Raus aus der tristen Existenz!

von Willibald Spatz

Ulm, 18. März 2016. Da haben sich zwei gefunden. Judith und Holofernes sind sich ja so ähnlich in ihrer Suche nach irgendetwas, das die große Leere in ihrem Inneren ausfüllen könnte. Doch für sie ist kein glückliches Ende möglich. Die Geschichte von Judith, die schutzlos in das Heerlager von Holofernes marschiert, diesen irgendwie um den Finger wickelt und am Ende mit seinem abgeschlagenen Kopf in ihre belagerte Heimatstadt zurückkehrt, hat über viele Jahrhunderte Künstler zur Bebilderung angeregt, vielleicht gerade weil der Bibeltext manches offenlässt, das die Fantasie ausfüllen kann. Auch Friedrich Hebbel malt in seinem ersten, 1840 uraufgeführtem Drama ein buntes Historiengemälde mit einem blutrünstigen Holofernes und einer mutigen Judith und etlichen weiteren Figuren.

Im Wüstenzelt

In Ulm reduziert Andreas von Studnitz den Text und das Personal stark. Wilhelm Schlotterer als Holofernes ist kein brutal Tobender, sondern ein müder Handwerker des Kriegs. Mit weichem Singsang droht er seinem Untergebenen Achior. Wir befinden uns in einem Zelt aus leichten weißen Tüchern, das Britta Lammers als klaustrophobes Einheitsbühnenbild so gebaut hat, dass es auch die Zuschauerreihen überspannt. Von außen dringt blaues Dämmerlicht herein und taucht alles in eine traumhafte Atmosphäre. Darin sitzt Holofernes, Gewalt ist sein tägliches Geschäft, aber sie langweilt ihn, weil ihm keiner mehr entgegentritt, der ihn herausfordert. Das Messer, mit dem ihm später der Kopf abgetrennt wird, steckt schon im Boden vor einer Truhe. Sein König Nebukadnezar hat sich eben zum einzigen Gott ausrufen lassen, für ihn soll er die Stadt Bethulien erobern, doch auch Götter sind fade für ihn, fühlt er sich doch selbst wie einer, weil er alles kaputt macht, was sich ihm in den Weg stellt.

Judith1 560 Jochen Klenk uIm Zelt: Susanne Weckerle (Mirza), Florian Stern (Ephraim) , Aglaja Stadelmann (Judith) 
© Jochen Klenk

Der große Ruf Gottes?

Dort in Bethulien sitzt Judith. Aglaja Stadelmann kauert auf dem Boden und hadert mit ihrem Schicksal und den Pragmatikern, die sie umgeben. Da ist Mirza, die will, dass sie endlich wieder isst oder Ephraim vorlässt; der würde Judith heiraten, aber was nützte dies, wenn die Stadt eh in Kürze dem Feind in die Hände fällt. Schon bei Hebbel ist Gott die große Leerstelle, er offenbart sich in dem Sinn nicht. Die Menschen müssen die Zeichen deuten. Und diese Judith ist so verzweifelt über die Bedeutungslosigkeit ihres Daseins, dass sie bereit ist, den kleinsten Wink als den großen Ruf Gottes wahrzunehmen. Sie war verheiratet, doch ihr Mann konnte sie aus irgendeinem Grund nicht anrühren. Just als er ihr den Grund verraten wollte, ist er verstorben. Ephraim kommt und will sie – Florian Stern ist der einzige, der bis dahin aufrecht stehen kann – doch er scharrt nur mit den Füßen, als sie ihn auffordert, Holofernes zu töten. Also muss sie selbst ran, muss rüber ins Zelt des Feindes.

Über weite Teile verhandeln die Schauspieler nüchtern und frontal zum Publikum ihre Angelegenheiten. Gefühlsausbrüche sind nicht vorgesehen. Erst als Holofernes Judith mit schäumendem Sekt besudelt, kommt Leben in die Bude beziehungsweise ins Zelt. Ist es das, wonach sie sich gesehnt haben? Holofernes blickt Judith später noch mal in die weit aufgerissenen Augen, bevor sie zusticht. Das muss man zwar nicht mit ansehen, aber Judith tritt dann noch mal auf mit einem Kopfimitat Wilhelm Schlotterers, um Mirza zu bitten, sie zu töten, falls sie eben schwanger geworden sei. Doch die feiert den Sieg, den Judith für ihr Volk eingefahren hat.

Judith4 560 Jochen Klenk uJudith (Aglaia Stadelmann) mit dem berühmten Kopf des Holofernes © Jochen Klenk

Dieser Bruch ins Überdeutliche macht klar, dass man den Schluss von Hebbel nicht auf die Weise plausibel erzählen kann, wie es Andreas von Studnitz bis dahin mit dem Rest getan hat. Das Stück Judith kann man auch als die Geschichte eines Gotteskriegerin lesen: eine, die sich von Gott beseelt fühlt, eine große Tat vollbringt und dabei ihre Unschuld opfert. Nichts davon hier: Weder Judith noch Holofernes besitzen den Glauben an etwas Höheres, trotzdem gieren sie buchstäblich danach, dass es da noch was gibt, was sie emporziehen kann aus ihrer tristen Existenz. Andreas von Studnitz findet dieses zeitlose Thema in Hebbels Text und vertraut ihm auch, ihm und seinen Schauspielern. Und so gelingt es ihnen, den Staub, der sich auf der Geschichte durchaus angesammelt hat, weitgehend wegzublasen.

 

Judith
von Friedrich Hebbel
Regie: Andreas von Studnitz, Raum und Kostüme: Britta Lammers, Licht: Gerolf Haaga und Marcus Denk, Dramaturgie: Nilufar K. Münzing
Mit: Aglaja Stadelmann, Wilhelm Schlotterer, Susanne Weckerle, Florian Stern, Gunther Nickles Dauer: 2 Stunden, eine Pause

theater.ulm.de

 

Kritikenrundschau

Lena Grundhuber von der Südwest Presse (21.3.2016) lobt die zwei "starken Schauspieler" Wilhelm Schlotterer und Aglaja Stadelmann, die den Abend jedoch nicht retten können. Dieser gerate nämlich über weite Strecken zu einer "ziemlich statische(n) Angelegenheit". Einige schöne Ideen würden nicht reichen, um dem Publikum in diesen schwergängigen Stoff hineinzuhelfen. "Was konzentriert sein soll, gerät besonders im ersten Teil anstrengend zäh."

Leise, subtil-vielschichtig und textbetont sei die Inszenierung, lobt Dagmar Hub in der Augsburger Allgemeinen (21.3.2016), die "in der Nähe der emotionalen Reduzierung des epischen Theaters" liege. Dass die Tragödie über zwei Stunden hinweg alle Aufmerksamkeit des Zuschauers zu bannen imstande sei, liege auch "an der sauberen Sprache der jung und engelsgleich wirkenden Aglaja Stadelmann in der Titelrolle – und am klugen Bühnenbild von Britta Lammers".

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Tragödie einer Halsabschneiderin - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Tragoedie-einer-Halsabschneiderin-id37295312.html
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