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Grimasse

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Grimasse auf nachtkritik.de bisher: 80 Mal

15. März 2016. Das Wort "Grimasse" ist eines der Theaterwörter – verwandt mit der "Maske"–, die ich hier für "Zeug & Stücke" zusammentrage. Grimassen zu schneiden bedeutet so etwas wie ein groteskes Verziehen der Gesichtsmuskulatur, zur Abwehr des Gegenübers, als närrisches Spiel. Manchmal wird aus dem Jux ein Ernst, wenn man nämlich zu oft oder zu lang das Gesicht verzieht und ganz darauf vergisst, die Muskulatur hernach wieder zu entspannen.

Meine philologische Abschlussarbeit habe ich vor 13, 14, 15 Jahren über den österreichischen Dichter H.C. Artmann geschrieben, seine "Poetologie" und sein "künstlerisches Selbstverständnis". Im Wesentlichen habe ich dazu Material gesammelt und verglichen. Und am Ende habe ich das Ergebnis erhalten, dass die Aussagen des Autors über Schreibprozess, Dichtsein und Dichtersein in Summe, über ein Leben gesehen und anhand seines sogenannten Primärwerks überprüft, eben widersprüchlich sind. Ich erwähne das vorab, um meine akademisch zertifizierte Kompetenz im Lesen von Interviews zu betonen.

kolumne teresa2Rund um die Inszenierung von Peter Handkes Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße von C. P. am Wiener Burgtheater habe ich aktuell wieder viele Interviews mit Peter Handke gelesen, und, nach eingehender Überprüfung, habe ich auch hier Widersprüche festgestellt. – Nichts grundsätzlich gegen Widersprüche!

In einem der Interviews erzählt Peter Handke übrigens einen Witz. Wer wissen möchte, wo der Witz zu suchen ist, kontaktiere mich über die Redaktion von nachtkritik.de. Oder kontaktieren Sie mich nicht. Es ist nämlich gar nicht so, dass das Werk von Peter Handke so völlig frei von Witz wäre.

Ich habe mit 13, 14, 15 angefangen, Literatur zu lesen, "Versuch über die Jukebox“ war mein erstes Handke-Buch. Ich habe nicht genau gewusst, was eine Jukebox ist, weil es damals die Suchmaschine dafür noch nicht gegeben hat, und ich in einer Marktgemeinde in den Alpen aufgewachsen bin, in der es auch keine Jukebox zu finden gegeben hätte. (Schon klar, Juke und Box ist nicht gleich Jux.)

Das zweite Handke-Buch war "Wunschloses Unglück", und das hat für mich zum ersten Mal bedeutet: Literatur zu lesen und gleichzeitig über das Schreiben beim Lesen nachzudenken. Die sogenannte sprachkritische Skepsis zu entwickeln einem naiven literarischen Realismus gegenüber, der Illusion erzeugt, ohne seine künstlerischen Mittel mitzuverhandeln – und am nächtlichen Rand der Landstraße sind wir Alpen-Teenager gelümmelt. Als die Gar-nicht-Unschuldigen, ohne Jukebox, aber mit Alkohol. Naja, man wird sich vorstellen können, was mir Handke bedeutet hat, nämlich verdammt alles, "und des vergiss i nie" (S.T.S., "Großvater").

Übrigens empfinde ich Handke nicht als großväterlich, er hat am selben Tag Geburtstag wie meine Mutter. Selber Tag, selbes Jahr. Sie wird ihn einmal, unbekannterweise, anrufen, sagt sie, um ihm dieses Faktum mitzuteilen. Sollte Peter Handke nachtkritik.de lesen und sich hier die Fotos von Aufführungen ansehen, habe ich das hiermit für sie erledigt.

Peter Handke ist, sage ich, unter den Autorinnen und Autoren deutscher Sprache einer von jenen, die in ihren Texten am genauesten mit Sprache arbeiten. Die Leserinnen und Leser, die sich in einen Text hineinfallen lassen wollen, mit der Handlung mitgehen, vielleicht auch noch vor der Figurenentwicklung rechtzeitig abgeholt werden wollen, entwickeln eher Scheu angesichts solcher Texte. Man könnte auch, wäre man nicht so diplomatisch, sagen, Lesen ist, neben lustig, eben auch schwierig, und nicht jeder Trottel kapiert das. Man könnte sich in so einem Fall von Trottel-Leser, Trottel-Leserin oder Trottel-Sternchen durchaus zu einer "Publikumsbeschimpfung" hinreißen lassen, man könnte sowieso den Betrieb aufmischen, nicht nur mit dem Vorwurf der "Beschreibungsimpotenz", man könnte auch Dramen schreiben, die niemals-nicht eine klassische dramatische Struktur aufweisen, man könnte ein junger haariger Zausel sein mit Texten über Filme und Musikmaschinen, und man könnte mal so richtig die Form definieren.

Und danach könnte man älter werden und gegen das Umformen wettern, man könnte die klassische dramatische Struktur loben (und sich dennoch niemals-nicht um sie scheren) und man könnte dann folgenden Satz in einem Interview sagen: "Ich habe eine Scheu entwickelt, ins Theater zu gehen, das ich einmal sehr gern hatte. (...) Wenn ich diese Fotos von Aufführungen sehe, in denen die Leute herumhüpfen und Grimassen schneiden! Nein! Ich habe große Achtung vor den Schauspielern, aber ich frage mich manchmal, wozu Regisseure da sind. Theater ist ein ernstes Spiel, wie Goethe sagt. Mit dem Ernst kommt das Spiel. Aber heute ist alles im Theater nur Spiel."

Das könnte man machen. Derweil aber rufe ich noch, flehend, jung, verzweifelt, Grimassen schneidend, herumhüpfend, euch schüttelnd: Ihr raren Idole meiner einsamen Landstraßenrandjugend, bei aller Lust am Widerspruch, seid ihr denn euch selbst Unbekannte geworden?!!!?????!!!!!!???????

 

teresa praeauerTeresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie schreibt regelmäßig für Zeitungen und Magazine zu Theater, Kunst, Literatur, Mode und Pop. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag, als Taschenbücher bei S. Fischer, und wurden vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien der Künstlerroman "Johnny und Jean", nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015. In ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" denkt sie über die Einzelteile nach, aus denen Theater sich zusammensetzt. 

Zuletzt kolumnierte Teresa Präauer über Bretter der Burgtheaterbühne, die zur Versteigerung standen.