Voltaire und Vietnam

von Alexander Jürgs

Darmstadt, 18. März 2016. Es ist eine Retro-Zukunft. Es ist eine Zukunft, wie sie in der Vergangenheit gesponnen wurde, eine Science-Fiction-Welt, deren Vorbild eher John Carpenters Low-Budget-Film "Dark Star" aus den 1970er-Jahren sein dürfte als der ganze heutige 3-D-Special-Effects-Schnickschnack. Eisberglandschaften stehen da auf der Bühne, um von Projektionen beleuchtet zu werden.

Daneben ein weißer, antiker Holztisch mit einer Spielzeugwelt darauf, die später mit der Handkamera abgefilmt wird, ein Laptop, ein Klavier, der Raum ist dunkel. Auftritt der Krieger in Rollstühlen: Jana Zöll, in einem tarnfarbenen Kampfanzug, der misstrauisch blickende, anscheinend den Raum absuchende Samuel Koch. Das Rohtheater-Kollektiv, verantwortlich für die Inszenierung, tritt in Batikklamotten und schwarzen T-Shirts auf, kümmert sich auf der Bühne um Videos und Musik. Letztere ist zunächst elektronisch, man hört ein bedrohliches Dröhnen, dann scheppernde Beats. Willkommen in Dystopia.

Diebesteallermoglichen3 560 Alexander Paul Englert uLost in space: Samuel Koch, Jana Zöll © Alexander Paul Englert

Das Stück basiert auf dem Science-Fiction-Roman eines Vietnam-Veteranen

Es ist das erste Mal, dass Bülent Kullukcu, Anton Kaun und Dominik Obalski, die das freie Münchner Künstlerkollektiv Rohtheater seit 2011 betreiben, am Darmstädter Haus inszenieren. "Die beste aller möglichen Welten" heißt ihr etwas mehr als eine Stunde dauernder Abend, vom klassischen Stadttheater ist er weit entfernt. Das hat sich wohl schon im Vorfeld herumgesprochen, zumindest deuten die vielen frei gebliebenen Plätze bei der Premiere darauf hin.

Zwei literarische Vorlagen bilden die Grundlage für das Stück, das hier uraufgeführt wird: Voltaires satirische Novelle "Candide oder: die beste aller Welten" und der Science-Fiction-Roman "Der ewige Krieg" des amerikanischen Autors Joe Haldeman. Haldeman hatte im Vietnamkrieg gedient, seine Erlebnisse dort hat er in dem Werk verarbeitet. Auf dem Planet Charon werden die Weltraumsoldaten ausgebildet, die in den Krieg gegen außerirdische Feinde, die Taurier, ziehen sollen. Mehr als tausend Jahre wird dieser Krieg am Ende dauern. Mit Überlichtgeschwindigkeit werden die Kämpfer an fremde Kriegsschauplätze katapultiert – was zur Folge hat, dass sie weitaus langsamer altern als ihre Artgenossen auf der Erde. Die, die gegen die Aliens ins Feld ziehen, werden so selber zu Fremden.

Diebesteallermoglichen1 560 Paul Alexander Englert uFährt eine Runde mit der Kriegsmaschinerie: Samuel Koch © Paul Alexander Englert

Ein Mantra der Kriege

Mit monotoner Stimme aus dem Off wird die Handlung erzählt. Es sind natürlich ganz und gar sinnlose Gemetzel, von denen man dabei erfährt. Das hat auch etwas Schräges, ein ironischer Unterton ist überdeutlich. "Vielleicht kommt es zu langen und blutigen Kämpfen, vielleicht genügt es auch, wenn sie einfach nur landen und den Stützpunkt besetzen", gibt die Stimme den Kriegern auf den Weg – teilnahmslos und lakonisch. Samuel Koch wird in eines dieser Gebilde aus sich drehenden Kreisen gespannt, die sonst von Zirkusakrobaten genutzt werden. Eine Frau gibt ihm Schwung, er scheint zu schweben, schlägt über. Dabei sagt er eine Chronologie der Kriege auf. Athen besiegt Sparta. Sparta besiegt Theben. Sparta besiegt Athen. Und so weiter, einige Minuten lang. Später wird Jana Zöll diesen Faden aufnehmen und Kriege in Frankreich, England und Deutschland aufzählen. Die Projektionen verändern sich im Lauf des Stücks. Erst sieht man flirrende Punkte, dann bunte Collagen, die aus dem Beatles-Film "Yellow Submarine" stammen könnten, dann Comicbilder von Astronauten.

Das auf dem Videobild könnte der Dschungel von Calais sein

Und dann erscheinen auch grobkörnige Videos, die wohl erst wenige Tage oder Monate alt sind. Zelte auf einem unwirtlichen Boden sieht man da, ein Menschengewirr, in Uniform gekleidete Personen, die mit Schlagstöcken vordringen. Es könnte der sogenannte Dschungel von Calais sein, das Camp der Gestrandeten. Und dann die Bilder einer zerstörten Stadt, aus der Vogelperspektive, von der Straße aus. Die Häuser sind Ruinen, nur noch Gerippe. Aufnahmen aus Syrien? Womöglich. Der ewige Krieg ist an vielen Orten der Welt Realität, das erzählen uns diese Videobilder. Der Grundton bleibt durch und durch melancholisch, pessimistisch, die Dunkelheit ist nicht zu vertreiben. "Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, so stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt", heißt es an einer Stelle in dem Stück. Auch das ist ein Zitat. Es stammt aus "1984" von George Orwell, der wohl düstersten Zukunftsvision überhaupt.  

 

Die beste aller möglichen Welten
von Rohtheater
Regie, Video, Musik, Bühne: Kollektiv Rohtheater, Kostüme: Marie Bendl, Dramaturgie: Julia Naunin.
Mit: Jana Zöll, Samuel Koch, Bülent Kullukcu, Anton Kaun, Dominik Obalski.
Dauer: eine Stunde, keine Pause

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Michalzik von der Frankfurter Rundschau (aufgerufen: 20.3.2016) sah einen "Abend von leiser Art", alles sei mit Liebe gemacht, handwerklich hochversiert, doch "erkenntnisschwach". "Kriegskonstellationen über die Jahrhunderte bis zurück in die Antike werden gleichsam durchdekliniert", woraus sich allerdings  gerade mal eine milde groteske Wirkung ergebe, die "banalerweise die Sinnlosigkeit all dessen geißelt". Das Staatstheater entferne sich mit derlei meilenweit von seinem textorientierten Repertoirekern und wildere im Revier der Festivals und Produktionshäuser. "Spricht nichts dagegen, sofern es bloß aufgeht."

 
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