwicklungshelfer in Sachen Prominenz eigentlich verurteilenswerter Angelegenheiten zu werden, denen man medial jedoch erst die Plattform für ihren großen Auftritt bereitet?

Blutiges, zugleich Weises aus dem Fundus der Weltreligionen

Vielleicht einmal in den Schatzkästlein der Weltreligionen nach Lösungen stöbern, obwohl die momentan ja eher als Leitfäden zur Beschleunigung des allgemeinen Weltuntergangs benutzt und ausgeschlachtet werden. Tendenziell also eher Büchsen der Pandora sind. Fündig werde ich im Judentum bei einem Fest, das Purim heißt und in diesem Jahr im März begangen wird. Es geht auf vorgeschichtliche Ereignisse in einem vorgeschichtlichen Persien zurück und erzählt, wie das jüdische Volk mal wieder vor der Totalausrottung bewahrt wurde. Niedergelegt ist die Sache im biblischen Buch Esther (im Alten Testament), benannt nach der Gattin des persischen Königs Ahasver, dessen oberster Minister Haman die Ausrottung der Juden in Persien plante.

kolumne estherDiese Esther nun, und das in Zeiten, als Frauen gefälligst im Harem zu bleiben hatten, statt sich in die hohe Politik zu mischen, schafft es mit List, dem Gatten (der zunächst noch nicht mal weiß, dass seine Lieblingsfrau dem bedrohten Volk angehört) vom Anschlag seines Ministers auf ihr Volk zu berichten und das Unglück abzuwenden. Mit tödlichen Folgen für den Minister und seine Familie, die fatal an heutigen Umgang mit gestürzten Diktatoren der Region erinnern, was wiederum doch gegen die heiligen Schriften als Anschauungsmaterial in Weltverbesserungsangelegenheiten spricht. Das "Buch Esther" ist eine ziemlich blutige Geschichte. Aber ich konzentriere mich jetzt auf das, was daran weise ist.

Vergnügliches Völkermordgedächtnis

Denn zum Fest, das jährlich an diesen im letzten Moment verhinderten Völkermord erinnert, gehört, dass in der Synagoge die biblische Geschichte laut von einem Rabbiner oder Kantor vorgelesen wird. Und offenbar hat man sich bei der Ausübung dieser religiösen Pflicht schon sehr früh mit der medialen Dialektik solcher Überlieferung befasst: Wie kann man an ein Verbrechen erinnern, ohne damit auch dem Verbrecher ein Denkmal zu setzen? Und so ist die Gemeinschaft der Beter*innen aufgerufen, immer wenn in der öffentlichen Erzählung der Name des Verbrechers Haman fällt, einen Höllenlärm zu veranstalten, in dem er nicht gehört werden kann.

Das macht dann das Völkermordgedächtnis gleich zu einer ziemlich vergnüglichen Angelegenheit. Ja, und mit der Frage, wie sich diese kluge Strategie aktuell medial umsetzen ließe, sind Sie auch schon wieder aus diesem Text entlassen. Der ja schließlich kein Wort zum Sonntag ist.

PS: Nicht verschwiegen werden soll allerdings ein anderes Gebot des Purim-Festes: dass man (und dies im dem Alkohol sonst äußerst reserviert gegenüberstehenden Judentum!) an diesem Tag so viel trinken soll, bis man Freund und Feind nicht mehr unterscheiden kann. Auch eine Möglichkeit, verhängnisvollen dialektischen Konstellationen zu entgehen ...

 

esther slevogtEsther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt beschäftigte diese Kolumne sich mit Volkstribunen auf YouTube und im Theater.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Verbrechen: Picknick mit von Storchmartin baucks 2016-03-08 11:20
„Breivik, Zschäpe, Storch.“ so steht es neuerdings, keine hundert Meter von meiner Wohnung, an der Hausfront von Frau Storch geschrieben, wo vor ein paar Tagen nur ein riesiger schwarzer Pechfleck davon kündete, dass die Politikerin dort wohnt. Und gehe ich nur zweihundert Meter weiter, stehen dort seit Jahr und Tag zwei Polizisten vor dem Haus des Innenministers.

Wie wäre es, wenn zwei traurige Clowns ohne Torte ständig den Wohnsitz der Frau von Storch bewachten, damit dort nicht weiterhin „Radikale“ die Fassade mit Sprüchen versauten, und jedem Vorübergehenden in einem lausigen holländischen Akzent erklärten, wer dort haust. Vielleicht wäre das eine Maßnahme.

Als Besetzung stelle ich mir Claus Peymann vor, der vor kurzem aus Salzburg verkündete, letztendlich sei Frau Merkel eine Zerstörerin der europäischen Einheit, und der Kompromiss in der Demokratie sei nicht mehr in der Lage Großes zu leisten, und ja(!), man werde die Monarchie eines Tages anders beurteilen. Eigentlich sah ich Peymann gestern noch ganz alleine für den Rest seines Lebens den Lear an der Burg spielen. Aber nun stelle ich ihn mir als alten Clown und Wächter vor dem Haus der von Storch vor, wie er gemeinsam mit ihnen Frau Slevogt über das Buch Esther debattiert.

Ich käme dann gerne zu ihnen mit einem Stück Kuchen aus der nahen türkischen Bäckerei und wir bäten die Hausherrin noch um etwas Kaffee, und das sie sich doch zu uns geselle. Und dann bereden wir das mal öffentlich in der Zionskirchstraße. Und im Geist kommt noch Bonhoefer dazu und wir reden und reden über den „Horatier“ von Müller, dass man ihn, den Horatier, zugleich Held in der Schlacht und auch Mörder seiner Schwester, und nie nur den einen Titel ohne den anderen nennen soll, denn der Mörder ist ja nie nur ein Mörder, sondern immer noch viel mehr. Und wir verquatschten unsere ganze Zeit mit Beatrix von Storch, die sie dann nicht mehr auf ihre Politik verwenden kann, und am Ende sitzen die ganze Straße lang bis hoch zur Zionskirche lauter Leute. Und der Biller kommt auch noch herunter, denn der wohnt da auch noch und so viele andere. Aber wahrscheinlich hat wieder keiner Zeit, weil sie alle schreiben und twittern und Torten werfen müssen.

Ach ich weiß, ich bin ein dummer, kleiner Junge: Aber wäre det nicht wunderschön, wunderschön, wunderschön! Und klar, ein Blumenmädchen und Wein darf natürlich auch nicht fehlen, bei all dem hellen Sonnenschein.

Ich glaube, ich bin am Weltfrauentag einfach wieder zu milde gestimmt.
#2 Kolumne Verbrechen: Esther-DialektikÄhm-NEIN 2016-03-08 11:42
Zur Esther-Dialektik gehört aber auch, dass Esther von ihrem Stiefvater veranlasst, man könnte auch sagen gedrängt, wurde, Ahashver - also Xerxes im Grunde - ihre Herkunft solange zu verschweigen, bis sie ihn so in sein Begehren verwickelt hat, dass er in seinen politischen Entscheidungen manipulierbar im Sinne ihres Volkes wurde. Das hat auch etwas Judith-haftes - mit dem Unterschied, dass Esther unverheiratet war und der König in Trauer um seine erste Frau. Esther ist also im übertragenen Sinne sexuell missbraucht worden unter dem Moraldeckmantel der Rettungs-Politik... Die Vorschrift mit dem Gemeinschaftssuff ist sehr schön - solange an dessen Zweck eben auch erinnert wird! Ein Hoch auf Esther Slevogt, die das hier tut: Po stola viditjel swja!
#3 Kolumne Verbrechen: WiderspruchEsther Slevogt 2016-03-08 12:01
@ähm-nein - ähm hä? Erst mal ist der König nicht in Trauer um seine erste Frau. Vielmehr hatte er selbige verstoßen, da sie sich geweigert hatte, vor ihm und seinem Kumpanen im Rahmen eines Gelages erotische Tänze aufzuführen. So ist diese Königin Vashti (so hieß sie nämlich) eigentlich auch noch eine Heldin des 8. März (welches der Internationale Frauentag ist). Nur durch ihre Verbannung vom Hof wurde ihre führende Stelle im Harem neu ausgeschrieben und alle Jungfrauen des Landes wurden diesbezüglich zwangsvorgeführt. Die Rolle, die sie da Esthers Onkel Mordechai zuschreiben, muss einer ausschließlich ihnen bekannten Version der Geschichte entstammen. Seit ein paar Jahrtausenden wird sie deutlich anders überliefert: erst lesen, dann hier posten....
Freundliche Grüsse!
#4 Kolumne Verbrechen: Dank für konkrete ZweifelDR 2016-03-08 12:36
Ja, das ist korrekt. Entstammt meinem ganz subjektiven dramturgischen Rollen-Verständnis. Darf man haben bei unverbrieften Geschichten. (Esr und Neh. gehören zu den angezweifelten Büchern des AT im Bibelkanon). V. ist vom Hof verbannt worden. Das ist korrekt. Weil sie sich geweigert hat. Das ist auch korrekt. Nicht korrekt ist - wenn man den geschichtlich überlieferten Traditionen folgt - dass zweifelsfrei! Xerxes Vasthi verbannt haben MUSS nach ausschließlich eigenem Willen, sondern eventuell!, weil ihm politisch in dem Moment keine andere Wahl blieb. Was man nicht gutheißen oder verdammen muss, aber bedenken könnte, betrachtete man die Geschichte politisch und den vorgestellten Hergang der Weigerung genauer. Kommunikationstheoretisch, also irgendwie philosophisch im weitesten Sinn. Im übrigen danke ich sehr für Ihren geäußerten Zweifel, sehr geehrte Frau Slevogt. Verlage waren bisher nicht dazu in der Lage, sie so konkret zu äußern. Kolleg*Innen auch nicht. Dramaturgien auch nicht. Eine namhafte Wettbewerbsjury auch nicht. - Und ich frage mich jetzt, ob das daran liegt, dass Sie Theaterritikerin sind, dass offenbar Sie als erste dazu in der Lage sind, oder ob es daran liegt, dass Sie hier im übertragenen Sinn um ihren Vornamen kämpfen?
#5 Kolumne Verbrechen: Fairness für Iranklara 2016-03-08 13:47
Liebe Esther Slevogt,

Esther war die Frau des Xerxes, Sohn von Darius und Atossa, Enkel von Cyrus(Kourosh).Cyrus befreite die Juden aus Babylon und gewährte ihnen eine Heimat, in Freiheit und Würde, in Persien. Das war der Grundstein für die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels.Er wurde als ein Messias angesehen.
Das war ca. im 5. Jahrhundert vor Christus. Also viele Jahrhunderte vor der Islamisierung Persiens. Es war das Zeitalter der Achämeniden,in der die Volksreligion des Zoroasters (Zarathustra) herrschte. Frauen waren sehr angesehen u sehr mächtig. Sklaverei war verpönt. Eine der mächtigsten Priesterinnen/Göttinnen im Zoroastrismus war Anahita. Es gab also damals keine Harems."Frauen hatten also nicht gefälligst im Harem zu bleiben", wie Sie schreiben. Es gab Hofdamen und Konkubinen, wie auch beim französischen Königshof.
Die 1. Frau des Xerxes,( auch bekannt als Ahasuerus), Vashti, ließ sich von ihm scheiden, da sie keine Lust hatte, Königin zu sein und weil sie sich weigerte auf seinem mehrtägigem Fest zu erscheinen.
Die Geschichte Esthers hat viel mehr mit Kampf um Macht und höfischen Intrigen zu tun, als die Ausrottung der Juden. Die Juden waren sehr angesehen in Persien und wurden nicht verfolgt. Mordechai, ein hoher Funktionär unter König Xerxes und Verwandter von Esther, hatte eine Intrige zur Ermordung Xerxes vernommen.Davor warnte er den König. Dies wiederum mißfiel dem Prinzen Haman, der eifersüchtig auf die Ehrerbietung des Königs gegenüber Mordechai war, und aus Rache, die Ermordung der Juden im persischen Exil, anordnen wollte. Daraufhin bekennt sich Esther, vor Xerxes, zum Judentum und entblößt die Intrigen Hamans. Xerxes wiederum verurteilt Haman zum Tode am Galgen.Somit wurde das jüdische Volk durch Esther gerettet.Das Fest Purim erinnert an diese Heldentat.

Ihre Vorstellung Persiens ist erotisch-rassistisch und kolonialkitschig :"erotische Tänze","alle Jungfrauen zwangsvorgeführt",etc...
Auch wenn Sie es nicht glauben, Persien war das Paris der damaligen Zeit. Am Hof des "Königs der Könige" eingeladen zu werden, war die allergrößte Ehre und äußerst selten. Da mußte niemand "zwangsvorgeführt" werden.Die persischen Könige waren gebildet und kaum zu glauben,angeblich auch noch gutaussehend.
Die 3 Gebote des Zoroastrismus lauten: Denke Gutes, Tue Gutes,Sprich die Wahrheit.
Es wäre schön, wenn ein so gebildeter Mensch wie Sie, Frau Slevogt, in der Beschreibung historischer Begebenheiten, ausgewogener wäre.
Auch wenn es en vogue ist über den Iran, als das "Gottseibeiuns" unter den Ländern, zu schreiben, so sollte man nicht die Geschichte verzerren. Dieses Land, das seit Jahrhunderten kein anderes Land angegriffen hat, aber bedroht wird das gleiche Schicksal zu erleiden, wie der Irak,hat etwas Fairness verdient. Die Welt läßt sich nicht so einfach "in Freund und Feind" einteilen.
Ja, die letzten 3 Jahrzehnte sind beschämend für die Iraner, aber man sollte Ihnen nicht auch noch ihre Geschichte wegnehmen.
Apropos,von 1948 bis zur persischen Revolution,waren Israel u Iran befreundete Nationen.Iran war eines der ersten Länder, die Israel als Staat anerkannten u sie im 6 Tage Krieg unterstützten. Der Shah erkannte auch kassandrahaft 1947, das die "Partition Plan Palestine" zu Generationen an Konflikten führen wird.
Geschichte ist komplex. Vereinfachungen verführen zu Hass u Krieg.
Würden Sie Iran kennen, wüßten Sie, daß dort nicht Horden von antisemitischen Halbwilden rumlaufen.
Man kann Länder überfallen, die Menschen umbringen, ihre Geschichte beseitigen und jede Spur ihrer Kultur vernichten. Aber man kann niemals die Wahrheit und den Geist die eine Zivilisation groß werden hat lassen, auslöschen.
#6 Kolumne Verbrechen: Geschichte nach-erzähltEsther Slevogt 2016-03-08 14:15
Liebe Klara,

es geht doch gar nicht um den Iran oder die Wahrheit der persischen Geschichte, sondern um ein Stück (biblische) Literatur, Fiktion eigentlich. Und ich habe die Geschichte so erzählt, wie es aufgeschrieben ist. Samt Harem und Zwangsvorführung. Es hatte übrigens sogar schon der jüdische König Salomon einen Harem, "Armon" heißt diese Einrichtung im entsprechenden Buch der Könige. Und Salomon lebte ungefähr 500 Jahre vor Xerxes. Mordechai hat auch keine Intrige gegen den König geplant, sondern vielmehr die des Ministers Haman aufgedeckt. Auch ist eine Identität von Xerxes und Ahasveros mehr als umstitten, eigentlich sogar ziemlich ausgeschlossen.

Freundliche Grüße
#7 Kolumne Verbrechen: Vergangenheits Kontrolleklara 2016-03-08 15:06
Liebe Esther,

Mordechai hat Xerxes gewarnt und ihm das Leben gerettet.
Das schrieb ich auch. Der Intrigant war Haman. Dieser war eifersüchtig, daß ein Jude zu so hohen Ehren am Hofe gelangen konnte und wollte die Ermordung der, in Persien sehr geschätzten, jüdischen Gemeinde planen.
Esther durchkreuzte diese Intrige und rettete den Juden das Leben.
Daß es Xerxes gab, beweisen alleine die Schriften des griechischen Historienschreibers Herodot. Es handelt sich nicht um biblische Fiktion.
Leider gibt es einige Wahnsinnige, die nur jede erdenkliche Rechtfertigung suchen, um den 3. Weltkrieg vom Zaun brechen zu lassen. Da paßt die völlige Dämonisierung Irans gut in den Kram. Es gibt nicht wenige Republikaner im US-Kongress, die es als "biblische Pflicht" ansehen, den Iran anzugreifen.
Da sollte man sehr achtsam mit aufrichtiger Historienbeschreibung sein und die Iraner nicht als ein blutrünstiges, massenmordendes Volk entstellen. Wenn man "Völkermordgedächtnis" und "Verbrecher" schreibt, entsteht der Eindruck, die verbrecherischen Perser hätten einen Völkermord an den Juden verübt.
Das entspricht nicht der Wahrheit. Solche Mythen sind gerade heute sehr gefährlich, und ein Hohn gegenüber der Rettung zehntausender Juden durch persische Könige.

Sie haben diese Geschichte also so erzählt, wie sie aufgeschrieben wurde. Wo wurde sie so aufgeschrieben? Und Warum?

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft."
George Orwell

Sie sind eine sehr kluge Frau, Frau Slevogt, und ich nehme an, daß Sie über ein weibliche Heldin zum Tag der Frau schreiben wollten. Nur übernehmen Sie u verbreiten Sie bitte, zumindest nicht unhinterfragt, verzerrende Darstellungen.

Herzlichst,

klara
#8 Kolumne Verbrechen: Hebbels Klischee-BedenkenDR 2016-03-08 15:07
Ich würde sagen, Sie haben beide recht: es geht auch um den Iran und es geht gewiss nur um ein Stück biblische Literatur. Vor allem geht es aber um die Klischeeisierung überlieferter Geschichten, die dann als Geschichte unbezweifelbar, autoritär gelehrt wird. So autoritär, dass niemand sich mehr getraut, sie zu befragen. Wir leben aber - auch schon vor 10 und 15 Jahren - in einer Weltsituation, in der es gefährlich ist, Autoritäten, die Geschichte lehren, nicht anzweifeln zu dürfen. Es ist eben ein Stück Literarur. Ja. Aber es ist ein Stück Literatur, das in ein Heiliges Buch, eine Religions-Grundlage, übernommen wurde und damit autoritär der moralischen Infragstellung entzogen. Ja, es ist vielleicht nicht korrekt, Ahashver mit Xerxes ineins zu setzen. Aber es ist auch nicht inkorrekt, das hypothetisch zu tun. Zumal in Form von Literatur. Es steht nirgends verzeichnet, dass Vasthi sich hat scheiden lassen, sondern es ist legendär überliefert, dass sie des Hofes verwiesen wurde. Es steht nirgends geschrieben, dass der Groß-König, der Kaiser, Herrscher über ein Weltreich aus 127 Ländern verschiedener Ethnien und Sprachen, seine Frau GERN des Hofes verwiesen hat. Wenn nicht, und diese Hypothese ist im Drama gestattet, WARUM hat er es dennoch getan??!! Was für politische Voraussetzungen hatte diese Entscheidung und welche Folgen. Ausgeschlossen ist die Identität Ahashver/Xerxes deshalb nicht, weil das Große Fest zu seiner Amtseinführung Monate dauerte. Weil Feste dieses Ausmaßes nur bei Amtswechseln beim Kaiser abgehalten wurden und die Regierungszeit zwischen Arthaxerxes und Xerxes zu kurz war, um ein solches Fest für Arthaxerxes zu planen, anzuberaumen und durchzuführen. Das Fest ist datiert auf das Jahr 482. zwei Jahre vor dem persischen Feldzug gegen die Griechen, dessen Ausgang von Aischylos eindrucksvoll beschrieben worden war. Wo waren die Intrigen?? Die Intrigen, die Juden nur u.a. betrafen. Gewiss doch werden die relativ selbstbestimmten persischen Frauen irgendwelchen anderen zum Großreich, weniger gleichbe-rechtigten Völkern, ein Dorn im Auge gewesen sein? Und gewiss wird den zum Reich gehörenden Sklavenhalterstaaten der Gedanke und das Funktionieren einer eher Nicht-Sklavenhalter-Gesellschaft unangenehm gewesen sein können?? Nun sind diese Fragen gewiss vor mehr als 16 Jahren ohne jeden Bezug zur heutigen Wirklichkeit in ein Drama getrieben. Zu dem jeder was weiß, der es liest. Und vor allem ganz genau weiß, dass es weder für Theater taugt, noch überhaupt auch nur für einen Verlag. Alles weiß. Außer auch nur eine einzige kluge Frage. Die weiß nach mehr als 16 Jahren erst Frau Slevogt. Man wird mir verzeihen, wenn ich das sehr traurig finde. Das Drama darf mit Klischees so umgehen, dass ihre Hinterfragung ZWINGEND wird. Hier - in 482 - also zwingend das Perser-Klischee. U.a. Auch das Klischee, dass das heitere Purim ein unschuldiges Fest sei und das Klischee, dass es vor Allah keine anderen Götter gegeben hatte in Persien. Auch Hebbel hat das getan: Klischee-Bedenken erzwungen. Denn er hat aus Judith diese, seine Judith gemacht. Ohne auf der Bettkante bei ihr und ihrem Gatten gesessen zu haben, um Genaues aussagen zu können über ihre vermeintlich erhalten gebliebene Jungfrauenschaft. Wie wir gerade bemerkten, beschäftigt das auch einen Castorf bis heute...
#9 Kolumne Verbrechen: Mozartmartin baucks 2016-03-09 20:28
Liebe Klara,

Sie haben einfach Mozart nie verstanden!
#10 Kolumne Verbrechen: Mozart IIklara 2016-03-09 21:37
Lieber Martin Baucks,

Da haben Sie Recht. Ich liebe seine Musik dennoch.
#11 Kolumne Verbrechen: Mozart IIImartin baucks 2016-03-09 23:20
Liebe Klara,
Danke! Schlechte "Perser" haben keine Lieder!
#12 Kolumne Verbrechen: Dank und Auslassungklara 2016-03-10 17:03
Lieber Martin Baucks,

Der Dank ist ganz meinerseits! (...)

(Sehr geehrte Klara, der Zusatz zu den "Persern" in Ihrem Posting wird in seiner Ironie nicht klar, falls er überhaupt ironisch gemeint ist. Da er in der Distanzkommunikation des Kommentarbereichs sehr rasch als diskriminierend lesbar wird, scheint es uns ratsam, ihn auszusparen. Mit freundlichen Grüßen, Christian Rakow / Redaktion).
#13 Kolumne Verbrechen: unter XerxesDR 2016-03-10 19:08
Sehr geehrte Klara, wie erfreulich, dass einmal jemand Fürsprache für die Weltoffenheit des Persischen Reiches unter Xerxes ein gutes Wort einlegt. - Bei aller Begeisterung dafür, möchte ich trotzdem zu bedenken geben: das war keine durchemanzipierte Gesellschaft, auch wenn die Rechte der Frauen weit mehr gestärkt waren, als wir es heute mancherorts wahrhaben möchten. Als Regel gilt hier: je größer der Reichtum einer Familie, je aristokratischer die Herkunft, je emanzipierter waren die Frauen. Auch war es nicht so, dass es keine Sklaven gab. Nur gab es sie nicht in der Form, dass sich die Staatswirtschaft auf ihnen gründete. Es gab ein Entlohnungssystem und ein System in den "Betriebshierarchien", das sehr große Ähnlichkeiten mit unserem aktuellen gerade in D aufweist.
Nur weil Herodot in üppigster, schön zu lesender Geschichtsprosa das sogenannte Große Festmahl 482 beschreibt, ist das keine Garantie dafür, dass es dieses in der Form gab. Freilich nehmen wir hier die Geschichtsschreibung des Herodot allzugern in barer Münze. Das ist bequemer, als sich auch anderweitig und vielleicht weniger unterhaltsam Geschriebenes in dieser Sache anzulesen. Außerdem sollte erwähnt werden, dass es gewiss allgemein sehr angesehene "Juden" im Persien unter Xerxes gab. Das unterschied sie als Gruppe dennoch nicht von anderen sehr angesehenen Leuten aus anderen Ethnien. Was wir gern - und möglicherweise auch die heutigen jüdischen Gemeinden gern - als ursprünglich babylonische jüdische Gemeinden sehen oder beschreiben wollen, waren noch gar keine in dem Sinne. Vielmehr handelte es sich eher um Fremden-Vereine der aus dem Exil freigesprochenen, ehemals Eingewanderten oder auch als Kriegsgefangene nach Babylon oder Elam Gezwungene Judäer. Also um Leute aus Juda stammend. Oder aus Israel. Dann waren es Israeliten. Da die einen wie die anderen Jahwe als Gott zugetan waren, wäre zu unterscheiden, ob man die Leute, die wir aus dem Abstand dieser vergleichsweise wenigen Jahre von heute bis in 500 vor, gerne "Juden" nennen, nicht korrekter zwar religiös als Jahwisten, politisch jedoch entweder als Judäer oder als Israeliten einordnete. Solche Fremden-Vereine in den persischen wie babylonischen im weitesten Sinne, Gemeinden, gab es auch von anderen Ethnien. Es gab auch durchaus Pogrome unter Xerxes Vater. Höher wahrscheinlich unter Darius, als unter Xerxes. Diese könnte man zurücklesen auf den Befehl des Oberpriesters Esra, der nach dem Freispruch der Exilanten sonders die Kaste der Leviten zurück zum Tempel, und damit in die Heimat befahl. In eine Heimat, die sich ständig im Grenz- und Machtkonflikt befand, durch das isralelitsche/judäische Königstum. Hier wollte Esra zur Stärkung des Priestertums die Leviten zurück zum Ursprungsort. Die aber waren über Generationen inzwischen vermischt und neu beheimatet z.B. in Elam, in der Susiana, der Persis, in ganz Mesopothamien... Die Grenz- und Machtkonflikte Judäa/Israel waren im von Kyros übernommenen Reich für Darius ein großer, das Reich ständig gefährdender Unruheherd und er hoffte m.E. auf Esra undoder die dortigen Oberpriester der Jahwisten als Ordnungsstifter. Weshalb er recht willkürlich Pogrome anberaumte oder gestattete, um Leviten zur Rückkehr und zum Verlassen ihrer Angehörigen bei grausamster Todesstrafe und Sippenhaftung zu zwingen. Zum Harem gibt es anzumerken, dass die Vielehe, besonders unter den Aristokraten der Persis, normal war und als Statussymbol galt. Wer viele Frauen hatte, musste es sich offenbar "leisten" können. Er war zum Unterhalt der Frauen auch dann verpflichtet, wenn die Ehe im sexuellen Sinn nicht, noch nicht oder nicht mehr vollzogen wurde. Es war ideell angestrebt, viele Frauen zu haben, denn Kinderreichtum galt ethisch als wahrer Reichtum. - MsfG d.o.

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